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Unsere Hoffnung
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Von Joachim Wanke |
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Vor gut drei Jahrzehnten wurde das Dokument „Unsere Hoffnung. Ein Bekenntnis zum Glauben in dieser Zeit" von der Würzburger Synode der westdeutschen Bistümer formuliert und beschlossen. Der Text verdient es, neu gelesen zu werden. Die Eingangssätze lauten: „Eine Kirche, die sich erneuern will, muss wissen, wer sie ist und wohin sie zielt. Nichts fordert so viel Treue wie lebendiger Wandel."
Seinerzeit wurde in Würzburg heftig über diesen Text gestritten. Dennoch gab es am Ende eine weithin einmütige Verabschiedung. Das war damals ein wichtiges Zeichen für die innere Einheit der Katholiken Deutschlands, quer durch alle Lager und Verantwortungsebenen.
Heute haben sich die innerkirchlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen in mancher Hinsicht verschärft, anderes ist in den Hintergrund getreten. Neue Horizonte haben sich aufgetan. In Deutschland hat die friedliche Revolution von 1989/1990 auch die Lage der Kirchen verändert. Der Prozess der europäischen Einigung ist weiter fortgeschritten, nun mit weiteren Ländern Mittel- und Osteuropas aus dem Machtbereich der früheren Sowjetunion. Weltweit haben sich neue Realitäten in den Vordergrund geschoben, die zum Handeln drängen: das Phänomen des Terrorismus etwa, die Klimabedrohung, die Energiefrage, aber auch ein erwachendes neues Selbstbewusstsein der großen Religionen, etwa des Islam, mit den daraus erwachsenden Spannungen und Konflikten.
Mit Abschieden leben
Für die Kirche in Deutschland ist die Erfahrung eines zunehmenden Säkularismus und Pluralismus, ja eines zum Teil aggressiven Atheismus eine geistliche Herausforderung, auf die es zu antworten gilt. Der Prozess der gesellschaftlichen Freisetzung des Einzelnen von Vorgaben und Traditionen jedweder Art geht weiter - bei gleichzeitiger Zunahme neuer, besonders ökonomischer Zwänge, die vielen zu schaffen machen. Es wachsen die Sorgen, wie denn der innere Zusammenhalt der Gesellschaft auf Dauer gesichert bleiben kann. Das alles ist ein Szenario, das wahrlich Anlass genug wäre, in dieser geschichtlichen Stunde neu „Rechenschaft zu geben über die Hoffnung, die in uns ist", wie es der erste Petrusbrief formuliert (3,15).
Ich beschränke mich darauf, das Wort Hoffnung im Hinblick auf die derzeitige Herausforderung unserer Bistümer beim Um- und - so muss man wohl ehrlich sagen - auch Rückbau ihrer gewohnten pastoralen und kirchlichen Strukturen zu buchstabieren. Davon kann ich von Erfurt aus relativ unbefangen reden, hält sich doch in den östlichen Bundesländern der Rückbau in Grenzen, weil die kirchlichen Gebäude (im wörtlichen und übertragenen Sinn) hierzulande ohnehin nicht sonderlich groß und prächtig ausgebaut waren. So wird es angemessen sein, meine Stimme nicht zu laut zu erheben. Dennoch kann es vielleicht gut sein, auch auf die „ärmeren Verwandten" zu hören, die auf der einen Seite die Hand aufhalten, auf der anderen Seite aber auch von ihrem Mangel her manche Dinge deutlicher sehen als jene, die immer noch gut manche Notlagen überbrücken können.
Meine Einladung ist schlicht und einfach: Wir brauchen im deutschen Katholizismus eine verstärkte Bereitschaft, mit Abschieden zu leben und Neuanfänge zu wagen.
Mit Abschieden leben: Das ist eine Erfahrung, die wir im Osten dem Westen voraus haben. Zeiten des Umbruchs sind nicht sonderlich angenehm. Die Menschen in den neuen Bundesländern haben das in den Jahren nach dem Zusammenbruch des alten DDR-Staatssystems eindrücklich erfahren. Ich bemühe einmal diesen Vergleich, weil er mir auch auf die Situation unserer Kirche hin erhellend erscheint. Wie war es damals nach der „Wende"?
