62. JAHRGANG 2010WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 12. September 2010

Glaube - bleib der Erde treu, Erde - bleib dem Glauben treu
Von Johannes Röser
Mit seinem Weltrundschreiben zur sozialen Frage „Die Liebe in der Wahrheit" (Caritas in veritate) knüpft Papst Benedikt XVI. an seine erste Enzyklika „Gott ist die Liebe" (Deus caritas est) an. Die Gottes- und die Menschenliebe gehen über das Individuelle hinaus. In der Nächstenliebe verbinden sie sich gesellschaftlich, kulturell, politisch, ökonomisch zu einem universalen Schöpfungsauftrag. Der Papst macht in dem siebzig Seiten umfassenden Text vom ersten Satz an deutlich, dass er die existenzbewegenden Gerechtigkeitsthemen unter einen religiösen Anspruch gestellt sieht. „Die Liebe in der Wahrheit, die Jesus Christus mit seinem irdischen Leben und vor allem mit seinem Tod und seiner Auferstehung bezeugt hat, ist der hauptsächliche Antrieb für die wirkliche Entwicklung eines jeden Menschen und der gesamten Menschheit."

Dabei setzt der Papst einen auffällig anderen Akzent in der Verknüpfung von „Liebe" und „Wahrheit". Während es in Anlehnung an den Epheserbrief (4,15) bisher immer hieß, die Wahrheit sei in Liebe zu tun, was zum Beispiel auch das bischöfliche Leitwort des Wiener Kardinals Franz König war, kehrt Benedikt XVI. das hier um: die Liebe in der Wahrheit tun. „Nur in der Wahrheit erstrahlt die Liebe." Was aber ist Wahrheit? Der Verfasser beziehungsweise die Verfasser kreisen etwas weitschweifig über das Begriffsfeld. Der Papst sucht einen christologischen Bezug und hält an einem streng absoluten Verständnis von der Wahrheit fest, die jenseits dessen liegt, was Menschen als Wahrheiten im Plural annehmen. „Die Wahrheit ist ‚lógos', der ‚diá-logos' schafft und damit Austausch und Gemeinschaft bewirkt. Indem die Wahrheit Menschen aus den subjektiven Meinungen und Empfindungen herausholt, gibt sie ihnen die Möglichkeit, kulturelle und geschicht­liche Festlegungen zu überwinden und in der Beurteilung von Wert und Wesen der Dinge einander zu begegnen." Der Papst tritt für das Dialogische ein, aber streng ­gebunden an die eine, ewig feststehende, unabänderliche Wahrheit. Diese öffne den Verstand der Menschen und vereine ihre „Intelligenz im Logos der Liebe".

Fortschritt ist Berufung

Der Papst möchte kein bloßes, säkulares Gutmenschentum propagieren. Für ihn ist nur das wirklich sozial und politisch gerecht, was der Aussöhnung der Gesellschaft auch mit Gott dient. Die Gerechtigkeit, die er meint, reicht über das Innerweltliche hinaus. Es ist eine Gerechtigkeit aus Gott, durch Gott, mit Gott und in Gott. Das aber heißt für ihn, dass alles Bestreben, soziale Gerechtigkeit zu schaffen, geleitet sein muss von der theologisch begründeten Würde des Menschen. Schon hier wird deutlich, dass diese Sozialenzyklika nicht an konkreten Vorschlägen interessiert ist. Vielmehr bettet Benedikt XVI. die Herausforderungen der Globalisierung ein in grundlegendere philosophische, theologische Betrachtungen. Sein Menschenbild hängt am Gottesbild. Die Stadt der Welt ist und bleibt für ihn die „universelle Stadt Gottes", die aufzubauen sei, „auf die sich die Geschichte der Menschheitsfamilie zubewegt".

In vielen Wiederholungen wird betont, dass es mehr braucht als Sozialmanagement, als technokratische Lösungen. Der Fortschritt im Diesseits lebt unter dem Horizont des Jenseits. Davon soll der Mensch angeregt werden. „Ohne die Aussicht auf ein ewiges Leben fehlt dem menschlichen Fortschritt in dieser Welt der große Atem." Entsprechend bezieht sich Benedikt XVI. auf die Enzyklika „Populorum progressio" über den Fortschritt der Völker von Paul VI. Für den jetzigen Papst besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Feier der Eucharistie, der Liebe Gottes und der Menschen und dem sozialen Heilsauftrag der Kirche: Diese soll eine „ganzheitliche Entwicklung des Menschen fördern". Wahre Entwicklung braucht wahre Transzendenz.

