69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 23. April 2017

2017: evangelisch und katholisch
Von Joachim Wanke
Haben Katholiken am Reformationsjubiläum 2017 etwas zu feiern? Meine erste Antwort lautet: nein. Katholiken können und wollen der Reformation gedenken. Sie wollen sie besser verstehen, ihre handelnden Personen, ihre leitenden Ideen, ihre geschichtlichen Auswirkungen. Aber feiern? Kann man die verlorene Einheit der Kirche feiern?

Wenn die Auswirkung der Reformation in den Blick kommt, muss der grundlegend veränderte religiöse Horizont der heutigen Zeit mitbedacht werden. Martin Luther war durch und durch ein religiöser Mensch seiner Zeit, die von einem fraglos vorgegebenen Gotteshorizont bestimmt war. Nicht Gott stand infrage, sondern das Verhältnis des Einzelnen zu Gott. Es ging Luther ­darum, eine durch spätmittelalterliche Frömmigkeitspraxis verdunkelte biblische Grundaussage wieder zur Geltung zu ­bringen: den Vorrang der unverdienbaren Gnade vor jedem religiösen Werk.

„Reformkatholik" Luther

Heute wird der Glaube an Gott infrage gestellt. Den ersten Satz des Glaubensbekenntnisses „Ich glaube an Gott" können bereits heute viele Menschen nicht mehr mitsprechen. Sie verweisen auf die Auf­klärung, die radikale Christentumskritik Friedrich Nietzsches oder den Marxismus-Leninismus. Andere geben als Grund furchtbare Leiderfahrungen aus der jüngsten Geschichte oder ihre eigenen bitteren Lebenserfahrungen an. Neben dem ausdrücklichen kämpferischen Atheismus, der sich neuerdings wieder zu Wort meldet, hat mehr ein milder, manchmal sogar religionsfreundlicher Agnostizismus, ein Nicht-glauben-Können, das Sagen. Dennoch hat ein Denken, das Luther und seinen Zeitgenossen noch fragloser Beweggrund leidenschaftlicher und manchmal auch lustvoller Diskussionen war, heute für die weitaus meisten Menschen keine Bedeutung mehr. Das theologische Gespräch in den achtziger und neunziger Jahren zwischen Katholiken und Evangelischen über die Rechtfertigungslehre hat dies deutlich gemacht. Für die säkulare Öffentlichkeit war das weithin Theologen-Chinesisch.

Martin Luther wollte die katholische Kirche seiner Zeit reformieren, indem er sie wieder zu ihren Ursprüngen zurückführte. Er war, salopp formuliert, ein „Reformkatholik". Man darf guten Gewissens davon ausgehen, dass er dies auch nach 1517 bleiben wollte. Das Zweite Vatikanische Konzil hat 450 Jahre später die Anliegen Luthers rehabilitiert und in der katholischen Kirche wieder zu Ehren gebracht.

Luthers Reformanliegen haben seinerzeit in Deutschland wie in Rom kein angemessenes Verständnis gefunden. Zudem sind die vorrangig geistlichen Anliegen des Reformators immer wieder von politischen Machtfragen überlagert worden. Mittlerweile ist das Lutherbild von Forschern beider Kirchen nach Jahrhunderten der Po­lemik korrigiert worden. Zu erinnern ist beispielsweise an das ökumenische Wort der „Gemein­samen Römisch-katholischen / Evangelisch-lutherischen Kommission", das 1983 zum 500. Geburtstag Luthers veröffentlicht wurde: „Martin Luther - Zeuge Jesu Christi". Darin wird er als „Zeuge des Evangeliums, Lehrer im Glauben und Rufer zur geistlichen Erneuerung" gewürdigt.

Die katholische Kirche nach Luther ist geistig ärmer geworden. Papst Johannes Paul II. schrieb in seiner Enzyklika „Ut unum sint" („Damit alle eins seien", 1995), Katholiken seien sich inzwischen bewusst, „vom Zeugnis, von der Suche und sogar von der Art und Weise gewonnen zu haben, wie bestimmte gemeinsame christliche Güter von den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften hervorgehoben und gelebt worden sind". Die Kirchenspaltung macht alle Kirchen ärmer. Darum ist das Bemühen um die Einheit auch ein Hoffen darauf, geschichtlich bedingte Verarmungen und Einseitigkeiten wieder überwinden zu können. Könnten die Reformationsdekade und die Art ihrer Gestaltung diese Hoffnung bestärken?

