68. JAHRGANG 2016WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 4. Dezember 2016

Luther und der Papst
Von Otto Hermann Pesch
Die Geschichte der Trennung und die ökumenischen Chancen der Gegenwart.

Bekanntlich hat Martin Luther im Papst den Antichristen am Werk gesehen, der nach biblischem Zeugnis das bevorstehende Ende der Welt anzeigt. Mit anderen Worten: Er sei das Gegenteil von Christus. Da Christus aber der Grund der Kirche ist, wäre ein Papst als „Antichrist" deren Untergang. Der Papst wäre dann eine Bedrohung des Heils für die Menschen.

Die Überzeugung, dass der Papst der Antichrist sei, ist zur Zeit Luthers allerdings nicht neu. Die Figur des von Paulus im zweiten Brief an die Thessalonicher (2,1-12) nur undeutlich beschriebenen Antichristen hat von Anfang an die Phantasie beflügelt, und schon in alter Zeit wurden wechselnde Personen mit ihm identifiziert - der jüdische Pseudomessias, der wiederkehrende Nero, Kaiser Friedrich II. … Schon im 13. und dann verstärkt seit dem 14. Jahrhundert werden das Papsttum, die römische Kirche und bestimmte Päpste persönlich mit dem Antichristen identifiziert. Der Zusammenhang ist bezeichnend: Weil der Papst radikale Auffassungen bei den Franziskanern und der mit ihnen sympathisierenden Gruppe der „Fratizellen" über die evangelische Armut nicht gutheißt und bekämpft, halten diese ihrerseits den Papst für den Antichristen. Allerdings darf man diese Auffassung nicht so verallgemeinern, als ob die ganze Christenheit sie geteilt hätte.

Als Luther geboren wurde und heranwuchs, hießen die Päpste Alexander VI. und Julius II. - sie verkörperten den absoluten moralischen Tiefpunkt des Papsttums im Lauf der Geschichte. Als Luther seine Professur antrat, war Leo X. Papst, der seine Wahl mit den gut bezeugten Worten begrüßte: „Lasst uns das Papsttum genießen, da Gott es uns verliehen hat!" Dann folgte Clemens VII., der das allseits geforderte Konzil hinauszögerte. Sein Nachfolger Paul III. berief das Konzil erst ein, als die Verurteilung der Reformatoren programmiert und eine für Rom gefährliche Diskussion über das Verhältnis zwischen Papst und Bischöfen von der Tagesordnung gestrichen war - er hatte Angst vor konziliaristischen Tendenzen. Erst im Dezember 1545 konnte das Konzil in Trient eröffnet werden. Lukas Cranach d. Ä. wiederum hat zur Illustration von Luthers später Schrift „Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet" (1545) Spottbilder beigesteuert, die an Drastik nichts zu wünschen übriglassen.

Das ganze Spätmittelalter hindurch gab es Diskussionen und Auseinandersetzungen über die Stellung des Papsttums in der Kirche. Im 14. Jahrhundert begann eine Serie von Traktaten über die Kirche, aber es sind Traktate de potestate papae, über die Macht des Papstes. Von 1305 bis 1376 residierten die Päpste in Avignon. Das heißt: Sie waren Franzosen und standen unter der Kuratel des französischen Königs. Erst nach dessen Niederlage im Hundertjährigen Krieg mit England konnten sie endgültig - nach einem Intermezzo - nach Rom zurückkehren. Wer aber einmal in Avignon war und den Papstpalast besichtigt hat, gewinnt schnell den Eindruck, dass die Päpste sich hier nicht nur vorübergehend eingerichtet hatten, so dass die Rede vom „Exil in Avignon" Schönfärberei ist.

