69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 23. April 2017

Pius XII. und die Juden
Eine Analyse des Pontifikats Pius' XII.
Von Dominik Burkard

Sollte man aufatmen dürfen? Ist endlich die Zeit gekommen, dass Papst Pius XII. Gerechtigkeit widerfährt - wie der Kirchenhistoriker Walter Brandmüller jüngst in Rom bei der Eröffnung der Ausstellung „Pius XII. Der Mensch und das Pontifikat (1876-1958)" betonte? Der Präsident der Päpstlichen Kommission der historischen Wissenschaften erläuterte, es genüge hierfür, „die historische Wahrheit" bekanntzumachen und einen neuen Zugang zu diesem großen Papst zu finden. „Die Angriffe auf Papst Pacelli" könnten sich schließlich „nicht auf die seriöse historische Forschung stützen, die in immer überzeugenderer Weise deren Unbegründetheit" beweise.

Tatsächlich war es am Rande der letzten Bischofssynode über „Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche" zu heftigen Turbulenzen um Pius XII. gekommen, als der von Benedikt XVI. als Sondergast eingeladene Oberrabbiner von Haifa, Shear Yashuv Cohen, in einem Interview die vom Papst am 9. Oktober gefeierte Gedenkmesse zum fünfzigsten Todestag von Pius XII. scharf kritisierte und sich gegen eine Seligsprechung des Papstes wandte. Pius habe während des Zweiten Weltkriegs seine Stimme nicht zur Rettung der Juden erhoben. Daraufhin teilte der Jesuit Peter Gumpel, der das Seligsprechungsverfahren befördert, der Presse mit, Benedikt XVI. habe die Absicht, „möglichst bald" Israel zu besuchen; er werde dies jedoch nur tun, wenn in dem Jerusalemer Holocaust-Museum von Yad Vashem eine Bildunterschrift entfernt oder richtiggestellt werde. Die darin erhobenen Behauptungen über Pius seien historisch eindeutig falsch und beleidigend. Sowohl der Vatikan als auch Israel versuchten daraufhin, die politisch hochgehenden Wogen zu glätten.

Weihnachtsbotschaft von 1942

Die Ausstellung über Pius XII., die aus Anlass seines fünfzigsten Todestages in Rom eröffnet wurde und die vom 23. Januar bis zum 7. März im Charlottenburger Schloss in Berlin und anschließend in München und in den USA zu sehen ist, dürfte mit den Bemühungen um ein positiveres Pacelli-Bild und die baldige Seligsprechung zusammenhängen. Tatsächlich ist man im Vatikan inzwischen der vielen Diskussionen überdrüssig. Darauf scheint nicht nur die Ausstellung und eine Fach­tagung über „Das Erbe des Lehramts von Pius XII." hinzuweisen, die in Rom stattfand, sondern auch die Ankündigung, in etwa zwei Jahren die vatikanischen Akten des Pontifikats der Forschung zugänglich zu machen.

Gleichwohl dürfte es doch nicht so einfach sein, die Kritik an Pius XII. zum Verstummen zu bringen, wie Brandmüller meint. Denn die alte Pilatusfrage „Was ist Wahrheit?" bringt uns auch heute in Verlegenheit. Hat sich doch bei Historikern die Überzeugung durchgesetzt, dass Quellen keineswegs schlicht „historische Wahrheit" bezeugen. Quellen sprechen nicht aus sich selbst heraus, sie müssen erst befragt werden. Doch wie dies geschieht und wie die Antworten zueinander und zu weiteren Fakten in Beziehung gesetzt werden, das ist eine Frage der Gewichtung durch die Interpretation des einzelnen Historikers. Und so wundert es nicht, dass letztlich - trotz gleicher Quellen - mitunter differierende, ja gegensätzliche „Bilder" entstehen.

Dies zeigte sich zuletzt in dem Streit um die Interpretation der Weihnachtsbotschaft Pius' XII. von 1942. Ausgelöst worden war er dadurch, dass Benedikt XVI. im Zusammenhang mit dem fünfzigsten Todestag Pacellis wiederholt die Haltung seines Vorgängers gegenüber der nationalsozialistischen Judenvernichtung verteidigte. Dabei hatte er an die Radioansprache Pius' XII. erinnert, in der dieser „mit hörbar bewegter Stimme" von „Hunderttausenden von Personen" gesprochen hatte, „die ohne irgendeine eigene Schuld, sondern nur aufgrund ihrer Nationalität oder Rasse, zum Tode oder zu weiterem Verderben bestimmt sind". Benedikt XVI. wertete diese Worte als klaren Hinweis auf die Deportation und Vernichtung der Juden. Im Übrigen habe Pius „häufig im Geheimen und Stillen" gehandelt, „weil er angesichts der konkreten Situationen jener besonderen Zeit erkannte, dass man nur so Schlimmeres verhindern und die größtmögliche Zahl von Juden retten konnte".

Anders als der Papst erklärte Rainer Blasius in einem Leitartikel der „Frankfurter Allgemeinen", er könne die Einschätzung, Pius XII. habe in seiner Weihnachtsansprache öffentlich das Schicksal der deportierten Juden angeprangert, nicht teilen. Indem Blasius die Weihnachtsbotschaft des Kriegsjahres 1942 in die konkrete Zeitsituation einordnet und sie mit den fast gleichzeitigen Stellungnahmen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens vergleicht, zeigt er den Unterschied zwischen den im Allgemeinen verbleibenden päpstlichen Äußerungen mit der öffentlichen Anprangerung der „Ausrottung der Juden" durch die Alliierten und wertet sie als „Versagen". Erst im Oktober 1943, als in Rom selbst die Deportationen anrollten, habe der Papst Schutzbriefe ausstellen und Verstecke gewähren lassen. Jetzt erst habe er, in seiner Eigenschaft als Bischof von Rom, „die große Courage" gezeigt, „die ihm zehn Monate vorher aufgrund seines Amtsverständnisses und seines ewigen diplomatisch-juristischen Abwägens gefehlt hatte".

In der darauf folgenden - teils hitzig und polemisch geführten - Diskussion wurden weitere Argumente genannt. Gegen Blasius wurde darauf hingewiesen, der Wortlaut der päpstlichen Weihnachtsbotschaft sei deutlich genug gewesen. Als Beleg dient eine Analyse des Reichssicherheitshauptamtes vom Januar 1943, wonach der Papst in seiner Rede „seinen grundsätzlichen Gegensatz und seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus" bekundet, „praktisch dem deutschen Volk ein Unrecht an Polen und Juden vorgeworfen" und sich so „zum Fürsprecher und Vorkämpfer für die­se wahrsten Kriegsverbrecher" gemacht habe.

So sehr das Argument auf den ersten Blick einleuchtet, so wenig scheint es doch bei näherem Hinsehen zu tragen. Denn Joseph Goebbels notierte am 26. Dezember 1942 in sein Tagebuch: „Auch die Weihnachtsansprache des Papstes ist ohne jede tiefere Bedeutung. Sie ergeht sich in Gemeinplätzen, die bei den Regierungen der Krieg führenden Länder mit vollkommenem Desinteresse aufgenommen werden." Dieser Eintrag des Propagandaministers bestätigt zum einen, dass die Nationalsozialisten eine deutliche Stellungnahme des Papstes durchaus fürchteten und deshalb das internationale Echo aufmerksam registrierten, zum anderen relativiert es die Einschätzung des Reichssicherheitshauptamtes.

