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Mehr Bildung - weniger Kinder
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Von Stephan U. Neumann |
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Letzter Platz in Europa. So lautet das Ergebnis einer Studie des europäischen Statistikamts Eurostat zur Geburtenrate in Europa. Pro tausend Einwohner wurden 2008 in Deutschland gerade einmal 8,2 Kinder geboren, der Durchschnitt aller 27 EU-Länder lag rechnerisch bei 10,9 Kindern. Aus dem Bundesfamilienministerium wurde den europäischen Statistikern umgehend vorgeworfen, mit falschen Zahlen gerechnet zu haben. Als besonderer Makel wurde dort empfunden, dass es in Deutschland als einzigem Land in Europa im Vergleich zu 2007 sogar einen Geburtenrückgang gegeben haben soll. In Wahrheit hätten 2008 jedoch nicht wie von Eurostat behauptet 675 000, sondern 682 524 Kinder das Licht der Welt erblickt - statistisch ein Unterschied von etwas mehr als einem Prozent.
Der Streit zeigt, wie sehr die Nerven in der Familienpolitik blankliegen. Geht man von der höheren Geburtenzahl des Statistischen Bundesamts aus, kommt Deutschland wie schon 2007 auf 8,3 Kinder pro tausend Einwohner, und das Familienministerium kann so feststellen: „Die Zahl der Geburten ist stabil." So lassen sich dann die politischen Entscheidungen, wie die Einführung des Elterngelds oder der Ausbau der Plätze in Kindertagesstätten, als erfolgreich verkaufen. Wenn diese schon nicht - wie noch im Februar erhofft und von Familienministerin Ursula von der Leyen etwas vorschnell verkündet - den Abwärtstrend bei der Zahl der Geburten umgekehrt haben, so haben sie ihn doch wenigstens gestoppt.
Schrumpft die Bevölkerung?
Angesichts eines weltweit gesehen eher besorgniserregenden Bevölkerungswachstums sowie 3,5 Millionen Arbeitslosen und einer weiteren Million von arbeitsfähigen Menschen in Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen hierzulande drängt sich allerdings die Frage auf, ob die Hysterie, mit der auf jede veröffentlichte Zahl und Studie in der Familienpolitik reagiert wird, überhaupt gerechtfertigt ist. Es sind wohl weniger die Kinder selbst, deren Fehlen Sorgen bereitet, als vielmehr wirtschaftliche und politische Auswirkungen. So wird auf Bundesebene meist der Zusammenbruch des Sozialsystems als Folge einer alternden Gesellschaft prophezeit. Wenig wird in diesem Zusammenhang allerdings darüber geredet, dass die oben genannten Arbeitslosen ebenfalls nicht in Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherungen einzahlen können.
Aber auch in den Ländern und Kommunen geht die Angst vor einer schrumpfenden Bevölkerung aufgrund der geringen Geburtenrate und ausbleibender Zuwanderung um. Kämpften bislang vor allem die östlichen Bundesländer mit leerstehenden Wohnungen, müsse man sich - wie 2008 erstmals geschehen - selbst „im Wachstumsland Baden-Württemberg" an sinkende Einwohnerzahlen gewöhnen, schreibt die „Badische Zeitung". In den Städten und Gemeinden sei der Trend noch nicht erkannt, weshalb weiter Neubaugebiete ausgewiesen würden, „obwohl ihr Zentrum ausblutet". Schon bald müsse sich so manche Kommune über leerstehende Kindergärten und Schulen, ein überdimensioniertes Abwassersystem sowie das fehlende lokale Publikum für Museen und Theater Gedanken machen. „Gewiss, in Baden-Württemberg sind wir davon noch entfernt - weit aber wohl nicht mehr", warnt die in Freiburg erscheinende Zeitung.
So wie die Probleme der sozialen Sicherungssysteme arbeitsmarktpolitisch zu lösen sind, müssen die der kommunalen Infrastruktur in den jeweiligen Planungsämtern geregelt werden. Der Kinderwunsch unter jungen Paaren wird nicht durch die Notwendigkeit von neuen „Renteneinzahlern" und „Kindergartenplatzbeanspruchern" angeregt. Anstatt die Alterspyramide oder gar die Gefahr des Aussterbens zu bemühen, gilt es zu fragen: Bleiben junge Frauen und Männer, die sich eigene Kinder wünschen, kinderlos? Und wenn ja, wo liegen die Gründe?
