62. JAHRGANG 2010WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 5. September 2010

Beim Papst daheim
Über den Besuch von Benedikt XVI. in Bayern
Von Michael Schrom
Alle strahlten um die Wette. Die Sonne, die Pilger, die prächtig herausgeputzten Dörfer und Städte, die Bischöfe und Kardinäle, der bayerische Ministerpräsident, die Schaulustigen an den Straßen, die Fernseh-Kommentatoren und nicht zuletzt - der Papst. Dessen Freude und Ergriffenheit überstrahlte alles und jeden, und man müßte schon ein Herz aus Stein haben, um nicht angerührt zu sein von dieser tiefen Liebe Benedikts zum Land und Volk der Bayern. Der Papst hatte einen Herzenswunsch: noch einmal jene Stätten aufzusuchen, die ihn geprägt hatten. Er wollte nicht nur in seinen „Erinnerungen wandern", sondern physisch dorthin kommen, wo er glücklich war, sich geborgen und verstanden fühlte - als Mensch, als Mann Gottes, als Lehrer der Theologie.

Und Bayern erfüllte ihm dieses Anliegen - man kann sagen - in überreichem Maß. Es war tatsächlich das viel beschworene historische „Jahrtausendereignis". Zu den drei großen Gottesdiensten in München, Altötting und Regensburg strömten eine knappe halbe Million Gläubige zusammen, was allerdings doch weitaus weniger war, als im Vorfeld erwartet und insgeheim erhofft. Zum Vergleich: An der Messe des deutschen Papstes in Polen vor ein paar Monaten nahmen eine Million Gläubige teil. Dennoch war die Stimmung in Bayern prächtig, die Atmosphäre einzigartig. In der Fußballsprache würde man von einem „Heimspiel" sprechen.

Der Papst hatte sich ein großes aktuelles Thema ausgesucht, das sich wie ein roter Faden durch alle Veranstaltungen zog: das Verhältnis von Glaube und Vernunft. Wohltuend war, daß er - in anderer Akzentsetzung als sein Vorgänger - die Gottesfrage und nicht die Moral an die erste Stelle setzte. Keine pauschale Zivilisationskritik im Sinne einer zu verurteilenden „Kultur des Todes". Statt Ermahnungen und Verbote auszusprechen, versuchte BenediktXVI. immer wieder neu werbend, die Schönheit und Sinnhaftigkeit des biblischen Glaubens herauszustellen, ohne dabei jemals andere abzuwerten oder ihnen den Respekt zu versagen. Die Kultur der Moderne ist nicht einfach gottlos oder schlecht. Das Große der modernen Geistesentwicklung wird ungeschmälert anerkannt. Deutlich widersprach er der Auffassung, man müsse wieder hinter die Aufklärung zurückgehen und die Einsichten der Moderne verabschieden. Keinen Biblizismus! Keinen Pietismus! Aber auch keinen Materialismus! Immer wieder rief Benedikt XVI. ins Gedächtnis: Es ist eine gefährliche Verkürzung der Vernunft, die Gottesfrage aus der Wissenschaft methodisch auszuklammern. Eine Gesellschaft, die dies tut, wird steril und unfähig, einen echten Dialog der Kulturen und Religionen zu führen - und nichts ist heute drängender als dies. Bei der Betrachtung des Verhältnisses von Vernunft und Glaube war Benedikt XVI. ganz bei sich. Die Rede an der Regensburger Universität war der intellektuelle Höhepunkt dieser Reise. Diese nüchterne Konzentration auf das Wesentliche hat ihm viel Wohlwollen und Zustimmung eingebracht. Damit traf er mitten hinein in die spannendste und wichtigste Frage der religiösen und nicht-religiösen Gegenwart.

Heimkehr und Danksagung

Auf der anderen Seite hatte der Papstbesuch eine eigenartige nostalgische, ja fast schon melancholisch zu nennende Selbstbegrenzung, die um so deutlicher hervortrat, je länger der Besuch dauerte. Bei allem bayerischen Selbstbewußtsein und berechtigtem Stolz - Bayern ist eben nicht Deutschland, und selbst in Bayern ist die Welt nicht so heil und so fromm, wie sie während dieser Tage manchmal geradezu folkloristisch erschien und präsentiert wurde. Die Kirchenaustrittswelle ist in den letzten Jahren gerade in den ländlich geprägten Bistümern stark angestiegen. Massive Glaubensabbrüche gibt es auch im Freistaat. Im Bistum Regensburg schwelt seit langem ein Streit über die Rechte der Laien in der Kirche, keineswegs nur von denen angezettelt, die sich in der Kirche selbst darstellen wollen. Natürlich weiß der Papst das. Es ist kaum anzunehmen, daß er sich hier etwas vormacht. Aber richtig angesprochen wurden diese Probleme nicht.

