69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 23. April 2017

Lassen wir den Geist wirken!
Von Otto Hermann Pesch
Der zweite Ökumenische Kirchentag ist gar nicht der zweite. Es war das Zweite Vatikanische Konzil, das den über Jahrzehnte zuvor inoffiziell in Gang gekommenen ökumenischen Dialog auf theologischer und auch schon amtlicher Ebene aus der halben Illegalität herausgeholt hat. Als unmittelbare Folge, kurz nach Verabschiedung des Ökumenismusdekrets, sprachen im Mai 1965 Kardinal Lorenz Jaeger von Paderborn und Joachim Beckmann, Präses der Rheinischen Landeskirche, auf dem Evangelischen Kirchentag in Köln über das Thema "Katholiken und Protestanten angesichts des Konzils". Dies war nach mehr als 400 Jahren der erste öffentliche Dialog auf Ebene der Kirchenleitung seit dem denkwürdigen Disput, den Martin Luther und Kardinal Cajetan 1518 in Augsburg geführt hatten.
Im März 1968 machte der neu gewählte Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, Albrecht Beckel, erstmals den Vorschlag eines gemeinsamen Kirchentags. Richard von Weizsäcker, damals Präsident des Evangelischen Kirchentags, stimmte sofort zu. Noch im selben Jahr begannen die Führungsgremien beider Kirchen, ein gemeinsames Treffen zu planen, das im Juni 1971 unter dem Namen "Ökumenisches Pfingsttreffen" in Augsburg zustande kam. Faktisch war dies der erste Ökumenische Kirchentag. Mit 8000 Dauerteilnehmern und 18 000 Mitfeiernden beim Schlussgottesdienst war dies freilich noch kein Me­dien­ereignis. Aber es blieb fortan bei der dauerhaften Vernetzung der Leitungsgremien. Gemeinsame Treffen wurden normal.

Augsburg, Berlin, München

Bereits seit 1969 sprachen die Präsidenten der Leitungsgremien jeweils ein Grußwort beim Kirchentag der Schwesterkirche. Fast legendär ist der Versprecher von Kardinal Friedrich Wetter, als er 1993 zu Beginn des Evangelischen Kirchentages in München sagte: "Ich begrüße herzlich die Teilnehmer des Evangelischen Katholikentages." Und nachdem die Bischofskonferenz 1974 der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen beigetreten war, kam es zu einer Serie von gemeinsamen Aktionen beider Kirchen. 1996 - die Diskussion um die geplante "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" von Lutherischem Weltbund und Vatikan war in vollem Gange - gaben Friedrich Kronenberg, Generalsekretär des Zentralkomitees der Katholiken, und Margot Käßmann, damals Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentags, den Anstoß für den ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003. An dessen Ende wurde die Fortsetzung in München beschlossen.
Was aber ist er eigentlich, der Ökumenische Kirchentag? Die Antwort ist so einfach wie banal: Was bisher schon ökumenisch ein Faktum ist, wird durch einen „ökumenischen" Kirchentag offiziell öffentlich. Dazu gehört, dass beide Partner aufeinander Rücksicht nehmen. Mit eingeschlossen ist, dass man die derzeit noch hoffnungslos ungelösten Probleme des ökumenischen Miteinanders verdeutlicht. Es geht um eine realistische Bestandsaufnahme.

Diese wird von der Spannung zwischen Kirchenleitung, Basis und theologischer Wissenschaft bestimmt: hier die alltäglichen ökumenischen Selbstverständlichkeiten der Christenmenschen, die oft schon aufs Beste von Pfarrgemeinde zu Pfarrgemeinde zusammenarbeiten; dort die Bedenken aufseiten der Verantwortlichen, die ein allzu ungeduldiges Überspringen von "Altlasten" der Geschichte und ein nachfolgendes Erlahmen der Ökumene fürchten; schließlich die Entwicklung einer offenen Meinungsbildung in der Fachtheologie, die theologisch schon länger mehr Möglichkeiten sieht, als die Verantwortlichen im kirchlichen Amt zurzeit zu ergreifen wagen.
Was kann in dieser so spannungsvollen Realität dann ein Ökumenischer Kirchentag erreichen? Zunächst soll er die Breitenwirkung ökumenischer Fakten verstärken. Immer noch ist es so, dass ökumenisches Engagement eine private Initiative ist. Diese ist zwar durch die bloße Menge schon weit mehr als ein persönliches Hobby Einzelner. Der Ökumenische Kirchentag kann dazu beitragen, dieses Faktum offi­ziell zu machen. Christliches Leben in Familie und Gemeinde ist heute - und zwar nicht nur in den vielen konfessionsverschiedenen-konfessionsverbindenden Ehen - nicht mehr ohne Ökumene denkbar. In diesem Sinne gibt es kaum noch eine "heile katholische Welt" oder eine "heile evangelische Welt", in der man unter sich sein könnte, ohne von den anderen Christenmenschen Notiz nehmen zu müssen.