Das Holland-Argument

Darüber hinaus muss man auch fragen, inwieweit die interne Analyse im Reichssicherheitshauptamt überhaupt ernstgenommen werden darf. Denn es gab dort eine durchgängig negative Sicht auf den Vatikan und auf Pacelli, die als Aggressoren gegen den Nationalsozialismus aufgebaut wurden. 1938 etwa brachte das Reichssicherheitshauptamt Pacelli mit dem Weltjudentum in Verbindung, auch wenn man nicht so weit ging wie die Propaganda, die Pacelli im Vorfeld der Papstwahl von 1939 zum „Volljuden" machte. Doch wer mag solche Äußerungen für bare Münze nehmen? Auf dieser Linie liegt die Einschätzung von 1943. Möglicherweise war sie nur aus einem Grund so ausgefallen: Um - intern gegen Kritiker - einen Anlass zu haben, auch im Krieg gegen die Kirche vorgehen zu dürfen.

Pacelli war - wie ein kurialer Mitarbeiter bemerkte - ein „Diplomat aus der Schule Benedikts XV., bis aufs Äußerste entgegenkommend und wesentlich ein Taktiker von übergroßer Empfindlichkeit". So habe Pius XII. alle Äußerungen gegen den Kommunismus immer wieder bis zur Unkenntlichkeit abgeschwächt: „Die gegen den Kommunismus gerichteten Dekrete wurden sooft unter seinem Einfluss gemildert, bis die Bemerkungen über die ‚zwangsmäßige' Zugehörigkeit zur Partei, die von Kirchenstrafen befreite, jede Kampflinie durchlöcherte. Wer wollte nicht sagen, dass er in manchen Fabriken, später in Staaten ‚gezwungen' worden sei, genau wie Hunderttausende nach 1945 erklärten, nur ‚gezwungen' in die Partei des Faschismus und NS eingetreten zu sein." Diese Charakterisierung zeigt, dass auch intern die übergroße Zurückhaltung Pius' XII. bemerkt und kritisch beurteilt wurde.

Zu den wichtigsten Argumenten, die seit langem zur „Entlastung" von Pius XII. he­rangezogen werden, gehört der Hinweis, die Erfahrung, die man in Holland mit öffentlichem Protest gegen Deportationen gemacht habe, sei für den Papst handlungsbestimmend gewesen. In ihren Memoiren schildert Pacellis Haushälterin, Schwester Pascalina Lehnert, die Reaktion des Papstes auf die durch den Protest der holländischen Bischöfe gegen Massendeportationen ausgelöste Razzia der deutschen Besatzung in Holland gegen jüdischstämmige Katholiken im August 1942: „Man brachte die Morgenzeitungen in das Arbeitszimmer des Heiligen Vaters, der sich anschickte, zu den Audienzen zu gehen. Er las nur die Überschrift und wurde kreidebleich." Zurückgekehrt von den Audienzen kam er „in die Küche, wo die einzige Möglichkeit war, am offenen Feuer etwas zu verbrennen, und sagte: ‚Ich möchte diesen Bogen verbrennen, es ist mein Protest gegen die grauenhafte Judenverfolgung. Heute Abend sollte er im ‚Osservatore Romano' erscheinen. Aber wenn der Brief der holländischen Bischöfe 40?000 Menschenleben kostete, so würde mein Protest vielleicht 200 000 kosten. Das darf und kann ich nicht verantworten. So ist es besser, in der Öffentlichkeit zu schweigen und für diese armen Menschen, wie bisher, in der Stille alles zu tun, was menschenmöglich ist'."

Ob die vatikanische Küchenszene den Tatsachen entspricht oder Teil einer nachträglichen Stilisierung und Verteidigung ist, wird sich kaum sicher klären lassen. Nach dem öffentlichen Protest der holländischen Bischöfe hatte die deutsche Besatzung ihre Drohung wahrgemacht, auch getaufte Juden zu deportieren - wobei 245 Katholiken jüdischer Herkunft verhaftet, 114 in Vernichtungslager gebracht wurden. Wie der Papst auf die von Schwester Pascalina angegebene astronomische Zahl von 40?000 Juden stoßen konnte, ist unverständlich.

Der Bericht enthält weitere Unwahrscheinlichkeiten: So hätte Schwester Pascalina morgens im Arbeitszimmer sein müssen, um die Erschütterung des Papstes beobachten zu können. Wenig glaubhaft ist auch, dass Pius XII. seine Überlegungen (nur) dem „Küchenpersonal" anvertraute, und dass ein abends im „Osservatore Romano" zu erscheinender Text am frühen Vormittag noch gar nicht in der Redaktion vorlag. Im Übrigen entspricht es nicht den kurialen Gepflogenheiten, Entwürfe - zumal derart wichtiger Texte - zu eliminieren, anstatt sie den Akten einzuverleiben.

Doch selbst wenn die Schilderungen Pascalina Lehnerts teilweise „erdichtet" sein sollten, könnte die „Wahrheit" nicht weit entfernt davon liegen. Dass die holländische Erfahrung keinerlei Einfluss auf die Überlegungen des Papstes hatte, ist kaum anzunehmen. Zumal der Vatikan - spätestens seit den aggressiven Reaktionen der deutschen Regierung auf die Enzyklika „Mit brennender Sorge" - wusste, dass „Steigerungen" zum festen Instrumentarium der nationalsozialistischen Politik gehörten.

Zum Holland-Argument passt auch der Hinweis auf die Warnung des deutschen Botschafters beim Heiligen Stuhl, Ernst von Weizsäcker. Dieser riet - wenn auch erst im Oktober 1943 (!) - Kardinalstaatssekretär Luigi Maglione nachdrücklich von einem Protest des Papstes ab. Ein solcher werde die Deportationen nicht rückgängig machen, vielmehr den Fanatismus der Verfolger mit Hitler an der Spitze („die Befehle kommen von höchster Stelle") steigern. Ob Rat, Warnung oder indirekte Drohung - vor dem Hintergrund der holländischen Vorgänge dürften die Worte Weizsäckers im Vatikan auf fruchtbaren Boden gefallen sein.

„Neutralität" des Heiligen Stuhls

Gegen den Vergleich zwischen den allgemeinen Formulierungen Pius' XII. in seiner Weihnachtsansprache von 1942 und der fast gleichzeitigen deutlichen Verurteilung der nationalsozialistischen Judenpolitik durch die Alliierten wurde daran erinnert, dass sich die Vereinigten Staaten und Großbritannien damals im Gegensatz zu dem um Neutralität bemühten Vatikan mit Deutschland im Krieg befanden, also mit der Verurteilung ganz andere Interessen verbanden.

Tatsächlich gehörte die Neutralität zu den Grundpfeilern der vatikanischen Politik. Schon das Erste Vatikanische Konzil hatte - unter dem Eindruck der europäischen Nationalitätenkonflikte und dem Untergang des Kirchenstaates - formuliert, es sei die primäre Aufgabe des Papstes, die Einheit der Kirche über alle nationalen Zerklüftungen und Gegensätze hinweg zu wahren. Zudem verpflichtete der Lateranvertrag von 1929 den Heiligen Stuhl zur politischen Neutralität bei internationalen Konflikten. Gleichwohl wird der Lateranvertrag kaum zur Begründung des „Schweigens" zur Judenverfolgung herangezogen werden dürfen, wurde dort doch ausdrücklich gesagt, dass sich der Heilige Stuhl in jedem Falle vorbehalte, „seine moralische und geistige Macht geltend zu machen".

