62. JAHRGANG 2010WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 5. September 2010

Mythos oder Mystik?
Zwischen tridentinischer Restauration und liturgischer Reform
Von Johannes Röser
Papst Benedikt XVI. erklärte seinen Entschluß, die tridentinische Meßfeier wieder zuzulassen, als „Frucht langen Nachdenkens, vielfacher Beratungen und des Gebets". Er will „eine innere Versöhnung in der Kirche" fördern, vor allem die abgespaltenen traditionalistischen Gruppen wiedergewinnen. Die großzügige Erlaubnis, die Sakramente insgesamt wieder in tridentinischen Riten spenden zu können, ist in dieser Hinsicht als Geste guten Willens zu verstehen. Dazu hat der Papst rechtliche Vorschriften erlassen und sie in einem sogenannten Motu Proprio veröffentlicht: „Summorum Pontificum über den Gebrauch der römischen Liturgie aus der Zeit vor der Reform von 1970". Gleichzeitig hat der Papst einen Brief mit Erläuterungen an die Bischöfe geschrieben. Anders als der etwas sterile rechtliche Stil der Vorschriften im Motu Proprio wirbt das begleitende Schreiben eher milde um Verständnis. Hier wird als weiterer Grund angeführt, daß sich in die nachkonziliare, durch Papst Paul VI. gebilligte Form der Eucharistie Mißbräuche eingeschlichen hätten, „zumal das neue Missale vielerorts nicht seiner Ordnung getreu gefeiert, sondern geradezu als eine Ermächtigung oder gar als Verpflichtung zur ,Kreativität' aufgefaßt wurde, die oft zu kaum erträglichen Entstellungen der Liturgie führte". Benedikt XVI. verlangt, daß die tridentinische Messe als ergänzende, „außerordentliche Ausdrucksform" neben der „ordentlichen Ausdrucksform" gewürdigt wird. Beide Liturgien sollen sich gegenseitig befruchten. Vor allem soll die frühere der neueren helfen, die „Sakralität" zu vertiefen. Die tridentinische Liturgie wird also nicht nur zur Versöhnung mit Schismatikern erlaubt, sondern auch als kritisches Korrektiv der bisherigen Liturgie eingeführt.

Brüche aus guten Gründen

Etliche Bischöfe und Bischofskonferenz-Vorsitzende, darunter auch jene, die zuvor starken Widerspruch gegen die päpstlichen Pläne zeigten, haben sich im nachhinein beschwichtigend geäußert. Es werde sich am Bisherigen nicht viel ändern. Papst Benedikt XVI. habe überdies klar die bleibende Autorität des Zweiten Vatikanischen Konzils betont. Dennoch könnte sich die nachdrückliche Wiederzulassung der tridentinischen Liturgie als ein theologisches „Politikum" ersten Ranges erweisen.

Das Gesetz des Betens - und liturgischen Feierns - ist auch das Gesetz des Glaubens, sagt der Papst. Allerdings gilt dies auch umgekehrt. Und hier liegt der Kern des Problems. Der Gottesdienst hängt immer auch ab von den Entwicklungen und Veränderungen im Glaubensbewußtsein. Die Abwendung von der tridentinischen Meßfeier war ja gerade keine Laune der Kreativität, keine Willkür, sondern hatte gewichtige Gründe. Seit Reformation und Neuzeit hat sich im Gang der Aufklärung das Glaubensverständnis rasant verändert, nicht zuletzt durch natur- und humanwissenschaftliche Forschungsergebnisse, durch historisch-kritische Methoden und religionswissenschaftliche Vergleiche. Das betraf die Sicht etwa auf die Beziehung von Göttlichem und Irdischem, die Gottesbilder, das Verständnis von Sühnopfer, Priestertum... Papst Benedikt XVI. verlangt, daß es in den liturgischen Entwicklungen wie im Schatz der Glaubenswahrheiten keine Brüche geben darf. Es sollte alles organisch-harmonisch zueinander passen. Nur: Brüche und Paradigmenwechsel, Änderungen der Verstehensmodelle, begleiten und befördern die Menschheitsgeschichte seit jeher, nicht nur im Bereich der empirischen Vernunft, sondern ebenso im Dogma, in der Offenbarung. Auch diese macht Geschichte und wird als Geschichte. Es gibt nicht nur Evolutionen, sondern Revolutionen von Welterkenntnis wie Gotteserkenntnis. Und um eine solche Revolution handelt es sich beim Umbruch magisch-mythologischer Vorstellungen, wie sie das sakramentale Denken lange begleitet haben, unter dem Druck der Entmythologisierung - ob beim Verständnis des Kultpriestertums und Opferpriestertums „nach der Ordnung des Melchisedek" oder bei der Erosion mancher Gottesbilder.