Nach einer Wende
Natürlich wurde das Ende des alten Systems zunächst einmal dankbar als Befreiung empfunden. Doch zeigte sich bald, dass die gesellschaftliche Freisetzung auch ihren Preis hatte. Das allen Bekannte und bislang Vertraute trug auf einmal nicht mehr. Wie sollte man umgehen mit der neuen Freiheit? Neue Strukturen und Verhaltensmuster hatten sich noch nicht herausgebildet. Alternative gesellschaftliche Zielvorgaben waren noch unklar oder umstritten. So brachte der gesellschaftliche Umbruch in vielfacher Hinsicht zunächst einmal eine tiefe Verunsicherung über das Land und die Menschen. Wohin sollte die Reise gehen? Was sind neue erstrebenswerte Ziele, für die es sich einzusetzen lohnt? Reichen die Kräfte und Ressourcen für einen Neuanfang?
In mancher Hinsicht wird beim Betrachten der gegenwärtigen Situation unserer Kirche an diese Nachwende-Situation mit ihren charakteristischen Folgementalitäten erinnert. Der Vergleich hat natürlich seine Grenzen. Die Kirche weiß für ihr Wirken und Selbstverständnis um Vorgaben, die zeitlos feststehen und die von gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüchen nicht einfach aufgehoben werden. Aber diese vom Ursprung her kommende theologische Kontinuität des Kircheseins ist nur zu bewahren, wenn wir uns den kirchlichen und besonders seelsorglichen Diskontinuitäten stellen, die heutzutage allenthalben mit Händen zu greifen sind.
Es bedarf keiner langen Begründungen. Es reicht nicht mehr, das strukturelle „Kleid der Kirche" nur „anzupassen". Es braucht ein verändertes Gewand und wohl auch eine neue Gehweise für eine Kirche, die lernen muss, in veränderten Verhältnissen und angesichts gewandelter Mentalitäten ihrem Auftrag treu zu bleiben.
Das Stichwort Erneuerung ist natürlich ein Dauerthema der Kirchen- und Pastoralgeschichte. Es gibt kein Christentum und kein kirchliches Leben ohne ständige Erneuerung des Geistes und der Strukturen. Die Frage ist freilich, ob Veränderungen nur passiv erduldet oder in gläubiger Zuversicht auch kreativ gestaltet werden.
Es mag unsere derzeitige kirchliche Situation entdramatisieren, wenn man ein wenig in die Kirchen- und Seelsorgsgeschichte zurückschaut. Es ist den Christen auch in den vergangenen Jahrhunderten nicht erspart geblieben, auf Veränderungen strukturell und seelsorglich zu reagieren. Ich verweise gern auf das Ende der alten Reichskirche Anfang des 19. Jahrhunderts und den Neuaufbruch des katholischen Selbstbewusstseins in den nachfolgenden Jahrzehnten. In gewissem Sinne ist auch der Barock als Kunstepoche und Lebensgefühl Reaktion auf eine Aufklärung, die den Glauben im Gehäuse des Rationalismus einzusperren suchte. Das kirchliche Leben stand und steht auch in Zukunft in lebendiger Wechselwirkung mit den gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen. Das wird nie ohne Spannungen abgehen, gerade weil die Kirche in jeder Zeit ihr vom Evangelium her vorgegebenes Profil behaupten muss. Dennoch gilt, dass der Weg der Kirche und näherhin der Weg der Pastoral der konkrete Mensch ist - und zwar so, wie er ist, nicht wie man ihn sich wünscht.
