62. JAHRGANG 2010WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 5. September 2010

Das Jesus-Buch des Papstes
Schriftverständnis - Ökumene - interreligiöser Dialog: Anmerkungen aus evangelischer Sicht
Von Ulrich H. J. Körtner
Daß ein theologisches Werk, das in einer kirchlichen Binnensprache geschrieben ist und das theologische Fachgespräch sucht, schon am Tag seines Erscheinens zum Besteller avancierte, ist bemerkenswert. Das überaus große Interesse schon im Vorfeld der Veröffentlichung verdankt sich natürlich in erster Linie dem prominenten Autor. Daß sein neuestes Werk termingerecht zu seinem achtzigsten Geburtstag erschien, war dem Medieninteresse gewiß nicht abträglich. Ob das Buch freilich auch so intensiv gelesen wie verkauft wird, steht dahin. Zu wünschen ist es diesem gediegenen Werk allemal.

Derzeit überschwemmt eine Flut an zeitgenössischer Jesusliteratur, die zum Teil den Boden seriöser Forschung verläßt, um reißerische Verschwörungstheorien über den wahren Jesus von Nazareth zu verbreiten, den Buchmarkt. Doch zur sogenannten dritten Phase der Jesusforschung („Third Quest") leistet dieses Buch keinen Beitrag - und will es auch gar nicht. Auch wenn sein Werk den Titel „Jesus von Narazareth" trägt, hat Joseph Ratzinger doch in Wahrheit ein Buch über Jesus Christus geschrieben.

Gespür für drängende Fragen

Wie schon bei seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est" beweist dieser Papst einmal mehr sein treffsicheres Gespür für die Fragestellungen, die hoch an der Zeit sind. In seiner Enzyklika hat Benedikt XVI. programmatisch die Liebe als Wesen Gottes und damit die Besonderheit des christlichen Gottesbildes im Vergleich mit den anderen Religionen herausgestellt. Die Bedeutung von Ratzingers Jesusbuch liegt darin, daß es auf Kernfragen des Glaubens eingeht, die alle Kirchen betreffen. Momentan ist viel von der Wiederkehr der Religion und von einem angeblichen Megatrend Spiritualität die Rede. Nicht die in vergangenen Jahrzehnten beklagte Geistvergessenheit der Kirchen und ihre Christuszentriertheit ist heute das ökumenische Problem der Kirchen, sondern ein Christentum ohne Christus, wie es kürzlich Michael N. Ebertz formuliert hat. Die Rede von Gott und vom Geist verflüchtigt sich zu einer diffusen Spiritualität.

Das Christentum unterscheidet sich nun einmal von allen sonstigen Formen von Religion durch das Bekenntnis zu Jesus Christus als Heilsbringer. Eben darum wurden und werden die an ihn Glaubenden Christen genannt. Dieses Bekenntnis aber schließt den Glauben an den von Jesus verkündigten Gott ein, der wiederum der Gott Israels ist. Nicht eine vage Spiritualität oder Gottoffenheit, sondern das Christusbekenntnis ist das entscheidende Erkennungsmerkmal, an dem das Christentum auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten erkannt wird. Von hier aus ist die Identität von Glaube und Kirche zu bestimmen.

Das erfordert freilich auch Redlichkeit auf seiten der Kirchen, wenn es darum geht, die eigene Lage einzuschätzen. Keine Schönfärberei! Auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen, gilt es neu zu fragen: Was bedeutet Christus für diese Welt, und was heißt es, ein Christ zu sein? Genau das sind die Fragen, die Ratzinger stellt und die sein Buch so lesenswert machen.

Was hat Jesus Neues gebracht?

Die große Frage, die Ratzinger durch das ganze Buch hindurch begleitet, lautet, was Jesus eigentlich gebracht hat, „wenn er nicht den Weltfrieden, nicht den Wohlstand für alle, nicht die bessere Welt gebracht hat? Was hat er gebracht? Die Antwort lautet ganz einfach: Gott. Er hat Gott gebracht" (73). In diesen schlichten Sätzen tritt der innere Zusammenhang, der zwischen der Enzyklika „Deus caritas est" und Ratzingers Jesusbuch besteht, klar zutage.
Viel Aufmerksamkeit hat der Umstand erregt, daß sein päpstlicher Autor unter seinem bürgerlichen Namen auftritt. Ratzinger betont, sein Jesusbuch sei „in keiner Weise ein lehramtlicher Akt", sondern einzig Ausdruck seines „persönlichen Suchens ,nach dem Angesicht des Herrn'" (22). Daher stehe es jedermann frei, ihm zu widersprechen. Der Autor bittet die Leserinnen und Leser lediglich „um jenen Vorschuß an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt" (ebd.).