Weil dies so war und weil die tridentinische Liturgie selber in überholten Vorstellungen gefangen war, mußte die Liturgiereform im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils auf manche tatsächlich wie ein Bruch wirken. Und sie war es, zu Recht. Aber die Verluste gingen einher mit Gewinnen und Horizonterweiterungen zur Vertiefung der sakramentalen Spiritualität im Kontext eines modernen Symbolverständnisses: vom Sühnopfer zum Liebesopfer, von der Priesterkommunion zum Gemeindemahl, vom Ritual zur Feier, vom Sakrament der Wandlung von Brot und Wein zum Sakrament der Wandlung auch durchs Wort, vom besonderen Priestertum des „Geweihten" zum allgemeinen Priestertum geheiligten Lebens... Das alles wurde inspiriert und begleitet durch eine theologisch-anthropologische Wende, die aufregend die sakramentale Transparenz der evolutiven Welt auf Gott hin und die heilsgeschichtliche Transparenz des dynamischen Gottes auf die Welt hin bewegte.

Problemzone „Magie"

Damit einher ging ein Abschied vom Klerikalismus, also von jener Ausprägung heilsgeschichtlicher Vermittlung, die den Priester weit entrückt vom Volk plaziert hatte, in innigster, intimster, unmittelbarer Zwiesprache mit dem Allerheiligsten - wovon ein abgeschwächter Schein weitervermittelt wurde an das eher unmündig gedachte Volk. Den vollen Glanz der Wahrheit konnte es nach jener Vorstellung nicht ertragen. Die allgemeine Kommunion aller Gläubigen blieb ihm - bis auf Ausnahmen - verschlossen. Taufe und Firmung machten nicht wirklich religiös mündig. Das Meßopfer wurde als Wiederholung zur Vervielfältigung der Früchte des Opfers Jesu Christi am Kreuz gedeutet. Je mehr, um so besser. Entsprechend handelte der Priester an der Spitze der versammelten Gläubigen weitgehend mit sich und seinem Gott allein, das Volk brauchte er eigentlich nicht. Während er das Mysterium darbrachte, beschäftigte sich das Volk fromm anderweitig.

Allein schon die Körpersprache der tridentinischen Liturgie betont eine weitgehende Abgeschiedenheit und Ausgesondertheit der heiligen Priesterschaft und ihrer Diener im fernen, arkanen Altarbereich. Diese Art von Priestertum kommt im religionsgeschichtlichen Vergleich der Rolle eines Magiers und Schamanen beträchtlich nahe. Der Eindruck verstärkt sich durch weitere Elemente. Der Priester murmelt geheimnisumwittert leise die „Wandlungs"worte in einer fürs Volk unverständlichen Sakralsprache, in Latein, körperlich vornübergebeugt über die Gaben, wie wenn er das Heilige vor „bösen Einflüssen" und unberechtigten, fremden Blicken abschirmen müßte, mit breiter Schulter geschützt vor dem Volk, dem wiederum das „Ergebnis" erst in dem Augenblick hochhaltend nach hinten gezeigt wird, wenn es „vollbracht" ist. Ja, die unbewußte oder auch bewußte Körpersprache verrät viel Wahrheit, auch wenn wir sie nicht wahrhaben wollen. Und das natürliche Sprachempfinden samt Wortschöpfungen verrät noch mehr: Es ist eben kein Zufall und nicht nur böse reformatorische Ironisierung, wenn im Volksempfinden das Eucharistische oftmals wie Zauberei wirkte und dafür ein Sprachspiel veranschaulichend herhalten mußte: „Hocuspocus", eine Verballhornung der heiligsten Wandlungsworte „Hoc est enim corpus meum..." Das müßte uns zutiefst beunruhigen.