Wir wissen nicht, welche geistigen Umwälzungen uns noch bevorstehen, und vor allem, mit welchen „Kosten" diese verbunden sein werden. Dass wir mit solchen Veränderungen rechnen können, etwa mit dem Ende einer verbrauchenden, ganz auf die vordergründigen Bedürfnisse des Subjekts zugeschnittenen Ökonomiementalität, ist mir gewiss. Solche Überlegungen entbinden uns freilich nicht von der Pflicht, nach dem Heute und dem überschaubaren Morgen zu fragen. Ich gebe zu: Manchmal zeigt sich erst im Vorgang einer Renovierung, in welchem Umfang man wirklich verändern kann oder völlig Neues schaffen muss. Kirchenumbau und Kirchensanierung sind für mich keine Gegensätze. Bewahren und Verändern gehen im Normalfall durchaus kreative Symbiosen ein. Es geht mir um das Anliegen einer Kreativität des Denkens und - damit verbunden - eines strukturellen Aufbruchs: weg von einer bloßen Bestandssicherung hin zu einem Weg, der auch Neues wagt.
Keine „Robinsonade"
Dabei möchte ich an zwei mir wichtige Vorgaben erinnern. Zum einen: Christsein ist keine „Robinsonade". Der Herr ruft zwar immer Einzelne. Aber er ruft sie in eine Gemeinschaft der Glaubenden. Das Ekklesiale, die Kirchengestalt des Christlichen, ist im Vollzug des christlichen Gottesglaubens von Anfang an mitgegeben. Doch ist es natürlich eine offene Frage, wie die konkrete Gestalt dieser Gemeinsamkeit im Glauben auszusehen hat. Es reicht also nicht, nur an die Umkehr- und Erneuerungsbereitschaft des Einzelnen zu appellieren. Auch Ortskirchen, Orden, Verbände, geistliche Gemeinschaften bedürfen der Umkehr und des Neuaufbruchs.
Zum anderen kann eine geistliche Wegweisung für einen Weg in einem unübersichtlichen Gelände davon ausgehen, dass die Kirche von Gottes Geist geführt wird. Dieser theologischen Einsicht entspricht auf der Ebene des praktischen Handelns eine Grundhaltung der nüchternen Zuversicht: Wenn bisher tragende Handlungsmuster wegbrechen, dürfen wir sicher sein, dass sich andere, bisher wenig oder überhaupt nicht bekannte neue Möglichkeiten auftun. Anders gesagt: Es darf und muss durchaus Trauerarbeit und eine Kultur des Abschiednehmens im Blick auf vertraute Gewohnheiten geben. Doch diese Trauerarbeit darf nicht das beherrschende Grundgefühl der Christen bleiben. Der Blick auf das, was nicht mehr geht, muss begleitet sein von der Ausschau nach Türen, die sich möglicherweise neu öffnen.
Es ist einsichtig, dass solche Umstellungsprozesse lebensgeschichtlich unterschiedlich verlaufen. Das gilt für eine Bistumskirche und gilt verstärkt für das Gesamt der Diözesen. Wir müssen mit einer kirchlichen und pastoralen Ungleichzeitigkeit der Verhältnisse und dementsprechend auch mit einer Ungleichzeitigkeit von Mentalitäten rechnen, die ein einheitliches Handeln auf Reformschritte hin erschweren.
Uns hier in Erfurt mag die relativ geringe Größe unseres Bistums eine Hilfe sein, können wir doch die verhältnismäßig gute Vertrautheit des Klerus und der Laienmitarbeiter in der Seelsorge untereinander und die Überschaubarkeit der Pfarrgemeinden hinsichtlich der Gläubigenzahl und Gremiendichte als Pluspunkte verbuchen. Zudem - das sei nicht „undankbar" vergessen - dürfen wir hier nach dem Geschenk der deutschen Einheit und neu gewonnener politischer Freiheit ohne gesellschaftliche Repressionen unser kirchliches Leben nach eigenen Vorstellungen unbehindert entfalten und uns dabei der gesamtdeutschen Solidarität unserer Kirche gewiss sein.
Eigens aufmerksam machen möchte ich freilich auf eine Gleichzeitigkeit, um die wir uns mit aller Kraft bemühen sollten. Strukturelle Reformschritte werden nur gelingen, wenn sie vom gemeinsamen Fragen nach der Mitte des kirchlichen Auftrags im Wandel der Zeiten begleitet werden. Die Fragen beispielsweise nach dem Einsatz von hauptamtlichem Personal, der richtigen Gemeindegröße, dem Vorhalten von kirchlichen Gebäuden, dem Einsatz von Finanzmitteln … dürfen nicht das Gespräch in einem Bistum allein bestimmen. Sie müssen eingebettet sein in das gemeinsame Nachdenken darüber, wozu Kirche eigentlich da ist. Im Bild gesprochen: Bei der Auswahl des Weges müssen wir wissen, wer wir sind und was das gemeinsame Ziel ist, das wir anstreben.
