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Der sexuelle Missbrauch
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Von Stephan U. Neumann |
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Der Vatikan will sich zunächst nicht in die Untersuchung der Missbrauchsfälle an Jesuitenschulen in Deutschland einschalten. Das sei zunächst Aufgabe der örtlichen kirchlichen Stellen. Dies meldete die „Katholische Nachrichten-Agentur" knapp eine Woche, nachdem bekannt geworden war, dass am Berliner Canisius-Kolleg Lehrer des Ordens in den siebziger und achtziger Jahren Schüler sexuell missbraucht hatten (vgl. CIG Nr. 6, S. 54). Es dauerte fast zwei Wochen, bis Papst Benedikt XVI. Stellung bezog, allerdings nur indirekt: Einige Mitglieder der Kirche hätten gegen die Rechte und den Schutz von Kindern gehandelt. Die Kirche müsse ein solches Verhalten „beklagen und verurteilen". Fast schon zum Ritual gehört es, darauf zu verweisen, dass es sich um „Einzelfälle" handle. Was aber sind „Einzelfälle"?
Vertuschen und Verharmlosen
In den USA gab es mehr als 11 000 Anschuldigungen gegen 4450 katholische Geistliche, Minderjährige zwischen 1950 und 2002 sexuell belästigt zu haben. In den Ermittlungen bestätigten sich 6700 Vorwürfe, 3300 wurden nicht weiterverfolgt, weil die betroffenen Priester bereits gestorben waren, und lediglich 1000 erwiesen sich als haltlos. Der Skandal, der 2002 von der Diözese Boston ausging, beschäftigt die katholische Kirche in den USA bis heute. Die Zahl beschuldigter Priester ist seitdem auf mehr als 5000 gestiegen. Die ein bis zwei Milliarden Dollar, die als Entschädigung bislang gezahlt werden mussten, haben einige Diözesen in den finanziellen Ruin getrieben. Der Schaden durch Ansehens- und Vertrauensverlust ist unermesslich.
In Australien sind mehr als hundert Priester wegen sexueller Übergriffe verurteilt worden, und der sogenannte Ryan-Report hat im Sommer 2009 offengelegt, dass in irischen, von katholischen Orden geführten Heimen Tausende von Kindern systematisch misshandelt, als billige Arbeitskräfte ausgenutzt und sexuell missbraucht wurden (vgl. CIG Nr. 24/2009, S. 271). Der Ende 2009 veröffentlichte „Murphy-Report" hat wiederum aufgedeckt, dass in Irland im Bistum Dublin Kindesmissbrauch durch Geistliche systematisch vertuscht wurde, ja dass die Täter von der Bistumsleitung sogar geschützt wurden. Die Kommission unter Vorsitz der Richterin Yvonne Murphy hatte sich mit Vorwürfen beschäftigt, die von 320 Personen in den Jahren 1975 bis 2004 erhoben worden waren. Seitdem haben sich weitere 130 Opfer gemeldet. Vier der fünf im Bericht schwer belasteten Bischöfe, die im betreffenden Zeitraum als Weihbischöfe in Dublin tätig waren - zwei von ihnen leiteten mittlerweile andere irische Bistümer -, haben ihren Rücktritt angeboten. Einen hat der Vatikan bereits angenommen. Das Land, dessen Identität seit seiner Unabhängigkeit von England fast ausnahmslos von der katholischen Kirche geprägt wurde, ist tief erschüttert. Drei Viertel der Iren kritisieren das Verhalten der Kirchenleitung, und fast zwei Drittel fordern, dass die Kirche, der nahezu der gesamte Bildungsbereich untersteht, nicht länger Trägerin von Grundschulen sein soll.