Dabei versucht der Papst darzulegen, dass die Kirche keineswegs fortschrittsfeindlich sei. „Die Vorstellung von einer Welt ohne Entwicklung drückt Misstrauen gegenüber dem Menschen und gegenüber Gott aus. Es ist also ein schwerer Irrtum, die menschlichen Fähigkeiten zur Kontrolle von Auswüchsen in der Entwicklung gering zu schätzen oder sogar zu ignorieren, dass der Mensch konstitutiv dem ‚Mehr-Sein' entgegenstrebt." Auch wendet sich der Papst gegen Träume von einer Rück­kehr des Menschen in einen „ursprünglichen Naturzustand". Dieses Grundvertrauen des Papstes in die Fähigkeit des Menschen, sich mit Gottes Hilfe und unter dem Horizont des Gottesglaubens wirklich weiterzuentwickeln, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dies umso mehr, als die Enzyklika im weiteren Verlauf kulturpessimistische Äußerungen enthält. Zudem lässt Benedikt XVI. erkennen, dass er Entwicklung von einem bloß äußerlichen Verständnis von „Wachstum" trennt. Auch den Begriff der „Evolution" gemäß den Gesetzen von Zufall und Notwendigkeit weist er zurück. Zitiert wird Paul VI.: „Nach dem Plan Gottes ist jeder Mensch gerufen, sich zu entwickeln; denn das ganze Leben ist Berufung." Benedikt spitzt die Aussage zu: Fortschritt ist „eine Berufung". Und: „Der Glaube setzt … einzig auf Christus, auf den jede echte Berufung zur ganzheitlichen menschlichen Entwicklung zurückzuführen ist."

Christus selbst ist in gewisser Weise der Entwickler des Menschengeschlechts, das in Geschwisterlichkeit - der Papst bevorzugt den Ausdruck Brüderlichkeit - zu einer Menschheitsfamilie zusammenwachsen soll. Es reiche nicht, nur ein „bürgerliches Zusammenleben", bloß gute Nachbarschaft anzustreben. Den Mehrwert sieht er im Glauben, im Christusglauben gegeben.

Nach der philosophisch-theologischen Grundlegung greift der Papst ab dem zweiten Kapitel Einzelthemen auf. Welchen Zweck hat Gewinn, wozu wird er verwendet? Was meint nachhaltiges Wachstum? Er spricht die weltweite Ungerechtigkeit an, alte und neue Armut, gerade auch in wohlhabenden Staaten. Der Papst fragt, was aus der nach dem Kalten Krieg versprochenen Friedensdividende geworden ist, aus dem Geld, das man nach der Abschreckung einsparte? Ein weites Problemfeld ist die Deregulierung, die Aufweichung sozialer Absicherungen als Folge des Marktzwangs, stets billiger zu produzieren und dafür Produktionsstandorte dorthin zu verlagern, wo Löhne und Lohnnebenkosten niedriger sind. Benedikt XVI. plädiert für eine Neubesinnung auf eine international wirkende Gewerkschaftsbewegung.

Weitere Themen sind Hunger, das Recht auf Ernährung, auf sauberes Wasser. Nur ein winziger Abschnitt behandelt die Friedensfrage, was erstaunlich ist für eine Sozialenzyklika, die nach dem alten Kalten Krieg in einer Zeit unübersichtlicher Allianzen, vieler neuer heißer Kriege entstanden ist. Ein eigenes Wort fehlt zur - noch nicht vollendeten - Gleichberechtigung von Mann und Frau, obwohl die Emanzipation die Geschlechterbeziehungen, die Arbeitswelt und die Gesellschaft grundlegend gewandelt hat. Auch die bedrängende Thematik eines gerechten Lohns hätte eine intensive Auseinandersetzung verdient.

Eigens geht Benedikt XVI. auf den Lebensschutz ein, wobei er die bekannten vatikanischen Auffassungen wiederholt. Es befremdet, dass er Empfängnisverhütung in einem Atemzug mit Abtreibung nennt. Ohne Differenzierung werden Euthanasie, Schwangerschaftsabbruch, Sterilisierung und Familienplanung unter eine „geburtenfeindliche Mentalität" subsumiert.

Eine Weltautorität?

Die Enzyklika findet wegen ihrer kapitalismuskritischen Auffassungen zu einem freien Markt, der sich angeblich selbst reguliert, ein erstaunlich positives Echo in der „linken" Presse. Für Benedikt XVI. ist der Markt nicht alles. Er plädiert auch für Verteilungsgerechtigkeit und scheut sich nicht, das verächtlich gemachte Wort „Umverteilung" zu benutzen. Es brauche neben dem auf gerechten Verträgen bestehenden Gütertausch des Marktes „Mechanismen zur Umverteilung". Und Benedikt XVI. denkt daran, dass es im Zuge von Barmherzigkeit die Gnade des Geschenkhaften, Unentgeltlichen, ja des Non-Profit ergänzend geben sollte, auch im harten Wettbewerb des Ökonomischen.