Ich erinnere noch einmal an das Hoffnungspapier der Würzburger Synode. Dort wird im beeindruckenden Teil III des Dokuments eine Kirche beschrieben, die heute den Weg der Nachfolge Jesu gehen will. Wenn diese Kirche eine Kirche in den Gehorsam des Kreuzes hinein sein will, wird sich wie von allein der Weg billiger Anpassung an den Zeitgeist verbieten. Wenn sie eine Kirche bei und mit den Armen sein will, eine Kirche, die aus der Freiheit der Kinder Gottes lebt, eine Kirche, die die Einfachheit und Freude, die das Evangelium schenkt, zum Leuchten bringen will, dann sind wie von allein Wege ausgeschlossen, die den Verdacht hervorrufen, hier kümmere sich eine Institution nur ängstlich um ihren Selbsterhalt. Diese gemeinsamen Ziele für eine Kirche, die unter dem Kreuz ihres Herrn steht, die bei den Armen und Kleinen bleibt, die aus der befreiten Freiheit lebt und so alle Angst um sich selbst hinter sich lässt und aus der Freude des Schon-Erlöst-Seins lebt, lassen dann auch Wege finden, wie das heute konkret zu leben ist.
Beide Fragen also, die Frage nach dem, was wir als Kirche eigentlich sind, und die Frage, wie wir dies am besten heute sein können, bedingen sich gegenseitig. Was uns der Herr aufgetragen hat, muss uns im Herzen brennen. Dann erhalten wir auch Fingerzeige, wie die aufgetragene Botschaft unter heutigen Gegebenheiten die Menschen erreichen kann. Darum sollten wir in den Bistümern und im Gesamt der Kirche unseres Landes weiterhin beide „Fragestränge" innerlich und äußerlich zusammenhalten. Wer weiß, wohin er will, wird in rechter Weise die Segel zu setzen wissen, auch wenn sich die Windrichtung ändert. Wenn wir eine lebendige Hoffnungsgemeinschaft sein und bleiben wollen, werden wir es auch fertig bringen, nicht nur dem nachzutrauern, was einmal war, sondern auch aufmerksam zu werden für das, was heute wachsen will. Und das ist mehr, als wir meinen.
Mit fünf Stichworten versuche ich, Hoffnungsfelder für die Kirche zu umreißen. Dass dabei nur arbeitsteilig gehandelt werden kann, sei hier vorausgesetzt. Der Süden und der Westen sind leistungsfähiger als der Osten und zum Teil auch der Norden. Die unterschiedlichen Leitungsebenen der Diözesen sowie der Orden, der Caritas, der Verbände und geistlichen Gemeinschaften haben jeweils ihre Rolle zu übernehmen. Auch der Einzelne bleibt hinsichtlich seiner Wandlungsfähigkeit ständig angefragt, aber er ist eben nicht nur Einzelner, er ist immer auch Glied in einem kirchlichen Beziehungsgeflecht, dessen Veränderungsbereitschaft er mit beeinflussen kann - im Positiven wie im Negativen.
Das Gegenteil solch arbeitsteiliger, aber dennoch gemeinsamer Anstrengung wäre die Losung: „Rette sich, wer kann!" Wenn diese Parole ertönt, geht es bekanntlich sehr hektisch zu, aber meist nicht sehr erleuchtet. Dann sind alle irgendwie in Bewegung, aber es zeichnet sich kein rettender Ausweg ab.