Der Präfekt der zuständigen Kleruskongregation im Vatikan, Kardinal Claudio Hummes, warnte davor, die irischen Missbrauchs- und Vertuschungsskandale zu verallgemeinern, da es sich um „sehr begrenzte" Vorfälle handle. Diese Haltung des Verharmlosens und Bagatellisierens schürt jedoch das Misstrauen gegenüber der Institution Kirche in der Gesellschaft und mittlerweile zusehends auch im Gottesvolk. Wenn sich wie in den USA bis zu vier Prozent aller Geistlichen wegen Kindesmissbrauchs zu verantworten haben, kann man nicht mehr von begrenzten Vorkommnissen sprechen. Der Psychologe Wunibald Müller, der im Recollectio-Haus in Münsterschwarzach mit Priestern in Lebenskrisen arbeitet, schätzt laut „Tagesspiegel" den Anteil katholischer Priester in Deutschland, die sich an Kindern und Jugendlichen sexuell vergehen, ebenfalls auf zwei bis vier Prozent. Pater Klaus Mertes, der heutige Direktor des Canisius-Kollegs, vermutet, dass es sich bei den erst jetzt bekannt gewordenen Fällen an seiner Schule sowie an den Jesuiten-Schulen in Hamburg, Bad Godesberg und St. Blasien/Schwarzwald lediglich um die „Spitze des Eisbergs" handelt. „Das, was bei uns sichtbar geworden ist, passiert auch an anderen Schulen, nicht nur an katholischen."
Kein rein kirchliches Problem
In seinem Vorgehen unterscheidet sich Mertes von den sonst üblichen Verhaltensmustern. Bereits in dem Brief an sechshundert Schüler der betroffenen Jahrgänge hat er die Geschehnisse schonungslos offengelegt und höchst selbstkritisch nach den Strukturen in Schule, Jugendarbeit, Orden und Kirche gefragt, die sexuellen Missbrauch begünstigen. Sexuelle Gewalt gegenüber Heranwachsenden ist ein verbreitetes Phänomen. In Familien, Vereinen, Schulen und vielen weiteren gesellschaftlichen Bereichen, in denen Kinder von Erwachsenen abhängig sind, werden Kinder - in den meisten Fällen Mädchen - Opfer männlicher Täter. Von daher ist der Hinweis, dass sexueller Missbrauch weder ein besonderes kirchliches Problem ist, noch dass die verpflichtende Ehelosigkeit von Priestern und Ordensleuten daran schuld sei, vollkommen richtig. Zudem gibt es höchst unterschiedliche Formen sexuellen Missbrauchs, und die Übergänge von fürsorglicher Nähe zu sexueller Übergriffigkeit sind fließend.
Das Handbuch „Sexueller Missbrauch" (Tübingen 2005) verschweigt nicht, dass dieses gesellschaftlich stark tabuisierte Thema selbst in der psychologischen Forschung kaum griffig zu umreißen ist: „Die große Fülle an Definitionen und die damit verbundene Uneinigkeit unter den AutorInnen weisen einerseits darauf hin, dass die Erforschung des Phänomens des sexuellen Missbrauchs noch keinen ausreichenden wissenschaftlichen Entwicklungsstand erreicht hat, sowie andererseits noch keine allgemein anerkannte Theorie entwickelt wurde, die von allen WissenschaftlerInnen in diesem Bereich akzeptiert wird." Während enge Definitionen nur oralen, vaginalen und analen Geschlechtsverkehr gelten lassen, werten andere „jede sexuelle Aktivität (mit oder ohne Körperkontakt) oder Ausbeutung einer abhängigen Person unter sechzehn" innerhalb oder außerhalb der Familie als sexuellen Missbrauch.
Geht man von den schweren psychischen Verletzungen aus, welche die Opfer noch Jahrzehnte danach oder sogar ein Leben lang quälen und eine selbstbestimmte Entwicklung ihrer Persönlichkeit verhindern, wird man sich jedoch hüten, die Grenzen allzu eng zu ziehen. Macht- und Gewaltphantasien, die an Abhängigen ausgelebt werden, spielen in vielen Missbrauchsbeschreibungen eine große Rolle, so dass manchmal nur schwer zu unterscheiden ist, ob es sich um die Fortsetzung von Gewalt mit noch demütigenderen Mitteln oder aber um verirrte sexuelle Neigungen handelt. Begünstigt werden die Taten oftmals dadurch, dass sie innerhalb von Familien, aber auch Institutionen totgeschwiegen werden. Außerdem werden den Opfern Schuldgefühle eingeredet; nicht selten wird ihnen eine Art „Schweigegelübde" auferlegt. Die Scham der Opfer verhindert, dass sie sich melden. Das Gefühl, der oder die Einzige zu sein, und die Frage, wer einem glaubt, wenn die Autoritätsperson, sei es der Priester, der Lehrer oder der bei allen beliebte Onkel, die Taten abstreitet, sorgen dafür, dass sich Betroffene verschließen und noch mehr unter dem Missbrauch leiden. Die Schilderung eines Opfers im aktuellen Fall zeigt, wie das Geschehen auch verdrängt wird, um weiterleben zu können: Er habe sich auf den Schoß eines Paters setzen müssen. Was dann geschehen sei, daran habe er keine Erinnerung.