Schließlich geht er auf Unternehmensführung ein. Das Unternehmen habe nicht allein den Interessen der Eigentümer oder Anteilseigner zu dienen, sondern allen Beteiligten, insbesondere Arbeitern, Zulieferern, Konsumenten. Letztere sind mitverantwortlich für das, was und wie produziert wird, ob gerecht oder ungerecht, umweltverträglich oder umweltschädigend. Der Kaufakt ist ein ethischer Akt.

Letztendlich muss auf das Wohl des Unternehmens selbst geachtet werden, das sich nachhaltig weiterentwickeln soll und nicht zum kurzfristigen Nutzen internationaler Anleger ausgebeutet werden darf. In einer individualistischen Kultur haben wir den Blick auf die Rechte des Einzelnen gerichtet. Doch Rechte leben aus Pflichten, gibt der Papst zu bedenken.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Ökologie: Energiesicherheit, Ressourcenschonung, Klimaschutz. Der Papst sieht einen engen Zusammenhang zwischen Umweltökologie und Humanökologie. Zur Förderung der natürlichen Lebensgrundlagen gehöre die geistig-seelische Förderung des Menschen: Bildung, Reifung, Sittlichkeit.

Ein Kapitel befasst sich mit interkultureller Verständigung. Der Papst kritisiert religiöse Verhaltensweisen und Richtungen, die nur die Wellness des Individuums wollen, eine Art „Rette deine Seele", denen es aber an sozialer Verantwortung fehlt. Er bemängelt Kastenwesen, Ausgrenzung, „Formen von magischem Glauben, die die Würde der Person missachten" und „Haltungen der Unterwerfung unter okkulte Mächte". Das Soziale ist für den Papst Gradmesser für wahre oder falsche Religion. Er warnt vor Nivellierung, wonach alle Religionen irgendwie gleich seien. „Die Unterscheidung hinsichtlich des Beitrags der Kulturen und Religionen zum Aufbau der sozialen Gemeinschaft in der Achtung des Gemeinwohls ist vor allem für den, der politische Gewalt ausübt, erforderlich." Wer hat die besten Kriterien für die ganzheitliche soziale Entwicklung des Menschen? Für den Papst ist es eindeutig: „Das Christentum, die Religion des ‚Gottes, der ein menschliches Angesicht hat', trägt in sich selbst ein solches Kriterium." Entsprechend betont er den Öffentlichkeitsanspruch des Christentums. Er verlangt, dass dies auch politisch respektiert wird. Beim interkulturellen Dialog, für ein interkulturelles Ethos, ein Weltethos (der Papst verwendet den Begriff Hans Küngs allerdings nicht), vertraut Benedikt XVI. auf das Naturrecht, das wie ein Gesetz universal in die Herzen der Menschen eingeschrieben sei.

Der Papst wünscht eine „Reform sowohl der Organisation der Vereinten Nationen als auch der internationalen Wirtschafts- und Finanzgestaltung". Er plädiert für - so die etwas umständliche Formulierung - „das Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität". Fordert er eine Weltregierung, einen zentralen Sicherheitsrat als Instanz im oder neben dem bestehenden Weltsicherheitsrat mit exekutiver Vollmacht? Der interessante, wenn auch nicht völlig neue Vorschlag bleibt letztlich leider un­bestimmt. Die genannten sehr strikten Voraussetzungen und Bedingungen für eine solche „Weltautorität" lassen ein solches Gremium eher unrealistisch erscheinen. Die dafür geforderten sehr starken, nahezu absoluten Autoritätskompetenzen erinnern fast ein wenig an ein kollektives „säkulares Papsttum".

Päpstlicher Wunschzettel

Im sechsten Kapitel fasst der Papst zusammen, wie er Fortschritt und Entwicklung der Völker versteht: nicht einseitig technologisch, technokratisch, materialistisch. Es brauche eine Erziehung „zur sittlichen Verantwortung im Umgang mit der Technik. Ausgehend von der Faszination, die die Technik auf den Menschen ausübt, muss man den wahren Sinn der Freiheit wiedergewinnen, die nicht in der Trunkenheit einer totalen Autonomie besteht, sondern in der Antwort auf den Aufruf des Seins, angefangen bei dem Sein, das wir selbst sind." Die neuen Biotechnologien werden hier sehr kritisch bewertet.

