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Gehirn der Zukunft
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Von Stephan U. Neumann |
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"Wow, was für ein wunderbares Gefühl! Ich war sofort hellwach, konnte wahnsinnig schnell lesen. Der Akku war wieder voll." So beschreibt eine Apothekerin und zweifache Mutter die Wirkung ihrer ersten Ritalin-Tablette im „Spiegel" (26.10.2009). Das für Kinder, die unter einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden, entwickelte und verschreibungspflichtige Medikament gilt bei Gesunden geradezu als Wundermittel zur geistigen Leistungssteigerung. „Morgens schon managte sie perfekt den Apothekenbetrieb. Sie schmiss eine Pille ein, nahm sich die Kassenumsätze vor und konnte genau verfolgen, wie das Geschäft am Vortag gelaufen war, ohne im Laden gewesen zu sein", beschreiben die „Spiegel"-Autoren die Auswirkungen des regelmäßigen Ritalin-Konsums. „Nachmittags war Maria Westermann Übermutter und paukte ihre Jungs durch die Schularbeiten. Nebenbei bereitete sie Vorträge für die Elternschaft vor … Sie saß im Gemeinderat und sprudelte vor Einfällen, wie man die Gottesdienste wieder voll und die Kirche attraktiver machen könnte. Zack, das muss man so machen. Warum sind die anderen nur so langsam, so träge?"
Welche Auswirkung der in Ritalin enthaltene Wirkstoff Methylphenidat auf gesunde Menschen hat, veranschaulicht der Selbstversuch eines Philosophiestudenten vor seinen Abschlussprüfungen, erschienen im Studentenmagazin „Campus" der „Zeit": „Ich nehme also eine Pille … Die Dinge entwickeln eine seltsame Singularität: Ich sitze auf meinem Sofa und lese. Nach einer Weile merke ich, dass der Fernseher mit voller Lautstärke läuft - ich hatte ihn gar nicht gehört." Ritalin sei kein Wundermittel, aber es ermögliche, über Stunden konzentriert ohne Ablenkung zu lernen. „Wer sagt, Ritalin helfe nicht, lügt … Aus mir hat es den Studenten gemacht, der ich sein sollte: hellwach, fokussiert und diszipliniert. Und einen Menschen, der ich nicht sein will: zwanghaft und unentschlossen. Ich hatte keinen Hunger mehr und keinen Durst, ich wusste nicht mehr, welche CD ich hören und welche Hose ich anziehen wollte. Wenn die Wirkung nachließ, wurde ich unkonzentrierter als vorher, und statt mich zusammenzureißen, überlegte ich, wo ich wieder Ritalin herbekommen konnte."
„Das war nicht mehr meine Frau"
Ritalin steht im Verdacht, süchtig zu machen. Mit der Verbesserung der Konzentrations- und Gedächtnisleistung geht wohl auch eine Persönlichkeitsveränderung einher. „Das war nicht mehr die Frau, die ich geheiratet hatte", sagt etwa der Ehemann von Maria Westermann. Sie sei zwar schlau gewesen, aber ihr gesunder Menschenverstand sei verloren gegangen. Doch die gravierenden Nebenwirkungen des sogenannten Hirndopings scheinen mehr und mehr in Kauf genommen zu werden. So hatte bereits vor einem Jahr eine Umfrage der renommierten britischen Fachzeitschrift „Nature" unter ihren akademischen Lesern ergeben, dass jeder fünfte Ritalin, Modafinil, ein Medikament zur Behandlung von krankhafter Tagesmüdigkeit (Narkolepsie), oder Betablocker zur Leistungssteigerung eingenommen hatte. Schätzungen zufolge sollen in den USA zwischen sieben und fünfzehn Prozent ihre geistige Leistungsfähigkeit mit Pillen steigern. Für Deutschland gibt es bislang keine geprüften Daten. Aktuell haben in einer repräsentativen Umfrage der „Deutschen Angestellten-Krankenkasse" fünf Prozent der 3000 befragten Arbeitnehmer angegeben, Substanzen zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit oder des Wohlbefindens eingenommen zu haben. Zwei Prozent gelten als regelmäßige Doper am Arbeitsplatz. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass unter Schülern, Studierenden, Wissenschaftlern, aber auch unter Managern und Angestellten in Industrie und Wirtschaft Hirndoping zunimmt. Allein der weltweit sprunghafte Anstieg der Verkaufszahlen von Ritalin und anderen ADHS-Medikamenten lässt sich nach Expertenmeinung nicht durch die Zunahme des eigentlichen Krankheitsbildes erklären.