Pius XII. war Realpolitiker. Die offiziell strikt beobachtete Neutralität und damit der Verzicht auf direkte Angriffe hatten zwei Ziele. Erstens: Die schwer gestörten Beziehungen zwischen der Kirche und der deutschen Regierung nicht noch mehr zu verschlechtern. Pacelli war 1939 - gegen alles Herkommen, das die Wahl eines Kardinalstaatssekretärs zum Papst nicht kannte - Nachfolger Pius' XI. geworden. Offenbar traute man dem ehemaligen Nuntius, dem besten Deutschlandkenner der Kurie, am ehesten zu, die politisch prekäre Lage zu meistern. So versuchte Pius XII. in den ersten Monaten seines Pontifikats, die Beziehungen zu Deutschland zu verbessern und einen Neuanfang zu ermöglichen. Obwohl dies misslang, lag es weiterhin im höchsten Interesse des Heiligen Stuhls, den letzten Faden zur Reichsregierung nicht reißen zu lassen. Zum einen, da Pius XII. vorschwebte, eine vermittelnde Rolle bei etwaigen Friedensbemühungen einzunehmen. Zum anderen, weil mit Blick auf das Ende des Krieges alle Türen offengehalten werden mussten. Und so waren die diplomatischen Noten des Vatikans so gehalten, dass sie, wie immer der Kampf ausgehen mochte, einen Anknüpfungspunkt für die Zeit nach dem Krieg ermöglichten.

Zweitens: Für den Vatikanstaat, der über keine militärischen Möglichkeiten verfügte, war Neutralität existenziell. Mit dem Kriegseintritt Italiens im Sommer 1940 wurde ihre strikte Beobachtung tatsächlich zur Überlebensfrage. Im Winter 1942 war die politische Lage in Italien alles andere als stabil. Der Vatikan unternahm damals alles, um eine drohende Bombardierung Roms durch die Alliierten zu verhindern; erst im Dezember beschloss die italienische Regierung, Rom zu verlassen. Wie richtig die Entscheidung zur Neutralität war, zeigte sich 1943, als Rom - nach dem Sturz Mussolinis - durch deutsche Truppen besetzt wurde. Hitler wollte sofort in den Vatikan einmarschieren: „Der wird sofort gepackt. Da ist vor allen Dingen das ganze Diplomatische Korps drin. Das ist mir wurscht. Das Pack ist da, das ganze Schweinepack holen wir heraus …" Dagegen hielten Goebbels und Ribbentrop dies für „außerordentlich verhängnisvoll in Bezug auf die Weltwirkung". Auch der General der Waffen-SS und Militärgouverneur in Norditalien, Karl Wolff, der den Vatikan als ein „Nest von Spionen und ein Zentrum anti-nationalsozialistischer Propaganda" ausheben sollte, sowie Weizsäcker sträubten sich, die Souveränität des Vatikans anzutasten. Ob ihr Bemühen bei einem unklugen öffentlichen Verhalten des Vatikans Erfolg gehabt hätte, darf bezweifelt werden.

Ungewöhnliche Risikobereitschaft

Allerdings: Die Neutralität des Heiligen Stuhls war doch nur eine scheinbare. Schon im Winter 1939/ 1940 hatte Pius XII. in ungewöhnlicher Risikobereitschaft versucht, zwischen der deutschen Militäropposition und der britischen Regierung zu vermitteln. Ende Mai 1943 übergab Domenico Tardini, der Sekretär der Kongregation für die außerordentlichen Angelegenheiten und eine Schlüsselfigur der vatikanischen Diplomatie, dem britischen Geschäftsträger in Rom ein Papier, in dem auf die Gefahren des Nazismus und Kommunismus für die europäische und christliche Kultur hingewiesen und davon gesprochen wurde, es sei eine Notwendigkeit, dass der gegenwärtige Krieg beide Gefahren beseitige.

Und schließlich: Sollte die hartnäckige Weigerung, den Holocaust öffentlich anzuprangern, vielleicht die umfangreichen geheimen päpstlichen Hilfsmaßnahmen für Juden sichern helfen, die nicht erst 1943, wie Rainer Blasius behauptet, sondern bereits 1939 anliefen?

Texte, die nie erschienen

"Seit Wochen warten und hoffen nicht nur die Juden, sondern Tausende treuer Katholiken in Deutschland - und ich denke, in der ganzen Welt - darauf, dass die Kirche Christi ihre Stimme erhebe, um … Einhalt zu tun. Ist nicht die Vergötzung der Rasse und der Staatsgewalt, die täglich durch Rundfunk den Massen eingehämmert wird, eine offene Häresie? Ist nicht der Vernichtungskampf gegen das jüdische Blut eine Schmähung der allerheiligsten Menschheit unseres Erlösers, der allerseligsten Jungfrau und der Apostel??… Wir alle, die wir treue Kinder der Kirche sind und die Verhältnisse in Deutschland mit offenen Augen betrachten, fürchten das Schlimmste für das Ansehen der Kirche, wenn das Schweigen noch länger anhält".

Es war Edith Stein, damals noch eine unbekannte Dozentin in Münster, die diese berühmt gewordenen Zeilen im April 1933 an Papst Pius XI. richtete. Sie konnte nicht wissen, dass Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli wenige Tage zuvor seinen Nuntius in Berlin angewiesen hatte, nach Möglichkeiten einer Intervention gegen die - wie er schrieb - „antisemitischen Exzesse" in Deutschland zu suchen. Offenbar sah auch Pacelli in jenen Tagen Handlungsbedarf - angesichts der fast zahllosen Nachrichten über die Zustände in Deutschland, die den Heiligen Stuhl täglich erreichten.

Wohl Handlungsbedarf, aber keinen Handlungsspielraum sah zur selben Zeit der Münchener Kardinal Michael Faulhaber. Im Gegenteil: Nachdrücklich warnte er vor einem derartigen Schritt zugunsten der deutschen Juden. Am 10. April schrieb er an Pacelli: „Uns Bischöfen wird zurzeit die Frage vorgelegt, warum die katholische Kirche nicht, wie so oft in der Kirchengeschichte, für die Juden eintrete. Das ist zurzeit nicht möglich, weil der Kampf gegen die Juden zugleich ein Kampf gegen die Katholiken werden würde." Und zwei Tage zuvor hatte Nuntius Cesare Orsenigo telegrafiert: „Der antisemitische Kampf hat seit gestern sozusagen regierungsamtlichen Charakter angenommen. Eine Intervention wäre nun gleichzeitig ein Protest gegen ein deutsches Gesetz."

Der Streit um das weitgehende öffentliche Schweigen des Heiligen Stuhls zur ­nationalsozialistischen Judenpolitik beherrscht nach wie vor die Diskussion über die Rolle der Kirche im Dritten Reich. Die jüngste Kontroverse um die Weihnachts­botschaft Pius' XII. von 1942 offenbart dabei eine doppelte Verengung der Perspektive.

Zum einen: Allzu oft wird die Diskussion allein auf die Jahre 1939-1945 ausgerichtet. Dies hat verschiedene Gründe. Es sind die ersten Jahre des Pontifikats Pius' XII., als Pacelli in seinen Entscheidungen frei und nicht mehr weisungsgebunden war. Es ist zudem jene Zeit, in der es erst zur exzessiven Steigerung der Judenverfolgung kam bis hin zu der im Januar 1942 bei der Wannsee-Konferenz beschlossenen „Endlösung" durch Systematisierung der Massaker und Errichtung von Vernichtungslagern. Die Frage, wie sich Pius XII. gegenüber dem Holocaust im engen Sinn verhielt, kanalisierte die Forschung in gewissem Sinne. Gleichwohl empfiehlt es sich, nicht nur auf das Pontifikat Pius' XII. zu schauen, zumal die vatikanischen Archive bislang nur bis 1939 zugänglich sind. Genauer analysieren lässt sich inzwischen Pacellis Zeit als Kardinalstaatssekretär (1930-1939). Und hier lassen sich handlungsbestimmende Maximen ablesen, die auch später von Bedeutung blieben.

