69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 25. Juni 2017

Sprechen heißt Zuhören
Von Eberhard Schockenhoff
In manchen Kreisen gehört es inzwischen zum guten Ton, sich spöttisch über den Begriff „Dialog" im kirchlichen Sprachgebrauch zu äußern. Er soll als Faszinationswort, das aus der Theologie der Zeit der Achtundsechziger-Bewegung stammt, verunglimpft werden, dem darum für das Selbstverständnis der Kirche und deren Auftrag in der Welt keine bleibende Bedeutung zukomme. Manche machen die Bereitschaft zum Dialog - der Kirche mit der Gesellschaft, aber auch innerkirchlich untereinander - dafür verantwortlich, dass die Botschaft nicht mehr eindeutig erkennbar sei. Dialog wird mit Identitätsverlust und einer diffusen Sprechweise in Verbindung gebracht, während das Motto „Evangelisierung" oder auch „Neuevangelisierung" für den Versuch der Rückgewinnung einer klaren kirchlichen Verkündigungssprache steht. Tatsächlich ist „Dialog" jedoch ein Schlüsselbegriff des Zweiten Vatikanischen Konzils, um das gewandelte Selbstverständnis der katholischen Kirche und ihren Auftrag als Zeichen der Einheit unter den Völkern zu beschreiben.

Schon eine Durchsicht der Konzilsdokumente zeigt, dass der Begriff „Dialog" keineswegs nur ein Lieblingswort fortschrittlicher Kirchenträumer ist. Er enthält vielmehr eine Grundaussage über die Kirche, die in mehrfacher Hinsicht entfaltet wird. Selbst wenn man nicht das ganze Wortfeld zugrunde legt, zu dem auch die verwandten lateinischen Begriffe communicatio (Mitteilung) oder colloquium (Unterredung, Gespräch) gehören, bleiben noch immer gut zwei Dutzend Stellen, an denen ausdrücklich vom Dialog in der Kirche, unter den christlichen Kirchen oder mit der Gesellschaft die Rede ist.

Das Konzil wollte es so

Am häufigsten - neunmal - ist der Begriff im Ökumenismusdekret „Unitatis redintegratio" zu finden. Es fordert einen „brüderlichen Dialog" zwischen den Kirchen, der dem Ziel dient, den anderen und in seinem Spiegel sich selbst besser kennenzulernen (Artikel 4 und 9). Dieser Dialog soll in Liebe und Wahrheit sowie in Achtung vor dem anderen geführt werden und sich über den gesamten Bereich der Glaubenslehre und der seelsorglichen Aufgaben erstrecken (Artikel 14 und 18). Auch die Lehre von den Sakramenten soll Gegenstand des Dialogs sein. Einzelne Formulierungen des Glaubens dürfen bei aller notwendigen Sorge um die Bewahrung seiner Reinheit „keinerlei Hindernis … für den Dialog … bilden" (Artikel 11 und 22).

Die Heilige Schrift und die Frage nach den gesellschaftlichen Konsequenzen des Evangeliums müssen nach dem Willen der Konzilsväter einen besonderen Stellenwert im Austausch der verschiedenen christlichen Bekenntnisse einnehmen. Weil Christen in den wichtigen Zukunftsfragen des christlichen Glaubens zu unterschiedlichen Lösungen kommen, ist ein „ökumenischer Dialog für die Anwendung des Evangeliums auf den Bereich des sittlichen Lebens" geboten (Artikel 21 und 23) - eine Aufgabe, der sich die ökumenische Bewegung nach einer langen Phase des interkonfessionellen Ringens um strittige Glaubensfragen seit den ökumenischen Versammlungen von Basel (1989) und Seoul (1990) verstärkt zu stellen beginnt. Auf ortskirchlicher Ebene sind so moraltheologische wie auch sozialethische Fragen (u.a. zur Familie, zu den Lebenswissenschaften, zum Asylrecht, zum Frieden) häufig Gegenstand ökumenischer Stellungnahmen geworden. Die großen gemeinsamen Kirchentage in Berlin (2003) und München (2010) brachten auf eindrucksvolle Weise das gewandelte Selbstverständnis der katholischen Kirche im Dialog mit den Kirchen der Reformation und den orthodoxen Schwesterkirchen zum Ausdruck.