Bislang ist Hirndoping schlicht als ein Missbrauch verschreibungspflichtiger Medikamente zu bewerten. Doch nicht nur die Welle der gesellschaftlichen Veränderung ist aus England und den USA herübergeschwappt, sondern anscheinend auch die Meinung zum allgemeinen Umgang mit Hirndoping. Als vor einem Jahr sechs führende Hirnforscher, die an Universitäten wie Cambridge, Oxford, Harvard, Santa Barbara und Philadelphia lehren, mit dem Chefredakteur des Naturwissenschaftsmagazins „Nature" ebendort in einem Kommentar forderten, über die Freigabe leistungssteigernder Mittel zu diskutieren, überwog hierzulande noch die entschiedene, vielleicht auch reflexartige, Ablehnung.
Pillen für Gesunde
In einem Memorandum, das in der Novemberausgabe der Zeitschrift „Gehirn und Geist" abgedruckt ist, vertritt nun eine Gruppe von sieben deutschen Wissenschaftlern „die Ansicht, dass es keine überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen eine pharmazeutische Verbesserung des Gehirns oder der Psyche gibt". Das sogenannte Neuro-Enhancement („Verbesserung des Gehirns") - den Begriff Hirndoping lehnt die Gruppe von Philosophen, Juristen, Psychiatern, Medizinern und Medizinethikern ab, weil er negativ belastet sei und keine unvoreingenommene Beurteilung zulasse - sei „die Fortsetzung eines zum Menschen gehörenden geistigen Optimierungsstrebens mit anderen Mitteln".
Selbstverständlich rufen die Wissenschaftler nicht zum Missbrauch oder zum „Dealen" (Handeln) von Medikamenten auf. Sie gehen vielmehr davon aus, dass die Pharmaindustrie den Markt und die Möglichkeiten für geistige Leistungssteigerung längst erkannt hat und über kurz oder lang gezielt auch für gesunde Menschen Pillen anbieten wird. Kommt das Neuro-Enhancement aus der gesellschaftlichen „Schmuddelecke" heraus, so hat dies zunächst unabweisbar „Vorteile". Die Pharmaindustrie müsste gesunde Menschen nicht krank reden, um ihnen leistungssteigernde Mittel anbieten zu können. Wer sich dafür interessiert, müsste sich nicht als therapiebedürftig verstellen, um an die Pillen zu kommen. Ärzte müssten nicht so tun, als ob sie eine Störung behandelten. Und aus den leeren Kassen des Gesundheitswesens müssten nicht länger Scheinbehandlungen bezahlt werden. Würden gezielt pharmakologische Produkte für Gesunde hergestellt, hätten sie wohl auch weniger Nebenwirkungen. Denn für Leistungs- und Befindlichkeitsverbesserungen würden keinesfalls dieselben Nebenwirkungen in Kauf genommen wie bei Medikamenten, die Heilung im schlimmsten Fall von tödlichen Krankheiten versprechen. „Gelingt es aber der künftigen Forschung, Risiken körperlicher wie psychischer Neben- und Nachwirkungen unter die Schwelle des Bagatellhaften zu senken (sie also nahe an die von Vitamintabletten und weit weg von denen anaboler Steroide zu rücken), so muss und wird das rechtliche Anwendungsverbot fallen." Die Wissenschaftler gehen schlichtweg davon aus, dass im liberalen Rechtsstaat jedermann die Freiheit haben muss, über sich selbst zu bestimmen, also auch Neuro-Enhancement-Präparate zu nehmen, wenn es ihn danach verlangt. Jeder habe das Recht, über seinen Körper und seine Psyche selbst zu verfügen.