Kartelle des Schweigens
Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel" hat die Jahrzehnte zurückliegenden Geschehnisse nun zu einem Rundumschlag gegen die Kirche missbraucht. Das ist in der Sache unseriös. Denn „Aussitzen oder Versetzen", Verschweigen und Verdrängen sind nicht nur das bevorzugte „Krisenmanagement in der Ordens- und Kirchenhierarchie", sondern gang und gäbe gerade auch im weltlichen Bereich, sei es in Schulen, Sport- und anderen Freizeitvereinen. Fast jeder kann Geschichten und Gerüchte von pädophilen Lehrern aus dem näheren oder weiteren Bekanntenkreis erzählen. Darüber wird jedoch so gut wie nie berichtet. Dass immer nur Fälle aus dem kirchlichen Bereich bekannt werden, lässt sich wohl nur mit Doppelmoral, Heuchelei und Kirchenhass erklären. Denn bei Mitarbeitern der katholischen Kirche kommt sexueller Missbrauch viel seltener vor als bei anderen erwachsenen Männern, stellt der Professor für forensische Psychiatrie an der Berliner Charité, Hans-Ludwig Kröber, fest. Nichtzölibatär lebende Männer werden sogar 36 Mal wahrscheinlicher zu Tätern. Denn seit 1995 hat es allein in Deutschland 210 000 (!) polizeilich erfasste Fälle von Kindesmissbrauch gegeben. Das bedeutet Jahr für Jahr um die 14 000. Diese Tatsachen relativieren die vom „Spiegel" erfragte Zahl von 94 verdächtigten Geistlichen seit 1995 doch erheblich - so schlimm jeder einzelne Fall für die Opfer ist. Die Kirche, so Kröber, stehe mit ihrer Selbstanklage in der Gefahr, in einen „Selbstgeißelungsfuror" zu geraten und selbst die Anschuldigungen nur vermeintlicher Opfer ungeprüft zu übernehmen.
Tatsächlich herrscht gerade auch an weltlichen Schulen ein „Kartell des Schweigens". Der Ruf der Schule steht an erster Stelle. Die Angst, Eltern würden ihre Kinder woandershin schicken oder von der Schule nehmen, bereitet vielen Rektoren Sorge. So wird eine heile Welt vorgegaukelt. Anstatt allein auf die Kirche zu schimpfen, sollte man sich deren Mut zur Aufklärung zum Vorbild nehmen.
Klaus Mertes jedenfalls hat mit der Schönfärberei: „An unserer Schule läuft alles vorbildlich" gebrochen. Zu Recht lobte der Beauftragte der Bischofskonferenz bei der Bundesregierung, Karl Jüsten, dass der Schulleiter „sich offensiv um Aufklärung der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg bemüht und sogar riskiert, den Ruf des Gymnasiums zu beschädigen". Da zur Aufklärung nicht nur die Straftaten weniger, sondern auch die Frage nach dem Schweigen einiger mehr gehören, wird Mertes immer wieder ausgesprochen und unausgesprochen verdächtigt, sich über seine Vorgänger und andere Ordensmitglieder erheben zu wollen, die geschwiegen haben. Entsprechend wurde er kritisch angefragt, warum er nicht schon früher an die Öffentlichkeit gegangen ist. Doch er hat den Mut gehabt, das Schweigen, eben auch das eigene, zu brechen und die Opfer um Hilfe bei der Aufarbeitung der Schattenseiten zu bitten.
