Was sagt mir 'Gott'?


Auswertung

Das große Vielleicht

Ergebnisse der Schüler-Aktion "Was sagt mir 'Gott'?"

Von Johannes Röser
Eine Lehrerin schrieb der Redaktion: „Vielen Dank für diese tolle Aktion!" Eine andere: „Diese Arbeiten sind der Anfang einer Unterrichtsreihe zur Gottesfrage. Eine Schülerin hat sich daraufhin vom Religionsunterricht abgemeldet. Eine andere dagegen äußerte: ,Endlich machen wir Gott zum Thema des RU.'"

Die Initiative „Was sagt mir Gott?", die zu Beginn des Schuljahres 2004/2005 von „CHRIST IN DER GEGENWART" gestartet wurde, hat ein reges, ja begeistertes Echo gefunden. Fast 200 Schulklassen hatten bis Weihnachten ihre Antworten eingesandt. Über 2500 Schülerinnen und Schüler haben sich beteiligt. Auf unserer Homepage www.christ-in-der-gegenwart.de sind alle Stellungnahmen nachzulesen.

Allerdings können wir davon ausgehen, daß die Resonanz noch weit größer war. Die Unterrichtsentwürfe, die wir im Internet zur Verfügung gestellt haben, sind mehrere tausend Mal heruntergeladen worden. Religionslehrer berichteten uns, daß sie mit ihren Kursen zwar das Thema bearbeiteten, daß die Jugendlichen allerdings die Frage zu intim fanden, als daß sie sich dazu vor der Klasse oder gar öffentlich hätten äußern wollen. Gott - das größte, einzige Tabu unserer Zeit? Die bewegenden, ergreifenden, nicht selten erschütternden Statements sagen jedoch noch etwas anderes: Gott - eine große Sehnsucht, eine große Hoffnung und eine große Frage nachdenklicher junger Leute von heute.

Mehr als 2500

Natürlich machen wir uns keine Illusionen: So beeindruckend die Texte auch sind - es handelt sich um eine kleine Minderheit, die sich derart intensiv mit Gott, der eigenen Beziehung zu Gott oder mit dem Nicht-glauben-Können beschäftigt. Etliche Lehrerinnen und Lehrer sagten uns, daß sie mit dem Thema bei ihrer Klasse „abblitzten". Oder daß das Vertrauensverhältnis zu den Schülern nur selten so gut ist, daß man jene Frage im Unterricht wagen könne.
Auffällig: In Ostdeutschland hat nicht einmal eine Handvoll Klassen teilgenommen. In Westdeutschland kamen die Rückmeldungen aus Gymnasien überwiegend mittlerer und kleinerer Städte. Großstädte (wie auch Bischofsstädte) sind, gemessen an ihren Bildungseinrichtungen, weit unterdurchschnittlich vertreten. Wie die Namen zeigen, haben mehrere beteiligte Schulen eine kirchliche Trägerschaft. Auch in Südafrika machten Schüler - mit sehr interessanten, von den deutschen Stellungnahmen erheblich abweichenden Äußerungen - mit, im Rahmen eines Austauschprojekts einer Schule in Bruchsal.
„Person", erfahrbar, ein „Du" - kein „Es".

Nicht ganz unerwartet: Zahlreiche Beiträger verzichteten auf den Autorennamen. Sie wollen lieber anonym bleiben. Insgesamt haben sich mehr Mädchen als Jungen geäußert, erstere stärker gefühlsbetont, letztere mehr räsonierend, allgemein erörternd. Das mag ein Stück weit mit der unterschiedlichen Biologie der Geschlechter zusammenhängen, die wohl doch nicht nur anerzogen, sondern angeboren ist. Es entspricht dem übrigen Erscheinungsbild der christlichen Religion hierzulande: Ist Gottes„beziehung" eher Frauensache?

Nicht wenige Schülerinnen und Schüler verfaßten Gedichte, malten Bilder, gestalteten Plakate und stellten sie in der Schule aus. Andere erarbeiteten Powerpoint-Präsentationen, elektronisch animierte Graphiken beziehungsweise Karten. Eine Schulklasse - aus dem Studienkolleg Obermarchtal - behandelte die Gottesfrage integriert in den Kunstunterricht, woraus ein dickes, schönes, buntes Buch entstand.