Manche Kommentatoren halten das bereits für eine Sensation, was doch eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Ob die Unterscheidung zwischen Papst Benedikt XVI. und dem Theologieprofessor Joseph Ratzinger sich allerdings so durchhalten läßt, wie es der Autor persönlich hofft? Im Fall seiner Regensburger Rede vom September 2006 hat Ratzinger schmerzlich erfahren müssen, wie schwer, wenn nicht unmöglich es ist, aus der Rolle des Oberhaupts der römisch-katholischen Kirche zurück in die Rolle des einfachen Gelehrten zu schlüpfen. Daß Ratzinger sein Jesusbuch unter seinem Doppelnamen „Joseph Ratzinger - Benedikt XVI." veröffentlicht hat, verleiht der Bescheidenheit dieses „einfachen Arbeiters im Weinberg des Herrn", wie sich der Autor nach seiner Papstwahl bezeichnete, etwas Schillerndes. Daß es eben nicht einfach Herr Ratzinger ist, sondern zugleich der Papst, der hier sein Jesusbild zeichnet, verleiht dem Buch eine Autorität, die katholische Theologen bei ihrer künftigen exegetischen und dogmatischen Arbeit sicher schwerlich ignorieren können.

Kurz vor Veröffentlichung von Ratzingers Jesusbuch wurde der angesehene Befreiungstheologe Jon Sobrino aus El Salvador wegen seiner Anfragen an die altkirchlichen christologischen Dogmen vom Vatikan gerügt (vgl. CiG Nr. 12, S. 93 und Nr. 15, S. 120). Der Jesuit, so der Vorwurf, habe in seinen Schriften über Jesus den Befreier die Göttlichkeit Christi entwertet. Sobrinos Christologie ist offenbar ein Beispiel für jene von BenediktXVI. in seiner Regensburger Vorlesung beklagte „Enthellenisierung" des Christentums, in der er die Wurzel allen Übels moderner Theologie erblickt. Bezeichnenderweise endet Ratzingers Jesusbuch mit einer Verteidigung des Konzils von Nicäa und seines trinitarischen Dogmas von der Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater (407). Damit ist auch der „Konstruktionspunkt" dieses Buches benannt: „Es sieht Jesus von seiner Gemeinschaft mit dem Vater her, die die eigentliche Mitte seiner Persönlichkeit ist, ohne die man nichts verstehen kann und von der her er uns auch heute gegenwärtig wird" (12).

Welche Rolle spielt die Schrift in der Theologie?

Prominente Theologen wie Peter Hünermann, Johann Baptist Metz und Bernard Sesboüé haben sich inzwischen mit Sobrino solidarisch erklärt. „Wir predigen" - so Sesboüé in einem Artikel in den „Stimmen der Zeit" (April 2007) - „nicht Chalcedon; wir verkündigen Christus und respektieren dabei die Lehre von Chalcedon. Das ist ein großer Unterschied." Gewiß wird auch Ratzinger diesen Unterschied nicht bestreiten wollen, der freilich in seinem Jesusbuch immer wieder verwischt zu werden droht.

Ratzingers biblische Hermeneutik (also die Kunst und die Lehre vom Verstehen der Heiligen Schrift), die er im Vorwort erläutert, vertritt das Programm einer „kanonischen Exegese" (18), das viel für sich hat. Darunter versteht man eine Bibelauslegung, welche einzelne Bibeltexte nicht nur im Kontext der jeweiligen Einzelschrift, sondern im Zusammenhang des gesamtbiblischen Zeugnisses auslegt. Kanonische Exegese ist zugleich ein Beispiel für eine leserorientierte Bibelauslegung, welche nicht nur die Rolle der Autoren, sondern auch der Leserinnen und Leser würdigt, die Zusammenhänge erkennen und herstellen können, welche den Autoren selbst gar nicht bewußt gewesen sein müssen. Diese Form der Hermeneutik ist aufgeschlossen gegenüber der alten Lehre vom mehrfachen Schriftsinn und ihrer allegorischen oder typologischen Auslegungsmethode.

