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Wie gefährlich ist Religion?
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Von Johannes Röser |
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Gott ist gefährlich." So war ein ganzseitiger Artikel von Ulrich Beck in der „Zeit"-Weihnachtsausgabe überschrieben (vgl. CIG Nr. 2, S. 24). Der Münchener Soziologe „betet" darin gängige Verdächtigungen gegen den Monotheismus nach. Der Ein-Gott-Glaube - allerdings nicht nur er - berge einen totalitären Kern: die Unterscheidung zwischen denen, die glauben und somit dazugehören - und allen anderen. Ein gewisser humanitärer Anstrich wird den Religionen zugestanden. Sie predigten ja Nächstenliebe. Und: „Vor Gott sind alle gleich." Der egalitäre Grundzug ebne Gegensätze von Herr und Knecht ein, zumindest theoretisch. Die Grenzen zwischen Klassen, Rassen, Nationen, Kulturen, Gesellschaften verschwimmen. „Religionen können Brücken zwischen den Menschen bauen, wo Hierarchien und Grenzen existieren."
Zugleich aber reißen sie nach Beck neue Abgründe auf. „Der humanitäre Universalismus der Glaubenden beruht auf der Identifikation mit Gott und auf der Dämonisierung der Opponenten Gottes, die … ‚Diener des Satans' sind. Das Samenkorn religiös motivierter Gewalt liegt im Universalismus der Gleichheit der Glaubenden begründet, die den Anders- oder Ungläubigen entzieht, was dem Glaubenden verheißen ist: Mitmenschenwürde, Gleichheit in einer Welt von Fremden." Der Intellektuelle versteigt sich schließlich zu einer albernen Polemik: „Die Gesundheitsminister warnen: Religion tötet. Religion darf an Jugendliche unter achtzehn Jahren nicht weitergegeben werden."
Becks Hoffnung ist, dass sich die Menschen allmählich von einer institutionell verfassten Religion verabschieden und stattdessen mehr ihrem Adjektiv zuwenden: „religiös" sein. Die Rettung der Welt aus den Klauen der Religion erwartet er von einer eher unbestimmten, vagen religiös-spirituellen Haltung, die nicht unterscheidet, nicht ausschließt, sondern im „Sowohl-als-auch" aufgeht. Gemeint ist eine synkretistische Toleranz im Sinne: Mein Gott ist okay, dein Gott ist okay. Also ist alles okay. Die Wahrheitsfrage solle man ausklammern. Das Religiöse soll Frieden stiften, nicht nach Wahrheit bohren.
Wie gefährlich ist Unglaube?
Dabei sitzt Beck dem klassischen Vorurteil auf, wonach überzeugte Gläubige intolerant seien und Anders- beziehungsweise Ungläubigen den „Status des Menschen" absprechen. Offensichtlich kennt Beck nicht den Befund des neuen „Religionsmonitors 2008" (vgl. CiG Nr. 4). Eines der interessantesten Ergebnisse lautet: Gerade die frömmsten Christen sind besonders nachdenklich und hinterfragen kritisch ihren eigenen Glaubensweg. Diese Religiösesten erweisen sich unter allen Menschen als die tolerantesten, während Nicht-Glaubende die geringste Toleranz gegenüber Glaubenden aufbringen. Die Konfessionslosen betrachten ihren eigenen Unglauben am allerwenigsten kritisch. Sie sind in dieser Hinsicht sogar die „Fundamentalistischsten". Von daher müsste man eher sagen: Nicht Gott ist gefährlich, sondern der Unglaube.
Das beweisen sogar die historischen Fakten. Denn die größten Bewegungen des Atheismus haben im 20. Jahrhundert in Verbindung mit Stalinismus, Maoismus und Nazitum auch die größten Verbrechen aller Zeiten gegen die Menschlichkeit verursacht. Darüber verliert Beck kein Wort. Er spricht zwar vom staatlich verordneten Antisemitismus, an keiner Stelle jedoch vom staatlich verordneten Atheismus.