Abschließend wird noch einmal vehement gegen den materialistischen Reduktionismus Stellung bezogen. „Der Absolutheitsanspruch der Technik neigt dazu, eine Unfähigkeit entstehen zu lassen, das wahrzunehmen, was sich nicht mit der bloßen Materie erklären lässt. Und doch erfahren alle Menschen so viele immaterielle und geistige Aspekte ihres Lebens. Erkennen ist nicht ein nur materieller Akt, weil das Erkannte immer etwas verbirgt, was über die empirische Gegebenheit hinausgeht. Jede Erkenntnis, auch die einfachste, ist immer ein kleines Wunder, weil sie sich mit den materiellen Mitteln, die wir anwenden, nie vollständig erklären lässt. In jeder Wahrheit steckt mehr, als wir selbst es uns erwartet hätten, in der Liebe, die wir empfangen, ist immer etwas für uns Überraschendes. Wir sollen niemals aufhören, angesichts dieser Wunder zu staunen. In jeder Erkenntnis und in jeder Liebeshandlung erlebt die Seele des Menschen ein ‚Mehr', das sehr einer empfangenen Gabe gleicht, einer Erhabenheit, zu der wir uns erhöht fühlen. Auch die Entwicklung des Menschen und der Völker steht auf einer ähnlichen Höhe, wenn wir die geistige Dimension betrachten, die diese Entwicklung notwendigerweise kennzeichnen muss, damit sie echt sein kann. Sie erfordert neue Augen und ein neues Herz…"

Insgesamt ist die Sozialenzyklika keine Unheilsprophetie. Vielmehr kann man das Ringen um ein Schöpfungsbild herauslesen, das groß vom Menschen denkt, wo er groß von Gott denkt. Dies ist sehr sympathisch. Hier wird nicht nur der Glaube geerdet, sondern zugleich das Irdische himmlisch angebunden. Der Glaube soll der Erde ebenso treu bleiben wie die Erde dem Glauben. Das ist das große Anliegen des Papstes. Er sieht Gottesliebe und Menschenliebe in der Nächstenliebe auch sozialpolitisch verknüpft. Für Christen heißt Christusliebe: Christus lieben in den anderen.

Das Soziale ist für Benedikt XVI. nicht nur ein weltlich Ding. Das Diesseits gründet im Jenseits. Die Enzyklika hält sich, abgesehen von einzelnen Reizthemen im Kontext von Sexualität, Fruchtbarkeit und Lebensschutz, mit moralisch-moralistischen Mahnungen zurück. Es handelt sich eher um eine Zustandsbeschreibung, um eine Ansammlung von anstehenden Themen, und von Wünschen, die zu bedenken wären. Diese Enzyklika ist fast so etwas wie ein päpstlicher Wunschzettel für eine neue Weltordnung des Sozialen und Ökonomischen im Angesicht des Theologischen. Inhaltlich kann der Text nicht viel Neues anbieten. Konkret wird er selten. Gemessen an den großen Gestalten christlicher Soziallehre und deren Vorschlägen sowie den geweckten hohen Erwartungen muss dieses Dokument wohl eher enttäuschen. Es zieht sich auf allgemeine Prinzipien zurück, was die Grenzen der Gestaltungsfähigkeit solcher Art von Soziallehre markiert. Manchmal hat man fast den Eindruck einer gewissen Ängstlichkeit, Farbe zu bekennen, weil es die Experten der Ökonomie doch immer besser wissen würden. So bleibt Etliches blass, vage, fast mutlos. Leicht zu lesen ist das Dokument ebenfalls nicht. Der Stil ist holprig, substantivisch. Er entspricht nicht der Eingängigkeit anderer Veröffentlichungen von Benedikt XVI. / Joseph Ratzinger. Vermutlich hängt das mit einer vielfältigen Verfasserschaft zusammen. Die Formulierungen wirken oft auch abstrakt, weitschweifig und gespreizt. Der Leser quält sich mancherorts förmlich durch die Sätze.

In der Grundausrichtung gibt diese Sozialenzyklika, die eigentlich mehr eine theologische Enzyklika, eine Glaubensenzyklika mit sozialer Rechenschaft ist, jedoch eine Hoffnungsperspektive nicht nur für Christen. Papst Benedikt XVI. richtete sein Weltrundschreiben „an alle Menschen guten Willens". Tatsächlich könnte das eine gute Frucht der akuten ökonomischen wie sozialen Krisen sein: dass da und dort vielleicht doch neue Nachdenklichkeit entsteht, dass der gute Wille wächst.


CIG 29/2009

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