62. JAHRGANG 2010WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 12. September 2010

Mit Geist und Lust
Von Dorothea Sattler
Ich bin nach dem Ratschluss Gottes / Adams fehlende Rippe, / die sich zum Ganzen des Menschen bekennt - / dass er nicht allein sei. / Frau sein ist ein untröstliches Glück." So wie die österreichische Schriftstellerin Christine Busta empfinden heute viele Frauen in den Kirchen: Es ist ein Glück, eine Frau zu sein. Die Frau ist anders als der Mann, jedoch nur in Gemeinschaft mit ihm Mensch nach Gottes Bild.
Untröstlich ist dieses Glück. Einen Schmerz der Frau deutet die Dichterin an. Nachhaltig bis heute spürbar ist die Wirkungsgeschichte der biblischen Erzählung von der Erschaffung der Eva erst nach der Erschaffung des Adam. Zweitrangig erscheint so die Frau - geworden sogar nur als ein Teil des Mannes. Lange wissen wir schon, dass der biblische Text eine andere Botschaft verkünden wollte: „Adam" bezeichnet die gesamte Menschheit. Den Mann - hebräisch isch - gibt es erst, als es auch die ischah, die Frau, gibt.
Untröstlich sind wir Frauen, wenn noch immer gelegentlich der Eindruck entsteht, dem Mann in der Schöpfungsordnung nicht gleichgestellt zu sein. Wir wissen und erfahren es: Frauen sind eigentümliche Wesen mit gleicher Würde wie der Mann. Als Geschöpfe Gottes gehen Frauen eigene Wege - auch in der Ökumene. Frau zu sein in der Ökumene, ist ein Glück. Doch was sind die Gründe für diese These?

Frauen in Kriegszeiten

Sechzig Jahre Weltgebetstag der Frauen stehen im Horizont der Geschichte der modernen ökumenischen Bewegung im 20. und 21. Jahrhundert. In Deutschland wurde er erstmals 1949 gefeiert. Zuvor waren es seit 1927 Frauen methodistischen Bekenntnisses, die aus den USA und Kanada kommende Impulse aufgegriffen haben und auch in Deutschland selbst in den schweren Jahren des Zweiten Weltkriegs gebetet haben - weitergebetet, den Bomben zum Trotz, für den Frieden.
1949, wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, beginnt in Deutschland eine neue Epoche im ökumenischen Gebet von Frauen für den Frieden und für die Versöhnung. Es ist wichtig, an die ökumenischen Erfahrungen in diesem Krieg zu erinnern: Wie schon im Ersten Weltkrieg haben in Europa getaufte Menschen andere getaufte Menschen getötet, misshandelt, gequält. Alle Kirchen sind tief schuldig geworden an den älteren Geschwistern: an Kindern, Frauen und Männern mit jüdischer Herkunft und jüdischem Glauben. Einzelne aus allen Konfessionsgemeinschaften haben Widerstand geleistet und sind dafür in den Tod gegangen.

Während und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg hat insbesondere die deutsche Bevölkerung die große Hilfsbereitschaft und Versöhnungsarbeit der Freikirchen in den USA erlebt. Care-Pakete haben vielen geholfen. Erschütterung über die Kriegsleiden und Sehnsucht nach Versöhnung der Völker - das ist ein Thema, das Frauen ganz eigen bewegt, nicht nur damals, auch heute. Denn Kriegsorte gibt es weltweit noch immer sehr viele.
Frauen erleben Kriege oft auf sehr eigene Weise: an der Seite der Kinder, der alten Menschen, der Tiere, auf der Suche nach der nötigsten Nahrung. Frauen gehen auf der Flucht mit den verbleibenden Gütern in ungewisse Zeiten hinein: Vertreibung, Missachtung, bittere Erniedrigungen. Wie die gesamte moderne ökumenische Bewegung ist und bleibt der Weltgebetstag der Frauen von der Motivation geprägt, den Kriegen ein Ende setzen zu wollen.