Kaum zurück in Rom, begann 1378 das „Große Abendländische Schisma", zunächst mit zwei Päpsten, davon der eine wieder in Avignon, später mit einem dritten Papst in Spanien. Alle drei hatten sich gegenseitig mitsamt ihren Anhängern exkommuniziert. Es war die Hoch-Zeit des Konziliarismus, also jener theologischen und kirchenpolitischen Bewegung, die, aus der schieren Not geboren, bald auch mit theologischen Argumenten die Oberhoheit des Konzils über den Papst vertrat und schließlich das Konzil von Konstanz (1414-1418) zustande brachte. Dort gelang es mit Tricks und guten Worten, die drei Päpste - darunter den römischen Johannes XXIII., einen ehemaligen Seeräuber - aus dem Amt zu drängen und einen Kompromiss-Kandidaten als Martin V. zum neuen Papst zu wählen. Doch dieser wiederum hatte alsbald nichts Eiligeres zu tun, als sich in einen Antikonziliaristen zu verwandeln und sich um die Wiederherstellung der Oberhoheit des Papstes über das Konzil zu bemühen. Von jetzt an standen sich „Papalisten" und „Konziliaristen" als zwei theologische und kirchenpolitische Schulen gegenüber. Erst das Fünfte Laterankonzil (1512-1517) unter Leo X. hat den Konziliarismus offiziell verurteilt.

Tot war er damit aber noch lange nicht. Man hatte im Spätmittelalter mit der Möglichkeit eines irrgläubigen Papstes gerechnet, der irrgläubig urteilt und lehrt. Die Frage war nicht, ob solches möglich ist, sondern, wer das feststellt. Denn durch die bewusste Irrlehre verliert der Papst automatisch sein Amt. Wann aber ist ein Papst irrgläubig? Die so erstaunliche wie schlichte Antwort: wenn er offenkundig der Heiligen Schrift widerspricht. Luther war also in guter Gesellschaft selbst unter Papalisten.

Wie kam es zu Luthers Kritik?

Noch auf der Höhe des Ablass-Streits 1518 dachte Luther nicht daran, der Papst könne der Antichrist sein. Luthers Gegner hatten aus den „95 Thesen über die Kraft der Ablässe" vom 31. Oktober 1517 zwar eine Bestreitung der Vollmachten des Papstes herausgelesen. Das stimmt jedoch nur in Bezug auf die Ablässe, und auch da nur insoweit, als dem Papst die Möglichkeit zugeschrieben wird, noch jenseits der Todesgrenze - im „Fegfeuer" - Strafen zu erlassen; gemeint sind göttliche Strafen. Der eigentliche Skandal des pervertierten Ablasswesens war nicht einmal die unglaubliche Kommerzialisierung, obwohl diese schlimm genug war, sondern das dahinterstehende Gottesbild: Gott muss unerbittlich gerecht sein - keine Sünde ohne Strafe! Aber die Menschen haben nach dieser Vorstellung eine Möglichkeit, durch bestimmte fromme Werke, zu Bedingungen, die der Papst festlegt, Gott gewissermaßen zu einem Akt der Gnade zu nötigen, den er vor seiner strengen Gerechtigkeit eigentlich nicht verantworten kann. Um diese Vorstellung für unmöglich, ja für einen offenen Widerspruch zum biblischen Zeugnis zu halten, musste man gar keine „reformatorische" Theologie entwickeln. Es genügte die Rückfrage bei Augustinus - und bei Paulus, dessen Römerbrief Luther gerade kommentiert hatte.

Die 58. These ist daher die entscheidende: „Der Schatz [aus dem der Papst die Ablässe austeilt] ist auch nicht der Schatz der Verdienste Christi und der Heiligen. Denn dieser bewirkt allezeit, ohne Zutun des Papstes, die Gnade des innerlichen Menschen." Der Papst kann daher nur die Strafen erlassen, die er nach den Regeln des Kirchenrechts über Christen in diesem Leben in der Kirche verhängt hat.