Die großen Fragen und Schwierigkeiten mit Mythologisierung und Entmythologisierung haben aufs engste mit dem tridentinischen Meßopferverständnis und der entsprechenden liturgischen Praxis zu tun. Das alles aber ist heute ja keineswegs erledigt, sondern eine einzige Problemzone. Es handelt sich also bei der tridentinischen Restaurierung um weit mehr als nur um einige glaubensästhetische oder pastorale Angelegenheiten. Die unerledigten Konflikte liegen in der Tiefe, mitten im Spannungsbogen von Vernunft und Religion, Glauben und Wissen. Das war und bleibt das entscheidende Defizit der tridentinischen Liturgie: daß sie dem weiterentwickelten Zeit- und Glaubensbewußtsein diametral zuwiderläuft, sich ihm verweigert. Mystik oder Mythos, Mystagogie oder Mythologie?

Was heißt modern: Mysterium?

Allerdings hat Papst Benedikt XVI. in einem Punkt entschieden Recht: Wir müssen das Mysterium des Eucharistischen wiedergewinnen. Nur wie? Wie finden wir auch liturgisch zu einer modernen Mystik des ewigen Mysteriums - dies nicht gegen die Welterfahrung, sondern mit ihr, nicht gegen die Wissenschaft, sondern mit ihr, nicht gegen die religionsgeschichtliche Erkenntnis, sondern mit ihr, nicht gegen historische Kritik, sondern mit ihr...?

Allein schon die erneute optische Entrückung und Abrückung des Priesters vom Volk kann als Neo-Klerikalisierung wahrgenommen werden. Es mutet viele Gläubige schon sehr eigenartig an, wenn nun behauptet wird, jene Liturgie, in der der Priester den Gläubigen sein Gesicht zuwendet, sei eigentlich viel klerikaler als die mit dem Rücken zum Volk. Unsere Eltern und Großeltern haben das genau entgegengesetzt empfunden. Für sie war die Liturgie des Zweiten Vatikanischen Konzils wie dieses Konzil selber eine wahre Befreiung. Problematisch ist auch, daß der Priester jetzt sogar wieder ohne Volk - allein für sich - Eucharistie feiern darf. In der päpstlichen Anweisung wird der Fall erwogen: „In Messen, die ohne Volk gefeiert werden..."

Es wird nicht thematisiert, liegt aber in der Konsequenz der tridentinischen Empfehlungen, daß auch wieder die frühere kirchliche Raumachse mit „Ostung" im liturgischen Geschehen herausgestellt wird. Die Vorstellung, daß das Heil „aus dem Osten" kommt, entspringt allerdings einem agrarischen Lebensgefühl, das mit dem Licht der aufgehenden Sonne jeden Morgen neu erwacht, in einer städtischen Kultur jedoch obsolet geworden ist. Wer besucht denn wirklich noch am frühen Morgen in einer entsprechend auf das Morgenlicht ausgerichteten Kirche den Gottesdienst? Mangels Priestern sind in den allermeisten Gemeinden echte Frühmessen sogar am Sonntag längst abgeschafft. Das Licht Christi scheint uns Zeitgenossen in der Mitte der Helle des Tages auf, „von oben". Entsprechend ist unsere Symbolik sensibilisiert durch den Himmel, bezogen auf die kosmische Weite des Weltalls, auf den unbekannten Gott in den Tiefen von Raum und Zeit. Wir feiern ja „Christi Himmelfahrt", nicht Christi „Ostenfahrt". Wir bekennen im Glaubensbekenntnis die Inkarnation Gottes: „Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen..." Über Christus, den ewigen Logos, heißt es da: „...aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit..."

Im Gegensatz zum Islam, der mit der Wendung zum „Propheten" nach Mekka in einem mythologischen Bild verharrt, haben wir modernen Christen in einer Epoche atemberaubender kosmo-physikalischer Theorien die Denk- und Symbolform „himmelwärts" nachhaltig entwickelt. Liturgisch würde sich das am ehesten in Zentralbauten oder kreisförmigen beziehungsweise elliptischen Räumen ausdrücken, wo die feiernde Gemeinde - einschließlich des ihr vorstehenden Priesters - ebenfalls kreisförmig aufgestellt tatsächlich mit ihm den Blick betend in eine Richtung lenkt, erhebt, weg von sich selbst und doch in Gemeinschaft Gott entgegen: himmelwärts.