Ein Ergebnis stimmt besonders hoffnungsvoll: Mit „Gott" haben diese engagierten Jugendlichen nicht abgeschlossen. Die Gottesfrage beschäftigt sie - wenn sie sie beschäftigt - im Innersten. Der überraschendste Befund: Gott ist für die allermeisten jungen Leute, die an ihn glauben, wesentlich „Person". Er trägt jedenfalls entschieden personale Züge, wie immer die Bilder und Vorstellungen im einzelnen ausfallen mögen. In soziologischen Studien heißt es meistens, die jüngere Generation betrachte Gott vorwiegend nur noch als ein fernes „höchstes Wesen". Das wird bei uns nicht bestätigt. Im Gegenteil: Der „deistische" Schöpfergott, der in Urzeiten als Urkraft die Welt erschaffen, sich dann aber zurückgezogen und alles dem Schicksal oder den Naturgesetzen überlassen habe, spielt im Bewußtsein derer, die geantwortet haben, eine eher untergeordnete Rolle. Für die Mehrheit der gläubigen jungen Leute ist Gott „erfahrbar" nah. Kein abstraktes „Es", sondern ein „Er", genauer: ein wirkliches „Du". Dieses „Du" redet zwar nicht wie ein menschliches Gegenüber, aber es hat als ein innerliches „Du" durchaus Stimme und Bedeutung. Das feministische Problem, daß dieser Gott zu sehr „männlich", patriarchalisch gedacht werde, interessiert so gut wie keine und keinen. Auch die Mädchen und jungen Frauen benutzen ganz selbstverständlich das Bild von Gott als „Vater". Vielleicht weil sie ihren eigenen Vater als liebevoll erfahren haben - oder weil sie sich in einer vaterlosen Gesellschaft, in der die Mutter ja allgegenwärtig ist, nach einem guten Vater sehnen?

Häufig ist von „Kraft" die Rede: Diese Kraft meint aber nicht unbedingt Gott selber, sondern meistens das, was von ihm ausgeht, was von ihm in die eigene Person eindringt, was einen selbst bewegt, motiviert, auf die Spur des Lebens bringt. Gott wird in der Sicht der Jugendlichen als eine wahre und wirkliche, als „echte" Beziehungsgestalt verstanden. Viele sprechen vom guten Gefühl mit Gott. Er sei ein Partner, Freund, Beschützer, Helfer, Ratgeber, voller Liebe und Geborgenheit. Er bringt Glück. Immer wieder taucht das Motiv auf, daß Gott derjenige ist, dem man unbedingt vertrauen kann. Nicht selten wird er mit dem Schutzengel in Verbindung gebracht, sogar als Schutzengel-Gott identifiziert, weil er über einen „wacht", auf einen „aufpaßt".

Der „Aufpasser"-Gott hat überhaupt nichts mehr vom früheren „Überwacher"-Gott an sich, unter dem die Vorfahren litten. Er ist nicht der kleinliche Über-Vater, der jeden Fehler und jede Untat beobachtet und peinlichst genau in einem Buch aufzeichnet, um uns später zu bestrafen. Daß Gott rächt und richtet - diese Vorstellung ist, bis auf wenige Ausnahmen, verschwunden. Er verzeiht. Und wenn er doch einmal strafen sollte, dann nicht für die Ewigkeit, sondern fürs hiesige Leben, damit wir das Falsche erkennen und uns verbessern. Der Gott, der auf mich aufpaßt, trägt positive, sympathische Züge. Er bringt einen auf den Weg des Glücks. Er wehrt schlechte Einflüsse und Feinde ab. Offenbar hat eine auf sich selbst gestellte Single-Jugend, die unter der emotionalen wie beruflichen Abwesenheit beider Elternteile wohl doch häufiger leidet, als uns lieb ist, das starke Bedürfnis, irgendwo - und sei es in Gott - jemanden zu haben, der sich jederzeit um einen kümmert, der stets ansprechbar ist, der einem das Gefühl gibt, geborgen, beheimatet, angenommen zu sein. Der neue „Bewacher"-Gott hat jeden Schrecken verloren. Er garantiert Zuwendung, Verständnis, Achtsamkeit. Auf ihn ist Verlaß. Er schenkt Nähe, wenn man einsam, verloren, beziehungslos bleibt. Er sorgt dafür, daß man sich wohlfühlen kann. Er ist der Gott der kleinen Dinge mehr als der der großen. Der Gott der gläubigen jungen Leute ist kein anonymes „Weltprinzip".

