Was sagt mir 'Gott'?
Der Text an der Wand
Die Antwort hat viele Aspekte. Mancher Gesichtspunkt wurde in früher Kindheit erworben, erwies sich aber als beständig, etwa die von der Mutter eingepflanzte Regel: „Gott hilft immer, man muß es aber ihm überlassen, wie er es tut." Geprägt wurde mein Gottesbild auch von der Maxime des Vaters: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott." Ich habe wohl meistens in Gott den Helfer zur Selbsthilfe gesehen.
Im Beruf rückten für mich andere, weniger persönliche Aspekte in den Vordergrund. Da ist zum Beispiel die rastlose Schöpfertätigkeit Gottes, die sich mir als Betrachter eines Universums, das durch und durch evolutiv und damit auch ständig innovativ ist, geradezu aufdrängte. Ich ahne, was einem Vollblutphysiker wie Paul Davies vorschwebte, als er den für Theologen so anstößigen Satz prägte:„Meiner Auffassung nach bietet die Naturwissenschaft einen sichereren Weg zu Gott als die Religion". Manchmal erscheint er mir wie eine moderne Variation der paulinischen Aussage: „Denn was man von Gott erkennen kann, ist ihnen offenbar; Gott hat es ihnen offenbart. Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit" (Röm 1,19 f).
Der Gedanke an Gott als Urheber und Sinnstifter dieses atemberaubenden Universums beschneidet natürlich allzu anthropomorph gestrickte Vorstellungsmuster, muß aber der Beziehung nicht jede persönliche Note nehmen. Ein großer Fachkollege, Ernst Öpik (1893-1985), hat mir 1975 folgendes geschickt: „Unsere Bewunderung und Huldigung gelte dem überragenden Geist, der mit unfehlbarer Voraussicht Eigenschaften in die Materie eingepflanzt hat, die den Lauf der Dinge in der lebenden und unbelebten Natur in der Unbegrenztheit von Raum und Zeit festlegen." Der verblichene Text an der Wand gibt mir jeden Tag eine bestimmte Antwort auf die obige Frage.
Daß von der faszinierenden Intellektualität Gottes ein schwacher Abglanz auf uns forschende Menschen fällt, deren kosmische Wirkungssphäre nicht viel mehr als ein Punkt im Universum ist, deren Geist aber unerreichbare Welten durchstreifen und beschreiben kann, ist etwas sehr Erhebendes. Solange allerdings nicht bekannt ist, wie verbreitet diese Art von Gottesebenbildlichkeit im Kosmos ist, sollten wir uns etwas zurückhalten, Krone der Schöpfung sein zu wollen.
Über Gott und sein Verhältnis zu uns kann man bekanntlich nur in Gleichnissen und Bildern reden. Mir gefällt die alte Metapher, wonach ich mich als Gedanke Gottes fühlen kann, der sich materiell verselbständigen und Bestandteil der unglaublich interessanten Schöpfung werden durfte. Irgendwann werde ich den Sternenstoff, den ich mir dafür von der Erde borgen durfte, in das große Schöpfungsreservoir zurückgeben müssen, vielleicht auf dem Wege der Pyrolyse, der Zersetzung mittels großer Wärmeeinwirkung, oder durch freundliche Vermittlung von Mikroorganismen. Ich hege die Hoffnung, daß Gott mich als seinen Gedanken nicht fallen läßt, wenn ich kein Naturbestandteil mehr bin, und mir dann vielleicht manches klar wird, was in Raum und Zeit nicht zu fassen war.

Johann Dorschner, geboren 1939, Astronom und Physiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Astrophysikalischen Institut und der Universitäts-Sternwarte Jena.
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