Kanonische Hermeneutik bedeutet bei Ratzinger kirchliche Hermeneutik, für die die Autoren der biblischen Schriften und die Leserinnen und Leser durch Gott als den eigentlichen Autor der Heiligen Schrift zum „gemeinsamen Subjekt des Gottesvolkes" (19) werden, das mit der Kirche, deren Vollgestalt nach den Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils bekanntlich in der römisch-katholischen präsent ist („subsistit"). Dieses Subjekt meldet sich als „das Wir der Kirche" (273) beständig in Ratzingers Jesusdarstellung zu Wort. Diese betont nicht nur die innere Einheit des vielstimmigen Christuszeugnisses, sondern auch die nahtlose Übereinstimmung zwischen den biblischen Texten und den Zeugnissen der Kirchenväter, mit denen sich wiederum die Kirche und ihr Glied Ratzinger im Einklang befinden.

Im Buch liest sich das so: „Das Volk Gottes - die Kirche - ist das lebendige Subjekt der Schrift; in ihr sind die biblischen Worte immer Gegenwart. Freilich gehört dazu, daß dieses Volk sich selbst von Gott her, zuletzt vom leibhaftigen Christus her, empfängt und sich von ihm ordnen, führen und leiten läßt" (16). Wie aber soll die Schrift zum wirklichen Gegenüber der Kirche als Auslegungsgemeinschaft werden, wenn diese beständig ihr Subjekt ist? Und wie hat man sich die Ordnung, Führung und Leitung der Kirche und Christus zu denken?

Ratzinger verweist auf die Dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanums über die Offenbarung „Dei Verbum", zu der er, damals noch Theologieprofessor in Tübingen, in der zweiten Auflage des „Lexikons für Theologie und Kirche" eine Einleitung und einen aufschlußreichen Kommentar zu ihren ersten beiden Kapiteln verfaßt hat. Darin hat Ratzinger seinerzeit den theologischen Fortschritt des Konzils begrüßt, der darin liege, daß das Lehramt dem göttlichen Wort untergeordnet und sein Dienstcharakter betont wird. Der erste Dienst des Lehramtes sei der Dienst des Hörens. Gleichwohl bleibe die Funktion der authentischen Bibelauslegung auf das Lehramt beschränkt. Immerhin hat Ratzinger seinerzeit bedauert, daß ein Konzil, welches sich ausdrücklich als Reformkonzil verstand, der traditionskritischen Funktion der Heiligen Schrift nicht genügend Ausdruck verliehen habe. Und was die historisch-kritische Exegese betreffe, so führe an ihr auch für die katholische Kirche kein Weg mehr vorbei, doch müsse sich das Ja zur kritischen Wissenschaft mit der Treue zur kirchlichen Überlieferung und gegenüber der Unverletzlichkeit des Dogmas verbinden.

Welche Exegeten werden zitiert?

Diese Grundsätze sucht Ratzinger selbst zu beherzigen, wenn er „nach dem Angesicht des Herrn" sucht. (Jesus wird durchgängig als „Herr" tituliert.) Man darf dem Autor bescheinigen, tatsächlich kein Buch gegen die moderne Exegese geschrieben zu haben. Sein Ja zur historisch-kritischen Methode und seine Treue zur kirchlichen Überlieferung führen aber dazu, daß er in historischen Fragen konservative Auslegungspositionen bevorzugt. Ratzingers Grundsatz, daß er „den Evangelien traue" (20), bedeutet, ihnen weitaus mehr historische Zuverlässigkeit zuzugestehen als dies üblicherweise in der heutigen Exegese konfessionsübergreifend der Fall ist. Erstaunlich ist insbesondere, wie hoch das Johannesevangelium als historische Quelle für eine zuverlässige Darstellung des historischen Jesus geschätzt wird. In dieser Frage wird zum Beispiel sogar der evangelische Neutestamentler Martin Hengel von Ratzinger noch übertroffen (262ff). Daß sich Ratzinger, wie er gelegentlich besorgt fragt (47), mit seiner kirchlichen Auslegung zu weit von den biblischen Texten und den gesicherten Erkenntnissen historisch-kritischer Exegese entfernt, läßt sich leider nicht durchgängig verneinen.

Die von Ratzinger in Anspruch genommene Lehre vom vierfachen Schriftsinn (19) steht in der Gefahr, Auslegungsebenen, die vergangene oder heutige Leser wählen, um den Text auf sie selbst und ihre Lebenswelt zu beziehen, mit vermeintlichen Bedeutungsebenen zu verwechseln, die dem Text unterstellt werden, faktisch aber gar nicht vorhanden sind. Diese Schwierigkeit durchzieht auch Ratzingers Jesusbuch. Er sucht in den Texten des Neuen Testaments den gegenwärtigen Christus, der beständig in die Gegenwart hinein spricht. Dabei aber vermengt Ratzinger immer wieder vermeintliche Aussageabsichten des historischen Jesus mit seinen eigenen Kombinationen von Bibeltexten, die dem irdischen Jesus so keineswegs vor Augen gestanden haben müssen. Der Bibelleser Ratzinger macht sich und seinen Lesern seine eigene Rolle in diesem Lektürevorgang, nämlich seine eigene Konstruktionsleistung, nicht hinreichend bewußt. Ratzinger möchte die historisch-kritische Methode nicht verwerfen, sondern organisch weiterführen und so zur eigentlichen Theologie werden lassen (18). Wenn sich aber exegetische Urteile über den historischen Quellenwert neutestamentlicher Schriften aus systematisch-theologischen Interessen speisen, werden grundlegende Prinzipien der historisch-kritischen Exegese außer Kraft gesetzt oder auf den Kopf gestellt.