Zum anderen: Lange war die Forschung zu sehr auf die Ebene des politischen Handelns fixiert. Dies ist nicht falsch, immerhin ging es um die ganz praktische Auseinandersetzung mit einem Land, einer dort regierenden Partei, einem politischen System - und diese fiel unbestritten in den Kompetenzbereich der politischen Behörde der Kurie, des Staatssekretariats. Dennoch: Der Nationalsozialismus war nicht nur Politik, sondern auch Weltanschauung und von daher Sache auch der obersten theologischen Instanz der römischen Kurie, des Sanctum Officium, der heutigen Glaubenskongregation. Pacelli gehörte ihr als Kardinalstaatssekretär von Amts wegen an. Das heißt: Die Beurteilung der Haltung Pius' XI. und Pius' XII. darf sich nicht in der Betrachtung der politischen Aktionen des päpstlichen Staatsekretariats erschöpfen, sie muss ebenso die theologischen Reaktionen auf den Nationalsozialismus und seine Ideologie im Blick haben.

Zahlreiche antirassistische Vorstöße der Kurie

Wie die neueren Forschungen zeigen, gab es an der römischen Kurie eine ganze Chronologie antirassistischer Vorstöße und zahlreicher Versuche, die nationalsozialistische Weltanschauung lehramtlich verurteilen zu lassen. Sie zeigen, wie intensiv sich die römische Kurie mit den Inhalten nationalsozialistischer Weltanschauung auseinandersetzte und wie sehr man sich von diesen „Häresien des 20. Jahrhunderts", insbesondere der Rassenlehre, distanzierte. Allerdings konnte sich die Kurie nicht dazu durchringen, sie auch öffentlich zu brandmarken.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen: Bereits zu einem recht frühen Zeitpunkt, im Frühjahr 1934, verdammte der Vatikan in aller Form eine der wichtigsten Programmschriften des Nationalsozialismus, den „Mythus des 20. Jahrhunderts". Die Wahl war keineswegs beliebig, denn als Verfasser zeichnete Alfred Rosenberg, Reichsleiter der NSDAP für Weltanschauung und Außenpolitik sowie „Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung", verantwortlich. Von Hitler wurde der Weggefährte aus der Frühzeit der Bewegung gerne als „Kirchenvater des Nationalsozialismus" und „Parteidogmatiker" tituliert.

Sein Mythus war eine offensive Darlegung der nationalsozialistischen Blut- und Rassenlehre, die eine „fast völlige Übereinstimmung in den weltanschaulichen und ethischen Prinzipien" mit Hitlers „Mein Kampf" aufwies. Innerhalb weniger Jahre erlebte diese „Bibel" des Nationalsozialismus 45 Auflagen. Gleichwohl scheint es, als ob die päpstliche Indizierung 1934 vom Sanctum Officium eher erzwungen als von der Kurie tatsächlich selbst geplant worden sei. Entgegen der üblichen Praxis wurde sie mit einer offiziellen erläuternden Begründung versehen. Man war im Sanctum Officium überzeugt, dass ein solcher Akt auch bei Juden und protestantischen Pastoren Unterstützung finde. Ausdrücklich verlangte man die öffentliche Bekanntmachung der Indizierung von den Kanzeln der Kirchen in Deutschland sowie die Publizierung in der kirchlichen Presse.

Die kirchliche Verurteilung des Mythus leitete in Deutschland einen heftigen weltanschaulichen Kampf ein, der in der Diskussion um die Haltung des Vatikans oft nicht zur Kenntnis genommen wird. Kardinalstaatssekretär Pacelli sah sich wenige Monate später veranlasst, der deutschen Reichsregierung ein Promemoria, eine Denkschrift, vorzulegen, worin die Kritik an der Rosenbergschen Weltanschauung breitesten Raum einnahm. Allerdings: Die Indizierung Rosenbergs blieb - neben der Enzyklika „Mit brennender Sorge" von 1937 und einem Reskript der Studien­kongregation von 1938, das acht Sätze des Nationalsozialismus als verurteilenswert bezeichnete - eine Ausnahme. Andere ­Vorhaben einer öffentlichen Verurteilung des Nationalsozialismus kamen nicht zur Durchführung und versandeten.

Vor dem Hintergrund der Diskussion um das „Schweigen" Pius' XII. ist die Rolle Pacellis bei den Bemühungen um eine öffentliche Verurteilung der nationalsozialistischen Weltanschauung der entscheidende Punkt. Anhand von zwei Beispielen sei dieser Frage nachgegangen.

Ein päpstlicher „Syllabus" gegen drei „Häresien"?

Im Oktober 1934 begann im Sanctum Officium eine Sonderkommission damit, einen „Syllabus", ein publizierbares Verzeichnis nationalsozialistischer Irrtümer, zusammenzustellen. Die Initiative war von Alois Hudal ausgegangen, dem Rektor der deutschen Nationalstiftung Santa Maria dell'Anima in Rom und Berater des Sanctum Officium. Hudal wollte drei „Häresien" des Nationalsozialismus verurteilt wissen: die Vergötzung der Rasse, den radikalen Nationalismus und die Staatstotalität. Zwei Jahre arbeitete man an dem Projekt, bis ein brauchbarer Entwurf vorlag.

Verurteilt wurden Sätze wie: „Die Menschenrassen unterscheiden sich aufgrund ihrer angeborenen und unveränderlichen Art so sehr voneinander, dass die niedrigste von der höchsten weiter entfernt ist als von der höchsten der wilden Tiere." Oder: „Die Kraft der Rasse und die Reinheit des ‚Blutes' sind auf jede erdenkliche Art zu bewahren und zu fördern; jedes hierzu taugliche Mittel ist allein deswegen ehrenhaft und erlaubt, selbst wenn es dem Naturrecht widerspricht."

Dieser „Syllabus" war eine klare Positionierung des Heiligen Stuhls. Doch: Das Dokument wurde nie publiziert. Die darin zum Ausdruck kommende vorsichtigste Behandlung der deutschen Regierung scheint vor allem mit Blick auf die damals erschütternden Vorgänge im spanischen Bürgerkrieg ein Gebot der Stunde gewesen zu sein. Nicht nur, weil die antikirchlichen Maßnahmen der deutschen Nationalsozialisten zu dieser Zeit angesichts der Ermordung von dreizehn spanischen Bischöfen und Tausenden katholischer Priester durch die Hand der Kommunisten geradezu harmlos erscheinen mussten, sondern auch, weil Hitler und Mussolini sich in Spanien gegen die Kommunisten über die Achse Berlin-Rom engagierten. Die antiklerikale Verfolgung durch die Kommunisten in Spanien erreichte jedenfalls zwischen Juli und September 1936 ihren Höhepunkt. Von daher versteht man nur zu gut, weshalb eine Verurteilung der deutschen Politik Ende 1936 politisch nicht opportun war.

Diese Sicht, durch die das Staatssekretariat als politische Behörde - und damit Pacelli - ins Blickfeld rückt, wird durch ein Schlüsseldokument gestützt, das der Verfasser 2003 im Archiv der Glaubenskongregation entdeckte. Dieses bestätigt, dass die Unterdrückung des „Syllabus" politisch motiviert war. Ausdrücklich wird das Problem des „Schweigens" thematisiert, ohne dass man sich der Illusion einer Verbesserung der Situation durch öffentliches „Reden" hingibt. Die Position der Kirche glaubt man in früheren Verlautbarungen klar erkennbar, jede Provokation soll vermieden werden. Der „negative" Syllabus soll durch eine „positive" Lehräußerung, eine Enzyklika, ersetzt werden. Tatsächlich erschien wenige Monate später die Enzyklika „Mit brennender Sorge". Diese war im Wesentlichen von Pacelli formuliert, nicht vom Sanctum Officium, und sie war in Inhalt und Form nur ein kläglicher Ersatz für den unterdrückten „Syllabus".

