68. JAHRGANG 2016WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. Juni 2016

Wehe euch ihr Reichen!?
Von Johannes Röser
Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt!" Jesus scheut klare Worte nicht, weder im Matthäus-Evangelium, gerichtet an die Jünger nach dem kurzen Dialog mit dem reichen Jüngling, der sich traurig davonschleicht, noch in der provokativen Feldrede bei Lukas. Der Gottessohn und Menschensohn formuliert seine Gesellschaftskritik da noch ungeheuerlicher: „Wehe euch, ihr Reichen, denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten!"

Wer aber will das schon hören? Längst ist es üblich, derart unangenehme Wahrheit blasiert als „Neiddebatte" abzutun, so als ob Jesus der größte Neidhammel der Menschheit gewesen wäre, als er den Leuten ins Gewissen redete. Wenn schon nicht als Verunglimpfung, ginge solche Belehrung heute bestenfalls als Publikumsbeschimpfung durch, von einem Mann, der von ökonomischen Gesetzen nicht die blasseste Ahnung hat. Ein weltfremder Jesus, der in den einschlägigen Talkshows von Finanz- und Wirtschaftsexperten aufs Leichteste der Lächerlichkeit preisgegeben würde: Seht da den - ökonomisch dummen - Menschen!

Kein Wunder, dass bereits früh in der Kirchengeschichte die Verdrängung begann. Die ungemütlichen Jesusworte über den Reichtum und die Reichen gehören zu den am heftigsten tabuisierten der „Frohen" Botschaft. Nicht nur das Volk hört gern darüber hinweg, besonders nachhaltig auch seine Führung, ob im feudal-säkularen oder feudal-sakralen Amt. Die finanzschweren Wellness-Erfolgsprediger der protestantischen Megachurches von heute stehen da den Kardinalsfamilien und Fürstbischöfen von einst in nichts nach.

In entscheidenden Punkten kann man auch als Durchschnittsverdiener mit jener Jesus-Botschaft fürs Leben nicht viel anfangen. Wir stehen nicht mehr wie er unter dem Eindruck der Naherwartung, unter dem „Aberglauben" also, dass die Gottesherrschaft unmittelbar-bald einbricht. Die Jesus-Nachfolger müssen sich bereits seit 2000 Jahren damit abfinden, dass das irdische Leben schlichtweg weitergeht wie bisher, dass man also vorsorgen muss, um nicht unterzugehen. Wenn Gott mit seinem Heil ausbleibt, wer will es uns dann verdenken, dass wir uns mit Hilfe unserer Banken um ein bisschen Wohl kümmern?

Milliardäre - Auserwählte Gottes?

Trotzdem blieb die Theologie der Besitzlosigkeit ein ständiger Stein des Anstoßes. Ordensgemeinschaften zum Beispiel, die reich, protzsüchtig und überheblich wurden, mussten von Zeit zu Zeit durchs radikale Feuer der Entsagung, um mit ­Reformen spirituell erst wieder überlebensfähig gemacht zu werden. Nur: Der Weltmensch ist kein Ordensmensch. Wo liegen für uns die gesunden Balancen oder Grenzen?

Manchmal wusste das selbst die Theologie nicht so genau - und spielte sich manchen Streich. So wurde im Calvinismus aus der Theologie der totalen Armut vor Gottes Gnade eine Theologie des Reichtums an irdischen Gütern. Wie? Das hat der Soziologe Max Weber zu erklären versucht: Der allein durch Gnade zum ewigen Seelenheil vorherbestimmte Mensch möchte diesseitig erfahren, ob ihn das Glück des Himmels trifft oder das Unglück der Verdammnis. Woran aber kann man es messen? Es gibt einen Indikator: das Wohlergehen, den wirtschaftlichen Erfolg. Der Tüchtige ist demnach der Gerettete. So wird es verständlich, wenn die Psychologie dem unruhigen Menschen zu Hilfe kommt, um den irdischen Erfolgsquoten nachzuhelfen, sodass sich an ihnen der ewige Erfolg schon jetzt ablesen lässt. Durch Leistung zur leis­tungsfreien Gnade. Für Weber ist der Weg vom Vorherbestimmungsglauben zum US-Kapitalismus, vom Geist des Christentums zum Geist der modernen Ökonomie nicht weit.