Frauen in weltweiter Vielfalt

Die ökumenische Bewegung hat die Vielfalt menschlicher Lebensbedingungen weltweit betont und einen großen Beitrag dazu geleistet, Menschen in Afrika oder Lateinamerika oder Asien eine eigene Stimme zu geben, ihnen zuzuhören und nicht bloß Ratschläge zu erteilen. Als Beginn der modernen ökumenischen Bewegung gilt das Jahr 1910 mit der ersten Weltmissionskonferenz im schottischen Edinburgh. Die Glaubwürdigkeit des christlichen Bekenntnisses erschließt sich nur, wenn alle Kirchen gemeinsam Zeugnis für Jesus Christus geben - in Wort und Tat. Gemeinsam haben insbesondere die europäischen Kirchen sich als Lerngemeinschaft neu verstanden. Wir lernen von fremden Kulturen und Traditionen. Dieses Lernen geschieht vor allem auf dem Weg des Hörens. Selber schweigen können und anderen Menschen zuhören - das scheint eine Gabe zu sein, die Frauen besonders eigen ist.
Im Bild des zur Erntezeit im Herbst geschmückten Wagenrads, in Fruchträdern, wie sie in ländlichen Gegenden üblich sind, wird der Reichtum der Vielfalt, der vielen guten Früchte anschaulich. In der Ökumene ist der Gedanke tief verwurzelt, dass die Menschen einander näherkommen, wenn sie sich mit den Früchten ihrer Traditionen der schon bestehenden gemeinsamen Mitte annähern: Jesus Christus, Gottes Wort im Heiligen Geist.
Von Beginn an war die ökumenische Bewegung eine spirituelle Gemeinschaft. Das Gebet ist seit den ersten Tagungen des Ökumenischen Rats 1948 in Amsterdam ein unverzichtbarer Teil. Auf alten Bildern ist selten eine Frau zu sehen, da meist die ersten Männer in der Ökumene die Wortgottesdienste, angelehnt an die konfessionellen Traditionen, gestaltet haben. Frauen sind dagegen schon sehr früh eigene Wege gegangen. Sie haben neue, auf die Gegenwart bezogene Traditionen gebildet und darauf geachtet, in den Gebeten je nach Landestradition alle Sinne anzusprechen - mit Tanz, Klagen und Blumenschmuck. Frauen beten ganzheitlich. Doch welche Bedeutung haben die angesprochenen Frauenerfahrungen für die Zukunft?

Viele sprechen heute von der „geistlichen Ökumene". Das gemeinsame Gebet erinnert immer wieder an die bereits bestehende Einheit in der Gemeinschaft mit Gott. Nicht Menschen schaffen durch ihre Tätigkeiten die Einheit der Kirchen. Die Einheit ist in Gott schon Wirklichkeit. Im Gebet wird dies bewusst.
Vor dem zweiten ökumenischen Kirchentag kommen die Möglichkeiten einer „geistlichen Ökumene" in den Blick: Ökumenische Pilgerwege werden als sehr bereichernd erfahren, das Taufgedächtnis soll weiter reichende Annäherungen ermöglichen, Segnungs- und Salbungsgottesdienste werden ökumenisch gefeiert, Umkehr und Buße werden gemeinsam neu entdeckt - um nur einige Beispiele zu nennen. Eine „geistliche Ökumene" tröstet in Zeiten scheinbarer Erfolglosigkeit in der Ökumene. Sie mahnt, das ökumenische Anliegen niemals aufzugeben, und sie ermutigt, sich immer wieder neu auf die Mitte des christlichen Bekenntnisses auszurichten. In dieser Mitte geht es nicht um Ämter, Strukturen und soziale Institutionen mit all ihrem Beharrungsvermögen. Das Evangelium zielt auf die Hoffnung auf Leben bei Gott - in aller Schuldverstrickung und auch im Angesicht des bitteren Todes.
Frauen sind sehr sensibel für die Schöpfung, wie die Texte aus der Weltgebetstags­tradition zeigen. Menschen - Frauen und Männer - aus allen Ländern, geschichtlich geprägt durch ihre Erfahrungen, sind in all ihrer Vielfalt Geschöpfe Gottes. Und zu dieser Schöpfungsgemeinschaft gehören auch die Tiere. Der Ökumene ist es eigen, dabei die ethische Dimension nicht aus dem Blick zu verlieren. Frauen leben oft in der Nähe von Geschöpfen, die um ihr Leben ringen: junge, kranke und alte Menschen. Frauen wissen um den hohen Wert des schwachen Lebens.

