62. JAHRGANG 2010WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 12. September 2010

Nacht der Niederungen: Wenn selbst Gott machtlos ist
Von Thomas Meurer
Im Nachhinein, jetzt, wo die Tageszeitungen gesprochen haben, sind sich natürlich alle einig: Die 56-jährige Herta Müller hat den Literaturnobelpreis mehr als verdient. Als am 8. Oktober um die Mittagszeit bekannt wurde, wen das Stockholmer Komitee für 2009 für den Nobelpreis für Literatur ausersehen hat, waren die Reaktionen zunächst noch schmal­lippig. Sogar vollmundigen Viellesern und selbsternannten Literaturkundigen kam - so sie nicht schon vorbereitet waren - erst einmal nur ein eher staunendes „Aha" über die Lippen. Herta Müller war zwar aufgrund der Tatsache, dass ihr Buch „Atemschaukel" in die engere Auswahl für den diesjährigen Deutschen Buchpreis gekommen war, aus der großen Schar der gewiss guten, aber doch bei einer breiten Bevölkerungsschicht namenlosen Autoren herausgehoben. Als wirklich nobelpreisverdächtig galt sie deshalb jedoch nicht.
Die Literatur-Redakteurin Iris Radisch hatte noch vor etwas mehr als einem Monat in der „Zeit" Herta Müllers neuem Buch „Atemschaukel" peinlicherweise vorgeworfen, es sei „parfümiert und kulissenhaft". Dabei monierte sie an Herta Müllers literarischer Übertragungsleistung vor allem, dass jede, aber auch jede Erfahrung „durch ihren poetischen Pinsel aufgemöbelt und dekoriert" würde. In dieser Art, eine Vergangenheit des Terrors aufzuarbeiten, liege ein „Unernst" und eine Art „unverbindliche Virtuosität", die zu der Empörung der Autorin über das stalinistische Unrechtssystem in Rumänien so gar nicht passen wolle.

Zwei Sprachen, zwei Kulturen

Paul Celan sagte 1958, als er seinen ersten Preis, den Literaturpreis der Stadt Bremen, erhielt, in seiner Dankesrede: „Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache. Sie, die Sprache, blieb unverloren, ja, trotz allem. Aber sie musste nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch tausend Finsternisse todbringender Rede. Sie ging hindurch und gab keine Worte her für das, was geschah; aber sie ging durch dieses Geschehen. Ging hindurch und durfte wieder zutage treten, ‚angereichert' von all dem."
Als Celan dieses poetologische Credo ablegte, in dem er sich zu der Sprache der Richter und Henker als einer verwandelten, durch die Hölle der Erinnerung gewissermaßen geläuterten und dennoch mit dem Schrecken verseucht bleibenden Sprache bekannte, wuchs die damals fünfjährige Herta Müller in Nitzkydorf im deutschsprachigen rumänischen Banat auf. Wenn sie in den letzten Tagen als „Meisterin der schrecklichen Vergegenwärtigung" und „Aktivistin des Leidens" etikettiert wurde, die die Nachtmahre der Diktatur beschreibe und Landschaften der Heimatlosigkeit bebildere, dann wird ihr damit unweigerlich eine Nähe zu Paul Celan unterstellt, der trotz allem seine Heimat in der deutschen Sprache suchte und vielleicht auch - zumindest zeitweise - fand.
Von Deutsch als Herta Müllers „Muttersprache" zu reden, bedeutet, ihre komplexe Herkunftsgeschichte sträflich zu verkürzen. Im Nachbardorf ihres Geburtsortes wurde Ungarisch gesprochen, im weiteren Umland Rumänisch. Diese Landessprache lernt sie erst mit zwanzig, als sie nach Temeschvar, rumänisch Timi?oara, geht, um Germanistik und rumänische Literatur zu studieren. Vielleicht ist es nicht ganz abwegig, in der Wahl dieser Fächerkombination so etwas wie den Versuch zu sehen, zwei Sprachen und damit zwei kulturelle Systeme in der eigenen Person reflektierend zusammenzufügen.
Ab 1976 arbeitet Herta Müller als Übersetzerin, drei Jahre später wird sie entlassen, weil sie die Zusammenarbeit mit dem rumänischen Geheimdienst verweigert. Drei Jahre vor der Auflösung dieses unter Ceau?escu äußerst brutal vorgehenden Staatssicherheitsdienstes reist Herta Müller nach Westdeutschland aus, wo wiederum drei Jahre zuvor ihr erster Prosaband „Niederungen" erschienen ist, der in einer zensierten Fassung 1982 in Rumänien publiziert wurde. Vom Erscheinen von „Niederungen" in Deutschland im Jahre 1984 an war Herta Müller im Fadenkreuz der Securitate, des Geheimdienstes. Sie erhielt Publikationsverbot, wurde verfolgt und bedroht.
Mit einem Verfahren, das vielleicht am ehesten mit der filmischen Technik eines Michael Haneke vergleichbar ist, dessen Film „Das weiße Band" in diesen Wochen in die Kinos kommt, zieht Herta Müller in den Kurztexten aus „Niederungen" behutsam wie schonungslos zugleich den Schleier von der deutschen Enklave, die ihr Heimatdorf bildete. Aus der Perspektive des Kindes nimmt sie die Ängste der anderen Kinder und das Verhalten der Erwachsenen wahr und friert buchstäblich diese Alltagsszenen in neutralem Erzählton ein. Dabei gelingt das Meisterwerk, dass all diese kleinen Szenen sich zu einem Höllenszenario verdichten, dass die erwartete Dorf-Idylle als ein Reich demaskiert wird, in dem die Grausamkeit regiert.
„Der Fuchs war damals schon der Jäger" - dieser Titel eines 1992 erschienenen Romans, in dem die Schriftstellerin anhand des Schicksals der Lehrerin Adina in den letzten Tagen des Ceau?escu-Regimes den sittlichen Verfall und das Abgleiten einer Gesellschaft ins Paranoide darstellt, fasst in einem sprechenden Bild die Entlarvungsabsicht zusammen, die Herta Müller schon mit „Niederungen" verfolgt. So betrachtet, bleibt die Nobelpreisträgerin bis zu ihrer jüngsten Publikation „Atemschaukel", in der sie - angeregt durch die Erinnerungen ihrer Mutter und des kürzlich verstorbenen Dichters Oskar Pastior - das Schicksal der verfolgten Rumäniendeutschen unter Stalin am Ende des Zweiten Weltkriegs in einer bildreichen Sprache aufzuheben versucht, bei einem Grundthema: Sie nutzt die Sprache als bildgebendes Verfahren, um einerseits all das letztlich Unaussprechliche zu konservieren und andererseits die Gefahr im ungefährlich Ausschauenden sichtbar zu machen.