Über Sexualität und sexuelle Probleme sprechen, Wünsche und Ängste äußern, die eigenen Begierden und die Bedürfnisse des anderen erkennen - nur so kann ein reifes und verantwortungsvolles Sexualleben oder auch der Verzicht gelingen. Das ist eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft. Es geht dabei auch um Keuschheit, nicht im Sinne verklemmter Prüderie, sondern einer Diskretion und einer humanen Bildung in den intimsten und verletzlichsten Beziehungen des Menschen. Eine grelle, marktschreierische Sexualisierung aller Lebensbereiche, der jegliche Schamgrenze fremd ist, ist dabei ebenso schonungslos zu hinterfragen wie der Rigorismus bestimmter Moralvorstellungen.
Die Kirche hat gelernt, mehr jedenfalls als andere, wenn auch die Lernfähigkeit nicht aufhören darf. Der Essener Psychiater Norbert Leygraf lobte die katholische Kirche, weil sie inzwischen recht schnell und gewissenhaft auf solche Vorwürfe reagiert. 2002 hatten die deutschen Bischöfe Leitlinien bei sexuellem Missbrauch beschlossen. In den Bistümern gibt es seitdem Beauftragte, an die sich Opfer wenden können. Bei erwiesenen Fällen wird Tätern zur Selbstanzeige geraten beziehungsweise die Staatsanwaltschaft informiert. Opfern wie Tätern werden therapeutische Hilfen angeboten. Die Öffentlichkeit soll angemessen informiert werden, und bei Versetzungen sollen die Verantwortlichen der neuen Stelle Bescheid wissen.
Auch wenn hier noch vieles zu verbessern ist, verzerrt die pauschale Kritik des „Spiegels", dass „die Amtskirche die Leiden ihrer Opfer lieber nicht zum ganz großen Thema machen" wolle, weil sie „nicht ins Weltbild der Scheinheiligen" passten, grob die Realität. Konkrete, konstruktive Kritik sowie Verbesserungsvorschläge kommen vor allem aus der Kirche selbst. Der Augsburger Pastoraltheologe Hanspeter Heinz hat zwar Verbesserungen seit der Veröffentlichung der Leitlinien festgestellt. Ingesamt seien sie aber „zu lasch", sagte er gegenüber KNA. Anstelle unabhängiger Fachleute würden häufig kirchliche Repräsentanten als Berater eingesetzt. Zudem gab es Versetzungen ohne das Wissen der neuen Gemeinden.
Wie entsteht sexuelle Reife?
Dass solche Taten immer noch vertuscht werden, liegt auch am nach wie vor belasteten Verhältnis zur Sexualität innerhalb der Kirche. Hanspeter Heinz kritisiert, dass Homosexualität für die Neigung zum Kindesmissbrauch verantwortlich gemacht werde, obwohl diese Sicht den modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht. „Man lenkt mit der Homophobie von den eigentlichen Problemen ab: Ursache von sexuellem Missbrauch ist eine fehlende psycho-sexuelle Reife, eine mangelhafte Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität." Genau diese Menschen würden aber von einer zölibatären Lebensform angezogen, weil sie meinen, „sie müssten sich als Zölibatäre nicht Rechenschaft über ihre Neigungen geben", so Heinz.
Trotz oder gerade wegen des Priestermangels kommt es darauf an, dass sich die Kandidaten vermehrt mit der eigenen Sexualität auseinandersetzen und dass grundsätzlich ein positives Bild der menschlichen Geschlechtlichkeit gefördert wird. Unsere Sexualität ist nicht bloß ein lästiger Trieb, der im besten Fall zur Fortpflanzung notwendig ist und ansonsten bekämpft und unterdrückt gehört. Die Sexualität ist eines der schönsten Geschenke, die wir von Gott haben, dessen geschaffenes Ebenbild wir sind. Sie führt uns aber auch, wie es die Missbrauchsfälle in schrecklicher Weise zeigen, unsere Abgründe vor Augen und macht uns tief verletzlich. In dieser Spannung hat nicht nur die Kirche, sondern auch die weltliche Gesellschaft wieder nachdenklicher zu werden.
CIG 7/2010
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