Österliche Orientierung

Kriege, Sünde und Tod - das sind die Themen, auf die das christliche Evangelium in ökumenischer Gemeinschaft eine Antwort zu geben versucht. Gott verheißt Leben auch im Tod sowie ein Leben auch für Sünderinnen und Sünder. Dieses österliche Bekenntnis in seiner zweifachen Ausrichtung als Hoffnung für Sterbende und für Sündige feiern alle Kirchen in der einen Taufe. Hineingetaucht in die Wasser des Todes stehen die Getauften auf zu neuem Leben. Keine Gestalt menschlicher Unversöhntheit ist für Gott Anlass zu ewiger Verdammnis - nur glauben, vertrauen muss der Mensch.
In der Selbstreflexion der Ökumene auf ihre Anliegen und Methoden ist diese österliche Ausrichtung sehr wichtig geworden. „Paschatische Ökumene" lautet der Fachbegriff: Pascha, der Übergang vom Tod in das Leben und von der Sünde in die Versöhnung, dieses Geschehen ist in der Ökumene oft bedacht worden. Übergänge, Neues, Krisenzeiten und neu erwachende Möglichkeiten - diese Wirklichkeiten sind auch im Leben von Frauen sehr präsent. Die Ökumene ist heute geistlich orientiert, auf die gesamte Schöpfung bezogen, und sie stellt existenzielle Fragen in den Mittelpunkt: die heillose Zerstrittenheit unter den Geschöpfen und die Klage angesichts des Todes der Geschöpfe.

Für die Ökumene ist die am 31. Oktober 1999 unterschriebene „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" ein wichtiges Ereignis. Inhaltlich geht es bei der Rechtfertigungsbotschaft nicht um Selbstverteidigung, sondern um das Vertrauen in Gottes Bereitschaft zur Annahme selbst von Sündern und Sünderinnen. Frauen suchen nach einem erfahrungsnahen Zugang zu dieser Botschaft von Gottes Erbarmen. Immer schon war die Soteriologie (Lehre von der Erlösung) auf Bildreden angewiesen. „Loskauf", „Rechtfertigung", „Freispruch", „Erziehung", „Teilhabe", „Sühnopfer", „Befreiung", „Gemeinschaft" sind solche Bilder für Erlösung. Ihr richtiges Verständnis setzt die Kenntnis der dahinterstehenden Erfahrungen im geschichtlich sich wandelnden menschlichen Miteinander voraus. Neben den Erfahrungswelten, die Männern und Frauen zugänglich sind, gibt es andere, die Frauen eigen sind, wie Empfangen, Gebären, Nähren. Sie können der Ekklesia, der Glaubensgemeinschaft, die Erfahrung der in Beziehung geschehenden „Sorge für das Leben" als Bild für Erlösung bereitstellen und sie mit einem erfahrungsnahen Bild für Gottes schöpferische Gewähr und für Gottes schöpferischen Erhalt des Lebens bereichern.
Frauen betonen zudem den personalen Einbezug der Erlösten in das Erlösungsgeschehen. Sie sprechen von einem menschlichen „Mitwirken", ja sogar von einer gegebenen „Gegenseitigkeit" der erlösenden Beziehung zwischen Gott und der Schöpfung. Die erlösende Verwandlung des Menschen geschieht nicht ohne seine Zustimmung, nicht gegen ihn. Das Leitbild dafür ist die Verwandlung durch die Begegnung mit Jesus, die von Menschen als Heilung wahrgenommen wird.

Die Mütterlichkeit Gottes

Jesus lebt mit den Menschen eine Beziehung, in der die Einzelnen zur Selbstannahme befähigt werden. Er fragt die Menschen, die sich an ihn wenden, was sie von ihm möchten. Er ermutigt dazu, die eigenen Lebenswünsche anzuerkennen, die tiefe Sehnsucht zu spüren und sie zu äußern - die Sehnsucht nach einer sensiblen Wahrnehmung der Wunden, die das Leben uns geschlagen hat.
Die Weltgebetstage haben vielfältige Wege aufgezeigt, das christliche Evangelium von der Barmherzigkeit Gottes lebensnah zu verkündigen. Und Frauen achten darauf, dass die ethische Tradition christlicher Existenz im Bewusstsein bleibt. Denn die Rechtfertigungslehre ist keine Gegenrede gegen gute Werke.

