Diese Frage hat eine doppelte Bedeutung: Die eine: Was sagt mir der Begriff „Gott"? Gott ist für mich das große Geheimnis, das primum movens, von dem ich mir kein Bildnis machen kann. Religionen sind für mich Annäherungswege an das Unbekannte, das wir nur erahnen können. Ich liebe die Rituale, welche der katholische Ritus uns zur Verfügung stellt, um unserer Beziehung zum Unsichtbaren sichtbaren Ausdruck zu verleihen.
Die zweite Bedeutung ist: Was sagt mir Gott? Wie spricht er mich an? Worauf verweist er mich? Hier versuche ich aus dem Ereignischarakter der biblischen Geschichten eine christliche Haltung abzuleiten, eine Haltung des Horchens, der weit aufgerissenen Augen, der höchsten Achtsamkeit, wie sie eindrücklich in den Skulpturen romanischer Kathedralen zum Ausdruck kommt. Es ist eine Haltung der Bereitschaft, sich von dem ansprechen zu lassen, was jetzt gerade mit mir geschehen will, eine Bereitschaft, dem Anruf zu folgen und mich leiten zu lassen. Es geht darum, mein persönliches Leben einem übergreifenden Ganzen zur Verfügung zu stellen oder - mit Meister Eckhart gesprochen - „mit Gottes Wirken mitwirken".
Ich fühle mich angesprochen von Simone Weil, die sagte, den wahren Glauben könne man sich nicht selbst verschaffen. Wenn überhaupt, könne sich Gott nur selbst dem Geschöpf erschließen. „Wer mit Gott nicht eines seiner Wunschbilder empfangen will, der muß warten - in gänzlicher Aufmerksamkeit." Dieses Warten in gänzlicher Aufmerksamkeit sei das Wesen des Gebets.
Das Angesprochenwerden, aber nicht hören können, erlebe ich täglich in der Psychotherapie, speziell auch in der Paartherapie. Unlösbare Krisen und psychogene Symptome treten auf, wenn Menschen nicht in der Lage sind, sich dem zu öffnen, worauf ihre Partner - ihre Nächsten - sie hinweisen, oft in Form von Kritik und Vorwürfen. In der Therapie geht es darum, Voraussetzungen zu erarbeiten, um ansprechbar zu werden für das, was jetzt gerade als Entwicklung ansteht. Das ist nicht eine moralische Forderung, sondern ergibt sich aus der Eigendynamik des Lebenslaufes, wenn es gelingt, die Hindernisse abzubauen.
Jürg Willi, Dr.med. Dr.h. c., geboren 1934, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie; bis 1999 Direktor der Psychiatrischen Poliklinik des Universitätsspitals Zürich und ordentlicher Professor für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosomatische Krankheiten. Leiter des Instituts für ökologisch-systemische Therapie, Zürich (www.juerg-willi.ch). Autor verbreiteter Bücher über die Psychologie von Paarbeziehungen; zuletzt erschien „Psychologie der Liebe" (Rowohlt).
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