Gemäß dieser Anschauung könnten sich die Milliardäre und Millionäre als besonders Auserwählte Gottes, als seine Lieblingskinder betrachten. Die ungeheuren Kapazitäten weltweiter Finanzmobilität, in Bruchteilen von Sekunden elektronisch um den Erdball gepulst, machen es möglich, dass nicht wenige inzwischen auch materiell tatsächlich aus reiner Gnade, vom puren Nichtstun leben können. Denn Geld vermehrt sich ab einer gewissen Menge fast automatisch - durch Spekulation, Verwaltung, die man am besten anderen überlässt. So wie die physikalische Schwerkraft Masse anzieht und mit verdichteter Masse noch stärkere Anziehungskräfte ausbildet, potenziert sich ab einer gewissen Menge Reichtum aus sich selbst.

Interessant ist, dass die meisten Superreichen nach wie vor im ökonomisch besonders erfolgreichen christlichen Kulturkreis leben - und dass ihre Zahl hier sprunghaft ansteigt, wobei andere Zivilisationen, vor allem Japan, China, Indien, Südkorea und die arabischen Staaten, kräftig nachholen. Die „Zeit" (4.9.) hat auf ihrer Wirtschaftsseite dieses besondere globale „Wachstums"phänomen beleuchtet: Demnach leben momentan 1200 Milliardäre auf der Welt mit einem Vermögen von insgesamt 4400 Milliarden Dollar, eine Steigerung allein gegenüber dem Vorjahr ums Vierfache. Dazu kommen elf Millionen Millionärshaushalte. „Eine neue Klasse ist entstanden: Kinder der Globalisierung, grenzenlos reich." Und sehr jung! Um die Dimensionen des Unvorstellbaren wenigs­tens ein bisschen abschätzen zu können, ist vorgerechnet worden, dass ein derart Superreicher etwa für Partys, Essen, Sport, Reisen… jede Stunde rund 200 000 Dollar ausgeben müsste, nur um nicht noch reicher zu werden. Selbst Börsenabstürze oder Preisexplosionen machen diesen Menschen nichts aus. Sie haben soviel Geld, dass es ihnen völlig egal ist, ob eine Benzinfüllung ihrer Luxus-Yacht 60?000 oder 600?000 Euro kostet.

„Spiegel-online" stellt fest: „Tendenziell ist das Vermögen der sehr reichen Haushalte weltweit stärker gestiegen als das der weniger reichen Haushalte. Und die Vermögenswerte sind nach wie vor extrem ungleich verteilt. 0,8 Prozent aller Haushalte sind Millionärshaushalte - sie besitzen aber 35 Prozent des weltweit verwalteten Vermögens." Bei den Besitzenden ganz oben steht der „christliche" Westen, angeführt von den USA. Dort gibt es über 3,1 Millionen Millionäre. Es folgt Japan mit knapp 800 000. Dann kommen in Europa Großbritannien mit über einer halben Million, Deutschland mit rund einer halben Million. Frankreich und Italien schließen sich an. Außereuropäisch gewaltig nachgezogen hat das „arme", „katholische" Brasilien mit über zwei Millionen Millionärs-Familien. Auch das orthodoxe Russland steigert sich von Jahr zu Jahr. Inzwischen gibt es dort über 130?000 Millionäre, im hinduistischen Indien mehr als 140 000. Das kommunistische China übertrumpft die meisten Staaten des kapitalistischen Westens mit annähernd 400 000 Millionären. Gemessen an der eher geringen Bevölkerung sind arabische Erdöl-Staaten die allerreichsten.