Dialog: christliches Bildungsziel

Das Missionsdekret „Ad gentes" stellt den Dialog (Artikel 16, 20, 34 und 41) in den weiten Horizont der Begegnung mit den Weltreligionen und den nichtchristlichen Kulturen. Es spricht die Hoffnung auf einen „aufrichtigen und geduldigen Dialog" aus, in dem die Jünger Jesu von den Menschen, unter denen sie leben, lernen und ihnen die Botschaft des Friedens und das Licht des Evangeliums bringen (Artikel 11f).

Das Dekret über die Priesterausbildung „Optatam totius" und die Erklärung über die christliche Erziehung „Gravissimum educationis" sehen in der Ausbildung einer kultivierten Dialogfähigkeit ein christliches Bildungsziel von hohem Rang. Die künftigen Priester sollen befähigt werden, den Menschen zuzuhören und sich ihren Lebenssituationen zu öffnen (Artikel 19). Katholische Schulen und Bildungseinrichtungen haben vor allem die Aufgabe, ein Forum des „Dialogs zwischen Kirche und menschlicher Gesellschaft" zu sein (Artikel 8 und 11).

Am grundsätzlichsten äußert sich zum Thema die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes". Das wichtige Dokument geht sowohl auf das Gespräch der Kirche mit der Gesellschaft ein als auch auf die innerkirchliche Kommunikation. Zwischen Kirche und Welt ist ein „gegenseitiger Dialog" gefordert aufgrund der schlichten Tatsache, dass die Kirche in dieser Welt lebt und ihren Weg nach dem Willen Christi in Solidarität mit der ganzen Menschheit geht (Artikel 40). Denn Christus ist durch seine Menschwerdung in die Geschichte eingegangen und hat sich selbst zu ihrem innersten Geheimnis gemacht. Die Verkündigung des Evangeliums kann deshalb nicht nach Art einer Einbahnstraße verlaufen. Kirchliche Verkündigung setzt vielmehr den Dialog mit den Adressaten ihrer Botschaft voraus. Sie muss sich, ohne sich der Welt gleichförmig zu machen, auf die Lebenswirklichkeit der Menschen einlassen, denen sie das Evangelium verkünden will.

Der vom Konzil geforderte Dialog der Kirche mit der Welt soll damit Ernst machen, dass die Kirche der Welt nicht nur gegenübersteht, sondern ihren Auftrag in der Welt erfüllen muss. Seinem vollen theologischen Sinngehalt nach verwirklicht sich dieser Dialog als Inkarnation der Kirche in die Welt, die der Menschwerdung des göttlichen Wortes nachgebildet ist.
In seiner Antrittsenzyklika „Ecclesiam suam" („Seine Kirche"; 10. August 1964) erläuterte Papst Paul VI., wie die Kirche in die Denk- und Lebensformen der jeweiligen Zeit hineinspricht, in der sie das Evangelium zu verkünden hat: „Die Welt wird nicht von außen gerettet. Man muss, wie das menschgewordene Wort Gottes, gewissermaßen mit den Lebensformen derjenigen eins werden, denen man die Botschaft Christi bringen will. Man muss ohne Rücksicht auf Privilegien und ohne die Trennungswand einer unverständlichen Sprache die allgemeine Lebensform der anderen annehmen, wenn sie nur menschenwürdig und lauter ist, vor allem der Kleinsten, wenn man gehört und verstanden werden will."