Das Erbe der Reformatoren wird neu zur Sprache kommen müssen, insbesondere im Dialog der Weltreligionen. Wenn das Christentum seine Stimme einbringen will, wird es das nur tun können, wenn die Grundmelodie des Christlichen klar und profiliert zu vernehmen ist. Damit erhält die innerchristliche Ökumene eine neue unerwartete Dynamik. Die schon mit der Kirchenspaltung am Ende des ersten Jahrtausends einsetzende Entfremdung zwischen den Christen des europäischen Westens und denen des Ostens und die seit der Reformation fortdauernde Bewegung ständig neuer Abspaltungen christlicher Gemeinschaften müssen einer Bewegung zur Versöhnung weichen. Es ist eine Überlebensfrage des Christentums im 21. Jahrhundert, überzeugend die Frage nach der gegenseitigen Anerkennung und letzten Übereinstimmung im jeweiligen Christsein und Kirchesein zu beantworten. Die noch zu gewinnende Einheit sollte keine langweilige uniforme Einheit sein, sondern eine Einheit in Vielfalt.

Die anderen Religionen werden das Christentum nur als Gesprächspartner ernst nehmen, wenn es sich über sein Ureigenes im Klaren ist und seine Überzeugungen erkennbar macht. Dieser Kern besteht vor ­allem in der Fähigkeit, den Gottesglauben als Wahrheitsanspruch vor dem kritischen Denken des Menschen zu verantworten. Darüber hinaus beruht der Gotteszugang der Christen einzig auf der Wirklichkeit des johanneischen Jesus und dessen Sicht der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (Joh 14,9). Diese beiden christlichen Grundpfeiler sind noch vor aller konfessionellen Ausprägung allen Christen gemeinsam. Kann es zu solchen Grundübereinstimmungen innerhalb der verschiedenen „Christentümer" kommen? Wird das Jahr 2017 dafür Impulse geben?
Heute steht die Gottesfrage an - aber eben buchstabiert als Frage nach dem Menschen, nach dem Humanum, nach der gemeinsamen Zukunft aller Menschen. Sich darauf zu besinnen, nach Mitstreitern und Koali­tio­nen Ausschau zu halten, sich gemeinsam in deren Gestaltung einzubringen, das wäre für mich ein Sich-Einlassen auf das Erbe Luthers.

Es gilt, aus den hiesigen Befindlichkeiten zu lernen. Westliches Kulturchristentum und östliche Kirchen- und Christentumsferne hierzulande sind eine interessante Mischung. Die Bereitschaft zu einem neuen Hören auf die Botschaft des christlichen Glaubens ist im Osten besser ausgeprägt als im alten Westen. Was ganz fremd geworden ist, wird wieder interessant. Diese alte Lebensweisheit gilt wohl auch in diesem besonderen Fall. Das erfordert von den Christen eine vertiefte Lernbereitschaft. Wir müssen neu „auskunftsfähig" werden, so wie es Luther für seine Zeit war, aber eben im Lebens- und Problemhorizont der Menschen von heute.

Wie kann es weitergehen?

Der frühere Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde sprach davon, dass „der freiheitliche säkularisierte Staat von Voraussetzungen (lebt), die er selbst nicht garantieren kann". Dieser Satz gilt entsprechend auch von den Kirchen: ob es um die geglaubte eine Kirche Jesu Christi geht oder um die von den Christen im Credo bekannte Wirklichkeit. Die Kirche kann sich nicht selbst garantieren. Sie ist Widerschein des Evangeliums. Sie ist für das Evangelium, um des Evangeliums willen da. Sie ist - im Bild gesprochen - nicht die Melodie selbst, sondern nur deren Resonanzraum. Sie muss und darf das österliche Lied, das allein von Gott ausgeht, zum Klingen bringen. Davon lebt sie. Das ist ihre Aufgabe. Nicht mehr und nicht weniger. Dieses uns tragende und aufgetragene Evangelium zum Erklingen zu bringen, wäre ein Reformationsgedenken mit geistlicher Nachhaltigkeit.

