Was sagt mir 'Gott'?
Meine Grenzen
In einer Welt, in der alles machbar, erreichbar, organisierbar erscheint („Nichts ist unmöglich", heißt der Slogan einer Autofirma), ist Gott eine Provokation. Er entzieht sich unserem Zugriff. Er bleibt ein Rätsel. Wir können uns kein Bild von ihm machen. Gott - ein Gegenentwurf zu unserem Zeitgeist, der das „Image" wichtiger nimmt als die Substanz einer Person und seines Lebens.

Wir leben in einer Welt der Autosuggestion. Internet, Handy und Globalisierung geben uns die Illusion der Allgegenwärtigkeit. Aber es ist nicht so. Wir stoßen an Grenzen, an räumliche, zeitliche Grenzen - aber auch an Grenzen unserer Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit. Gott hilft, diese Begrenzungen anzuerkennen. Er markiert den Punkt, an dem wir uns von Machbarkeits- und Allmachtsphantasien verabschieden können und uns anvertrauen müssen. Einen Beweis für Gott gibt es nicht. Aber gibt es einen Beweis für Liebe und Freundschaft?

Gott kehrt die bestehenden Verhältnisse um. Das Christentum ist eine Botschaft der Bescheidenheit und Rebellion. „The crooked straight and the rough places plain", nimmt Händels „Messiah" Verse des Propheten Jesaia (40, 4) auf: Was krumm ist, soll gerade werden, und was gebeugt ist, richtet er auf. „Gewaltige hat er vom Thron gestürzt und Niedrige erhöht", spricht Maria (Lk 1,52). Gottes Logik ist anders. Christus am Kreuz. Nicht der Erfolg, der Status, der Schein zählen. Gott steht auf seiten der Gebeugten.

Dieser Gedanke begleitet mich auch in meiner Arbeit als politischer Journalist, rät mir zu Demut, macht mich aber zugleich selbstbewußt. Gegenüber den Amtsträgern, auf die wir hier in Berlin unsere Kameras richten. Sie haben nur geliehene kurzfristige Macht. Kein Mensch soll Herrscher über den anderen sein.Herrschaft (und auch die Berichterstattung über sie) hat dienende Funktion. Es gibt einen klaren Maßstab, und der heißt: Unsere politischen Systeme müssen die Rechte und Würde des Einzelnen schützen, so unbedeutend, unauffällig und ohn-mächtig er auch sein mag.

Es geht aber auch um ein Stück Selbst-Distanz. Eitelkeit und Selbstüberschätzung sind Gefahren nicht nur für Politiker. Wir Fernsehmenschen sind diesen Versuchungen so ausgesetzt wie diejenigen, die wir kritisch zu begleiten und zu beobachten haben. Gott verschafft Autonomie den Mächtigen gegenüber. Er erinnert aber auch daran, daß Journalisten Privilegierte sind. Nicht aus uns selbst heraus, sondern im Dienst der Gesellschaft haben wir Fragen zu stellen oder Analysen zu treffen.

Daraus leitet sich übrigens auch das Bemühen um Fairneß ab: Wir dürfen Personen nicht herabwürdigen, müssen versuchen, neue Ideen und Konzepte unparteiisch zu vermitteln, die Rollenteilung zwischen politischem Akteur und Berichterstatter respektieren. Gewiß: Vereinfachung ist das Gesetz des Mediums, auch wir sind Marktgesetzen unterworfen. Trotzdem kann Journalismus differenzieren, Antworten suchen auf die „post-ideologischen" Fragen unserer Zeit. Generationenausgleich, Gesundheitsvorsorge, allgemeine Wohlfahrt - das sind Fragen jenseits der Parteipolitik.

Es gilt also Spannungen auszuhalten. Gerechtigkeit und Solidarität, aber auch Eigeninitiative und individuelle Verantwortung sind gleichermaßen wichtig. Auch staatliche Über-Versorgung oder ein verriegelter Arbeitsmarkt können entmündigen. Es gibt keine einfachen Antworten mehr.

Übrigens helfen mir - trotz allen Ärgers über eine verbeamtete Kirche - Rituale und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Manchmal erscheint mir die Berliner Großstadtgemeinde, zu der ich gehöre, als Ausrufezeichen - einer der letzten Plätze, in der die Gesellschaft noch zusammenkommt, bunt und vielgestaltig, so wie sie eben ist. Alle gleich - im Angesicht Gottes: Deutsche und Ausländer, Alte und Junge, Arme und Reiche, Familien und Alleinstehende, Heteros und Schwule. Aber jeder und jede bei sich - vor Gott.

Gewiß suche ich nach Worten, wieso diese Kirche Heimat für mich ist, was Gott bedeutet. Da finde ich Zuflucht in Formeln, die mir selbst abgegriffen erscheinen, hilflos angesichts der Kluft zwischen Alltags- und Glaubenssprache. Manchmal beneide ich jüdische Freunde, die es gelernt haben, Gott ohne priesterliche Funktionäre im privaten Raum mit ihren Familien und Freunden zu begegnen. Aber Mit-Gott-Leben heißt auch: in meine Begrenzungen einwilligen, also Herkunft, Grenzen, Wurzeln anerkennen, als subjektive Heimat, ohne Anspruch auf die ganze Wahrheit, als Suchender.

Gott hilft mir zu begreifen: Du bist nicht alles. Es gibt etwas, was größer ist. Bei aller Verantwortung für das eigene Leben, bei aller Freude am eigenen Willen, an der eigenen Leistungsfähigkeit - es ist anders als in der Werbung: Nicht alles ist möglich, nicht alles machbar. Der Mensch kann viel. Aber er kann nicht alles alleine schaffen. Gott sagt: Und das ist gut so.

Peter Frey, Dr. phil., geb. 1957, ist Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios in Berlin. Im September 2004 erscheint bei dtv
sein Buch „Leben in einer verletzlichen Welt".

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