Unter dem Titel „Gott lässt uns wählen" hat nun ebenfalls eine Soziologin - Tine Stein vom Wissenschaftszentrum Berlin - eine Erwiderung geschrieben („Zeit", 3. Januar). Es sei eine Legende, dass Religion kriegerisch und autoritär sein müsse. Zwar kann man Kreuzzüge, Inquisition und manch gewalttätige Mission nicht entschuldigen. Doch kriegerische Zwangsbekehrungen blieben im Lauf der Geschichte die Ausnahme. Gerade Judentum und Christentum sind davon überzeugt, dass der Glaube an Gott auf dessen Gnade und damit auf einer freien Herzensentscheidung des Einzelnen beruht. Schon die Schöpfungserzählung thematisiert die Freiheitswahl bei Adam und Eva. Als Ebenbild Gottes können sie gute, gottwohlgefällige Entscheidungen fällen - oder sündigen. Sie werden zwar aus dem Paradies vertrieben, nicht jedoch von Gott verstoßen, der sie fürsorglich mit Fellen als Schutz bekleidet. Gott lässt sogar den Brudermörder Kain weiter Mensch sein und stattet ihn mit einem mysteriösen Schutzzeichen aus, obwohl er Gottes Willen verraten und seine Freiheit missbraucht hat. „Es wäre eine sehr verengte Sichtweise, in der Religion nur das orthodoxe Moment zu sehen und nicht das paradoxe, wonach es neben dem Gottesrecht auch die freie Entscheidung gibt, dieses anzunehmen - oder zu verwerfen", gibt die Soziologin zu bedenken. Allerdings habe es eine „unfassbar lange Zeit" gebraucht, bis sich diese Erkenntnis durchsetzte, „dass um der inneren Freiheit willen ein Zustand äußerer Freiheit notwendig ist, der von einer irdischen Macht garantiert werden muss. Mit der äußeren Freiheit ist das Recht gemeint, einen Glauben zu haben, abzulegen oder zu wechseln."
Tine Stein spricht aus, was Beck verschweigt: „Es gibt keinerlei Hinweise, dass Gesellschaften, in denen Religion verdrängt wird, friedvoller wären. Gewalt ist etwas, was zum Menschen gehört. Nicht die Religion hat den Nationalstaat zu der Brutalität entfesselt, die in den totalitären Regimen … wütete, sondern die jeweiligen säkularen Heilserwartungen… Auch mit irdischen Heilsversprechen kann der fundamentalistische Furor entfacht werden."
Wer macht Krieg?
Wenn man die Rechnungen öffentlicher Gewalt aufmachen würde, müsste man vermutlich feststellen, dass 99 Prozent der Kriege von Politikern und nicht von Priestern entfesselt wurden - und dass immer politische, ökonomische oder soziale Machtambitionen die erste Rolle spielten. Religion kam - wenn überhaupt - erst nachgeordnet zur Bestätigung oder Sakralisierung weltlicher Interessen dazu. Dass der egalitäre Zug der Religion nicht verhindern konnte, dass zum Beispiel Christen Christen abschlachten, haben wir in Europa hinreichend grausam erfahren - und erleben wir in Ruanda, im Kongo, in Kenia fortgesetzt. Man kann daraus eigentlich nur eins schlussfolgern: Nicht Religion ist gefährlich, sondern: Politik. Niemand käme deshalb auf die absurde Idee, Politik abschaffen oder - analog der Religion - durch ein vages Gefühl ersetzen zu wollen, dass man sich nur irgendwie gemäß dem Adjektiv „politisch" fühle. Noch unsinniger wäre es zu verlangen, dass Politik auf die Wahrheitsfrage und damit auf die Plausibilität von Argumenten und das Ringen um Zustimmung verzichtet.
Religion ist nicht Religion
Es bleibt dabei und ist historische Wahrheit: Die größten Kriegstreiber waren nicht Religionsführer, sondern politische Machthaber. Allerdings muss man religiös selbstkritisch fragen, warum der Glaube so oft kläglich versagte, warum er sich allzu häufig als „staatstragend" missbrauchen ließ, statt immunisierend Widerstandspotenziale zu wecken. Jedenfalls bestätigen gerade die Glaubenstragödien, dass Religion im Gegensatz zu Becks Vermutung nicht stark, sondern wesentlich schwach angelegt ist. Sie kann allein von innen her wirken, durch Überzeugung, Bildung, Charakter- und Gewissensbildung, durch Freiheit. Religion hat keine Hoheit über martialisch-materialistische Waffen. Sie gibt zu deren Anwendung nicht den Einsatzbefehl. Religion kann allenfalls auf die Waffen des Geistes zur Unterscheidung der Geister setzen.