Angesichts der vielfältigen biblischen Zeugnisse weiblicher Bildwelt überrascht, wie wenig dies lange Zeit im Glaubens­bewusstsein der meisten Christen und Christinnen präsent war. So erregte Papst Johannes Paul I. zu Beginn seines kurzen Pontifikats noch größte Aufmerksamkeit, als er bei einer Ansprache 1978 den damaligen israelischen Premierminister Menachem Begin an die gemeinsame alttestamentliche prophetische Überlieferung erinnerte, die Gottes Treue mit der Liebe einer Mutter zu ihrem Kind verglichen hat. Dabei zitierte er bloß Jesaja: „Kann denn eine Frau ihr kleines Kind vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und wenn sie ihn vergessen würde, ich [Gott] vergesse dich [Israel] nicht" (49,15). Hier haben wohl die christliche Ikonografie und die Liturgie die biblischen Bilder vollkommen überlagert. Nach wie vor gibt es eine innere Sperre bei vielen Christen und auch Christinnen, die biblische Rede etwa von unserer Mutter Gott anzunehmen. Im Gottesdienst wird Gott ausschließlich als Vater, Sohn und Geist angeredet.
Kaum bekannt ist, dass die von Jesus aus der jüdischen Tradition aufgegriffene „Vater"-Vorstellung in der Rede von Gott verstärkt erst in den jüngeren alttestamentlichen Texten begegnet, vor allem in der Zeit nach dem Exil, als die Väter in den gegenüber den früheren Sippenverbänden kleineren Familienstrukturen eine besondere Rolle übernahmen. Häufig wird zudem übersehen, dass sich mit der Rede von der „Väterlichkeit" Gottes Inhalte verbinden, die von Frauen keineswegs abgelehnt werden: Gott ist einer, der seinen in ihm aufkommenden „gerechten Zorn" besänftigen kann und in Güte verwandelt, wie es ein Vater seinen Kindern gegenüber tut (Ps 103,13; Jes 63,15b-16a). Gott trägt das müde Volk durch die Wüste, als es selbst nicht mehr laufen kann, wie ein Vater sein kleines Kind bei einer Wanderung (Dtn 1,31; Jer 31,9). Zudem ist Gott der Vater aller, und dies ist Grund zu Solidarität unter allen Menschen (Mal 1,6; 2,10). Dieser Gott-Vater ist wahrlich kein patriarchaler Herrscher. Jesus steht in seiner Rede von Gott, seinem Vater, in dieser Tradition.

Die weibliche Erfahrungswelt beschränkt sich keineswegs allein auf die Rede von der „Mütterlichkeit" Gottes. Gott ist nach dem alttestamentlichen Zeugnis auch vorzustellen als eine „Gebärende" und „Stillende". Im Buch Deuteronomium klagt etwa Mose über Israel: „Du vergaßt den Gott, der dich geboren hat" (32,18). Und im Buch Numeri erinnert Mose, als das Volk auf der Wüstenwanderung mit seinem Gott hadert, diesen, besser gesagt: diese an ihre Mütterlichkeit: „Habe denn ich dieses ganze Volk in meinem Schoß getragen, oder habe ich es geboren, dass du zu mir sagen kannst: Nimm es an deine Brust?" (Num 11,11-13). Gott ist nach dem biblischen Zeugnis eine Lebenszugewandte, Nährende, Stillende und Tröstende: „Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch" (Jes 66,13).
Die biblischen Bilder für die Mütterlichkeit Gottes sind auch dem Tierreich entnommen. So wird Gott mehrfach als Adlermutter vorgestellt, die ihre Jungen auf ihren Flügeln davonträgt und in Sicherheit bringt (Dtn 32,11f; Ex 19,4). Und im Neuen Testament sagt Jesus von sich, er habe die Kinder Israels um sich sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt (Mt 23,37).