Ich glaube, ich glaube nicht, ich glaube, ich...

Den religiösen Umfragen im Stil des „Was glauben die Deutschen...?" mit ihren Schlagwortfragen und Schlagwort-Antwortvorgaben widersprechen die vorliegenden, tieferschürfenden Aussagen massiv. Offenkundig müssen die soziologischen Klischees korrigiert werden. Es wäre - das zeigen bereits unsere nicht-repräsentativen Ergebnisse eindrucksvoll - eine reizvolle Aufgabe für die Religionssoziologie, den Gottes-Vorstellungen mit qualitativen Interviews genauer auf den Grund zu gehen, mit verfeinerten Methoden. Die in der Presse beliebten Studien zur religiösen Lage erweisen sich im Blick auf die spirituellen Tiefenschichten des vorliegenden Materials als äußerst dürftig, oberflächlich, banal, mangelhaft. Die Welt des Gottesglaubens ist gerade unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen weit differenzierter, komplexer und schwieriger.

Dazu gehört die heftige Spannung und Widersprüchlichkeit in der Seele jedes Einzelnen. Wie ist das zu deuten, wenn die Texte zum Beispiel recht „atheistisch" beginnen, um am Ende überraschend in ein Glaubensbekenntnis zu münden? Und manche, die nicht an Gott glauben, erklären, daß ihnen Gott durchaus nicht als völlig abwegig erscheint. Ja, daß sie sogar ganz gern glauben würden, wenn sie nur glauben könnten. Zwischen Glauben und Nicht-Glauben liegt häufig nur ein schmaler Grat.

Aufschlußreich sind viele „Wackel"-Bekenntnisse ein und derselben Person: „Manchmal glaube ich, manchmal nicht." Offenbar kann der Gottesglaube extrem stimmungsabhängig sein, bedingt durch die aktuelle Situation. Ich glaube, ich glaube nicht, ich glaube, ich glaube nicht... Das mag kurios, seltsam erscheinen. Der Mensch muß doch wissen, so denken wir, was er ein für allemal glaubt. So sicher aber ist das unter jungen Leuten nicht! Das häufige Schwanken von einem Augenblick auf den anderen gehört selbstverständlich zur religiösen Identität und Realität vieler Heranwachsender.

Spricht der Urknall gegen oder für Gott?

Wie kann Gott Leiden, Unglück, Tod zulassen? Warum greift er nicht in den Lauf der Dinge ein? Diese Frage erschüttert ebenfalls die junge Generation. Aber das sogenannte Theodizee-Problem beherrscht deren Gottesfrage nicht über alles. Natürlich: Etliche betonen, einen Gott, der solches Elend auf Erden zuläßt, könne es nicht geben. Einer erklärt: „Ich glaube an den Tod. Der Tod bleibt ein biologisches Ableben des menschlichen Körpers. Ich denke, es ist sinnlos, den Tod breiter zu treten, als er ist." Andere, die erlebt haben, wie Verwandte oder Freundinnen und Freunde gestorben sind oder die bereits selber an der Schwelle des Todes standen, sehen im Tod geradezu paradox den größten Beweis für Gott: weil dieses bißchen Leben nicht alles gewesen sein kann. Auch das Leiden wird nicht zwingend als Beleg gegen Gott betrachtet. Nicht wenige sehen darin eine Herausforderung, selber das Gute aktiv in die Hand zu nehmen.