Der Ökumenische Kirchentag soll dies nicht bewirken - denn es ist längst schon gegeben. Aber er soll dies offiziell zur Normalität erklären, vergleichsweise so, wie das Zweite Vatikanische Konzil durch das Ökumenismusdekret die Anstrengungen der zuvor inoffiziell laufenden ökumenischen Kontakte zur offiziellen Marschroute der katholischen Kirche erklärte. Inzwischen gibt es durch die Ökumene-Enzyklika "Ut unum sint" (Damit sie eins seien) von Papst Johannes Paul II. eine hervorragende kirchenamtliche theologische Ermutigung: Ökumene, so der damalige Papst, stehe an der Spitze seiner Prioritätenliste. Dahinter brauchen - ja dürfen - Gemeindechristen nicht zurückbleiben. Kein Pfarrer, kein Bischof, niemand kann erlaubterweise noch sagen: "Ökumene interessiert mich nicht."

Weil ein Ökumenischer Kirchentag faktisch nicht unabhängig vom kirchlichen Amt und unter Distanzierung vonseiten des kirchlichen Amts stattfinden kann, soll diese Veranstaltung in öffentlichkeitswirksamer Form das kirchliche Amt auf die Förderung des ökumenischen Anliegens verpflichten. Auf eine Art revolutionäre Abgrenzung des "Volks" von den in der Kirche amtlich Verantwortlichen kann ein Ökumenischer Kirchentag nicht ernsthaft zusteuern wollen. Man denke sich einmal die umgekehrte Reaktion, dass die kirchlichen Amtsträger beider Kirchen daraufhin etwa die Mitwirkung an feierlichen Gottesdiensten verweigern würden. Der Kirchentag würde höchst medienwirksam zum Eklat, zur Gaudi aller Kirchenkritiker und Atheisten und eine Katastrophe für einen wirklichen ökumenischen Fortschritt.
Die Tatsache, dass hier Laien in voller Loyalität zum kirchlichen Amt den Kirchentag durchführen, bedeutet eben auch: Das kirchliche Amt muss sich auf diese Einbindung einlassen. Umgekehrt dürfen die verantwortlichen Laien mit dieser Einbindung "punkten". Sie können und sollen also mehr denn je den kirchlichen Amtsträgern nicht die Chance lassen, sich auch nur schweigend vom ökumenischen Anliegen zu distanzieren. Sie können und sollen ihnen nicht die Chance lassen, ökumenisch nicht Farbe bekennen zu müssen.

Was uns längst verbindet

Dazu gehört, dass umgekehrt keine illegalen Gottesdienste, insbesondere keine irregulären, wie auch immer gestalteten gemeinsamen Herrenmahlfeiern, stattfinden. Die Veranstalter des Kirchentags haben zwar keine Möglichkeiten zu verhindern, dass bestimmte Gruppen aus beiden Kirchen solche Gottesdienste veranstalten, wie schon auf dem Berliner Ökumenischen Kirchentag vor sieben Jahren.
Die vor allem von katholischer Seite vorgebrachten Gegenargumente gegen eine Herrenmahlgemeinschaft sind zwar das Ergebnis von Kurzschlüssen und Denkverweigerungen. Aber dennoch und gerade deswegen: Mit der Eucharistie, dem Abendmahl demonstriert man nicht! Die zentrale Feier der Kirche, die "Summe des Evangeliums" (Luther), "Quelle und Höhepunkt des ganzen Tuns der Kirche" (Liturgiekonstitution, Art. 10), darf nicht zum Demonstrationsmittel in der theologischen und praktischen Auseinandersetzung mit dem kirchlichen Amt werden. Das ist nicht nur eine Stilfrage. Es ist eine Frage des Respekts vor dem Sakrament, das nicht zu kirchen- und theologiepolitischen Zwecken instrumentalisiert werden darf, wie es in Berlin 2003 geschehen ist. Solange Überzeugungsarbeit noch nicht zum Ziel geführt hat, gibt es in der Kirche des Gekreuzigten nur die bittende Ohnmacht - nach dem Vorbild des Apostels Paulus.

