62. JAHRGANG 2010WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 12. September 2010

Leserdebatte: Ein neues Konzil
Von unseren Leserinnen und Leser
Meine Erfahrung im Religionsunterricht

Haben Sie herzlichen Dank für Ihren Artikel und die darin enthaltene Anstößigkeit, die hilft, den eigenen Blick in die grundsätzliche Zukunft zu richten. Ich gehöre als Religionslehrer zu denen, die Vorkonziliares in Kinder- und Jugendzeit prägend erlebt haben und dann sehr bewusst im jungen Erwachsenwerden mitgerissen wurden vom konziliaren Prozess. Bald mussten wir allerdings ernüchtert feststellen, dass die restaurativen Kräfte sich ans Werk machen, dass konservative oder gar traditionalistische Kreise wie die Piusbruderschaft die Deutungshoheit beanspruchen über das „Weltereignis" Zweites Vatikanisches Konzil. Nicht nur theologisch, sondern auch und vor allem in der Personalpolitik …

In meiner Religionsunterricht-Wirklichkeit begegne ich dem Unverständnis und der Ratlosigkeit jener jungen Leute, die sich nach einer gemeindlich geprägten Kinder- und Jugendbiografie - inzwischen sind es nur mehr wenige - von der Kirche lösen. Und ich begegne jenen Vielen, die sich wie unbeschriebene Blätter dem Fach Religion nähern, kaum über Basiswissen verfügen, dennoch überaus interessiert sind. Sie haben Fragen - aber man müsste ihnen erst einmal die Haltung der Kirchenoberen als historisch begründet durchbuchstabieren, damit sie überhaupt den „sprachlichen Duktus" bischöflicher, päpstlicher, vatikanischer Argumentationen verstehen könnten: Das ist ein Übersetzungsprozess wie bei einer Fremdsprache. Und es erschreckt mich, mit welcher Uninteressiertheit dieses Vermittlungsproblem (auch in Gedankenwelten) derzeit „von oben" angegangen wird.

Also wieder ein Glaubenskonzil? Ein echtes, ein tiefes, ein ehrliches sollte es sein! Visionen können da Gestalt gewinnen und eine Dynamik entwickeln, wo sie angesprochen und ausgesprochen werden.
Thomas Hemmes, Freiburg


Vorarbeit

Ihr ausgezeichneter Artikel kann eine Vorarbeit für ein künftiges Konzil sein. Dem letzten Konzil ging eine jahrzehntelange, oft durch die Kirchenleitung behinderte oder verdächtigte Arbeit voraus: Biblische und Liturgische Bewegung, Erneuerung der Theologie …
Georg Holzherr, Alt-Abt von Einsiedeln, Seedorf, Schweiz


Das Neue muss schon da sein

Sie haben mich nicht davon überzeugt, dass es Zeit sei für ein neues Glaubenskonzil. Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil war das theologische Denken bis hinunter in die Studentengemeinden längst schon vorher da angekommen, wo die Konzilsväter es dann hingeführt haben. Längst hatten die Gottesgelehrten jener Tage gedanklich vorbereitet, was dann im geistigen Aufbruch auf dem Konzil verdichtet wurde. Welch glückliche Situation!

Heute hingegen müssen Sie „Fragen für ein Glaubenskonzil" formulieren. Diese Phase muss erst durchgestanden werden! Das Neue, wenn es denn auf diesem Weg kommen soll, muss eigentlich schon da, muss bereits greifbar sein.