Ich fürchte in meinem Bistum eine Pastoral, die von Einzelkämpfern und Einzelinteressen dominiert würde, denen die Verbindung untereinander und mit dem Ganzen der Ortskirche verloren ginge. Und gälte das nicht auch für die ganze katholische Kirche? Ein Beispiel: Es sollte allen deutschen Bistümern am Herzen liegen, dass unsere Kirche in der uns allen gemeinsamen Hauptstadt gut vertreten ist, etwa mit einer hochwertigen, speziell auf eine Bundeshauptstadt zugeschnittenen großzügigen katholischen Akademiearbeit. Oder wenn missionarische Präsenz ein Wesensmerkmal von Kirche ist, warum dann nicht zeichenhaft und effektiv eine gesamtdeutsche Unterstützung katholischer Schulen in den neuen Bundesländern?
Was könnten angesichts der derzeitigen konkreten Sorgen um ein neues Kleid für das kirchliche Leben in unseren Bistümern hoffnungsvolle Wachstumsfelder sein? Wenn die herkömmliche Gemeindeseelsorge an Intensität verliert, wenn es in den kommenden Jahren weniger Priester geben wird, weniger Katholiken, größere pastorale Räume, eine noch stärkere Mobilität der Menschen und wenn es zudem ein sich weiter in Richtung Pluralismus und Bindungsschwäche veränderndes geistig-gesellschaftliches Klima gibt, dann sollten sich unsere Ortskirchen in arbeitsteiliger Gemeinsamkeit dieser Aufgabenfelder annehmen: dem Ehrenamt in der Kirche ein neues Ansehen geben, die Vernetzungsbereitschaft der Glaubenden fördern, auf orientierende Leuchttürme christlichen Glaubens setzen, kirchliche Einrichtungen als Pastoralorte stark machen und eine Spiritualität pflegen, die hilft, im Alltag die Gottesgegenwart festzuhalten.
Ehrenamtliche Seelsorge stärken
Das Stichwort Ehrenamt reißt niemanden vom Stuhl. Es wird sogar manchmal vorschnell als Notlösung dort eingesetzt, wo man nicht gern den Problemen auf den Grund gehen möchte. Dennoch habe ich diese Vision: Die katholische Kirche in Deutschland wird eine Kirche der Ehrenamtlichkeit sein, oder sie wird nicht mehr sein. Ich meine mit Ehrenamtlichkeit freilich nicht allein die auch bisher bekannte, ja unentbehrliche Mitarbeit Nicht-Hauptamtlicher. Ich meine Ehrenamtlichkeit in voller, eigenständiger Verantwortung, soweit das unser kirchliches Selbstverständnis zulässt. Ich meine eine Ehrenamtlichkeit, die sich selbst zur Seelsorge am Mitchristen berufen weiß.
Gälte es hier nicht weiterzudenken? Wir dürfen dankbar sein für alle Ehrenamtlichkeit, ohne die schon jetzt das Leben in unseren Gemeinden nicht zu denken ist. Hier sei besonders an den Dienst so vieler Frauen in der Kirche erinnert. Aber brauchen wir nicht weitere Formen von Ehrenämtern, die „niederschwellig", meinetwegen auch „halbehrenamtlich", sich heutigen Herausforderungen der Kirche stellen? Es muss sich noch mehr herumsprechen, dass wir die Sakramente nicht allein für uns selbst empfangen. Getauft- und Gefirmtsein ist immer auch Beauftragung für die Glaubensstärkung anderer.
Kindern die Chance geben, beten zu lernen - das hängt nicht allein an der Präsenz eines Priesters. Jungen Menschen Geschmack am Christsein vermitteln - geht das nur mit pastoraler Hauptamtlichkeit? Ich weiß um die (auch theologische) Unersetzbarkeit des Weiheamtes. Aber diese Unersetzbarkeit darf sich nicht so absolut setzen, als ob ohne das Weiheamt vor Ort Glaube, Hoffnung und Liebe unmöglich würden. Das demütige Selbstbewusstsein aller Getauften und Gefirmten muss gestärkt werden. Wir haben mehr und mehr Gläubige, die in Glaubensdingen für andere auskunftswillig und auskunftsfähig sind. Das macht mich zuversichtlich für die Kirche von morgen, auch für die Weckung geistlicher Berufungen.