Was aber könnte dem Reformationsgedenken einen ökumenischen Charakter geben? Meine Erwartungen sind bescheiden. Ich wünsche mir, dass sich in den kommenden Jahren die Fremdheiten zwischen uns nicht vergrößern. Wir sollten kleine, ehrliche Zeichen setzen. Nötigen wir uns nicht gegenseitig etwas ab, sondern laden wir einander ein, das zu tun, was uns guten Gewissens miteinander möglich ist und was uns zusammenbringt.

Zudem sollte grundsätzlich auch an die Einbeziehung anderer Kirchen und besonders auch jener kleineren Gemeinschaften gedacht werden, die sich auf das reformatorische Erbe berufen. Deren geistliches Erbe gehört mit zur Fülle des Katholischen und Reformatorischen, deren wesentliche Elemente nicht verloren gehen dürfen.

Wir müssen endlich ernst machen mit der Tatsache, dass uns in der Tiefe mehr untereinander verbindet, als uns an der Oberfläche trennt. Papst Benedikt XVI. hat noch 1986 als Präfekt der Glaubenskongregation die glückliche Formulierung gebraucht, man müsse „die bestehende Einheit operativ machen". Wie aber kann das geschehen?

Erstens: Das Reformationsgedenken sollte helfen, die vorhandene Einheit zu stärken, sich neu auf sie zu berufen und das konkrete Leben der Kirche noch mehr am Evangelium auszurichten. So muss die fachtheologische Kärrnerarbeit weitergehen. Die Konsensökumene ist trotz gelegentlichen Protests verheißungsvoll. Dies hat vorbildlich die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung" versucht, die 1999 vom Vatikan und vom Lutherischen Weltbund unterzeichnet wurde. Genauso sollte man nun die Frage nach Wesen und Gestalt des kirchlichen Amts als „notwendiger Dienst am heilsnotwendigen Evangelium" und als Dienst an der die Kirche aufbauenden Eucharistie angehen. Dazu gehört, der jüngeren Generation zu vermitteln, was in der Dialogarbeit an Übereinstimmungen gewonnen wurde. Der Ökumeniker Harding Meyer hat einmal den Vorschlag gemacht, sogenannte In-via-Erklärungen zu erstellen, die das theologische Gedächtnis der Kirchen bewahren. Die Zeit der Dekade böte eine gute Gelegenheit, dass beispielsweise die ökumenisch erarbeiteten Einsichten (Maltaerklärung, Limaliturgie), wie grundlegend Abendmahl und Eucharistie mit Kirche verbunden sind, nicht vergessen werden. Wir sind derzeit in Gefahr, aus dem Herrenmahl eine subjektive religiöse Auferbauungsfeier zu machen. Darüber hinaus kann die Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum ein Zeichen für die Bereitschaft der Kirchen zu je eigener Umkehr und Buße werden. Reformation und Gegenreformation haben unendliches Leid über Generationen gebracht. Mit Blick auf diese Schuldgeschichte könnte es 2017 ein öffentliches evangelisch-katholisches Versöhnungszeichen geben.

Zweitens: Das Reformationsgedenken sollte das Vertrauen zwischen den Kirchen erneuern und bestärken. Wir müssen damit rechnen, dass es durch menschliche Schwäche, Unaufmerksamkeit, aber auch durch echte Schuld zu Rückschlägen kommt. Um dies durchzustehen, bedarf es eines angehäuften Kapitals an Vertrauen, das schon im Voraus zu bilden ist. Dazu gehört auch die Bereitschaft, sich freimütig auf Dinge aufmerksam zu machen, die für den ökumenischen Partner belastend oder ärgerlich sind. Vielleicht könnte man 2015, dem Jahr der Dekade, das der Bibel gewidmet ist, ein ökumenisches Zeichen setzen. Zumal wenn Katholiken auf die Verabschiedung der Offenbarungskonstitution „Dei verbum" auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil vor fünfzig Jahren zurückschauen.