Was ist Heimat?

Ich habe mich schwer getan, als ich vor einigen Jahren auf Empfehlung eines Freundes hin das erste Buch von Herta Müller zu lesen begann. Ihre düsterschönen Bilder und ihre durchaus eigene Sprache sind zuweilen genauso sperrig und schwierig, wie man es der Autorin als Person nachsagt. Wenn man Celans Lyrik als „hermetisch" bezeichnet hat, so trifft dies auch auf Herta Müllers Werke zu, die sich ebenfalls abgrenzen und verschließen. Sie wollen nicht eingängig und leicht verdaulich sein, sie betonen vielmehr die Differenz, das Unvergleichbare, das Anderssein.
Die Lyrikerin Herta Müller, die beispielsweise in „Im Haarknoten wohnt eine Dame" (2000) und in „Die blassen Herren mit den Mokkatassen" (2005) mit einer gewissen Sucht Fragmente aus Träumen, Zeitungen, Alltagsreden und Kinderreimen zu Collage-Poesien teilweise buchstäblich zusammengeklebt hat, macht deutlich, wie schnell völlig harmlosen Wörtern aufgrund einer bestimmten Erfahrung jede Vertrautheit und Lieblichkeit entzogen werden kann. „Der fremde Blick" - ein weiterer Titel Herta Müllers - lässt die harmlosesten Wörter zu makaberen Erinnerungs(t)räumen werden. Wer die Erfahrungen, denen Herta Müller ausgesetzt war, gemacht hat, erlebt die Wörter, die ihr, wie sie einmal gesagt hat, nicht gehören, wahrhaft „‚angereichert' von all dem", wie Celan es in seiner Rede ausdrückte.
Nur zwei Wochen, bevor Herta Müller den Literaturnobelpreis zugesprochen bekam, bin ich auf das Hörbuch „Die Nacht ist aus Tinte gemacht" gestoßen. Der Berliner supposé-Verlag hat in Anlehnung an seinen großen Erfolg vor zwei Jahren mit einer ähnlichen Realisierung, in der Peter Kurzeck das Dorf seiner Kindheit erzählt, Herta Müller eingeladen, aus ihrer Kindheit im Banat zu erzählen. Wie bei Kurzeck ist es auch in der Aufnahme mit Herta Müller so, dass dieses Erzählen eher improvisierenden Charakter hat, beiläufig daherkommt, zuweilen plaudernd. Mir ist Herta Müller durch diesen sehr ehrlichen Erzählton, durch diesen nicht immer nur düsteren, sondern hin und wieder auch versöhnten Blick auf das Dorf ihrer Kindheit sehr nahegekommen.
Wer also das zuletzt mit exotischen und ästhetischen Superlativen überhäufte Werk der Nobelpreisträgerin scheut, dem sei diese aus zwei CDs bestehende Publikation empfohlen, die dennoch davor bewahrt, Nitzkydorf als letzte Bastion der untergegangenen Donaumonarchie zu verklären, in der Herta Müller aufwächst. Die Heimatlosigkeit der Eltern und Großeltern, ihren bis zum Tod andauernden Anachronismus und ihre Hilflosigkeit gegenüber Enteignung und neuer politischer Ordnung beschreibt Herta Müller mit ihrer eindringlichen, zuweilen klagenden Stimme.