Häufig wird der „Urknall" als Fels des Atheismus genannt - und die Evolution des Lebens als Stachel. Die naturwissenschaftlichen Welterklärungen insbesondere von Physik und Biologie wecken die stärksten Zweifel. Doch geben sie genauso immer wieder Anlaß zum Staunen. Daß überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts - dies betrachten einige als stärksten Gottesbeweis. Viel beunruhigender als die Tatsache eines Urknalls ist, was vor dem Anfang war. Einer meint: „Woher kam die Energie, die den Urknall auslöste, durch die die Masse des Universums entstanden ist? Das menschliche Gehirn ist in der Lage, sich eine weiterführende Unendlichkeit beschränkt vorzustellen. Doch die Unendlichkeit in die Vergangenheit reichend, ohne einen Anfang, ist nicht vorstellbar."

Ähnliche Spannung kommt auf bei der Frage, warum sich Milliarden Menschen mitsamt ihren vielen Religionen so verschiedene Bilder von Gott, vom Heiligsten und Ewigen machen. Meinen wir dabei wirklich das Gleiche? Die einen sehen in der religiösen Vielfalt den Beleg dafür, daß es Gott nicht gibt, nicht geben kann: daß er pure Erfindung und Einbildung ist. Andere dagegen sehen gerade in der Fähigkeit des Gehirns, Gott, Ewigkeit und Unsterblichkeit zu denken, einen Grund dafür, daß es das Größere gibt. Sogar das Traditionsargument wird ins Feld geführt: „Ich kann mir nicht erklären, daß riesige Völker, die tausende Jahre vor uns gelebt haben, schon an Gott (Götter) geglaubt haben. Kulturen, die nichts voneinander wußten, beten Götter an, die denen der anderen gleichen. Es muß doch irgendetwas daran sein, wenn Millionen von Menschen an Gott glauben."

Es führt kein Weg daran vorbei: Kirchenreform

Unter nahezu allen Schülerinnen und Schülern, ob sie an Gott glauben oder nicht, herrscht freilich ein Eindruck vor: „Den" Gott gibt es nicht. In jedem Gehirn hat jeder Mensch einen anderen Gott, eine andere Gottesvorstellung. Das wird jedoch nicht als zwingend negativ bewertet. Schlimm ist für die gläubigen Jugendlichen auch nicht, daß der Mensch sich seine Vorstellung von Gott selber ausdenkt. Zwar sehen die Nichtgläubigen durch die „Projektion" Gott widerlegt. Doch andere haben kein Problem damit. Im Zeitalter des Individualismus hat man sich schon derart an die Pluralität der Lebensstile, Ansichten und Denkmöglichkeiten gewöhnt, daß selbst die Gottesfrage viele Möglichkeiten offenlassen darf. Was für die einen ein Widerspruch gegen Gott ist, ist für die anderen dessen Bestätigung. Gott muß keineswegs in eine einheitliche, verbindliche Vorstellung gezwungen werden. Entsprechend schwach ist unter den jungen Leuten ein „gemeinsamer" Glaubenssinn ausgeprägt. Dieser ist ihnen nicht wichtig. Die gemeinschaftliche Praxis und Glaubenslehre, das miteinander geteilte kirchliche Leben, das kollektiv gesprochene Credo - das alles spielt für die meisten jungen Leute keine Rolle. Gott - das ist die je individuelle Erfahrung und Beziehung zu ihm, das persönliche Vermuten, Ahnen, Fühlen, Hoffen, Empfinden, das Gottesbewußtsein. Das Bedürfnis, sich mit anderen über die Gottesansichten oder Gottes-Nicht-Ansichten zu verständigen, scheint nicht sehr ausgeprägt zu sein, weder bei den Glaubenden noch bei den Nichtglaubenden. Über Gott redet man nicht gern. Das wird als lästig, aufdringlich empfunden. Gott ist Privatsache. Mein Gott und ich - das reicht.