Drittens: Die Dekade sollte als Chance genutzt werden, das die Christen im Glauben Verbindende für das anhebende Weltgespräch der Religionen herauszuarbeiten. Ich bedauere heute noch, dass seinerzeit das Dokument der Glaubenskongregation „Dominus Jesus" (2000) durch die wenigen ekklesiologischen Anmerkungen, in denen der evangelischen Kirche das Kirchesein abgesprochen wurde, zu einem ökumenischen Stolperstein geworden ist. Das Anliegen dieses Schreibens hätte von uns allen mitgetragen werden können: Jesus Christus und sein Heilswerk als das entscheidende Fundament unseres Glaubens. Ein solches Dokument, aus Schrift und Glaubenstradition einladend und verständlich formuliert, wäre ein wichtiger Beitrag im Gespräch mit den Weltreligionen. Ob die Evangelischen nicht einmal ihrerseits 2017 einen evangelischen Text „Dominus Jesus" verabschieden könnten, dem wir Katholiken mit Freude zustimmen? Schon gibt es hier und da Gesprächsgremien mit Muslimen, Buddhisten und anderen Religionsvertretern, meist ökumenisch besetzt. Wir sollten es nicht den christlichen Vertretern am rechten Rand überlassen, was da auf die Tagesordnung kommt. Letztlich ist auch das vom Papst so beharrlich angesprochene Verhältnis von „Glaube und Vernunft" ein Thema, das dringlich zu gemeinsamer Bearbeitung ansteht.

Den Gotteshorizont öffnen

Viertens: Die Reformationsdekade könnte als Impuls zu einer Intensivierung einer öffentlichen missionarischen Präsenz dienen, auch aus dem Geist der Stellvertretung „für die vielen" heraus. In der Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum sollte weniger von Luther, sondern mehr von dem die Rede sein, was ihn bewegte: das Evangelium unseres Herrn. Es sollte anderen überlassen bleiben, zu Fackelträgern des Fortschritts und einer fragwürdigen menschlichen Freiheit zu werden. Der Kirche ist nie verheißen, Mehrheitskirche zu werden. Dagegen steht schon der Auftrag, von Umkehr und Kreuzesnachfolge zu sprechen. Aber Kirche soll „Sauerteig" sein, Gemeinschaft der „Reich-Gottes-Anwärter", die über der Gesellschaft den Himmel Gottes offen hält, eine Schar von Betern, die stellvertretend vor Gott „für die vielen" eintritt. Ich schaue auf unsere armselige kirchliche Wirklichkeit in Thüringen. Nicht die kleiner werdenden Zahlen ängstigen mich. Wir brauchen das demütige Selbstbewusstsein, als Kirche eine Aufgabe zu haben, in der wir von anderen nicht vertreten werden können. Christen stehen dafür ein, dass „der Dank (an Gott) vervielfacht" wird, wie Paulus einmal in einem Nebensatz im zweiten Korintherbrief formuliert und so Sinn und Ziel seines apostolischen Wirkens umschreibt (2 Kor 4,15).

„Den Dank (an Gott) vervielfachen" - das können die Kirchen nur gemeinsam, nicht gegeneinander. Den Menschen hierzulande den Gotteshorizont öffnen, ihnen sagen und bezeugen, dass sie sich verdankt wissen dürfen, das wäre für mich eine Kurzformel, mit der ich mich in den kommenden Jahren durchaus auf Martin Luther berufen werde - auch als katholischer Bischof.
Haben also Katholiken beim Gedenken an 500 Jahre Reformation etwas zu feiern? Ich möchte das zunächst unumstößlich geäußerte Nein abschwächen. Evangelische und Katholiken hätten 2017 etwas zu feiern, wenn dieses Gedenken dazu beiträgt, uns tiefer mit unserem Herrn und damit auch untereinander zu verbinden.

Joachim Wanke, Dr. theol., ist katholischer Bischof von Erfurt. Der Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Vortrags, den er beim Begegnungstag des Rats der Evangelischen Kirchen in Deutschland gehalten hat.

CIG 23/2011


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