Es gab zum Beispiel kein Treffen mit der deutschen Bischofskonferenz oder mit deren Vorsitzendem, Kardinal Karl Lehmann, obwohl dies angesichts der großen Herausforderungen hierzulande durchaus angebracht gewesen wäre. Keinen Empfang für die Vertreter des Laien-Katholizismus. Wurde in der „bayerischen Kirche" die Kirche Deutschlands schlichtweg ignoriert? Es gab auch kein Treffen mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland oder mit Vertretern des Islam, obwohl die oben angesprochene Regensburger Rede in dieser Hinsicht hoch brisant war und die Problematik weltweit brennend aktuell ist. Gerade in der Vorlesung hätte man sich die Anwesenheit jener Intellektuellen gewünscht, die hierzulande in Zeitungen, Akademien, Laboratorien und in Talkshows die Meinungsführerschaft in den philosophischen und religionspluralistischen Debatten haben. Auch hätte man islamische Geistliche gerne befragt, ob sie Benedikt XVI. in seinen Ausführungen über den Unterschied zwischen dem islamischen und dem christlichen Gottesbild folgen können. Denn hier sieht Benedikt die entscheidende Trennlinie zwischen Islam und Christentum.

Und Berlin? Und Wittenberg?

Benedikt XVI. zitierte aus einem Streitgespräch zwischen dem byzantinischen Kaiser ManuelII. mit einem persischen Gesprächspartner über die Transzendenz Gottes aus dem Jahr 1391. Während der Kaiser betont, daß der christliche Gott nicht der Vernunft zuwider handelt, hält sein islamischer Gesprächspartner an der absoluten Transzendenz Gottes fest. Diese sei so groß und unerforschlich, daß Gottes Wille an keine unserer Kategorien gebunden ist „und daß nichts ihn verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren". Schon allein aufgrund dieser Thematik hätte diese Rede eigentlich in Berlin vor religiösen und weltlichen Gelehrten gehalten werden müssen oder in Garching, im Zentrum der internationalen wie bayerischen Spitzenforschung, statt vor einem Kreis von überwiegend Regensburger Akademikern.

Auch ein Dialog mit zeitgenössischen Künstlern, wie ihn einst Papst Johannes PaulII. bei seinem Deutschlandbesuch 1980 in der Münchener Residenz gesucht hatte, kam nicht zustande. Äußerst befremdlich war auch das ökumenische Treffen. Hier fragte man sich ebenfalls: Scheut der Papst die Konfrontation mit der Wirklichkeit? Bei der Vesper im Regensburger Dom fehlte der höchste Repräsentant der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber von Berlin. War er nicht eingeladen? Hatte er keine Zeit? Während der lutherische Landesbischof Johannes Friedrich das Problem von Einheit und Vielheit in der Liebe meditierte, beließ es Benedikt XVI. bei einer Erinnerung an die Pflicht jedes Christen, Zeugnis von Gott zu geben. Bei seiner Amtseinführung hatte er gesagt, er sei sich bewußt, daß die Ökumene kraftvolle Zeichen und Gesten brauche. Ein solch kraftvolles Zeichen wäre gewesen, wenn ein deutscher Papst im Land der Reformation Wittenberg besucht hätte und nicht nur Altötting.

Ein weiteres Beispiel war die Jugend. Freilich kann man mit einem gewissen Recht sagen, daß sie beim Weltjugendtag in Köln vergangenen Jahres im Zentrum stand. Doch eine Dialog-Veranstaltung, ein tabufreies Hören auf die Wünsche und Nöte der Jugendlichen gab es damals ebensowenig wie beim diesjährigen Besuch. Nur einige Erstkommunionkinder saßen in ihren traditionellen Anzügen und Kleidern im Münchner Dom auf den Altarstufen oder wirkten in Regensburg bei einer Prozession mit.

Zwar fand der Besuch in Deutschland statt, und Deutschland war auch stets mitgemeint - aber Deutschland kam eigentlich nicht vor. Es war geradezu ein symbolisches Bild, daß Bundeskanzlerin Angela Merkel nach ihrem fünfzehnminütigen Vier-Augen-Gespräch in München etwas ratlos und verloren wirkte, während sich der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber mit dem Papst zum Familienfoto aufstellte. Die Botschaft dieses Bildes lautete: Mag draußen die böse Welt sein, hier ist Bayern, und mir san mir. Der „Münchner Merkur" brachte es auf den Punkt: „Dieser Besuch ist Heimkehr und Danksagung. Und eine Huldigung, wie sie Bayern vielleicht noch nie in seiner Geschichte erfahren hat."