Was die Benutzung von Fachliteratur betrifft, so betont der Verfasser, keine Vollständigkeit anzustreben (409). Aufschlußreich ist allerdings, welche Autoren er zitiert - und welche nicht. Die Namen von Edward Schillebeeckx, aber auch von Kurienkardinal Walter Kasper - beide Autoren gewichtiger Werke zur Christologie - sucht man vergebens; übrigens auch denjenigen des evangelischen Theologen Martin Kähler, der schon im 19.Jahrhundert die These vertreten hat, der wahre geschichtliche Christus sei kein anderer als der biblische der neutestamentlichen Evangelien, wogegen der historische Jesus der liberalen protestantischen Theologie lediglich ein Phantasieprodukt moderner Exegeten sei. Wie Ratzinger wollte schon Kähler „den Versuch machen, einmal den Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den ,historischen Jesus' im eigentlichen Sinne darzustellen" (20). Der „Riß zwischen dem ,historischen Jesus' und dem ,Christus des Glaubens'" (10) mag sich, wie Ratzinger sich erinnert, im katholischen Bereich erst seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts vertieft haben, in der evangelischen Theologie und Exegese ist das Problem jedoch schon seit der Aufklärung virulent, brennend aktuell.

Das Johannesevangelium als historische Quelle

Ratzingers Jesusdarstellung ist in starkem Maße johanneisch geprägt, wobei die johanneische Christologie ganz im Sinne der Dogmen von Nicäa und Chalcedon interpretiert wird. Daß der Autor dem Bekenntnis und der Gestalt des Petrus dabei eine besondere Rolle zumißt (334ff, bes. 345f), wird niemanden überraschen. „Der Jesus des vierten Evangeliums und der Jesus der Synoptiker", so ist Ratzinger überzeugt, „ist ein und derselbe: der wahre historische Jesus" (143). Letztlich werden die Synoptiker also vom Johannesevangelium aus gelesen. Das ist exegetisch nicht unproblematisch.

Die Einheit von Schrift und Tradition, von Dogma und Exegese sowie der kirchliche Charakter von Ratzingers Jesusdarstellung kommen auch in seinem Interesse an kultisch-liturgischen Elementen in den neutestamentlichen Evangelien zum Ausdruck. So betont er den liturgischen Charakter des Johannesevangeliums (279) und die Rolle des jüdischen Festkalenders für die johanneische Theologie (255, 280, 362). „Die großen Ereignisse des Lebens Jesu stehen in innerem Zusammenhang mit dem jüdischen Festkalender; es sind sozusagen liturgische Ereignisse" (354). Wie selbstverständlich bezeichnet Ratzinger den Tag des Einzugs Jesu in Jerusalem als Palmsonntag (135, 229, 336 u.ö.). Auch in liturgisch-sakramentaler Hinsicht wird also die Kirche - das wahre Gottesvolk - als Subjekt der Heiligen Schrift verstanden.

Blutrache ist kein Gottesdienst

Die Identifikation der (katholischen) Kirche mit dem Volk Gottes hat verständliche Kritik hervorgerufen. Wird nicht der Israelvergessenheit des Christentums erneut Vorschub geleistet? Wo bleibt der Dialog mit dem Judentum und wo das Bekenntnis zur bleibenden Erwählung Israels? Die ekklesiologische Verengung des Begriffs „Volk Gottes" auf die Kirche und Ratzingers Rede vom „neuen Israel" (143) sind in der Tat problematisch. Gleichwohl leistet gerade Ratzingers Jesusbuch einen substantiellen Beitrag zum christlich-jüdischen Dialog. Zu den Höhepunkten seines Werkes gehört das Gespräch mit dem jüdischen Gelehrten Jacob Neusner über den Rabbi Jesus (134ff) und dessen Tora-Auslegung in der Bergpredigt. Ratzinger bescheinigt Neusner, bei seiner Interpretation der Bergpredigt die entscheidende Differenz zwischen Judentum und Christentum viel klarer erkannt und benannt zu haben als dies zumeist im christlich-jüdischen Dialog geschieht. Jesu vollmächtige Auslegung der Tora sprengt den Rahmen des Judentums, weil er sich selbst als die Tora versteht (143). Die Benennung der damit aufbrechenden Grunddifferenz zwischen Judentum und Christentum ist keineswegs als Antijudaismus zu denunzieren, sondern geht bei Ratzinger mit tiefem Respekt vor dem Judentum einher.