Lebensform Kinderlosigkeit
Die ebenfalls kürzlich veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen: Immer mehr Frauen in Deutschland bekommen keine Kinder. Jede fünfte Frau zwischen 40 und 44 Jahren hat kein Kind, bei den heute 60- bis 64-Jährigen liegt der Anteil nur bei zwölf Prozent. Grundsätzlich haben höher gebildete Frauen häufiger keine Kinder als weniger gebildete; in der Stadt und in Westdeutschland kommt Kinderlosigkeit öfter vor als auf dem Land und im Osten. Außerdem bleiben Frauen mit Migrationshintergrund seltener ohne Kinder.
Im Grunde bestätigen diese Zahlen frühere Erkenntnisse, auf die mit Elterngeld und der Verbesserung des Betreuungsangebots reagiert wurde. Deshalb jedoch innerhalb einer Legislaturperiode bereits einen „Babyboom" zu erwarten, ist blauäugig. Denn es drängt sich der Eindruck auf, dass in den vergangenen Jahrzehnten die „Lebensform Kinderlosigkeit" mehr und mehr Teil der Kultur in Deutschland geworden ist, wie es der Sozialwissenschaftler Steffen Kröhnert im „Deutschlandradio Kultur" formulierte. „Und das ist auch akzeptiert und wird nicht mehr hinterfragt oder angeprangert, wie das in anderen Gesellschaften oder in früherer Zeit war."
Gut ausgebildete Frauen haben heute alle Möglichkeiten. Da sie oft genug besser sind als ihre männlichen Konkurrenten, stehen ihnen die Türen für ein erfolgreiches Berufsleben offen. In einer Gesellschaft, die das Ansehen einer Person nahezu ausschließlich über deren Karriere definiert, wird beruflicher Erfolg als erfüllend, ja geradezu als sinnstiftend erfahren.
Wird der Arbeitsplatz nicht mehr nur von gut ausgebildeten Männern, sondern mehr und mehr auch von selbstbewussten Frauen als „Zuhause" und die Kolleginnen und Kollegen als „Familie" betrachtet, wo man gern sechzig und mehr Stunden in der Woche „lebt", bleibt für Beziehung und Kinder wenig oder gar kein Platz. Sind die guten Jobs nur erreichbar, wenn gerade beim Berufseinstieg alles der Karriere bedingungslos untergeordnet wird und jede Frau, die Teilzeit arbeitet, sich automatisch um Aufstiegschancen bringt, ist die Zeit für eigene Kinder schnell abgelaufen. Bemerken Frauen zwischen ihrem vierzigsten und fünfzigsten Lebensjahr, dass sie der Beruf allein nicht ausfüllt, ist es für sie im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen allein aus biologischen Gründen meist schon zu spät, etwas daran zu ändern.
Wenn also deutsche, in Städten lebende Akademikerinnen dabei unterstützt werden sollen, sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen, braucht es einen Mentalitätswandel. Das Elterngeld war im besten Fall ein erster Schritt, um Paaren, bei denen beide berufstätig sind, die Entscheidung für Kinder zu erleichtern. 66 Prozent des Nettogehalts, höchstens bis zu 1800 Euro monatlich, erhalten Mutter oder Vater in den ersten vierzehn Monaten, wenn sich beide Partner (einer davon mindestens zwei Monate) die Erziehungszeit teilen. Doch neben der Ungerechtigkeit, dass sozial schwächer gestellte Familien, in denen derzeit die meisten Kinder geboren werden, finanziell schlechter gestellt wurden als früher, fördert das Elterngeld möglicherweise die fatale Haltung, beide Partner müssten erst einmal in ihrem Beruf Fuß fassen. Bei langen Ausbildungszeiten und immer längeren Phasen des Berufseinstiegs wird jedoch das „Zeitfenster" fürs Kinderkriegen immer kleiner.
Darüber hinaus ist zu bezweifeln, ob die Erfüllung des Kinderwunsches nur am Geld hängt. Denn am häufigsten nennen Frauen mit höherer Bildung „das Fehlen einer geeigneten Partnerschaft, nicht etwa die Vereinbarkeit von Familie und Beruf" als Begründung ihrer Kinderlosigkeit, wie die Soziologin Doris Bühler-Niederberger in der „Süddeutschen Zeitung" feststellt. Das grundsätzlichere Problem für diese Frauen sei das Beziehungsmodell. Es sei schwierig, einen Partner zu finden, der bereit ist, Familie und Beruf tatsächlich zu teilen. Nach wie vor komme es auch nach einem Start in die Ehe mit partnerschaftlichen Vorstellungen gerade nach der Geburt eines Kindes wieder zur traditionellen Rollenverteilung.