Auch wenn man betet - und dies geschieht unter jungen Leuten gar nicht so selten -, betet man für sich allein. Der Gottesdienst, die Liturgie, die pfarreiliche, gemeindliche Gemeinschaft ist unwichtig geworden. Hin und wieder geht man schon zur Kirche, vor allem an Festtagen. Aber eigentlich ohne Lust und Liebe. Ausnahmen bestätigen die Regel. Es sind nur ganz wenige, die sich religiös vom regelmäßigen sonntäglichen Gottesdienst, von Eucharistie, Abendmahl und Gemeinschaft inspirieren lassen. Einzelne deuten an, daß sie in der Jugendarbeit tätig sind. Und unter diesen finden sich überwiegend Ministrantinnen und Ministranten. Diese freilich bekennen dann überdurchschnittlich offen, daß ihnen ihr Dienst Spaß macht und daß ihnen der
Gottesdienst für den Gottesglauben etwas „bringt". Grundsätzlich abgelehnt wird die Gemeinschaft nicht, wie viele positive Erinnerungen an besondere Erlebnisse zeigen, etwa Besuche in Taizé, beim Weltjugendtag. Gerade das Seltene scheint wertvoll zu sein: Eine Schülerin: „Wenn ich in die Kirche gehe, was allerdings nicht sehr oft vorkommt, dann fühle ich mich immer so geborgen. Alle in der Kirche sind eine Gemeinschaft, die an Gott glaubt, doch jeder hat eine andere Vorstellung von ihm, und das macht ihn für jeden Menschen so einzigartig."

Insgesamt ist das Ergebnis fürs kirchliche Leben niederschmetternd. Faktisch - so zeigt sich - sind Kirche, Gottesdienst, Sakramente für die Entwicklung des Gottesglaubens junger Leute so gut wie bedeutungslos geworden. Die kirchliche Präsenz geht gegen Null! Wenn Gott - dann ohne Kirche. Dieses Ergebnis müßte die christliche Gemeinschaft eigentlich in höchstem Maße aufschrecken und aufrütteln. Der Befund unserer Umfrage entspricht freilich ganz genau dem übrigen Trauerspiel und der Müdigkeit in den Pfarreien, wo es zudem für die Jugendarbeit praktisch keine jungen Kapläne mehr gibt, die das Lebensgefühl der jungen Leute teilen und bejahen und notfalls dafür Konflikte mit dem Pfarrer wie der übrigen Gemeinde riskieren. Hier zeigt sich außerdem: Der zum großen Teil wegen Reformunfähigkeit und Reformunwilligkeit selbstverschuldete Priestermangel, das Treibenlassen ohne Mut gerade auch im obersten Lehramt, unter den Bischöfen, ist nicht nur ein äußerliches strukturelles Problem. Es geht rasch an die Substanz der Glaubensentwicklung oder eben Nicht-Entwicklung junger Leute.

Neugier ist das größte „Kapital"

Interessant ist, daß etliche Schüler darauf hinweisen, ihre religiöse Nachdenklichkeit ihren Großeltern zu verdanken, die früher öfters mit ihnen gebetet haben. Die Eltern werden zwar hin und wieder genannt, jedoch deutlich seltener. Oma und Opa sind für die ins Erwachsenenleben tretende Generationen die eigentlichen Bezugspersonen (gewesen), die ihnen den Gotteshorizont öffneten. Oma und Opa waren oft die ersten und einzigen „Priester", ja die „Kapläne" der jungen Leute.

Hin- und hergerissen fühlen sich die Jugendlichen angesichts der Frage, wie Gott „wirkt". Einerseits stellen sie fest, daß Gott ja nicht in den Lauf der Dinge eingreift. Andererseits wird manchmal im gleichen Atemzug darauf hingewiesen, daß man doch verschiedentlich den Eindruck hatte, daß da und dort eine andere Kraft mit dabei war, die nicht von Menschen kommt.

Auf jeden Fall ist „Gott" gut für die Moral. Darin stimmen die meisten überein, auch die Nichtglaubenden. Freilich sagen etliche auch, daß der Gottesglaube oft genug die Moral verdorben habe, daß die Kirche in der Geschichte selber schlimmste Verbrechen beging.
Niemand von den jungen Leuten hat „Angst" vor Gott. Ganz im Gegenteil: Er macht - wenn überhaupt dann - neugierig. Diese Neugier, die sich in der großen Mehrheit der Antworten ausdrückt, ist das größte „Kapital" für eine religiöse Erneuerung. Aufschlußreich auch da, daß selbst Nichtglaubenden die Neugier keineswegs völlig verlorengeht. Auch sie bewegt hin und wieder das große „Vielleicht". Vielleicht gibt es Gott doch? Vielleicht gibt es ihn - dieses größte Wunder unter all dem Wunderbaren - wirklich?