Die Antirassismus-Enzyklika

Seit Ende 1936 und dann vor allem seit 1938 gab Pius XI. einen schärferen Kurs vor. Von einer klaren Haltung zeugt etwa eine Rede des Papstes am 21. Juli 1938 vor Studenten der „Propaganda Fide", also der Kongregation für die Mission, für die Glaubensverbreitung: „Katholisch heißt allumfassend?… Wir wollen nichts von der menschlichen Familie absondern?… Der Ausdruck ‚Menschengeschlecht' offenbart die Einheit der menschlichen Rasse?…; gleichwohl kann man nicht leugnen, dass es in dieser allgemeinen Rasse Raum gibt für besondere Rassen wie für so viele verschiedenartige Spielarten?… Man darf sich fragen, wie es kommt, dass ausgerechnet Italien es nötig hat, Deutschland nachzuahmen?… Die menschliche Würde, das heißt eine einzige und große Familie sein als Menschengeschlecht, als die Menschenrasse … Dies ist die Antwort der Kirche, dies ist für die Kirche der wahre Rassismus."

In einer Ansprache im September 1938 sagte Pius XI. vor belgischen Pilgern: „Der Antisemitismus ist eine abstoßende Bewegung, an der wir Christen keinen Anteil nehmen können?… Wir erkennen jedem das Recht zu, sich zu verteidigen und die geeigneten Mittel zu gebrauchen, um sich gegen alles, was die eigenen legitimen Interessen untergräbt, zur Wehr zu setzen. Der Antisemitismus ist nicht vertretbar. Geistlich sind wir Semiten."

Wenige Monate vorher, im Juni 1938, hatte der Papst den schon älteren Plan Hudals wieder aufgenommen, eine eigene Enzyklika zur Rassenfrage ausarbeiten zu lassen. Beauftragt wurde der amerikanische Jesuit John LaFarge, der sich durch mehrere Publikationen zur Rassenproblematik in Amerika einen Namen gemacht hatte. Dieser ging, zusammen mit zwei weiteren Jesuiten, unter ihnen der Deutsche Gustav Gundlach, ans Werk. Während des Sommers entstanden in Paris drei Textvarianten. Am weitestgehenden in Bezug auf den Antisemitismus war Gundlachs Entwurf. Hier hieß es zum Beispiel: „Die so genannte Judenfrage ist und war stets in Wahrheit wesentlich eine Frage des Christentums und nicht der Rasse. Nur mit Entrüstung und mit Schmerz sieht die Kirche heute eine Behandlung der Juden aufgrund von Anordnungen, die dem Naturrecht widersprechen und also niemals den Ehrennamen von Gesetzen verdienen."

Auch die Entwürfe zu einer Antirassismus-Enzyklika blieben Makulatur. Mit dem Tod Pius' XI. am 10. Februar 1939 scheiterte auch dieses Projekt. Die Frage lautet: Weshalb? Und: Welche Rolle spielte Pacelli in dieser Hinsicht?

Bereits die Umstände der Initiative zu dieser Enzyklika lassen aufhorchen. Der Eindruck drängt sich auf, dass das Vorhaben nicht strategisch geplant und vorbereitet wurde, sondern der spontanen Initiative Pius' XI. entsprang. Außerdem scheint Pacelli, der 1937 noch maßgeblich auf den Text der Enzyklika „Mit brennender Sorge" Einfluss genommen hatte, 1938 bewusst ausgeschaltet, ja von dem Plan nicht einmal informiert worden zu sein. Und dies, obwohl Pius XI. angesichts seiner zunehmenden physischen Schwäche alle Arbeit durch Pacelli erledigen ließ. Beabsichtigte der Papst also, sich diesmal nicht mehr von politischen Rücksichten leiten zu lassen?

Angeblich erfuhr Pacelli erst nach seiner Wahl zum Papst von der geplanten Antirassismus-Enzyklika. In diesem Sinne berichtete Gundlach am 15. März 1939 an LaFarge: „Ein guter Bekannter hier im Haus - Sie kennen ihn auch - sprach am zweiten Tag des neuen Fischers (Pius XII., d. Red.) mit dem neuen Herrn und verwies ihn unter Namensnennung - es fiel Ihr Name und meiner - auf die bereits vorliegenden Entwürfe. Der hohe Herr wusste von nichts (!) und sagte, er werde mal ARPN (Admodum Reverendus Pater Noster: der Jesuitengeneral Ledóchowski, d. Red.) fragen, was da sei und wo die Sachen seien." Die Hoffnungen, die sich an diese Äußerung geknüpft hatten, erfüllten sich nicht. Im April 1939 war klar, dass eine Publikation der Enzyklika nicht erfolgen werde.

Wenig später schrieb Gundlach an LaFarge: „Ich bemühe mich, sine ira et studio Folgendes festzustellen: 1. Der Entwurf ist … entweder überhaupt nicht Fisch(er) sen(ior: Pius XI., d. Red.) vorgelegt worden oder erst zu einer Zeit, wo - im Unterschied zum Spätsommer und Frühherbst 1938 - eine Behandlung der Angelegenheit wegen des Gesundheitszustands physisch einfach nicht mehr möglich war. 2. Eine Vorlage bei F(ischer) jun(ior: Pius XII., d. Red.) ist wohl überhaupt nicht erfolgt, sondern die Angelegenheit dürfte mehr oder weniger im Vorbeigehen bei einer Unterredung zwischen dem höchsten Herrn und Pat(ernität: Ledóchowski, d. Red.) begraben worden sein; Gründe: zu delikate Sachen, um gleich den Anfang des neuen Herrn zu belasten, der sowieso schon durch möglichstes Schweigen und Schonen in den ersten Wochen abtasten wollte, ob von der anderen Seite Entgegenkommen gezeigt würde. Ich füge hinzu, dass dieser Versuch negativ verlaufen zu sein scheint und dass man dies wohl auch jetzt hier festgestellt hat. Unsere Sache jedenfalls ist einstweilen den Weg alles Irdischen gegangen, was ja wohl auch von Anfang an mehr den Ansichten und Absichten von Pat(ernität) entsprach."

„Diplomatische Verbeugung"

Was Pacelli betrifft, gibt es in der Tat nur die zwei von Gundlach angedeuteten Möglichkeiten. Entweder: Pacelli wusste von nichts, dann müsste dies jedoch als großes Misstrauen Pius' XI. gegen Pacelli in dieser Sache gedeutet werden. Dem Papst wäre in diesem Fall klar gewesen, dass Pacelli wieder versuchen würde, eine klare öffentliche Stellungnahme zu verhindern. Oder die andere Möglichkeit: Pacelli verschwieg sein Wissen um die Antirassismus-Enzyklika. Als Grund hierfür käme jedoch nur infrage, dass er in dieser Sache nicht tätig werden wollte. Das heißt: In beiden Fällen müsste in Bezug auf Pacelli (wieder einmal) eine negativ-ablehnende Haltung gegenüber einer öffentlichen Positionierung des Heiligen Stuhls festgestellt werden.

Der frühere Reichskanzler Joseph Wirth, der sich damals auf internationaler Bühne äußerst intensiv um ein vatikanisches Vorgehen gegen den Antisemitismus bemühte und der Pacelli kurze Zeit vorher noch eine Anfang 1937 von vierzehn kirchlichen Würdenträgern und Professoren unterzeichnete Denkschrift mit dem sprechenden Titel „Die Kirche Christi und die Judenfrage" vorgelegt hatte, schrieb im Sommer 1939 an einen Bekannten, die „kommende Enzyklika" sei bislang aus taktisch-diplomatischen Gründen zurückgestellt worden. Dies entsprach der Einschätzung Gundlachs, der in einem Brief an Wirth unverblümt die „diplomatisch-taktische Verbeugung" des Vatikans „vor dem System dort" kritisierte und von Pacellis Reserven einer Enzyklika gegenüber sprach. Wirth zeigte sich - mit anderen - über dieses Handeln Pius' XII. enttäuscht. Er habe - so schrieb Wirth damals - im Rahmen seiner Bemühungen tiefe Einblicke in die Mentalität des neuen Papstes gewonnen, in seinem Herzen aber lebe noch „die Nachwirkung der hohen geistigen Linie von Papst Pius XI. hochseligen Angedenkens".

War Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli also der „Hemmschuh" all jener Bemühungen, von Seiten des Heiligen Stuhls für die verfolgten Juden Partei zu ergreifen?

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Überblickt man anhand der archivalischen Befunde das Handeln ­Eugenio Pacellis in „La questione degli Ebrei in Germania" (Die Frage der ­Juden in Deutschland), so lässt sich Folgendes festhalten: Bereits 1933 sah Pacelli - aufgrund der vielen in Rom einlaufenden Berichte über die Judenverfolgungen in Deutschland - durchaus Handlungsbedarf. Er ließ den Berliner Nuntius Cesare Orsenigo prüfen, ob ein Eingreifen zugunsten der Juden möglich sei. Das Ergebnis fiel negativ aus. Sowohl Orsenigo als auch die deutschen Bischöfe waren - anders als der Bischof von Linz - der Ansicht, man müsse sich im Interesse der Katholiken in dieser Frage zurückhalten. Obwohl der Heilige Stuhl auch die deutschen Rassengesetze unverblümt ablehnte, wollte man sich nicht öffentlich dagegen stellen. Hier scheint Pacelli erstmals bewusst eine möglicherweise schärfere Gangart Pius' XI. verhindert zu haben.

Diplomatie vor der Ideologie

Anfang 1934 erfolgte die Indizierung der Rosenbergschen Blut- und Rassenlehre. Obwohl dem Staatssekretariat die Gefährlichkeit des „Mythus" schon länger bekannt gewesen war, gehörte Pacelli nicht zu den treibenden Kräften der Indizierung. Er ließ sie jedoch zu; möglicherweise wurde sie gegen seinen Willen erzwungen. Auch wollte oder konnte Pacelli damals den Plan einer umfassenden Verurteilung nationalsozialistischer „Irrlehren" durch einen „Syllabus" nicht verhindern.

Die Publikation des 1936 fertig gestellten „Syllabus" unterblieb. Deutlich scheint bei dieser Entscheidung die Handschrift Pacellis durch. Anstelle des pointierten „negativen" „Syllabus" wurde 1937 die Enzyklika „Mit brennender Sorge" als „positives" päpstliches Lehrschreiben veröffentlicht. Allerdings war selbst diese Enzyklika innerhalb der Kurie umstritten. Aus österreichischen Diplomatenkreisen stammt die Nachricht, Pius XI. habe sich „trotz verschiedener Abratungs- und Milderungsversuche von anderer Seite" - man denkt sofort an Pacelli - durchgesetzt: „Es komme, was da wolle." Für Pius XI. sei die Enzyklika auch „nur ein erster Schritt" gewesen. Pacelli war bei der Redaktion der Enzyklika in entscheidender Weise beteiligt. Im Gegensatz zum geplanten „Syllabus" verschoben sich die Gewichte vom ideologischen auf das politische Gebiet.

Die Reichspogromnacht wurde vom Heiligen Stuhl nicht öffentlich kommentiert oder kritisiert, obwohl man durch den Berliner Nuntius ausführlich über den „antisemitischen Vandalismus" informiert wurde. Jedoch hatte schon Mitte des Jahres eine Sensibilisierung eingesetzt, die Pius XI. zu einem entschiedeneren Vorgehen veranlasste. Im „Osservatore Romano" erschienen scharfe Attacken gegen den italienischen und deutschen Rassismus. Gegen die im November 1938 nun auch in Italien erlassenen Rassengesetze protestierte der Heilige Stuhl umgehend. Die Studienkongregation erließ - zwar mit Wissen, aber offenbar auch unter einer gewissen Missbilligung Pacellis - einen „kleinen Syllabus" nationalsozialistischer Häresien, die von katholischen Universitäten bekämpft werden sollten.

Anders als Pius XI. äußerte sich sein Nachfolger nie (etwa in Reden) gegen den Antisemitismus. Die von Pius XI. geplante Antirassismus-Enzyklika wurde von Pacelli nach dem Pontifikatswechsel kassiert. Gleichwohl setzte er sich - auf diplomatischen Wegen und durch konkrete Hilfsmaßnahmen - für verfolgte Juden ein.

Wie lässt sich dieser divergierende, durchaus ambivalente Befund deuten? Mit dieser Frage verlassen wir die Ebene der objektiven, feststellbaren Tatsachen und begeben uns auf die Ebene indiziengestützter Erklärungsversuche.

1. These: Die Judenfrage lag nicht im unmittelbaren Blickfeld des Heiligen Stuhls. Sie interessierte vor allem in Bezug auf zum christlichen Glauben konvertierte Juden. Doch auch hier war man früh desillusioniert, nachdem 1933 ein Vermittlungsversuch kläglich gescheitert war. Das zentrale Anliegen des Heiligen Stuhls war die Verhinderung eines neuen Kulturkampfs in Deutschland, die Sicherstellung der Seelsorge und die Aufrechterhaltung kirchlicher Strukturen. Die Judenfrage wurde als Teilproblem der Rassenfrage betrachtet und naturrechtlich beantwortet. Die offiziösen Äußerungen des „Osservatore Romano" und der Jesuitenzeitschrift „Civiltà Cattolica" lassen keinen Zweifel daran, dass der Vatikan die Rassenideologie in Gänze ablehnte. Mit seinem Nein zur nationalsozialistischen Rassenlehre entzog er auch der nationalsozialistischen Judenpolitik ihre theoretische Grundlage.

2. These: In der Phase vor dem vollständigen Wirksamwerden der rassischen und totalitären Politik des Nationalsozialismus gab es innerhalb der römischen Kurie Versuche, sich öffentlich und mit dem ganzen Gewicht des Lehramts von zentralen Irrtümern des weltanschaulichen Nationalsozialismus zu distanzieren. Eine Schlüsselrolle spielte hierbei der oft gescholtene Rektor der Anima, Alois Hudal. Das Ergebnis der Bemühungen: insgesamt fünf Indizierungen (der „Mythus" und die „Dunkelmänner" von Alfred Rosenberg; die „Nationalkirche" und die „Geistlehre" von Ernst Bergmann sowie „Il Razzismo" von Giulio Cogni), ein Reskript, ein Erlass der Studienkongregation sowie die Enzyklika „Mit brennender Sorge". Allerdings: Gemessen an den unternommenen Anstrengungen war das Ergebnis mager. Auf der „Fehlliste" stehen mindestens drei weitere Indizierungen, die von Hudal angeregt worden waren: neben den Werken Friedrich ­Nietzsches, dem „Vordenker" der nationalsozialistischen Weltanschauung, eine Verteidigung des „Mythus" durch den Kirchenhistoriker Hugo Koch sowie Theodor Fritschs „Handbuch der Judenfrage"; außerdem der ebenfalls von Hudal in Gang gebrachte, aber unterdrückte „Syllabus" des Sanctum Officium sowie die unveröffentlicht gebliebene Antirassismus-Enzyklika von 1938. Die von den Alliierten 1942 erbetene deutliche Verurteilung der deutschen Judenverfolgungen verblieb in allgemeinen Formulierungen, ohne die Juden ausdrücklich zu nennen. Der Kurs hätte also wesentlich härter, die Positionierung klarer ausfallen können.

3. These: Alle Indizien sprechen erdrückend dafür, dass es Eugenio Pacelli war, der fast alle öffentlichkeitswirksamen Proklamationen des Heiligen Stuhls gegen den Nationalsozialismus verhinderte. Dies bestätigen auch Zeitgenossen. So schrieb 1960 der Jesuit Robert Leiber, der langjährige Privatsekretär Pacellis, „dass Pius XI. im allgemeinen von einer öffentlichen Stellungnahme nicht leicht abzubringen, Pius XII. nicht leicht dazu zu bewegen war". Auch Hudal versichert in seinen Memoiren glaubhaft, alle entsprechenden Initiativen seien „im Interesse einer friedlichen Entwicklung mehrmals durch das Dazwischentreten des Staatssekretariats und der päpstlichen Kongregation für die außerordentlichen Angelegenheiten durchkreuzt und abgeschwächt" worden.