Mann Gottes im Gottesschweigen

Gewiß liegt in den gegenwärtigen Gottesdiensten etliches im Argen, was Peter Steiner in seinem Beitrag „Eine Zeitreise zurück?" (CiG Nr.21, S.173) ausführlich dargestellt hat. Die Fakten sind aber maßlos verzeichnet, wenn man behauptet, daß liturgische Mißbräuche die Regel seien. Daß Kindergottesdienste und Gruppengottesdienste nicht mit Gemeindemessen gleichzusetzen sind, daß sie eine Variabilität und Flexibilität gemäß ihrer besonderen Situation beanspruchen dürfen und müssen, sollte nicht infragegestellt werden. Auch schon zu tridentinischen Zeiten gab es Bergmessen, Jugendgruppenmessen, Wallfahrtsmessen, Frauenmessen, Kriegsgefangenenlager-Messen, die auf die je besonderen Umstände Rücksicht genommen haben und nicht in jeder Hinsicht „liturgisch korrekt" waren.

Es stimmt: Religiös nachdenkliche Menschen suchen wieder Orte des Sakralen, des Heiligen, des Erhabenen - jenseits des billig und oberflächlich Profanen, das uns allüberall umgibt. Viele Gläubige schließen sich innerlich ab gegen manches Geschwätzige im Gottesdienst. Das aber ist nicht ein Problem der nachkonziliaren Liturgie, sondern ein Problem mangelnder geistlicher und intellektueller Durchdringung. Der Priester soll als Mann Gottes Sensibilität entwickeln ebenso für die Abgründe und Erschütterungen der Existenz zwischen Gottesnähe und Gottesferne. Die Liturgie ist so weiterzuentwickeln, daß sie auch dem Erschaudern und Erschrecken im Angesicht des (nicht-) offenbaren Gottes, der Gottesleere, der Gottesfinsternis, des Gottesschweigens Rechnung trägt. Der religiös suchende Einzelne wünscht sich eine Liturgie, die ihn nicht in eine Gemeinde-Ideologie zwangskollektiviert, ohne Entrinnen. Er wünscht sich gottesdienstliche Möglichkeiten zu kleinen Fluchten, Räume zum einfachen Verweilen, unaufdringlichen Anschauen, bloßen Dasein, manchmal Träumen, stillen Flehen. Es braucht nicht weniger, es braucht mehr Liturgie. Mehr Liturgie wagen - viel mehr, auch mehr experimentellen Mut!

Dann auch das Experiment!

Vielleicht sollte man die aktuellen päpstlichen Weisungen gelassen sehen: Papst Benedikt XVI. hat ja faktisch - ob gewollt oder ungewollt - zu einem Wettbewerb eingeladen. Nun kann sich in demokratischer Abstimmung mit den Füßen zeigen, welche Liturgie wirklich die unserem Zeit- und Lebensgefühl angemessenere, welche die - trotz allem - bessere, weil erschütternde und ergreifende ist, die die Menschen anzieht. Das bisherige Argument, daß liturgische Einheit gerade in der Feier der Sonntagsmesse notwendig sei, hat Papst Benedikt XVI. selber etwas preisgegeben, indem er nun auch im lateinischen Teil der Weltkirche faktisch zwei Liturgien zur freien Wahl stellt. Das heißt: Pluralität gilt jetzt auch im römisch-westlichen Segment, nachdem die mit dem Papst verbundenen Ostkirchen ohnehin bereits ihre eigenen vielfältigen liturgischen Formen besaßen. In der nicht mit dem Papst verbundenen altorientalischen Assyrischen Kirche des Ostens war vom Vatikan sogar ein Hochgebet ohne Einsetzungsworte als vollgültig anerkannt worden, das von Addai und Mari. Schafft das Platz für noch mehr Vielfalt auch bei uns?

Der Komponist Hans Zender, der sich aus ästhetisch-musikalischen und historischen Gründen für die Wiederzulassung der tridentinischen Messe ausgesprochen hat, verlangt Konsequenzen ebenso in andere Richtungen. Er meint: „Es müßte gelingen, durch einen Rekonstruktionsprozeß die alte Liturgie in ihrer reinen Form wieder sinnlich erlebbar (und erst so wieder geistig fruchtbar) zu machen und kontinuierlich zu pflegen. Daneben könnte es ja viele andere Formen geben, sogar experimentelle. Wenn zum Beispiel wir als Musiker gelernt haben, durch einen Rekonstruktionsprozeß von Instrumenten, Artikulation, Intonation et cetera mittelalterliche oder barocke Musik als wesentliche Teile unserer Geschichte neu lebendig zu machen, heißt das ja nicht, daß wir keine andere Musik mehr spielen oder keine neue - vielleicht unerhört neue! - mehr schreiben..."