Das Wesen, die Süchte
Sämtliche Einwände, die vor der geistigen Leistungssteigerung warnen könnten, werden in dem Memorandum gemäß dem „Hase-und-Igel-Prinzip" widerlegt: Alles sei doch zuvor schon da gewesen. Wenn man einwendet, es handele sich um ein widernatürliches Eingreifen, wird erwidert: Die Künstlichkeit der Mittel beurteilen wir in der Medizin, bei der Behandlung Kranker doch als gut. Wenn aber die dauerhafte Einnahme die Persönlichkeit verändert? Bei einem Menschen mit Minderwertigkeitsgefühlen würden wir pharmakologische Maßnahmen doch auch positiv bewerten, selbst wenn dies die „Identität" verändere. Werden nicht all jene, die sich weigern, leistungssteigernde Pillen einzunehmen, den Hirn-Dopern hoffnungslos unterlegen sein? Eine ungleiche Chancenverteilung ist auch heute gang und gäbe, erwidern die Befürworter gegen alle Einwände.
In dem Memorandum wird sogar vorgeschlagen, den Kauf von Neuro-Enhancement-Präparaten für Wohlhabende zu besteuern und für Einkommensschwache zu subventionieren. Darin sehen die Autoren einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit, da einige Untersuchungen darauf hinweisen, dass „Schlauere" von Neuro-Enhancement weniger profitieren als weniger Intelligente. Sogar die Suchtgefahr wird relativiert: Auch Handys und Computerspiele könnten Menschen abhängig machen, und nicht selten nehme „auch die Begierde nach dem Objekt einer romantischen Liebe manchmal ausgesprochen irrationale Züge an". Menschen haben immer schon mit verschiedensten Mitteln - seien es Meditation und Coaching oder Stimulanzien wie Kaffee und Alkohol oder sonstige Drogen - versucht, ihre geistige Leistungsfähigkeit, ihr Gedächtnis und ihre Kreativität zu verbessern, ja sich selbst zu überschreiten. Deshalb schreckt die Autoren des Memorandums eine Zukunft mit Neuro-Enhancement nicht: „Selbst in futuristischen Szenarien (Stichwort ‚Super-Intelligenz'), in denen es tatsächlich um ein Überschreiten der menschlichen Natur ginge, wäre erst noch zu begründen, warum uns diese sakrosankt sein sollte - wo wir doch sonst wenig zurückhaltend darin sind, die belebte und unbelebte Natur in unserem Interesse zu verändern."
Es ist doch schließlich die Leistungsgesellschaft, die die neuen Möglichkeiten missbraucht, um Manager rund um die Uhr noch effektiver arbeiten zu lassen oder den Konkurrenzdruck und eine Ellenbogenmentalität noch zu verstärken. Diesen Eindruck vermitteln die Wissenschaftler in ihrem Memorandum. Allerdings handelt es sich beim Neuro-Enhancement um Eingriffe ins Gehirn, ins gesamte Nervensystem des Menschen, die nachhaltig seine Persönlichkeit, sein „Wesen", seine Identität verändern können. Mit anderen Worten: Der Mensch manipuliert sich selbst mit unabsehbaren Langzeitfolgen.
Gehirn: Zentrum unseres Ich
Daher ist festzuhalten: Das Gehirn ist nicht einfach ein menschliches Organ wie jedes andere. Deutlich wird dies beim Gedanken an eine vollständige Gehirntransplantation, was heutzutage allerdings nicht möglich ist. Bleibt der Mensch, der ein Spendergehirn erhalten hat, der „alte" Mensch mit einem neuen Gehirn, oder erhält nicht vielmehr der tote Spender des Gehirns einen neuen Körper? Eine Mehrheit wird wohl zur zweiten Möglichkeit tendieren. Denn das Gehirn als Schaltzentrale unserer neuronalen Prozesse empfinden wir als Zentrum unseres Selbst und damit unseres Bewusstseins, unserer Wahrnehmung, unseres Geistes, unserer Seele, unseres Ichs, unseres ureigenen Seins. Bei Eingriffen in das Gehirn stellt sich daher immer die Frage, welche Folgen sie auf die Identität des Menschen haben. Mit dem zunehmenden Wissen um Zusammenhänge und Wirkweisen unseres Gehirns wachsen auch die Möglichkeiten, diese zu beeinflussen.