Ein Mann der Höfe

4. These: Das zentrale Motiv des Schweigens war politischer Natur. Pacelli war - anders als Papst Pius XI. - kein Theologe, sondern „Roms begabtester Diplomat". Theologie hatte er nicht über die normalen Anforderungen hinaus studiert. Er war auch nie in einer Pfarrei gewesen, hatte stattdessen alle Stufen der diplomatischen Karriereleiter durchlaufen und fast sein ganzes Leben lang von Berufs wegen politisch gehandelt: im Staatssekretariat, in der Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten, als Professor für kirchliche Diplomatie an der Accademia dei Nobili, dreizehn Jahre als Nuntius in Deutschland und schließlich fast zehn Jahre als Kardinalstaatssekretär.

Pacelli dachte entsprechend vor allem in politischen Grundsätzen. Das wird man ihm kaum vorwerfen können. Von seiner ganzen inneren Struktur her war Pacelli zudem kein moderner Mensch, sondern ein Vertreter des Ancien Régime, ein Mann der Höfe, der daran glaubte, alles mit Diplomatie lösen zu können. Er stammte aus einer Advokatenfamilie, pflegte einen aristokratischen Habitus und wurde entsprechend hofiert. Insofern war er - um mit Jürgen Habermas zu sprechen - vorbürgerlich und skeptisch gegenüber aller „Öffentlichkeit". Während nach Ansicht der bürgerlichen Gesellschaft alles, was wahr ist, auch öffentlich gesagt werden muss, steht die Diplomatie für die gegenteilige Position.

Pacelli war der Überzeugung, dass die Kirche keine Macht mehr auf der Straße besaß. Dies wurde in Deutschland seit 1933 fast täglich und mit zunehmender Aggressivität demonstriert. Die einzige Möglichkeit, die blieb, war die der Diplomatie. Offenbar glaubte Pacelli lange Zeit, ähnlich wie der Breslauer Kardinal Adolf Bertram, an die Sinnhaftigkeit einer Eingabepolitik, möglicherweise mangels besserer Alternativen. Zumindest aber zweifelte er an dem Nutzen öffentlicher Proteste oder unkluger Provokationen.

Der persönlichen Struktur Pacellis entsprach die Aufgabe seines Amtes. Das Staatssekretariat war die wichtigste Zent­ralbehörde der Kurie. Selbst die Akten des Sanctum Officium offenbaren, dass nichts das Haus verließ, was nicht zuvor den politischen Filter - Pacellis Plazet - passiert hatte. Im Staats­sekretariat wurden auch die vom Heiligen Offizium ausgearbeiteten Maximen „auf ihre augenblickliche politische Tragbarkeit und Opportunität einer Veröffentlichung überprüft, um allen Schwierigkeiten mit den Staaten auszuweichen" (Hudal). Der Vorrang der Dip­lomatie und die Frage der politischen Opportunität scheinen die zentralen Maßstäbe der vatikanischen Entscheidungen jener Zeit gewesen zu sein.

Skeptisch gegenüber Demokratie

5. These: Die negativen Erfahrungen, die der Heilige Stuhl in den wenigen Fällen pointierter Stellungnahme machen musste, sind bedeutsam, um dessen Verhalten zu verstehen. So waren die Folgen der Indizierung des Rosenbergschen „Mythus" außerordentlich negativ. Rosenberg sah sich he­rausgefordert, den Druck auf die Kirche erheblich zu verstärken. Er und die ihm unterstehenden Organisationen und Parteimitglieder nahmen von nun an jede Gelegenheit wahr, offen gegen die Kirche zu schreiben, zu reden und zu agitieren. Die Enzyklika „Mit brennender Sorge", selbst in ihrer so stark abgeschwächten Form, führte ebenfalls zu einer extremen Verschärfung der Situation für die Kirche in Deutschland. Die Devisen- und Sittlichkeitsprozesse wurden wieder aufgenommen und intensiviert, die Möglichkeiten der öffentlichen kirchlichen Meinungsäußerung noch stärker beschnitten, die diplomatischen Kanäle lahmgelegt.

In der Folgezeit ging es, wie die Bischöfe der Fuldaer Bischofskonferenz in ihrem gemeinsamen Hirtenbrief vom 19. August 1938 richtig feststellten, um die „Zerstörung des katholischen Lebens innerhalb unseres Volkes", ja um „die Ausrottung des Christentums überhaupt". ­Diese „Bumerang-Erfahrung" öffentlicher Proteste könnte ein zentraler Schlüssel zum Verständnis der von nun an von Eugenio Pacelli konsequent verfolgten Strategie sein, öffentlich vor allem zu „schweigen" und seine Ziele nur noch im Geheimen zu verfolgen. Die Lage der katholischen Kirche und nicht zuletzt der Gläubigen in Deutschland, das Reichskonkordat als (wenn auch nur moralisch einklagbare) Rückzugslinie, der völkerrechtliche Status des Vatikans (nicht zuletzt im Krieg und während der Zeit der deutschen Besatzung in Rom) sollten durch Provokationen nicht noch stärker gefährdet werden. Es ging darum, den letzten Faden zur deutschen Regierung nicht abreißen zu lassen.

6. These: Eine beliebte Theorie lautet, Papst Pius XII. habe eine innere Abneigung gegen den Bolschewismus gehabt und deshalb die „Roten" gegen die „Braunen" ausgespielt. Im Grunde ist dies nichts anderes als die alte marxistische Theorie: Die bürgerliche Mitte wähle bewusst die Diktatur, aus Angst, im Chaos zu enden. Richtig dürfte daran immerhin eines sein: Pacelli wusste, was Räte-Terror bedeutet. Von daher war seine Erfahrung als Nuntius in München 1918/?19 durchaus wichtig. Auch Pius XI. hatte 1920 - damals noch Nuntius in Warschau - die aggressive Politik der Bolschewiken hautnah miterlebt. Man wusste um die Grausamkeiten, die in Russland begangen wurden, um die blutigen Begleitumstände in Ungarn nach 1919, die Zwischenfälle vor der faschistischen Machtergreifung in Italien, die Vorgänge 1936 im spanischen Bürgerkrieg. Zwar wusste man auch, was „rechter Terror" heißt, dennoch scheint die Beobachtung nicht falsch zu sein, dass der Heilige Stuhl das in seiner Sicht kleinere Übel wählte. Die zurückhaltende und zeitweise Duldung autoritärer Systeme und Regime zum Schutz vor der „schlechteren Alternative" ließ ein anderes Handeln nicht zu.

Im Hintergrund stand vielleicht eine tief im Bewusstsein verankerte Ablehnung aller parlamentarischen oder demokratischen Regierungsformen. Zu dieser Einschätzung kam jedenfalls der Jesuit Friedrich Muckermann, der meinte, sein eigener Ordens­obere Wladimir Ledóchowski sei autoritären staatlichen Formen zugeneigt gewesen: „Obwohl der General sich politisch immer sehr zurückhielt, so ist doch bisweilen wohl ein antisemitischer Komplex bei ihm hervorgetreten. Und hier, so schien es mir immer, mochte eine Anfälligkeit für die autoritären Systeme vorliegen, der gleiche Komplex, der sich in verschiedener Form bei Hitler, Mussolini, Franco vorfand, wenigstens in ihrer Propaganda. Ich glaube wirklich, dass der General, wenn man ihn in eine politische Front einreihen will, in die antiliberale, antidemokratische und wohl auch antijüdische Front gehörte." Bekanntlich übte der „schwarze Papst" auf Pacelli einen enormen Einfluss aus. Möglicherweise liegt hier ein weiterer Schlüssel zum Verständnis der Politik des Heiligen Stuhls.