Jedenfalls ergreift das Rätsel Leben und das Geheimnis Gott weiter eine aufmerksame, gebildete Minderheit junger Leute. Alle haben ihre bohrenden Zweifel. Nicht selten ziehen sie daraus den Schluß, daß es zumindest vorerst, momentan Gott - für sie - nicht geben kann. Mit der Neugier kann man trotzdem weiter rechnen. Darauf sollte ein modernes Christsein bauen. Dafür kann der Kirche das Beste und Aufwendigste nicht gut und aufwendig genug sein. Das ist eine klare Lehre aus unserer Aktion „Was sagt mir ,Gott?" Wer lesen will, der lese!
Daher hat sich die Redaktion entschlossen, über die Dokumentation auf der Homepage hinaus die neu eingerichtete Rubrik „Wege und Welten" (bisher „Gemeinde am Sonntag") in der Druckausgabe für eine Auswahl der hochinteressanten Antworten zu öffnen. Dort sollen außerdem die Leserinnen und Leser des CiG die Möglichkeit erhalten, selber auf die Frage „Was sagt mir ,Gott'?" zu antworten. Wir laden Sie herzlich ein, uns Ihre Erfahrungen und Gedanken aufzuschreiben und einzuschicken. Etliche Zuschriften haben uns bereits erreicht, mit deren Publikation wir heute beginnen.

Das große „Vielleicht" treibt weit mehr Menschen um, als wir ahnen. Wie eine Schülerin aus Brüggen schrieb: „In der Pubertät schließlich stellte ich fest, daß ich Gott in mir nicht wahrnehme, und ich entschloß mich für den Atheismus... Erst in den letzten Jahren meines Lebens veränderte sich meine Einstellung zu Gott. Da ist zum einen die Bewunderung für das Wunderwerk Mensch, von dem ich nicht glauben kann, daß es mit seinem komplexen Intellekt, seinen Fähigkeiten und dem breiten, unzähmbaren Spektrum an Emotionen aus einem simplen Einzeller vor Millionen von Jahren hervorgegangen sein soll. Zum anderen ist da die Erkenntnis darüber, daß gläubige Menschen in ihrem Leben oft so viel gefestigter, stärker und glücklicher sind. Vor allen Dingen aber spricht mich der gelebte Gott in den Menschen an. Seine Lehren, jene Dogmen, Leitsätze und Werte, die seine Anhänger stellvertretend für ihn aufgestellt haben und als seine ,Religion' verwirklichen. Sie propagieren und praktizieren für mich ein Leben, in dem Liebe als höchstes Gut gilt, in dem man in sich selbst immer nach dem Guten suchen und anderen etwas davon geben soll, sei es materielle oder geistige Hilfe für jene, die ihrer bedürfen, oder als Gefühl, das man jemanden durch Kleinigkeiten zuteil werden lassen kann. Es ist für mich eine Lehre von Respekt gegenüber anderen und sich selbst... Ich denke, vor allem in einer Zeit wie unsrer, die geprägt ist von Gewalt, Vereinsamung, Gleichgültigkeit, Überfluß, Perversion und Autodestruktion, können diese Werte ein guter Gegensatz für ein bißchen mehr Besinnung und Menschlichkeit sein. Dennoch muß ich immer noch sagen, daß ich Gott in meinem Leben nicht wirklich wahrnehme. Jedoch finde ich, daß ein Gott, dessen Anhänger so viel Gutes machen und all jene Werte propagieren, die mir erstrebenswert und tugendhaft erscheinen, kein schlechter Gott sein kann, ob er nun als tatsächliche höhere Instanz oder einfach als Lebensphilosophie verstanden wird. Daher wäre ich nicht abgeneigt, wenn ich ihm doch noch irgendwann in meinem Leben begegnen sollte."

Impressum