Herta Müllers Literatur sperrt sich gegen jede Art der Vereinnahmung - auch gegen theologische oder religiöse. Unweigerlich kommen in ihren Romanen und Erzählungen Figuren aus dem kirchlichen Umfeld, Szenen aus einem katholischen Dorfleben vor. Sie deswegen als „religiöse" oder „christliche" Schriftstellerin einzuordnen, wäre mehr als übergriffig. Wenn sich beispielsweise in dem zum Frühwerk gehörigen Erzählband „Barfüßiger Fe­bru­ar" von 1987 der Satz findet: „Jesus hat das schiefe, traurige Gesicht der Ikonen, ist machtlos und lässt in dieser Gegend trotz der starken Religiosität mit dem Leben alles geschehen", dann ist dies wohl kaum eine christologische Aussage, sondern eher ein weiterer Beleg dafür, dass gegen das in „Niederungen" als Hölle demaskierte Dorfleben selbst Gott machtlos ist und nur mit traurigem Blick reagieren kann. In diesem literarisch transformierten Dorf glauben selbst die Pfarrer nicht an ein ewiges Leben, und die Beichte entpuppt sich als Vorbote der Erfahrungen mit der späteren rumänischen Staatssicherheit.
Mehr als eine religiös interessierte Schriftstellerin ist Herta Müller ohne Zweifel eine politisch ambitionierte Autorin. Nicht im Sinne einer Regimekritikerin, die sie sicherlich auch war und ist, wohl aber dergestalt, dass sie zwischen ihren düsteren Bildern und Zeilen auf eine humanere Gesellschaft hofft, in der die Worte ihren Schrecken verloren haben und der Mensch nicht mehr wie ein „großer Fasan auf der Welt" (so ein Titel 1986) unsicher und scheu die Länder wechseln muss.
In einer Rede an die Abiturienten des Jahrgangs 2001, erschienen unter dem Titel „Heimat ist das, was gesprochen wird", erinnert sich die Schriftstellerin an die Gipsstatue der Heiligen Maria in der Kirche ihres Heimatdorfes. Diese Statue habe sie gelockt, weil man das Herz habe sehen können: „Es war außen auf das hellblaue, zehenlange Kleid gemalt, sehr groß war es, dunkelrot mit ein paar schwarzen Tupfen drin." Mit erhobenem Zeigefinger habe die dargestellte Gottesmutter auf ihr Herz aufmerksam gemacht. Wie ist solch eine literarisch festgehaltene Kindheitsbeobachtung zu deuten? Als Hinweis auf wenigstens eine in dieser Dorf- und Diktaturhölle, die auf ihr Herz zeigt und damit Menschlichkeit einfordert? Oder eben doch als eine stumm bleibende, weil stumpfe Gipsstatue, die ebenso hilflos gestikuliert wie die Menschen in dieser geschichtlichen Situation auch?
Am Ende ist es vielleicht beides zugleich: die Schönheit, die dem Schrecklichen ebenso innewohnt wie jedem Schrecken die Schönheit. Auch Herta Müller schweigt ja nicht angesichts des erfahrenen Schreckens. Sie ist aber auch ganz sicher nicht, wie es etwa in der Berliner „Tageszeitung" fälschlich hieß, dessen „Chronistin". Indem sie über ihn - oder besser: aus ihm heraus - schreibt, überlässt sie ihm nicht das letzte Wort. Das ist nicht nur preiswürdig; es wäre fast schon eine religiöse Ambition.
Eines hat das Nobelpreiskomitee in Stockholm auch in diesem Jahr wieder erreicht: ein Geschenk der Literatur auf die Ebene erhöhter Aufmerksamkeit zu heben, dessen Anliegen im immer unüberschaubarer werdenden Büchermarkt sonst wohl eher ungehört und ungelesen geblieben wäre.

Thomas Meurer, Dr. theol., Professor für Katholische Theologie und Religionspädagogik, Pädagogische Hochschule Karlsruhe.

CIG 42/2009

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