Viel mehr als alle Fehler der Kirche zusammen scheint folgende These die Glaubenskrise unserer Tage zu deuten: Der Gotteskrise entspricht die Krise der Liebe. Wenn es um Gott geht, geht es zugleich um unsere Grundhaltung zum Mitmenschen. Gegen diese Krise hilft kein Konzil.
Siegfried Stephan, Rheinbach


Der Durchleuchtete

Mich bewegt eine Frage an die Theologie, genauer an die Lehre von Jesus Christus: Ich bin sicher, dass viele Zeitgenossen mit einem Jesus als Gott nichts mehr anfangen können. Im Gegenteil: Die philosophische Gedankenwelt der Dogmatik der frühchristlichen Konzilien ist nicht mehr nachvollziehbar. Wir suchen zuerst den Menschen Jesus, durch den das Göttliche zwar hindurchleuchtet, der aber niemals sich anmaßt, selbst Gott zu sein. Mit einem solchen „Durchleuchteten" können wir uns identifizieren, nicht aber mit einem Jesus als Gott. Außerdem: Das, was wir „Natur" oder „Schöpfung" nennen, ist das Zentrum der Theologie und nicht eine Nebensache; nicht an der Natur vorbei an Gott glauben, sondern durch die Natur hindurch. Vielleicht kommt uns einmal die Einsicht, dass Naturwissenschaft letztlich Theologie ist, im Einklang mit der Evolution.
Prof. Dipl.-Ing. Klaus Brunner, Freiburg


Transzendenz-Sehnsucht

Der existenzielle Umbruch in den letzten Jahren durch die moderne Wissenschaft und das veränderte Lebensgefühl werden in der Kirche so gut wie nicht artikuliert. Beim Gottesdienst wird weiter so gepredigt wie eh und je. Dabei wird der Mensch durch das fragwürdige und völlig veränderte Gottesbild in eine tiefe Krise gestürzt. Dazu kommt die alte hierarchische Struktur der Kirche, die auf das moderne Leben keine Rücksicht nimmt: Verbot der Kondome im mit Aids geplagten Afrika; lieber keine Priester als solche, die verheiratet sind; der Gläubigenschwund wird mit riesigen Seelsorgeeinheiten verschleiert, in denen sich keiner mehr beheimatet fühlt. Es bleibt eine verzweifelte Einsamkeit. In meinem langen Leben (ich bin nun 92 Jahre) habe ich die ganze Entwicklung mitgemacht: von einem selbstverständlichen Glauben, an dem niemand zweifelte, weil er Allgemeingut war; von kirchlichen Festen und Kultur, die einen getragen haben.

Ich frage mich: Wer ist Gott? Gibt es ihn überhaupt? Und auch das Christentum, das zweifellos eine große Hilfe im Leben ist, bleibt nicht unangefochten, da Christus Gottes Sohn ist. Von welchem Gott? Was dennoch bleibt, ist die dem Menschen offenbar eingepflanzte Sehnsucht nach Transzendenz und die Suche nach einem Halt im Leben.
Gabriele Martis, Schwäbisch Gmünd


Eine Stimme aus Frankreich

Im französischen katholischen Fernsehsender KTO vertrat der Historiker Jean Delumeau, Mitglied der „Académie Française", die Ansicht, dass ein drittes Vatikanisches Konzil nötig sei. Gefragt nach seiner Meinung zum Unfehlbarkeitsdogma sagte er: „Nicht die Unfehlbarkeit des Papstes ist die Katastrophe, sondern dass sich seit der Erklärung zum Dogma jede Stufe der kirchlichen Hierarchie für unfehlbar hält."
Steffen Hein, Bad Aibling


Priestervorbilder

Wodurch wird heute in der jüngeren Generation das Priesterbild bestimmt? Es ist ja begrüßenswert, wenn es überall viele Laien gibt, die das, was sie können, auch übernehmen. Aber wann erlebt ein junger Mensch noch einen Priester? Wenn ich mich frage, wodurch ich auf den Gedanken kam, Priester zu werden, dann waren es die intensiven Kontakte mit unseren vorbildlichen Kaplänen und Pfarrern. Wenn es heute kaum noch junge Priester gibt, darf man sich da wundern, wenn sich kaum noch Jüngere entscheiden, Priester zu werden oder ins Kloster zu gehen?
Leonhard Veith, Worms