Verbessern, verändern, ersetzen
Der Titel „Das technisierte Gehirn" eines wissenschaftlichen Sammelbandes über die Herausforderungen der Neurotechnologien (Mentis Verlag, Paderborn 2009) macht bereits deutlich, dass mittlerweile der gesamte Mensch zum Objekt seines eigenen technologischen Wissens und auch Handelns geworden ist. Hirndoping ist bei weitem nicht die einzige Form, wie künstlich und technisch Funktionen des Gehirns verbessert, verändert oder gar ersetzt werden. In ihrem einführenden Kapitel geben die Herausgeber und Medizinethiker Oliver Müller, Jens Clausen und Giovanni Maio einen Überblick über verschiedene Techniken, die bereits heute zum Einsatz kommen.
Die sogenannten Gehirn-Computer-Schnittstellen (Brain-Computer-Interface) werden in ableitende und stimulierende Systeme unterschieden. Mittels eines Elektroenzephalogramms - in Zukunft sind auch direkt auf der Hirnoberfläche angebrachte Implantate denkbar - werden beispielsweise Informationen des Gehirns abgeleitet, um einen Computercursor anzusteuern. Gelähmte Menschen können so ein Buchstabierungsprogramm bedienen. Patienten mit einem „Locked-in-Syndrom" (ihr gesundes Gehirn ist in einem vollständig gelähmten Körper eingeschlossen, je nach Art der Erkrankung sind noch vertikale Augenbewegungen möglich) könnten damit wieder mit anderen Menschen in Kommunikation treten, wie Femke Nijboer, Sonja Kleih und Andrea Kübler erläutern. Sich über Gehirn-Computer-Schnittstellen mitzuteilen sei möglich. Allerdings warnen die Psychologinnen davor, „diese Technologie zu früh zu feiern". Mit ableitenden Systemen ist künftig aber auch die Steuerung eines Roboterarms oder anderer Prothesen denkbar. Bereits seit fast zwanzig Jahren ist die Tiefenhirnstimulation bei Parkinson-Patienten im Einsatz. Dabei werden Elektroden in tiefe Hirnstrukturen eingesetzt, um krankheitsbedingte Bewegungsstörungen zu verbessern. Die Ausweitung dieser Technik auf Patienten mit Depressionen oder Zwangsstörungen ist derzeit im Gespräch, da ein positiver Effekt auf die Stimmung der Patienten festgestellt wurde. Der Freiburger Mikrosystemtechniker Thomas Stieglitz gibt in seinem Beitrag einen Überblick über die Verbreitung der Elektrostimulation. So wurde bei 130 000 Patienten ein Rückenmarkstimulator eingesetzt zur Behandlung chronischer Schmerzen und Drang-Inkontinenz (durch willentlich nicht zu beeinflussende Nervenimpulse auf den Schließmuskel wird der Druck auf die Harnblase erhöht und es kommt zur sofortigen Entleerung). 100 000 Gehörlosen ermöglicht ein Cochlea-Implantat eine Steigerung ihres Hörvermögens. Die Tiefenhirnstimulation wurde bislang bei 20 000 Parkinsonpatienten und schwerst psychisch erkrankten Menschen angewandt, und die Zahl der Stimulatoren des Vagusnervs bei mit Medikamenten nicht zu behandelnden Epileptikern liegt ebenfalls bei 20 000. Zudem wird an der Wiederherstellung des Sehsinns mittels Stimulatoren geforscht. Die Herausgeber verweisen aber auch darauf, dass es gelungen ist, „das Verhalten von Versuchstieren durch elektrische Stimulation zu kontrollieren und die Bewegungen von Ratten über das Implantat zu steuern".
Hier wird bereits deutlich, dass Manipulations- und Missbrauchsängste in Bezug auf neurotechnologische Verfahren gute Gründe haben. Ebenso stellt sich wie schon beim Hirndoping die Frage nach der Abhängigkeit des Menschen von technischen Geräten oder pharmakologischen Hilfsmitteln. Wer ist das „wahre" Subjekt, das „echte" Individuum - das mit Psychopharmaka, Neuro-Enhancement-Präparaten und stimulierenden Gehirn-Computer-Schnittstellen oder das ohne? Welche Herausforderung die neuen Möglichkeiten für die medizinische, aber auch die theologische Ethik haben und welche Folgen sich für das Menschenbild ergeben, damit befasst sich ein weiterer Beitrag.
CIG 48/2009
Eine Gratisausgabe der Wochenzeitschrift "CHRIST IN DER GEGENWART" schickt Ihnen gern zu:
Verlag Herder, Kundenservice, D-79080 Freiburg
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