Das große Thema: Vernunft und Glaube

Gewiß darf man einen Besuch nicht überfrachten und überbewerten. Auch ein Papst hat wie jeder Mensch das Recht, seine eigenen Wurzeln zu besuchen. Und Papst BenediktXVI. kam nicht in erster Linie als Staatsoberhaupt, was er natürlich auch ist. Er legt anders als Johannes Paul II. keinen großen Wert auf inszenierte Symbole oder gar - im besten Sinne - „schauspielerische" Fähigkeiten, was in mancher Hinsicht auch wieder wohltuend ist. Die einfache, traditionelle Liturgie, nicht reformorientierte Experimente und nicht das Zeitgeschehen geben ihm das Thema vor. So erwähnte er beim Gottesdienst am 11.September in Altötting den fünften Jahrestag der Terroranschläge von New York und Washington mit keinem Wort, sondern sprach über das Wunder von Kana und deutete die Rolle Mariens in der Heilsgeschichte. „Warum tat er das?" rätselte der Berliner „Tagesspiegel" und äußerte die Vermutung: „Er hat es nicht nötig." In der Tat versteht sich Papst Benedikt XVI. als oberster und universaler Repräsentant der Kirche, als Stellvertreter Christi, und als solcher strebt er danach, den Glauben transkulturell zu vertiefen, in der festen Überzeugung, daß in der christlichen Offenbarung alle Antworten auf die Fragen des Lebens bereits enthalten seien.

In seinen Auslegungen ging der Papst dabei streng biblisch-liturgisch vor. Stets verknüpfte Benedikt XVI. die alttestamentliche Lesung mit dem Schriftwort aus dem Neuen Testament und dem Evangelium des Tages. Dabei fand er einfache Worte, sprach klar und verständlich und konzentrierte sich aufs Wesentliche. „Welchen Gott brauchen wir?" fragte er in München. Die Antwort: Nicht irgendeinen, sondern den menschgewordenen Sohn Gottes, der in Erfüllung des alttestamentlichen Prophetenwortes „die Liebe bis zum Ende" lebt. Diesem Gottesglauben wohne auch eine Verpflichtung zum Sozialen, ein Einsatz für Gerechtigkeit inne. Dabei gelte es jedoch, die Reihenfolge zu beachten: Zuerst müsse der „Gott Jesu Christi bekannt, geglaubt, geliebt werden". Die Herzen müssen umkehren, „damit auch die sozialen Dinge vorangehen, damit Versöhnung werde, damit zum Beispiel Aids wirklich von den tiefen Ursachen her bekämpft und die Kranken mit der nötigen Zuwendung und Liebe gepflegt werden können". Das Soziale, die wissenschaftliche Erkenntnis, das globale Wohl der Völker - alles ist für Benedikt XVI. ein Ausfluß dieses Gottesglaubens und nicht einfachhin säkular. Das bedeutet im Umkehrschluß: Ohne diesen religiösen Bezug bleibe alles kalt und lebensfeindlich, werde sogar ins Perverse verkehrt: „Wo wir den Menschen nur Kenntnisse bringen, Fertigkeiten, technisches Können und Gerät, bringen wir zuwenig. Dann treten die Techniken der Gewalt ganz schnell in den Vordergrund, und die Fähigkeit zum Zerstören, zum Töten wird zur obersten Fähigkeit, um Macht zu erlangen, die dann irgendwann einmal das Recht bringen soll und es doch nicht kann."

In diesem Zusammenhang äußerte sich Papst Benedikt XVI. auch deutlich kritisch gegenüber der Kirche in Deutschland, wobei er sich diplomatisch geschickt hinter einigen afrikanischen Bischöfen versteckte. Zwar rühme die ganze Welt die Großherzigkeit der deutschen Katholiken, aber „dann und wann sagt ein afrikanischer Bischof zu mir: ,Wenn ich in Deutschland soziale Projekte vorlege, finde ich sofort offene Türen. Aber wenn ich mit einem Evangelisierungsprojekt komme, stoße ich eher auf Zurückhaltung'". Dagegen kann man freilich auch fragen, warum die afrikanischen Bischöfe, deren Meinung sich der Papst zu eigen machte, es trotz Evangelisierungskampagnen nicht geschafft haben, das Christentum zu einem Motor der Entwicklung des Erdteils zu machen, oder warum zum Beispiel im katholischen Ruanda katholische Hutus und katholische Tutsis sich gegenseitig unglaublich brutal massakrierten.