Weltoffene Katholizität, die das erneuerte Selbstverständnis der Kirche prägt, zeigt sich nach außen in einer Aufforderung an alle Völker und Kulturen, einen offenen Dialog über die drängenden Herausforderungen der Zeit aufzunehmen. Die auf dem Weg zur geeinten Weltzivilisation voranschreitende Menschheit, die durch einen „zunehmenden Austausch der Kulturen" geprägt ist, kann ihre drängenden Zukunftsprobleme nur lösen, wenn sie in einen „wahren und fruchtbaren Dialog" eintritt, der vor allem zwischen den reichen und armen Ländern über die Bedingungen einer gerechten internationalen Wirtschaftsordnung zu führen ist (Artikel 56 und 85). Mit dieser Forderung greift das letzte Konzil seine Aussage über die Würde des moralischen Gewissens auf, wonach die Christen durch die Treue zu ihrem Gewissen mit allen Menschen in der Suche nach wahrheitsgemäßen und gerechten Lösungen der individuellen und gesellschaftlichen Probleme ihrer Zeit verbunden sind (Artikel 16).

Im Zweifel Freiheit

Das vorletzte Kapitel der Pastoralkonstitution (Artikel 92), das ganz unter der Überschrift des Dialogs mit allen Menschen steht, zieht die Konsequenzen für das Leben und den Umgang miteinander, die sich daraus für die Kirche selbst ergeben. Weil die Kirche in der Welt das „Zeichen" (signum) einer Kultur des Dialogs ist, muss sie diesen auch in sich selbst verwirklichen: „Das aber verlangt von uns, dass wir vor allem in der Kirche selbst, bei Anerkennung aller rechtmäßigen Verschiedenheit, gegenseitige Hochachtung, Ehrfurcht und Eintracht pflegen, um ein immer fruchtbareres Gespräch zwischen allen in Gang zu bringen, die das eine Volk Gottes bilden, Geistliche und Laien."

Dann folgen zwei Sätze, die mit Blick auf die zurückliegenden Auseinandersetzungen um den rechten Weg der Kirche allen Beteiligten Anlass zur Gewissenserforschung bieten. „Stärker ist, was die Gläubigen eint, als was sie trennt. Es gelte im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem die Liebe (in necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas)."

Die spätere vatikanische Instruktion über die kirchliche Berufung des Theologen (24. Mai 1990; vgl. „Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls", Nr. 98, darin Nr. 16.) streicht aus den spannungsreichen drei Grundregeln später eine und belässt es bei der Einheit der Wahrheit und der Einheit der Liebe, die überall dort zu wahren sind, wo Gegensätze bleiben. Davon, dass im Zweifel gerade im Volk Gottes die Freiheit und Eigenverantwortung der Gläubigen den Ausschlag geben sollen, ist nicht mehr die Rede.

Der jahrhundertealte Grundsatz in dubiis libertas, den sich Papst Johannes XXIII. bei seiner Übernahme des Petrusamtes feierlich zu eigen gemacht hatte und den das Zweite Vatikanische Konzil dann nochmals zitierte, fällt stillschweigend unter den Tisch. Das ist nur ein Hinweis unter vielen dafür, dass die immer stärker von gegenseitigem Misstrauen geprägte Entwicklung der nachkonziliaren Kirche hinter den Absichten des letzten Konzils zurückbleibt.

Umso dringlicher ist es, den vom Konzil geforderten Dialog in gegenseitigem Respekt wieder aufzunehmen. Der vorurteilsgeladene Spott, mit dem seit der Ankündigung der Dialoginitiative der deutschen Bischöfe der Begriff „Dialog" in der Kirche von interessierter Seite zurückgewiesen wird, ist keineswegs Ausdruck einer besonderen Treue zum kirchlichen Lehramt. Er verrät vielmehr eine erstaunliche Unkenntnis seiner jüngeren Dokumente und die Absicht, dessen Aussagen nur insoweit anzunehmen, als sie den eigenen kirchenpolitischen Vorstellungen entgegenkommen.

Eberhard Schockenhoff ist Professor für Moraltheologie an der Universität Freiburg und stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrats.

CIG 22/2011


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