Lust auf den Gebetstag

Ebenfalls auf die Situation von Schwangerschaft und Geburt bezogen ist ein Gottesbild, das dabei aber nicht die Mutter in den Blick nimmt: Im Psalm 22, den Jesus in seiner Todesstunde gebetet haben könnte, wird Gott als eine Geburtshelferin, eine Amme beschrieben: „Du bist es, die mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, mich barg an der Brust meiner Mutter" (V. 10f).
Viele weibliche Gottesbilder wollen erprobt, besprochen, bedacht, besungen, ­getanzt werden. In Frauengottesdiensten geschieht dies - nicht nur beim Weltgebets­tag.
Ein in der Ökumene bleibend schwieriges Thema ist die Ämterlehre. In den Kirchen, die heute die Ordination von Frauen kennen, haben die guten Erfahrungen mit Frauen im Leitungsdienst ein Umdenken bewirkt. Die Annahme, dass Frauen einer liturgischen Feier nicht vorstehen können, lässt sich leicht durch die Erfahrung widerlegen. Frauen können das Evangelium verkündigen, sie können einer Gemeinschaft vorstehen, sie können öffentlich auftreten und Verantwortung übernehmen. Der Weltgebetstag ermöglicht vielen Frauen, in der Liturgie, in der Katechese und in der Diakonie zu wirken, wie es ihnen in manchen Konfessionen so nicht offensteht. Am Weltgebetstag wird die Teilhabe aller Getauften am dreifachen Priesteramt Jesu Christi augenscheinlich - „gemeinsames Priestertum aller Getauften" heißt es in der katholischen Tradition.
Die Tradition verehrt Maria von Magdala als Apostola Apostolorum - als zu den Aposteln gesandte Osterzeugin im Sinne des Johannes-Evangeliums (vgl. 20,17-18). Die Osterbotschaft als Zeugin zu verkündigen, das ist die Sendung der Apostel und der Apostelinnen. Beim Weltgebetstag geschieht dies.
Es gibt heute ein ökumenisches Selbst­verständnis, das sich „Vertrauen in den Christus praesens" nennt, also Vertrauen in den unter und in den Getauften gegenwärtigen Jesus Christus jenseits aller offenen Ämterfragen. Christus selbst ist im Handeln, Wirken, Feiern, Leben aller christlichen Gemeinschaften gegenwärtig. Da Frauen weniger Berührungsängste bei Begegnungen zeigen, fällt es ihnen leichter, mit Fremden zu tanzen und zu singen. Das Gemeinschaftsempfinden interkonfessioneller christlicher Frauengruppen mag auch noch durch das geteilte Los bestärkt werden, gemeinsam im Kampf gegen die noch bestehenden ungerechten Verhältnisse zu stehen.

Viele Frauen gestalten gerade dann, wenn sie ihre Grenzen erfahren, das Leben sehr bewusst. Sie suchen das Gespräch auch über ihre Grenzen. Erfahrungen der Ohnmacht wollen thematisiert sein. Von „Lust" zu sprechen, scheint in diesem Zusammenhang zumindest erläuterungsbedürftig: Lust bedeutet hier tiefer Wunsch, Sehnsucht, Verlangen. Frauen fordern in Beziehungen Ehrlichkeit, eine nüchterne Betrachtung der Wirklichkeit, um in den begrenzten, verbleibenden Möglichkeiten bewusst und entschieden zu leben.
Gesellschaftskritik, Kirchenkritik, Fragen der Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung - vorrangig ethische Fragen treiben die Frauen in der Ökumene um. 1998 endete die Dekade des ökumenischen Rats zur „Solidarität der Kirchen mit den Frauen". Wichtige Themen standen während dieser intensiven zehnjäh­rigen Arbeit im Mittelpunkt, die in einzelnen Kirchen eher am Rand behandelt werden: Gewalt gegen Frauen, das Leiden unter der Diskriminierung einzelner ­Lebensgestalten, wie Wiederverheiratete-Geschiedene, alleinerziehende Frauen, lesbische Frauen, die spezifische wirtschaftliche Situation von Frauen sowie die noch immer nicht eröffnete Teilhabe von Frauen an allen kirchlichen Diensten und Ämtern. Unbequeme Themen werden aufgegriffen, bei denen eine Verwandlung, eine Veränderung der Kompetenzen in der Kirche erfolgen soll. Reformen sollen nicht nur versprochen, sondern auch verwirklicht werden.
Frauen in der Ökumene stimmen nicht nur ein Loblied an. Sie sind dankbar und ein wenig stolz auf die Frauenökumene. Zu beklagen gibt es jedoch auch nicht wenig. Die Dichterin Hilde Domin bringt diese Ambivalenz so ins Wort: „Die Wiesen, die Augen / früh und spät / so nass // Dazwischen / Ist Tag."
Den Wiesen ergeht es wie den Menschen, denen zum Weinen zumute ist, da sie der Wirklichkeit gewahr werden. Zwischen dem Morgen und dem Abend, am Tag, gilt es, der Hoffnung Ausdruck zu geben. Nicht alles ist verloren. Es gibt etwas zu tun. Veränderungen sind möglich - am lichten Tag - mit Geist und mit Lust.

Dorothea Sattler, Dr. theol., Professorin für Ökumenische Theologie und Dogmatik, Westfälische Wilhelms-Universität Münster.

CIG 9/2010

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