Das heißt: Unabhängig von der Religion, von spirituell geprägten Askese-Idea­len nimmt sowohl in den christlichen wie in den islamischen, hinduistischen oder buddhistisch-konfuzianisch geprägten Zivilisationen die Gier nach Reichtum in unvorstellbarem Ausmaß zu. Vom materiellen Schub profitieren nach wie vor fast nur die sogenannten Eliten. Die traditionelle volkswirtschaftliche Vorstellung, dass Reichtum irgendwann einmal irgendwie nach unten durchtröpfelt - man spricht vom „trickle-down-Effekt" - erweist sich als überholt, als Irrlehre. Die exponentiell wachsende Potenz der Obersten geht einher mit einer permanenten Enteignung der finanziell Schwächeren. Innerhalb der großen Wirtschaftssysteme bilden sich Sonder-Wirtschaftskreisläufe heraus, die kaum noch mit dem Ganzen kommunizieren, wo Reichtum im Grunde nur noch Reichtum bedient und nach außen hin Verdrängungsprozesse verschärft.

Wer wenig hat, erhält an realer Kaufkraft und realem Vermögen immer weniger. Die Reicheren können für sich immer mehr besetzen: von Bildungschancen über Ländereien bis zu Wohneigentum. Das besonders Fatale daran ist jedoch, dass Reichtum nicht nur die Luxusgüter verteuert, an denen ohnehin bloß die Reichsten interessiert sind. Vielmehr schlagen inflationäre Überbietung und hohe Rendite-Erwartungen auch auf einfache Grund-Produkte fürs Volk durch. Die massiven globalen Steigerungen gerade der Nahrungsmittelpreise hängen auch damit zusammen, dass Nahrungsmittelkonzerne höhere Gewinne erwarten - bei gleichzeitiger Verknappung der Ressourcen, also des Anbaus. Denn investiert wird inzwischen lieber in agrar-industrielle Komplexe, die zum Beispiel Pflanzen für Treibstoffe anbauen und entsprechende Gewinne erwarten lassen. Dagegen wird die pure Nahrungs-Landwirtschaft in vielen Weltgegenden vernachlässigt, weil die großen Investment-Gesellschaften dort nicht das große Geld erwarten und daher auch an dieser Stelle nichts einsetzen.

Manche Wirtschaftswissenschaftler vermuten, dass wir es global weniger mit einem Armuts- als mit einem Reichtumsprob­lem zu tun haben. Kapital verteilt sich auf eine Weise, dass es Leistungs- und Chancengerechtigkeit unterläuft. Zwar heißt es, dass sich Leistung lohnen muss und dass bloße Umverteilung ökonomischer Unsinn sei, weil sie die Eigeninitiative lähmt und den Menschen zur Passivität erzieht. Faktisch jedoch haben wir es längst mit einer Umverteilung gigantischen Ausmaßes zu tun - weniger von ganz unten nach oben als von der Mitte nach ganz oben. Die ökonomisch absurde Umverteilungspolitik, wie sie Realität ist, kommt also den Reichsten zugute. Darum müssen die Allerreichsten nichts mehr leisten und können allein ihr Geld in reinster Passivität „arbeiten" lassen.

Wenn die Mitte schrumpft

Die „Zeit" sagt dazu: „Viele Ursachen, eine Wirkung: In aller Welt schrumpft die Mitte, während die Extreme wachsen: Arm und Reich." Das aber heißt, dass die klassischen bürgerlichen Schichten, die nachhaltig unsere demokratischen Gesellschaften tragen und für den notwendigen Lastenausgleich sorgen, schleichend schwinden. Die Hamburger Wochenzeitung verweist auf Studien des amerikanischen Ökonomen Robert H. Frank, wonach „die Höchstverdiener mit ihrer Kaufwut die Mittelschichten in die Enge" treiben. Gehobene Durchschnittsverdiener bekommen bereits Probleme, weil sie nicht mithalten können.

Eine andere Seite ist die exzessive Protzsucht und berauschende Prasserei unter den neuen „Eliten". Da bauen sich bereits Milieu-Gegensätze unter den Reichen selber auf. Auf der einen Seite gibt es immer noch die - zumindest in Teilen - kultur- und moralorientierten Altreichen, auf der anderen Seite gewinnen jedoch immer mehr die fast schon vulgär plebejischen Aufsteiger-Typen ohne Anstand, Moral und Bildung an Einfluss. Während die Millionäre von gestern nicht selten persönlich bescheiden leben und als verantwortungsvolle Unternehmer versuchen, ihr Geld so anzulegen, dass es Arbeitsplätze mit ordentlichen Gehältern schafft, verschleudert der neue Typ der Superreichen seine exponentiell gesteigerten Einnahmen im puren Luxuskonsum: Party, Party, Party mit Promi, Promi, Promi. Derartige Neureiche kaufen sich unter anderem Fußballclubs mit Fußballmillionären zum eigenen Prestige ein, als Hobby, wie eine Spielzeugeisenbahn. Brot und Spiele - während das Volk ruhiggestellt wird? Wie lange jedoch funktioniert solches Spiel - für die Spieler wie für ihre heimlichen oder hysterischen Bewunderer?