Das muß ebenso für die Liturgie gelten. Wenn wir „alte" Liturgien haben, brauchen wie um so mehr „neue". Und wenn Papst Benedikt durch die Erlaubnis der tridentinischen Messe den weltweit vielleicht 500 traditionalistisch orientierten Geistlichen und einigen hunderttausend Gläubigen wie einem verlorenen Schaf nachgeht, so wäre es im gleichen Atemzug nur folgerichtig, auch Entscheidungen zugunsten jener Millionen Gläubigen zu treffen, die sonntags mangels Priesters überhaupt keine Möglichkeit haben, die österliche Eucharistie zu feiern. Was geschieht darüber hinaus für jene vielen tausend Priester, die am verpflichtenden Zölibat gescheitert sind, die aber trotzdem Priester auf Ewigkeit sind - nach der Ordnung Christi? Wir brauchen da nicht mehr tridentinische Liturgie - wir brauchen mehr Priester, gute intellektuell wie emotional bewährte jüngere - und auch ältere - Männer der Welt als Männer Gottes, die es durchaus gäbe, wenn es die Zölibatspflicht für Gemeindegeistliche in der lateinischen Teilkirche nicht mehr gäbe.

Ganz ausgeschlossen ist es nicht, daß restaurative Tendenzen Spannungen verschärfen, daß durch die tridentinische Meßfeier Gemeinden noch heftiger gespalten werden, in denen ohnehin schon der Spaltpilz lauert. Es gibt nicht wenige Priester aus den sogenannten neuen geistlichen Bewegungen, die jetzt schon als Gemeindepriester Teile der Gläubigen gegen sich aufbringen - oder zulassen, daß diese in die innere Emigration abwandern. Was wird geschehen, wenn einzelne Pfarrer mit ihrer persönlichen Vorliebe für tridentinische Liturgie nun erst recht innerkatholische Kulturkämpfe provozieren?

Einheit durch Vielfalt

Nicht wenige Bischöfe sehen das jüngste Motu Proprio mit großer Sorge. Der Papst sagt im Begleitschreiben an die Bischöfe, daß durch die neuen Bestimmungen nichts an ihrer „Autorität und Verantwortlichkeit" geschmälert werde. Dagegen formuliert das Motu Proprio im Artikel 7: „Wo irgendeine Gruppe von Laien durch den Pfarrer nicht erhalten sollte, worum sie... bittet (gemeint ist die tridentinische Meßform, Red.), hat sie den Diözesanbischof davon in Kenntnis zu setzen. Der Bischof wird nachdrücklich ersucht, ihrem Wunsch zu entsprechen. Wenn er für eine Feier dieser Art nicht sorgen kann, ist die Sache der päpstlichen Kommission ,Ecclesia Dei' mitzuteilen."

Zur Stunde ist nicht wirklich abzuschätzen, welche Folgen der päpstliche, aus „eigenem Beweggrund" - das bedeutet „Motu Proprio" wörtlich - vorgetragene Beschluß haben wird, die tridentinische Messe und entsprechende Sakramentenspendung wieder weitgehend frei zuzulassen. An den (Nicht-) Reaktionen der Bevölkerung zeigt sich, daß dies ihr recht gleichgültig ist. Selbst unter Katholiken, von denen die mittlere und jüngere Generation beschleunigt auf gottesdienstliche Distanz geht, stößt der Wille des Papstes auf weitgehendes Desinteresse. Schrumpft der ganze Aufwand für die tridentinische Liturgie am Ende auf ein wenig exotisches Schnupperinteresse zusammen? Es sollte doch um eine in die Zukunft weisende Wiederbelebung des Herrenmahls gehen.

Nein: Es ist Zeit für weitergehende liturgische Reformen - in der katholischen Glaubenswelt ebenso wie in der orthodoxen und protestantischen, wenn Christsein im dritten Jahrtausend nach Christi Geburt neu zukunftsfähig werden will. Sollte der päpstliche Bruch mit dem bisherigen liturgischen Einheitsgedanken - paradoxerweise um der Einheit willen - eine Hilfe für künftige Reformen sein, dann hätte die tridentinische Restauration vielleicht sogar in unerwartete Richtung Gutes.


CiG 29/2007

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