Bei feierlichen Anlässen - zum Beispiel beim Jubiläum des Augsburger Bekenntnisses von 1530 im Jahr 1980 oder beim 500. Geburtstag Martin Luthers 1983 - wurde auch von katholischer Seite immer wieder versichert, bis hinein in päpstliche Ansprachen: Die Gemeinsamkeiten sind größer als das, was uns trennt. "Der Bruch ging nie bis in die Wurzeln", sagte Papst Johannes Paul II. Leider wird dies immer noch nicht genügend zum Anlass genommen, über Allgemeinplätze hinaus wirklich einmal auszuloten, wie weit die Gemeinsamkeiten tatsächlich gehen. Überdies wird wahrscheinlich ebenso immer noch nicht genügend ausgelotet, was alles heute schon gemeinsam getan werden kann, ohne jemanden fragen zu müssen und ohne mit den in der Kirche Verantwortlichen in Konflikt zu geraten. Ein konkretes Beispiel: Das Ökumenereferat im Erzbistum Bamberg hat ein kleines Heft über Ökumene in den Pfarr­gemeinden herausgegeben, dessen Herzstück neben allen üblichen ökumenischen Grundinformationen darin besteht, hundert Vorschläge zu nennen, bei deren Verwirklichung man niemanden zu fragen braucht. Wahrscheinlich nutzen wir, trotz allem, was ohnehin schon selbstverständlich geschieht, immer noch nicht phantasievoll genug aus, was wir ökumenisch längst tun können.

"Wir sehen nicht mehr ein..."

Wenn dies alles getan ist, dann allerdings ist es möglich und legitim, informiert durch fachkundige Theologen aus beiden Kirchen, den Trägern des kirchlichen Amtes auch laut und deutlich zu sagen, wo wir beim besten Willen die fortdauernde Verweigerung weiterer ökumenischer Schritte nicht mehr einsehen. Damit wird es nicht von heute auf morgen zu Änderungen kommen. Zwang hat in der Freiheit der Kinder Gottes keinen Platz. Doch ohne dass wir mit unserem Unverständnis für ökumenische Blockaden den Amtsträgern in aller Freundlichkeit und Loyalität immer wieder in den Ohren liegen, wird sich auch nichts ändern.
Ein Ökumenischer Kirchentag kann und sollte also - nicht unbedingt in einer förmlichen Proklamation, aber doch durch seinen Verlauf und das Echo in den Medien - Folgendes deutlich machen:
Wir sehen nicht mehr ein, dass heute noch eine gegenseitige Zulassung zur Eucharistie, zum Abendmahl aus zwingenden theologischen Gründen ausgeschlossen sein soll.
Wir sehen nicht mehr ein, dass ein Kind aus einer konfessionsverschiedenen-konfessionsverbindenden Ehe, das getreu dem Versprechen des katholischen Partners zur Erstkommunion geführt wird, erleben muss, wie der evangelische Elternteil vom Empfang des Sakraments ausgeschlossen ist.
Wir sehen überhaupt nicht mehr ein, dass ein nach den neuen Agenden gefeierter lutherischer Abendmahlsgottesdienst himmelweit verschieden sein soll von einer nachkonziliaren katholischen Eucharistiefeier, wo alle Teilnehmer jeweils bis in die Einzelheiten die Gleichheiten in der Liturgie erleben, einschließlich der Melodien der Gesänge des Liturgen.