Muss ein Papst neutral sein?

7. These: Zwar vereinzelt, aber doch immer wieder, taucht bei Pacelli - und bei Unterstaatssekretär Domenico Tardini - die Ansicht auf, nicht der Heilige Stuhl, sondern die betroffenen Bischöfe hätten die Aufgabe, sich öffentlich zu äußern. Dies passt zu der von Pacelli verfolgten Handlungsmaxime politischer Neutralität des Papstes. Es fällt in diesem Zusammenhang auf, dass der Heilige Stuhl selbst den Nationalsozialismus nicht öffentlich angriff, sondern stets einer Eingabepolitik folgte, wie sie auch der von Pacelli sonst ganz und gar nicht geschätzte Breslauer Kardinal Adolf Bertram betrieb. Demgegenüber sprach sich der Pacelli-Vertraute Bischof Konrad Preysing von Berlin in der Bischofskonferenz dafür aus, Öffentlichkeit herzustellen.

Dass sich die Handlungsweise Pius' kaum von der Bertrams unterschied, irritiert. Lösbar ist der Widerspruch nur insofern, als Pacelli offenbar einen Unterschied zwischen der Aufgabe der Bischöfe und des Papstes machte. Dem widerspricht nicht, dass der Heilige Stuhl zweimal ausdrücklich intervenierte, einmal 1938 gegen die italienischen Rassengesetze, das andere Mal 1943 - inzwischen hatte sich die Lage für den Vatikan aufgrund der deutschen Besatzung in Rom sogar wesentlich verschärft - gegen die Deportation der römischen Juden. Beide Male handelte der Papst aber nicht als Papst, sondern in seiner Eigenschaft als Bischof von Rom.

Als Bischof von Rom mutiger

8. These: Bei aller beharrlichen Grund­tendenz gab es doch eine gewisse Dynamik in den vatikanischen Reaktionen. Als 1933 in Deutschland die Rassengesetze erlassen wurden, registrierte dies der Vatikan sorgfältig und erwog eine Intervention. Mit dem Argument, dass dies einer innerstaatlichen Einmischung und einem Protest gegen ein deutsches Gesetz gleichkomme, entschied man sich (zunächst) jedoch gegen einen Protest, auch wenn dieser 1934 - ohne einen Bezug zu den Gesetzen herzustellen - durch die Indizierung Rosenbergs nachgeholt wurde. Als Italien am 17. November 1938 eigene Rassengesetze erließ, intervenierte der Heilige Stuhl ohne Zögern.

Offenbar war die Hemmschwelle, die man 1933 noch hatte, 1938 gefallen. Andererseits herrschte in Italien eine andere Situation. Die Bevölkerung war nahezu vollständig katholisch. Der Einfluss auf die Regierung war definitiv größer. Der Papst war nicht nur als Papst - und damit „ausländische" Macht -, sondern als Bischof von Rom von den Gesetzen in anderer Weise betroffen und sah sich als solcher in der Verantwortung. Schließlich dürfte - zumal nach der erst wenige Tage zurückliegenden Erfahrung der Reichspogromnacht - die Sorge groß gewesen sein, die Ereignisse in Deutschland könnten auf Italien übergreifen, der bislang weltanschaulich zurückhaltende Faschismus könnte „kippen".

Der Dank des Oberrabbiners

9. These: Im Gegensatz zu seiner öffentlichen Zurückhaltung sparte Pacelli in seinen diplomatischen Noten an die deutsche Reichsregierung nicht mit Kritik. Sein großes Promemoria (Denkschrift) vom 14. Mai 1934 sagte den Legitimationsprinzipien des nationalsozialistischen Regimes den Kampf an: „Die Kirche weiß um die Rasse als biologische Tatsache und leugnet in gewissen, von unwissenschaftlichen und unhistorischen Übertreibungen sich fernhaltenden Grenzen die Lebenswerte und Kulturantriebe nicht, die in ihr ruhen. Sie weiß aber auch, dass die Verabsolutierung des Rassegedankens und vor allem seine Proklamation als Religionsersatz ein Irrweg ist, dessen Unheilfrüchte nicht auf sich warten lassen werden… Die Kirche kann nicht widerstandslos zusehen, wenn der Jugend, der Trägerin der kommenden Generationen, statt der Frohbotschaft der Lehre Christi die Trutz- und Trugbotschaft eines neuen Materialismus der Rasse gepredigt wird."

Etwas anderes als öffentliches „Reden" waren auch konkrete Hilfen für bedrohte Juden. Hier wurde Pius XII. mehrfach von jüdischer Seite das beste Zeugnis ausgestellt. Nur eine Stimme sei angefügt: So schrieb der Oberrabbiner von Jerusalem, Isaak Herzog, 1944 an Pius XII: „Das Volk Israel wird nie das vergessen, was Eure Heiligkeit und Eure verehrten Delegaten, inspiriert von den ewigen Prinzipien der Religion, die an der Basis einer wahren Zivilisation stehen, für unsere unglückseligen Brüder und Schwestern in der tragischsten Stunde unserer Geschichte tun: ein lebendiger Beweis der göttlichen Vorsehung in dieser Welt."

10. These: Pius XII. gelang es nach 1945 in ungewöhnlichem Maße, das Papsttum zu einer weltweit beachteten „Moralinstanz" zu machen. Über die Gründe dafür sollte man einmal ausgiebiger reflektieren. Es fällt jedoch auf, dass Pius XII. in den fünfziger Jahren stärker als alle seine Vorgänger öffentlich Stellung bezog, und zwar zu quasi allen Themen. Pius rückte als Lehrender ins Blickfeld. Dieser Beobachtung entsprechen Buchtitel, die bereits kurz nach dem Kriegsende erschienen. Der Papst, der vor 1945 so konsequent schwieg, wurde danach zu dem (stilisiert), der unablässig „redete". Damit legte Pacelli aber eine Messlatte, an der er mit seinen ersten Pontifikatsjahren und als Kardinalstaatssekretär selbst scheitern musste. Ist also die späte Kritik an Pius XII. möglicherweise nicht auch auf veränderte Beurteilungsmaßstäbe zurückzuführen? Entsprach Pacellis Haltung vor 1945 nicht doch eher der bis dahin üblichen Haltung des römischen Papstes, der sich eben vorwiegend um die eigenen Schäfchen zu kümmern und deren Wohl und Wehe zum Maßstab des eigenen Handelns zu machen hatte, während der selbst geschuldete Beurteilungsmaßstab nach 1945 den Papst in moralische und politische Kategorien erhob, hinter denen diese frühere Haltung zurückbleiben musste?

Angesichts dieser realen „Schere" zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist sehr daran zu zweifeln, ob einer Verteidigung Pius' XII. damit gedient ist, wenn man ihn noch einmal beschleunigt als „Lehrer" stilisiert, wie dies jüngst - zeitgleich mit der Eröffnung der Ausstellung über Pius XII. - durch ein an der Gregoriana und an der Lateran-Universität veranstaltetes dreitägiges Symposium über „Das Erbe des Lehramts von Pius XII." geschah. Der Vatikan tut vielmehr gut daran, die Akten des Pontifikats Pius' XII. bald zugänglich zu machen - im Interesse der selbst gesuchten Klarheit. Gleichwohl dürfte der Pacelli-Papst damit nicht aus dem Kreuzfeuer genommen werden. Denn wie gesagt: Ohne Quellen keine Geschichtsforschung. Quellen bleiben aber interpretationsoffen.


Dominik Burkard ist Professor für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Würzburg.

CIG 2-4/2009


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