Genau bei der Frage des Beziehungsmodells gibt es in der Debatte meist ausschließlich ein Entweder-oder und leider kein Sowohl-als-auch. Es gibt keinen Grund, ein Modell zu verunglimpfen, in dem Vater oder Mutter die Rolle eines Hausmanns oder einer Hausfrau als erfüllend erlebt und um der Kinder und ihrer selbst willen anstrebt. Vielmehr gilt es, ihre Leistung anzuerkennen und wertzuschätzen, was sich auch durch finanzielle staatliche Unterstützung auszudrücken hat. Denn die Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass Kinder großgezogen werden. Wir alle profitieren davon, also müssen auch wir alle uns beteiligen.
Auf der anderen Seite bleiben vor allem Akademikerinnen deshalb kinderlos, weil sie befürchten, in die Rolle der Hausfrau gedrängt zu werden und auf ihren Beruf verzichten zu müssen. Die Gesellschaft kann nun entweder auf die Kinder dieser gut ausgebildeten Frauen verzichten oder aber Rahmenbedingungen schaffen, die helfen, die Befürchtungen abzubauen. Allerdings sollte man sich über die Wirkung von Gesetzen im Klaren sein. Nicht der staatlich gesetzte Rahmen verändert die Mentalität. Es sind vielmehr die bereits veränderten gesellschaftlichen Einstellungen, auf die mit der Änderung der Rahmenbedingungen reagiert wird und die ein Leben mit Kindern leichter möglich machen.
Der Blick auf die anderen europäischen Länder zeigt, dass „der kulturelle und religiöse Kontext offenbar ebenso eine entscheidende Rolle spielt wie die generelle wirtschaftliche Lage", schreibt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung". Im stark katholisch geprägten Irland werden die meisten Kinder geboren. Aber schon in Polen bewegt sich die Zahl der Kinder im europäischen Durchschnitt. Die überdurchschnittlich hohe Geburtenrate in Frankreich oder auch in den skandinavischen Ländern ist dagegen auf die guten Betreuungsangebote zurückzuführen, die eine Berufstätigkeit beider Eltern auch mit zwei, drei und mehr Kindern ermöglichen. Und selbst in einem Land wie den Niederlanden, wo Studien einen ähnlich hohen Anteil von Frauen, die keine Kinder wollen, ausmachen wie in Deutschland, werden mehr Kinder geboren als im europäischen Durchschnitt. Grund dafür ist wohl die starke Verbreitung von Teilzeitarbeit, durch die eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht wird.
Einen wichtigen Beitrag können gerade auch die Kirchen in einem Land leisten, in dem es nach wie vor „eine strukturelle Rücksichtslosigkeit, einschließlich Klagen gegen Kinderlärm und Kindertagesstätten" gibt, wie der Bundesgeschäftsführer des Deutschen Familienverbands, Siegfried Stresing, beklagt. Denn als Arbeitgeber bieten die Kirchen ihren gut ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Teilzeitmodelle an, die genauso wie ein leichter Wiedereinstieg in den Beruf die Entscheidung für Kinder ermöglichen. Pfarrerehepaare, die sich die Leitung einer evangelischen Gemeinde teilen, sowie stellenteilende Pastoral- und Gemeindereferentenehepaare auf katholischer Seite sind ebenso üblich wie Teilzeitstellen in Ordinariaten, Seelsorgeämtern und kirchlichen Bildungseinrichtungen. Mit Plätzen für unter Dreijährige und verlängerten Öffnungszeiten zeigen auch die konfessionellen Kindergärten, dass sie die veränderten Lebensweisen erkannt haben und dass sie die Menschen dafür nicht verteufeln, sondern begleiten wollen.
Neben diesen strukturellen Hilfen geht es aber auch „um die kulturellen und religiösen Beweggründe, die Zuversicht und Zukunft eröffnen und die Entscheidung für die Familie fördern", wie Stresing betont. Familienpolitik dürfe nicht einseitig auf Erwerbsorientierung ausgerichtet sein. Hier sind die Kirchen und der christliche Glaube ein wichtiger Gegenpol. Nicht umsonst lässt sich feststellen, dass sich junge Menschen nach der Geburt eines Kindes wieder verstärkt religiösem Leben zuwenden. Sie suchen Antworten auf ihre Fragen nach dem Leben, vertrauen auf den Halt, den ein strukturierter Wochen- und Jahreskreis bietet, und wollen sich mit ihren Kindern auf die Suche nach einem sie annehmenden Gott und einem gelingenden Glaubensleben machen. Hier können die Kirchen die Hoffnungen junger Familien teilen und ihnen Mut und Unterstützung auf ihrem Lebensweg vermitteln.
CIG 34/2009
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