Zu solchem Differenzierungsvermögen gehört, die Religionen nicht in einen Topf zu werfen. Religion ist nicht gleich Religion, wie man allein schon an den in ihrem Charakter diametral entgegengesetzten Gründungsgestalten von Islam und Christentum sieht: Da ein als Prophet bezeichneter Kriegsherr, hier ein radikal-pazifistisch auftretender Messias, der keine Gewalt anwendet, wohl aber durch fremde Gewalt umkommt. Ursprünge prägen eben jeweils auch spezifisch die Wirkungsgeschichte einer Religion - oft über Jahrhunderte, Jahrtausende hinweg. Selbst von einem Soziologen, der kein Theologe und kein Religionswissenschaftler ist, kann man da Differenzierungsvermögen erwarten. Die Christus-Religion ist eben substanziell anders als andere Religionen.
Tine Stein scheut sich daher nicht, als sorgfältig analysierende Soziologin auch auf Geistesgeschichte und damit auf Theologie zu verweisen: „In der Gestalt des gekreuzigten Gottessohnes verdichtet sich die Vorstellung einer unverlierbaren Würde. In der Zurschaustellung des qualvollen Todes mit dem Ziel der absoluten Erniedrigung des Menschen bewahrt der Gekreuzigte trotz der äußeren Umstände doch seine innere Würde. Dass die Würde in diesem Sinne unantastbar ist, diese Erkenntnis hat ihren geistesgeschichtlichen Ursprung im Zentrum der christlichen Überlieferung… Unter der Bedingung des Pluralismus gibt es selbstverständlich unterschiedliche Begründungszugänge, die gleichermaßen Legitimität beanspruchen können, religiöser wie philosophischer Natur - aber zu behaupten, Religion sei gewissermaßen die Vernichterin der Idee einer gleichen Würde, ist historisch wie systematisch absurd." Man könnte in diesem Zusammenhang ebenso erwähnen, dass sich die moderne Menschenrechtsidee samt Demokratie zuerst im christlichen Kulturkreis durchgesetzt hat, wenn auch im Streit gegen den Antimodernismus des kirchlichen Lehramts, keinesfalls jedoch gegen das Modernisierung wünschende Kirchenvolk.
Der Wille zur Wahrheit
Die Soziologin widerspricht der Behauptung, das Ziel interreligiöser Toleranz dürfe nicht Wahrheit, sondern einzig Frieden heißen. Die Suche nach Wahrheit, die Neugier, Wahres erkennen zu wollen, sei dem Menschen wesenhaft in die Wiege gelegt. Das betrifft alle Bereiche des Lebens, wissenschaftliche Entdeckungen genauso wie die intimen Beziehungen. Nicht minder gilt es fürs Religiöse, für Gotteserkenntnis durch Welterkenntnis. Der Wille zur Wahrheit lässt sich „nicht durch einen Willensbeschluss aus der Welt" schaffen. „Und ebenso wenig durch die postmoderne ‚Wahrheit', dass es keine Wahrheit gebe."
Abschließend macht Tine Stein darauf aufmerksam, dass wesentliche Anstöße für ein Weltethos von den Religionen ausgehen, jedenfalls erheblich mehr als von der Politik oder von säkular-humanistischen Ideen. „Es zeigt sich auch in dem transnationalen Engagement vieler zivilgesellschaftlich aktiver Frauen und Männer, die sich ihren Mitmenschen verpflichtet fühlen und deren Motivation oftmals religiös fundiert ist." Gewiss sehen wir immer ein „ambivalentes Bild" der Religionen. Sie können für nicht-religiöse Zwecke instrumentalisiert werden, Konflikte anheizen. „Aber zugleich stellt die Religion selbst die Hoffnung dar, dass der Mensch seiner Gefährdung nicht erliegt." Auch die Widerstandskraft der Religion wirkt - politisch.
CIG 5/2008
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