Glauben: Idealgestalt und Entwicklung

So sehr man Papst Benedikt zustimmen mag in seiner Analyse, daß eine Wissenschaft, die die Gottesfrage systematisch ausblendet und nur das als vernünftig gelten lassen will, was empirisch nachzuvollziehen ist, eine gefährliche Verkürzung und Unterbestimmung der Vernunft darstellt, so sehr blieb auf der anderen Seite unbestimmt, wie sich der Glaube selbst entwickelt oder nicht entwickelt hat - und wie er sich vielleicht zukünftig weiterentwickeln müßte. Folgte man der Rede des Papstes an der Universität Regensburg, dann hat seiner Meinung nach das Christentum der Antike mit seiner Synthese aus biblischer Offenbarung und griechischem Denken seine unübertroffene und unüberbietbare intellektuelle Form gefunden. Dieser „sogenannte augustinische und thomistische Intellektualismus" sei immer wieder verdunkelt worden durch „Wellen der Enthellenisierung". Dazu zählte der Papst unter anderem die Reformatoren, die einer „Fremdbestimmung des Glaubens durch ein nicht aus ihm kommendes Denken" mit dem Prinzip „sola scriptura" (allein durch die Schrift) entgegentreten wollten. Das habe in der Fortführung durch Kant schließlich dazu geführt, daß der „Glaube ausschließlich in der praktischen Vernunft verankert und ihm der Zugang zum Ganzen der Wirklichkeit abgesprochen" wurde. Auch die „liberale Theologie" des 19.Jahrhunderts mit ihrer historisch-kritischen Methode führte zu einer folgenschweren Verkürzung des Glaubens auf eine Moral. Abermals zeige sich da: „Was an ethischen Versuchen von den Regeln der Evolution oder von Psychologie und Soziologie her bleibt, reicht einfach nicht aus." Eine dritte Enthellenisierung ortet der Papst in einer falsch verstandenen Inkulturation des Christentums, das sich von den augustinisch-thomistisch-platonischen Grundhaltungen distanziert, denn auch die naturwissenschaftliche Vernunft mit dem ihr innewohnenden „platonischen Element" trage eine Frage in sich, die über sie hinausweise - und damit sozusagen auf die Antwort des Christentums verwiesen sei.

Das Dogma kennt kein Falsifikationsprinzip

Das ist eine sehr anregende, aber bisweilen doch recht monokausal wirkende Sicht der Dinge. Die Reformatoren zum Beispiel störten sich ja gerade nicht an der Vernünftigkeit des Glaubens, sondern an der erlebten „Unvernünftigkeit", etwa an der magischen Praxis des Ablaßglaubens und einem puren Sakramentalismus, gegen den sie zu Felde zogen. Das „sola scriptura" sollte in erster Linie eine Reinigung bewirken, nicht die Philosophie aus der Religion vertreiben. Die liberale Theologie wiederum mit ihrer historisch-kritischen Methode förderte bei allem, was man als Verlust bedauern mag, entscheidende neue Einsichten zutage, hinter die heute kein Theologe mehr zurückkann. Benedikt XVI. nutzt ja selbst ganz selbstverständlich diese Einsichten und ist der exegetisch bestgebildete Papst seit langem.