Bonhoeffers Rat

Als Religionslehrer an einem Gymnasium nehme ich wahr, dass es unseren Kirchen leider nicht gelingt, die Glaubenstradition mit den heutigen Lebenserfahrungen fruchtbar ins Gespräch zu bringen. Der Soziologe Zygmunt Bauman spricht treffend vom „Leben in der Ungewissheit". Vielleicht lässt sich die Problematik darin zusammenfassen, dass es uns Christen bis heute nicht gelungen ist, Dietrich Bonhoeffers bereits 1944 formulierte Aufgabe anzugehen: eine „neue Sprache" für unseren Glauben zu finden. Ihr Beitrag macht mir außerdem deutlich, dass die Fragen und Klagen, die die kirchentreuen Christen derzeit beunruhigen, nicht Ausdruck einer verirrten Minderheit sind, sondern aus der Mitte der - noch - aktiven Gläubigen kommen.
Gisbrecht Isselstein, Trier


Theodizee der Gegenwart

Neben der Notwendigkeit, neue Erkenntnisse gesamtkirchlich auf höchstem Niveau zu diskutieren und zu formulieren, stellt sich mir häufig die Frage, was im religiösen Alltag an theologischem Basiswissen angekommen ist. Wenn in einer Predigt über das Gleichnis vom Wachsen der Saat von Stressabbau gesprochen wird, ohne den Bezug zur Gottesherrschaft herzustellen, ist das theologischer Unsinn. Von den neuen Fragestellungen ist auch nichts zu erkennen, wenn beim nordrhein-westfälischen Zentralabitur in Religion die Theodizeefrage hauptsächlich am Buch Ijob behandelt wird. Mein Eindruck: Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil war man theologisch teilweise schon weiter als 2009.
Georg Reffgen, Solingen


Kirche und Sexualität

Zur Aussage, dass fast überall die Abwendung von der Kirche einhergeht mit der „Entdeckung des Sexuellen", möchte ich eine Ergänzung durch Kardinal Carlo Maria Martini weitergeben, die er in dem Buch „Jerusalemer Nachtgespräche" formuliert hat: „Keinem Bischof und keinem Priester bleibt heute verborgen, dass die körperliche Nähe der Menschen vor der Ehe gegeben ist. Hier müssen wir umdenken, wenn wir die Familie schützen und die eheliche Treue fördern wollen. Mit Illusionen oder Verboten kann nichts gewonnen werden. Bei Freunden und Bekannten habe ich erlebt, wie die Jugendlichen mit in den Urlaub fuhren und zusammen in einem Zimmer schliefen … Sollte ich dazu etwas sagen? Das ist schwer. Ich kann nicht alles verstehen, obwohl ich spüre, dass hier vielleicht eine neue Achtsamkeit aufeinander, ein gegenseitiges Lernen und ein stärkeres Miteinander der Generationen entstehen… Diese Entwicklung will ich wohlwollend, fragend und betend begleiten."
Wo bleibt diese wohlwollende, fragende und betende Begleitung heute in der Kirche - nicht nur hinsichtlich dieser Frage?
Hans Peters, Goch


Allein die Bischöfe?

Wer soll die heutigen Lebensvorstellungen in die Kirche einbringen? Wer soll die richtigen Konsequenzen daraus ziehen, wenn nicht die Gläubigen, die mitten in dieser Gesellschaft ihre Frau und ihren Mann stehen? Ein Konzil allein mit Bischöfen kann aus meiner Sicht keine Lösung bringen. Es müsste eine echte Glaubensversammlung unter großer Beteiligung der Laien gelingen - ähnlich der Gemeinsamen Synode der westdeutschen Bistümer in Würzburg 1975. Dann wäre die Chance groß, dass Glaube und Kirche wieder mehr eindringen können in die Herzen der Menschen.
Fritz Wallner, Schierling

CIG 32/2009

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