Was sagt mir 'Gott'?
Die 27 Schnipsel - und mehr
Weil ich Ihn nicht begreifen kann, scheitert mein Versuch, Ihn auf den Begriff zu bringen. Also achte ich auf Fragmente: Mosaiksteinchen (im besten Falle), Puzzle-Teilchen, Lichtblitze aus Spiegelsplittern, Schnipsel.
Schnipsel im wörtlichen Sinne sammelte Heinrich Bölls Dr. Murke. Der Radioredakteur mußte seinerzeit (1955) - ausgewogen öffentlich-rechtlich - 27mal das Wort Gott aus dem Tonband zweier Vorträge herausschneiden, weil deren Autor, der Großdenker Bur-Malottke, es sich anders überlegt hatte: nicht mehr Gott (wie 1945), sondern "jenes höhere Wesen, das wir verehren". Herausschneiden, neu einkleben: 1 Minute 20 Sekunden statt 20 Sekunden für 27mal Gott. Murke deponierte die 27 Schnipsel in einer blechernen Zigarettenschachtel. Noch lieber sammelte er allerdings Tonbandschnipsel mit "Schweigen". Idyllische Radiozeiten. Seither hat sich das "höhere Wesen" überall breitgemacht.
Mein Freund H. sieht das anders. Im Iran aufgewachsen und bis zum Abschluß seines ersten Studiums dort sozialisiert, sagt er, wenn die Rede auf Gott kommt, stets der Gott. Er ist Physiker, nicht Jurist. Aber der Gott ist für ihn offenbar eine Instanz. Die Instanz? Ein anderer Freund, sein halbes Leben lang mächtiger Rundfunkmanager, ein Papst in seinem Metier, heute auf die Achtzig zugehend, wiederholt gern sein fertiges Statement: "Ich glaube nicht an Gott. Aber ich glaube an die Kirche." Also: "Ein Haus voll Glorie schauet" singen? Wird das höhere Wesen ein Auge zudrücken? Ich wäre bereit mitzusingen.
Aber da sind noch die Fernsehnachrichten: Tag für Tag - und auch im wirklichen Leben begegnet uns der zulassende Gott. Vieles, was uns als "geschehen" mitgeteilt wird, ist ohne Ihn, den großen Zulasser, noch weniger verständlich, als es ohnehin schon ist. Am allerwenigsten verständlich ist, daß Er es zuläßt. Täglich unbegreiflich. Andererseits: Er läßt auch die Lilien auf dem Felde zu und jedes Jahr einen neuen Frühling.
Von Dr. Murkes 27 Schnipseln konnten zwölf wiederverwendet werden. Der wiederverwendende Hilfsregisseur bedankte sich bei Dr. Murke: "Sie sind ein Engel."

Michael Schmolke, geb. 1934, Journalist, 1970-2002 Publizistikprofessor an den Universitäten Münster und Salzburg, Herausgeber der Zeitschrift "Communicatio Socialis".
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