Die Vernunft und den Glauben auf neue Weise zusammenzuführen, gelingt nach Meinung des Papstes nur dann, wenn „wir die selbstverfügte Beschränkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare überwinden und der Vernunft ihre ganze Weite wiedereröffnen". Die Frage allerdings, was dabei der Glaube und die Theologie beizutragen haben, in welchem Maße die Kirche beispielsweise von überkommenen Denkwelten und Gottesbildern, von (halb)magischen sakralen Vorstellungswelten Abschied nehmen müsse, klammerte Benedikt XVI. in seiner Ansprache aus. Aber genau die real erfahrene und nicht nur böswillig von Wissenschaftlern propagierte Entmythologisierung ist ja der springende Punkt, weshalb heute nicht mehr ungebrochen Gotteserfahrung gemacht und behauptet werden kann. Der moderne Atheismus wurzelt allenfalls zu einem äußerst geringen Teil in einer „Gottesangst", die Benedikt XVI. beim Gottesdienst auf dem Islinger Feld ansprach. Die Menschen haben schon längst keine Angst mehr vor Gott, selbst wenn er ihnen als strafender Gott vorgestellt würde. Vielmehr bezieht der moderne Atheismus seine Kraft und Schärfe aus der menschlichen Erfahrung der Abwesenheit Gottes, seines Nicht-Eingreifens, seiner vermeintlichen Gleichgültigkeit gegen Unrecht und Leid, seiner Nicht-Erfahrbarkeit in den Dingen des Alltags, in den Gesetzen des Kosmos und des biologischen Lebens. Das ist nicht nur eine selbstverschuldete „Schwerhörigkeit" oder Taubheit des Menschen gegenüber Gott, wie der Papst in seiner Münchner Predigt ausführte. Das sind existentielle Fragestellungen und Herausforderungen für den gläubigen Menschen, die sich aus der Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins ergeben. Zudem hat das oft kritisierte Falsifikationsprinzip der Wissenschaften den Vorteil, daß sich die Vernunft selbst korrigieren kann, überholte Vorstellungen gegebenenfalls abwerfen und sich so weiterentwickeln kann. Gerne hätte man von BenediktXVI. erfahren, ob auch der Glaube als der natürliche Partner der Vernunft eine solche Möglichkeit der Falsifikation und des Paradigmenwechsels kennt oder anerkennen muß.

Die Anekdoten der „Papst-Experten"

Das Ausblenden dieser gravierenden Schwierigkeiten, die in der Theologie, ja im Gottesglauben selbst zu finden sind, war ein großer Wermutstropfen in einer ansonsten brillanten Rede des Papstes. So schlich sich leider auch hier das Gefühl ein, der Papst daheim in Bayern beschwöre nur noch einmal die Sehnsucht einer vergangenen Glaubens-Welt, wie sie sich ihm idealtypisch in Wallfahrten und Gottesdiensten des einheimischen Brauchtums zu zeigen scheint. Geradezu anrührend wirkte dann auch die Bitte des Papstes vor Erziehern und Eltern im Münchner Dom: „Bitte betet miteinander beim Essen und vor dem Schlafengehen. Bitte geht mit euren Kindern am Sonntag zum Gottesdienst. Ihr werdet sehen, der ganze Sonntag wird schöner." Das stimmt gewiß, nur löst es nicht die Not des Betens und die Not vieler um den Glauben ringender Beter. Wie soll, wie kann man heute redlich beten, glauben?

Im Übermaß der Freude und berauscht von der Einzigartigkeit dieses Events vernachlässigten es die kommentierenden „Papst-Experten" auf allen Kanälen, das gewaltige öffentliche Interesse auf die schwierigen, bohrenden Kernfragen des Glaubens hinzulenken. Stattdessen mußten Reporter vor dem erzbischöflichen Palais in München Antworten geben auf so spannende Fragen wie etwa diese: „Wie groß schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, daß der Papst heute in seinem alten Bett übernachten wird, wo er auch als Erzbischof von München geschlafen hat?" Andere wiederum berichteten aufgeregt davon, daß sie erkennen können, daß der päpstliche Staatssekretär im Hubschrauber gerade mit einem Blatt Papier gewedelt habe, oder fragten stereotyp Dutzende von Pilgern, wann sie heute morgen aufgestanden seien. Dazu schilderten „Papst-Experten" in Altmänner-Sentimentalität ihre persönlichen Anekdötchen und Erinnerungen an Joseph Ratzinger und beschwörten gebetsmühlenhaft einen neuen geistlichen Frühling und einen ökumenischen Aufbruch. Die Qualität dieser Kommentare stand in krassem Mißverhältnis zu dem gewaltigen technischen und personellen Aufwand der Rundum-Fernsehberichterstattung.

Der Papst hat auf seine Weise zu erkennen gegeben, wo die großen Probleme der Zukunft des Christentums liegen. Reformvorschläge hat er leider nicht angedeutet. Es war ein historischer Besuch eines deutschen Papstes daheim in Bayern. Wird er auch Geschichte machen, wenn die weiß-blauen und weiß-gelben Fahnen wieder eingerollt sind und die dritte Strophe der Bayernhymne verklungen ist?

CiG 39/2006

Eine Gratisausgabe der Wochenzeitschrift "CHRIST IN DER GEGENWART"
schickt Ihnen gern zu:


Verlag Herder, Kundenservice, D-79080 Freiburg
Fax 0761/2717-222, Telefon 0761/2717-200, E-Mail kundenservice@herder.de,
www.christ-in-der-gegenwart.de

Impressum