Das Werk ist streckenweise in einem predigtartigen Stil verfaßt. Immer wieder stellt der Autor Bezüge zur Gegenwart her. Im Zusammenhang mit der synoptischen Erzählung von der Versuchung Christi verweist Ratzinger beispielsweise auf das Problem des Welthungers und die säkularen Heilsverheißungen des Marxismus (60). An anderer Stelle kritisiert er „eine säkularistische Umdeutung" des Reich-Gottes-Gedankens und seine Politisierung, die es besonders auch in Kreisen der katholischen Theologie zu beklagen gebe (82ff). Kritisiert wird ein individualistisches Menschenbild, das Stellvertretung nicht mehr begreifen könne (194). Wiederholt spricht Ratzinger von „Bedrohungen unseres gegenwärtigen Christentums" (286).

Man muß dieser Gegenwartskritik nicht in allem beipflichten. Zustimmung verdienen aber zum Beispiel seine Bemerkungen zum interreligiösen Gespräch. Daß man sich jedes normativen Urteils über andere Religionen enthalten solle, weil alle Wege auf die gleiche Weise zum Heil führen, sei ein törichter Gedanke: „Wird jemand deshalb selig und von Gott als recht erkannt werden, weil er den Pflichten der Blutrache gewissenhaft nachgekommen ist? Weil er sich kräftig für und im ,Heiligen Krieg' engagiert hat? Oder weil er rituelle Waschungen und sonstige Observanzen eingehalten hat? Weil er seine Meinungen und Wünsche zum Gewissensspruch erklärt und so sich selbst zum Maßstab erhoben hat? Nein, Gott verlangt das Gegenteil" (123). In der Tat wünscht man sich im interreligiösen Dialog mehr Klarheit, die keineswegs zu Lasten des Respekts vor fremden religiösen Überzeugungen gehen muß. Respekt und Sachkritik schließen einander nicht aus.

Auch Ratzingers Kritik an manchen Auswüchsen feministischer Theologie ist berechtigt. Im Rahmen seiner Auslegung des Vaterunsers geht er auf die Frage ein, ob Gott nicht auch Mutter sei und ob nicht die Anrede Gottes als Vater zu einer sexistischen Vermännlichung Gottes führe (173f). In wohltuender Klarheit macht Ratzinger auf den Unterschied zwischen Metaphern und Gottesnamen aufmerksam. Wohl gibt es in der Bibel weibliche Metaphern und Vergleiche für Gott. Doch weder im Alten noch im Neuen Testament wird Gott als Mutter angeredet. Die religionsgeschichtlichen und theologischen Gründe, auf die Ratzinger diesen Umstand zurückführt, sind überzeugend.

Ratzingers Jesusbuch ist kein geschlossenes Ganzes. Noch fehlen die Kindheitsgeschichten Jesu, vor allem aber seine Passion und Auferstehung. In Anbetracht seines vorgerückten Alters und der Sorge, sein Werk nicht mehr vollenden zu können, hat er sich entschieden, zunächst nur einige Kapitel zu veröffentlichen. Der Untertitel dieses ersten Teils „Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung" täuscht ein wenig darüber hinweg, daß es sich um eine Zusammenstellung unterschiedlicher Einzelteile handelt, die keineswegs streng biographisch-chronologisch angeordnet sind. Ratzingers Jesusbuch haftet durchaus etwas Fragmentarisches an, aber man ahnt doch schon, wie das Ganze gedacht ist. Nicht nur seinen Leserinnen und Lesern, sondern auch seinem Autor ist zu wünschen, daß das Werk noch zu seinem Abschluß gelangt.

Joseph Ratzinger - BenediktXVI.: „Jesus von Nazareth". Erster Teil: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung (Verlag Herder Freiburg 2007, 448 S., 24,- €).

Ulrich H. J. Körtner, geboren 1957, ist Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Buchveröffentlichungen unter anderem „Theologie des Wortes Gottes. Positionen - Probleme - Perspektiven" (2001); „Anleitung zum Abschalten. Anstöße und Notizen zu einer Theologie des Alltags" (2002).



CiG 23/2007

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