Wir sehen ebenfalls nicht mehr ein, dass ein evangelischer Amtsträger - erst recht eine Amtsträgerin! - nach katholischer Auffassung, wenn ernst genommen, objektiv gesehen, ein Usurpator sein soll, also einer, der widerrechtlich die geistliche Gewalt an sich gerissen hat. Beide Kirchen hatten sich in der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" 1999 doch gegenseitig bescheinigt, grundlegend in der apostolischen Lehre geblieben zu sein - und damit logischerweise auch ein Amt in apostolischer Nachfolge zu haben.
Wir sehen nicht mehr ein, dass, was immer in der Vergangenheit die Gründe gewesen sein mögen, Frauen nicht zum kirchlichen Amt zugelassen werden dürfen.
Wir sehen außerdem nicht mehr ein, dass von katholischer Seite behauptet wird, dass die sogenannte apostolische Sukzession, also die ununterbrochene Weihe der Bischöfe als Nachfolger der Apostel seit der Urkirche, in der Reformation "abgerissen" sei, wenn gleichzeitig die - so verstandene - apostolische Sukzession dort, wo sie nachweislich nicht abgerissen ist, zum Beispiel in der anglikanischen Kirche oder in den skandinavischen lutherischen Kirchen, nicht anerkannt wird.
Wir sehen nicht mehr ein, dass angesichts all der Zufälle und auch Tragödien, die zur heutigen Gestalt des Papsttums geführt haben, die Anerkennung des päpstlichen Primats in Lehre und Disziplin zur Bedingung für eine neue Einheit der Kirche gemacht werden soll.
Im Ganzen sehen wir nicht mehr ein, dass Gemeinschaft der Kirchen in der einen Christenheit durch Argumente und Problemstellungen verhindert werden kann, die nur noch ausgebildete Theologen in all ihren Feinheiten und Subtilitäten verstehen können, nicht aber einfache Christenmenschen in den Pfarrgemeinden.
In einem großen und viel beachteten Vortrag hatte Karl Rahner auf dem österreichischen Katholikentag in Salzburg 1962 zum Thema "Löscht den Geist nicht aus" gesprochen (vgl. "Schriften zur Theologie", Bd. VII, 1966, S. 77-90). Wenn man den Text heute liest, klingt er, als sei er eigens für den Ökumenischen Kirchentag geschrieben worden.

Ökumenische Ungeduld

Alle ökumenischen Theologen und alle nachdenklichen Christen wissen, dass eine neue Gemeinschaft der Kirchen in der einen Christenheit letztlich nicht von uns "gemacht" wird, schon gar nicht durch wertlose Kompromissformeln, die wir am Verhandlungstisch aushandeln. Neue Gemeinschaft der Kirchen entsteht dadurch, dass wir entdecken, dass wir längst Gemeinschaft im Glauben haben und es nicht nötig ist, weitere Hürden der Gemeinsamkeit aufrechtzuerhalten. Die Einheit der Christenheit ist Werk des Heiligen Geistes. Lassen wir also den Geist wirken!
Wir dürfen dem Heiligen Geist keine Stolpersteine in den Weg legen. Hier können wir eine tröstliche Auskunft geben. Bewahren wir uns an der Basis die ökumenische Ungeduld. Sie ist echtes Ökumene-Kapital. Denn sie ist der fruchtbare Boden, auf dem die neue Gemeinschaft sofort wachsen kann, wenn eines Tages die Überzeugungsarbeit bei denen gelingt, die jetzt noch Bedenken tragen. Man stelle sich einmal umgekehrt vor, diese Ungeduld gäbe es nicht. Vielmehr bestünde in unseren Pfarrgemeinden beider Kirchen ein ökumenisches Desinteresse von Grund auf, und mangelnde ökumenische Sensibilität wäre das Normale. Und jetzt plötzlich würde umgekehrt vonseiten des kirchlichen Amtes ökumenische Öffnung aller Art angeordnet. Könnte das Erfolg haben? Da müsste der Heilige Geist schon mit ganz anderer Kraft nachhelfen.
Wenn wir uns die ökumenische Ungeduld - und sei es selbst in zuweilen unerleuchteten und/oder kontraproduktiven Formen - bewahren, dann ist es jedenfalls der Beweis, dass wir es nicht sind, die dem Heiligen Geist Hindernisse auf dem Weg zu neuer Gemeinschaft der Christenheit bereiten. Dann ist solche ökumenische Ungeduld unsererseits die Antwort auf das Motto des Ökumenischen Kirchentags: "Damit ihr Hoffnung habt!"

Otto Hermann Pesch, Dr. theol., war als katholischer Theologe Professor für systematische Theologie und Kontroverstheologie im Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Hamburg; lebt in München.

CIG 19/2010


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