Ein Psychotherapeut der Superreichen, Byram Karasu, sagt zu diesem Trend: „Das Problem beginnt für viele nach den ersten fünf Milliarden: Was ist der Sinn des Lebens? Zunächst war der einzige Zweck, es ganz nach oben zu schaffen. Danach wird das Verdienen von immer mehr Geld zu einem Spiel… Ich versöhne sie mit sich selbst, mit ihrem Reichtum und mit ihrer Sterblichkeit."

Selbst der beeindruckende Stiftungsboom, mit dem sich viele Reiche ein Denkmal der Menschenfreundlichkeit setzen, wird inzwischen skeptisch betrachtet. Zitiert wird der Düsseldorfer Reichenforscher Thomas Druyen, der die „Ökonomie der Großzügigkeit" lobt, jedoch vermutet: „Wenn wir in Deutschland eine optimale philanthropische Bereitschaft erwirken könnten, wird es nicht mehr als zehn Prozent des Einkommens sein. Damit können wir die sozialen Probleme nicht kompensieren."

Das wohl ist der entscheidende Grund für die aktuelle politische Unruhe in vielen wohlhabenden Staaten. In Deutschland zeigt sich das in der Aufsplitterung der Parteienlandschaft und in den Flügelkämpfen in den einstmals großen Volksparteien. Der Verlust der Mitte hat vielerorts begonnen. Sie wiederzugewinnen, ist das bedrängende, große Thema nicht nur der Sozialdemokratie, die gerade heftige Turbulenzen erlebt. Es ist dasselbe Problem unserer Christdemokratie, die, gemessen an ihren Glanzzeiten, derart hinabgesunken ist, dass sie über magere 35 Prozent auf Bundesebene kaum noch hinauskommt. Eine große Koalition hätte die Chance gehabt, nicht nach einer neuen Mitte zu suchen, sondern eine neue Politik für die alte Mitte zu entwerfen. Solche Zeitfenster öffnen sich nicht allzu lange.

„Eigentum verpflichtet"!

Tatsächlich bleiben die eingangs erwähnten unbequemen Jesusworte auch realpolitisch aktuell, ebenso wie die nicht minder tabuisierte Aussage des vor Gott und den Menschen verantworteten Grundgesetzes in Artikel 14, Absatz 2: „Eigentum verpflichtet." Näherhin: „Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Der Erfolg der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik wird mehr und mehr von diesem Artikel des Grundgesetzes abhängen.

Die soziale Frage hat nationale Grenzen längst gesprengt. Wie soziale Marktwirtschaft unter geänderten Bedingungen global verwirklicht werden kann - das ist die große Herausforderung nationaler wie internationaler Politik. Davon hängt mehr und mehr der innere wie der äußere Friede ab. Globalisierung ist kein Schicksal. Die angeblich unabänderlichen ökonomischen Gesetze sind keine Naturgesetze. Sie werden von Menschen gemacht und gestaltet - wie alle übrigen politischen Gesetze auch. So bleibt es spannend, wie Weltaußen-, Weltfinanz- und Welthandelspolitik zusammenfinden und sich wandeln zu einer wirklichen Weltsozialpolitik. Das völlig überhitzte, exzessive Milliardärs- und Millionärsunwesen weiter zu fördern, kann nicht das Ziel gesunder Politik sein. Ihre Mitte bleibt der rechtschaffene, leistungsorientierte, bildungswillige Bürger, der die Demokratie trägt. Er ist es, der durch anständiges Arbeiten anständiges Geld verdienen soll, weil er anständig leben und keineswegs unanständig prassen, geschweige denn faulenzen will.


CIG 38/2008


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