69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 23. April 2017

Unsere Rede von Gott
Von Reinhard Marx
Bei der Frühjahrsvollversammlung der Bischofskonferenz in Paderborn hielt der Münchener Kardinal Reinhard Marx eine vielbeachtete Predigt zur kirchlichen Reformdebatte - mit Blick auf die religiöse Frage im kulturellen Wandel.

Was ist es also: eine Gotteskrise oder eine Kirchenkrise? Oder ist es vielleicht beides? Diese Frage und die Diskussionen, die mit den verschiedenen Antworten verbunden sind, begleiten uns nicht nur in den letzten Monaten, sondern seit Jahren, Jahrzehnten, ja vielleicht seit dem Auftreten der modernen Religionskritik, seit den Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat im Anschluss an das, was wir das Entstehen der modernen Gesellschaft nennen. Natürlich ist das Wort Krise gelegentlich auch ein Instrument in der Hand derer, die es benutzen, um eigene Ziele durchzusetzen. Analytisch stark ist der Begriff Krise jedenfalls nicht unbedingt. Aber es gibt keinen Zweifel, dass im Verhältnis zwischen Kirche und Gesellschaft und Kirche und einzelnen Glaubenden Brüche, Verwerfungen, Veränderungen eingetreten sind, die das Wort Krise rechtfertigen. Aber wie hängen Gotteskrise und Kirchenkrise zusammen, wie sind sie aufeinander bezogen, oder sind es zwei unterschiedliche, einander ausschließende Analysen der gegenwärtigen Situation des Glaubens?

Manchmal zu harmlos

Für mich ist klar: Gotteskrise und Kirchenkrise sind miteinander verbunden, denn es geht ja nicht um eine Krise Gottes selbst, sondern um eine Krise unserer Rede von Gott, unseres Bekenntnisses zu Gott. Es geht um die Vollzüge des kirchlichen Lebens, die auf Gott ausgerichtet sind. Es geht um die Art und Weise unseres Gebetes, unserer Liturgie. Es geht darum, authentisch zu vermitteln, was es heißt, wenn wir von der absoluten Priorität Gottes und seines Handelns reden, also von der sakramentalen Struktur, die ja gerade für die katholische Kirche von so hoher Bedeutung ist. Ja, es geht um die Frage, ob Gott existiert und ob wir ihn finden können, oder besser: ob er uns findet und ob es Wege zu ihm gibt. Aber ob die Kirche in ihrer Verkündigung und vor allem in ihren sakramentalen Vollzügen, also in ihrem Gebet und in ihrer Liturgie, etwas aufscheinen lässt vom absoluten Geheimnis Gottes? Kann es sein, dass ein Teil der Krise unseres kirchlichen Lebens auch darin besteht, dass unsere Rede von Gott und unsere Rede zu Gott manchmal zu verharmlosend, zu kitschig, zu banal, zu kleinkariert, zu sentimental und gedanklich anspruchslos war und ist? Ich will damit die Diskussion um Strukturen und Veränderungswünsche im konkreten kirchlichen Leben nicht einfach beiseite schieben, aber zentral ist und bleibt die Frage nach Gott, die Suche nach dem Geheimnis, das größer ist als alles, was wir denken und aussprechen können. Dass dieses Geheimnis sichtbar und berührbar geworden ist in Jesus Christus, ist unsere einzige Hoffnung, aber es macht den Weg nicht weniger anspruchsvoll und herausfordernd, den Weg in die Begegnung mit dem immer größeren Gott.

In einem bemerkenswerten Buch mit dem Titel „Geduld mit Gott" hat der Priester und Philosoph Tomáš Halík aus Prag Betrachtungen und Überlegungen vorgestellt, wie Kirche in einer Zeit der Gottesferne und Gotteskrise sprechen und handeln kann. Er verweigert sich einer Glaubensverkündigung, die in gewisser Weise populistisch naiv feste Wahrheiten behauptet in einer Weise, die Suchen und Fragen nicht mehr zulässt. Eine Kirche, die zu banal und zu selbstgewiss, zu anspruchslos und zu sicher von Gott spricht, wird den Menschen von heute langfristig und nachhaltig keine Zugänge eröffnen. Von Gott zu reden ist immer nur möglich in der Weise der Demut und im Geist der Anbetung.

Das sagt uns im Matthäusevangelium der kleine Abschnitt der Bergpredigt über das Gebet (7,7-12). Es geht darum, Geduld mit Gott zu haben und nicht ihm gegenüber als Wissende und Fordernde aufzutreten, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, sondern anzuklopfen, Gottes Zeitmaß und sein Anderssein zu respektieren. Dann können wir als Kirche auch Menschen Hilfe und Wege eröffnen zum Mitgehen. Dann lädt unser Gebet als Suchbewegung ein, das größte Abenteuer des menschlichen Geistes zu wagen: Gott zu suchen und zu finden. Deshalb muss der erste Teil der drei Aufforderungen Jesu betont und auch ausgehalten werden: Bittet! Sucht! Klopft an! Und, so muss man hinzufügen: Habt Geduld! Wartet! Seid vorsichtig mit zu schnellen Behauptungen und Sicherheiten! Bleibt auf der Suche! Ich meine, dass das Gebet der Kirche, sowohl unser persönliches Gebet wie auch das liturgische Gebet und die Feier der Sakramente, diesen Wegcharakter des Glaubens aufnehmen müssten, immer wieder neu.

Jesus verheißt uns, dass dieses Gebet, diese Suchbewegung, dieses Anklopfen nicht ungehört verhallt, aber die Art und Weise der Antwort bleibt Gott allein überlassen. Wir dürfen die Zuversicht haben, dass seine Treue und Liebe unverrückbar gelten. So kann gerade in Zeiten, in denen die Verborgenheit Gottes besonders spürbar wird, unser Glaube an die Treue Gottes sich bewähren.

Vom Anderen her denken

Der Abschnitt über das Bitten und über das Vertrauen beim Beten schließt im Matthäusevangelium mit der Goldenen Regel: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten." Dies unterstreicht noch einmal eine Grundmelodie des kirchlichen Betens und Handelns. Auch darauf weist Tomáš Halík immer wieder hin. Es geht darum, immer vom Anderen her zu denken, zu empfinden und sein eigenes Beten und Handeln darauf auszurichten. Diese Haltung ist ja auch der grundlegende Ausgangspunkt jeden Dialogs. Insofern ist auch das Gebet der Kirche, ihre Liturgie, ihre Verkündigung immer universalistisch, nicht exklusiv, sondern inklusiv. Es geht um das Heil aller Menschen! Eine Kirche, die im Gebet, in ihrer Liturgie und in ihrem Handeln um sich selbst kreisen würde, hätte das Evangelium zutiefst verraten.

Nicht nur für den einzelnen Christen, sondern auch für die Kirche gilt das Leitwort Jesu: Wer sein Leben retten will, wird es verlieren (Mk 9,35). Eine Kirche, die sich retten will, wird verloren sein! Der Streit darum, ob es um eine Gotteskrise oder eine Kirchenkrise geht, führt letztlich nicht weiter. Es geht um eine Erneuerung unserer Rede von Gott und unserer Rede zu Gott. Das ist das Zentrum des kirchlichen Lebens. Deshalb sagt der Heilige Vater zu Recht, dass sich an der Liturgie und in der Liturgie das zukünftige Geschick der Kirche entscheidet. Denn wie wir beten, wie wir Gott suchen, wie wir ihn bezeugen, daran soll man erkennen, wer wir sind.

Reinhard Marx ist Kardinal und Erzbischof von München-Freising.


CIG 13/2011


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