Zu Vernetzungen anstiften
Einen weiteren Blick möchte ich auf die gegenseitigen Vernetzungen werfen. Damit meine ich jene alten und neuen Lebensäußerungen aus dem Gottesglauben heraus, die Gläubige untereinander zusammenführen, etwa in Initiativen, die eine ausdrückliche Verbundenheit im gemeinsamen Glauben fördern. Das waren über viele Generationen hinweg vornehmlich unsere Pfarreien. Aber könnte es sein, dass es darüber hinaus heute viele weitere Communio-Formen gibt, die vom kirchlichen Gesetzbuch nicht erfasst werden?
Auch eine hierarchische Kirche baut sich von unten, nicht von oben auf. Wir sind einander Seelsorger und das nicht nur im übertragenen Sinn. Im Freistaat Thüringen gibt es derzeit über tausend neu entstandene Selbsthilfegruppen. Es muss unter uns neue Selbsthilfegruppen in Fragen des Glaubens und der Seelsorge geben. Ich sehe solche Gruppen wachsen. Ich denke an die schon jetzt bestehenden Netze und Kooperationen von Getauften und Gefirmten, die ihr Glaube zum gegenseitigen Austausch, zum gemeinsamen Handeln drängt. Ich gebe zu: Für eine bischöfliche Behörde wird so die Übersicht schwieriger. Meine Hoffnung als Bischof gründet freilich nicht darauf, dass ich alles säuberlich erfasse, sondern dass ich den Leib des Herrn wachsen sehe.
Als Beispiel wähle ich niederschwellige Angebote für Rand- und Nichtchristen. 135 Projekte sind beim Bonifatiuswerk Paderborn auf eine entsprechende Wettbewerbsinitiative hin eingegangen. Das haben wir in den letzten Jahren durchaus gelernt: Es gibt mehr Gottesfürchtige und am Glauben Interessierte, als wir meinen. Die Pfarrer bei der Bundeswehr bestätigen mir das. Unser Bildungsreferent, der mit hiesigen ungetauften Künstlern Kontakt hält, weiß das. Die Menschenmassen, die an „Tagen des offenen Denkmals" hier in die Kirchen strömen, machen mich hellhörig. Nicht der sich säuberlich abschließende Kokon ist Grundfigur von Kirche, sondern das Netzwerk, in das man sich einklinken und mit Eigenem einbringen kann.
Die heutigen medialen Möglichkeiten geben uns dabei durchaus Rückenwind. Auch eine neue Beweglichkeit vieler Menschen kommt uns für neue Formen des Kircheseins entgegen. Es gibt viele, die bewusst Vernetzungen suchen und dabei auch längere Wege in Kauf nehmen. Hier hätten beispielsweise auch die kleiner werdenden Gruppen von Ordensleuten wichtige Aufgaben, wie sich schon an einigen Orten überzeugend zeigt. Generell gilt: Nicht unser Kleinerwerden ist das Problem, sondern eher eine Selbstmarginalisierung, für die es eigentlich keinen Grund gibt.
Leuchttürme aufrichten
In größeren Räumen sind Leuchttürme, die Orientierung geben, unersetzlich. Unsere Ortskirche überlegt, welche pastoralen Häuser solche Leuchttürme sein können und deswegen gehalten werden müssen. Wir überlegen, was Wallfahrten für die Menschen in diesem Land bedeuten, welche bistumsweiten Initiativen in gewissen Abständen, wie etwa in Thüringen das Elisabeth-Jahr 2007, gewagt werden sollten, welche herausragenden kirchlichen Orte, wie beispielsweise der Domberg in Erfurt, noch mehr Strahlkraft gewinnen können, nicht zuletzt durch eine Präsenz von Menschen, die Türen offen halten. Bildungs- und Gesprächsinitiativen können Themen setzen und so in eine Region ausstrahlen. Auch christliche Zeitungen können durch Berichterstattung und Kommentierung zur Orientierung beitragen. Ordenshäuser sind kostbare Anlaufstellen für den geistig vagabundierenden Zeitgenossen. Es braucht geistige und geistliche Zentren, die anders als die Gemeinden in der Fläche im Blick auf die Glaubensstärkung der Vielen und für das christliche Zeugnis in der Mediengesellschaft besondere Wirkung entfalten.
Brücken bauen
Manche kirchlichen Einrichtungen, besonders sozialer Art, sind zwar in anderen Zeiten und Notsituationen entstanden, haben aber mit alten und gewandelten Aufgabenstellungen bis heute große Bedeutung. Solche Einrichtungen erreichen bei uns täglich viele, auch nichtkirchliche Menschen. In ihrer seelsorglichen Bedeutung nicht zu unterschätzen sind unsere kirchlichen Kindergärten, aber auch Schulen, Heime und Betreuungseinrichtungen. Immer hängen an solchen Einrichtungen und Häusern auch Angehörige und Besucher, die solche Brücken zur Kirche hin eher betreten als Kirchen und Pfarrhäuser. Es ist ein Segen, dass wir die Caritas haben. Eine Kirche, die von Gott redet, braucht Orte, wo sie den Dienst der Fußwaschung verrichtet. Aber die Caritas soll auch wissen, dass sie Kirche ist, wo „mit den Händen gepredigt" und das „Sakrament des Bruders und der Schwester", um eine Formulierung von Hans Urs von Balthasar aufzugreifen, „vor den Kirchentüren gespendet wird".
Geistlichen Wasserspiegel heben
Das Christliche wird sich in Zukunft stärker qualitativ präsentieren und weniger quantitativ. Hier gilt das Wort: „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts" (Joh 6,63). Es braucht in einer sich ins Subjektive und Beliebige weiter verlierenden Moderne eine Spiritualität, die dem einzelnen Christen Stehvermögen verleiht und ihm hilft, sich dem anderen gegenüber zu öffnen. Eine solche Spiritualität wird die klassischen geistlichen Erfahrungen neu befragen müssen. Sie wird sich an der Heiligen Schrift und den Sakramenten festmachen, am Kirchenjahr. Sie wird eine Alltagsmystik entwickeln, die auch Erfahrungen der Verborgenheit Gottes auszuhalten weiß. Und das alles in ganz unpathetischer, nüchterner Weise. Die geistlichen Gemeinschaften geben uns dazu wichtige Impulse.
Warum sind eigentlich das freie Gebet und die gemeinsame Bibellektüre unter Katholiken immer noch so selten? Warum sind unsere Gremiensitzungen und sonstigen Zusammenkünfte oft so profan, als ob wir uns vor einem gegenseitigen geistlichen Zuspruch fürchten? Bei dieser spirituellen Durchdringung unseres kirchlichen Betriebes sehe ich übrigens auch ein Feld fruchtbringender ökumenischer Zusammenarbeit. Die alte Selbstverständlichkeit gewinnt wieder neue Evidenz: Nur die Beter werden als Christen bestehen. Und nur eine Kirche, die im Gottesgeheimnis fest verwurzelt ist, bleibt für die Menschen interessant. Dass dies so ist, darauf gründet meine Hoffnung.
Ein etwas sperriger Satz aus dem Würzburger Synoden-Dokument „Unsere Hoffnung", der auch heute uneingeschränkt gilt, lautet: „Nur wenn wir die behördlichen Spezialisierungen und Organisierungen in ihrer unentbehrlichen Dienstfunktion richtig einschätzen und ihre konkreten Erscheinungsformen nicht zum unwandelbaren, gottgewollten Ausdruck von Kirche aufsteigern, werden wir auch genug innere Beweglichkeit im kirchlichen Leben gewinnen, um in ihm das Zeugnis einer lebendigen Hoffnungsgemeinschaft inmitten einer überorganisierten unpersönlichen Lebenswelt verwirklichen zu können." Eine Hoffnungsgemeinschaft klagt nicht über eine falsche Windrichtung. Sie setzt vielmehr die Segel neu. Um die Kraft dafür bete ich, und dafür mühe ich mich. Ich bin gewiss: Dabei bin ich nicht allein.
Joachim Wanke, Dr. theol., Bischof von Erfurt, war Professor für Neues Testament am Philosophisch-Theologischen Studium in Erfurt.
CIG 45+46/2009
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