Am 7. August 1518 wird Luther brieflich die Antwort des päpstlichen Hoftheologen Silvester Prierias auf seine Ablassthesen zugestellt, die die Grundlage des nun drohenden Ketzerprozesses werden soll. Prierias eröffnet seine als „Dialogus" überschriebene Schrift mit einigen Grundsätzen, auf denen die weitere Argumentation aufbaut. So heißt es: „Häretiker ist, wer abweicht von der Autorität des römischen Bischofs als der unfehlbaren Regel des Glaubens, von der auch die Heilige Schrift ihre Kraft und Autorität bezieht." Der Papst steht also über der Schrift?

Der „Dialogus" des Prierias festigt bei Luther den Eindruck, den er in den Monaten zuvor schon zunehmend hatte gewinnen müssen: dass er sich nicht theologisch in einem Schulstreit und kirchenpolitisch in einer Ordensrivalität befindet, sondern dass die ganze Kirche in ihren maßgebenden Repräsentanten gegen ihn und die wachsende Schar seiner Anhänger steht. Luther muss sich fragen: Wem verdanke ich denn nun mein Heil vor Gott, dem fraglosen oder auf Fragen verzichtenden Mittun, was in der Kirche gerade geschieht, oder dem Wort der Zusage Gottes, das mir im Konfliktfall nur in der Heiligen Schrift begegnet? Gewiss gibt es das Heil nur in der Kirche - aber doch nicht zu ihren Bedingungen! In diesem Zusammenhang entdeckt Luther die ganze Tragweite des Wortes Jesu: „Was ihr auf Erden löst, das wird auch im Himmel gelöst sein" (Mt 16,19; 18,18). Die Lossprechung in der Beichte gilt also - gegen spätmittelalterliche Lehren - unbedingt: Das ist die Basis und der Inhalt von Luthers Überzeugung von der „Heilsgewissheit".

Der Papst stellt sich über die Schrift, wie Prierias behauptet, und gegen die spätscholastische Überzeugung, dass ein Papst häretisch werden kann, wenn er klar der Heiligen Schrift widerspricht. Dies, nicht die moralische Perversität der damaligen Päpste, ist der entscheidende Grund, warum Luther im Dezember 1518 rückblickend im Brief an seinen Freund Johannes Lang in Erfurt erstmals ganz vorsichtig - „ich flüstere dir ins Ohr" - andeutet, er frage sich, ob der Papst nicht der Antichrist sei. Aus Augsburg aber schreibt er an seinen - damals noch zu ihm haltenden - Freund Andreas Bodenstein von Karlstadt, der Luther 1512 in Wittenberg promoviert hatte, jene Sätze, die das ganze theologische und persönliche Problem der beginnenden Reformation zusammenfassen: „Das weiß ich, dass ich der allerliebst wäre, wenn ich dies einzige Wort spräche: revoco, das ist: ich widerrufe. Aber ich will nicht zu einem Ketzer werden durch den Widerruf der Meinung, durch welche ich bin zu einem Christen worden."

Die Leipziger Disputation

Luther hatte nicht mehr lange Gelegenheit, seine vorsichtige Meinung für sich zu behalten. Die Grundlagen wurden gelegt durch das Ergebnis der Leipziger Disputation 1519. Offiziell war Luther nur als Begleiter und Partner Karlstadts mit nach Leipzig gekommen. Faktisch aber spitzte sich der Disput zwischen Johannes Eck und Luther über die Oberhoheit des Papstes zu.

Eck sucht mit den üblichen Zitaten aus der Schrift und den Kirchenvätern zu erweisen, dass der Papst kraft göttlichen Rechts der Monarch in der Kirche sei. Luther bestreitet die Beweiskraft der von Eck beigebrachten Zitate. Insbesondere die Verheißung an Petrus, „Fels" zu sein (Mt 16,18), beziehe sich nicht auf den päpstlichen Jurisdiktionsprimat, sondern auf den Glauben der Kirche. Und sollten einmal Kirchenväter-Worte für einen Jurisdiktionsprimat sprechen, so seien diese im Zweifelsfall immer noch der Schrift unterzuordnen. Den Ehrenvorrang Roms und des römischen Bischofs will Luther gar nicht bestreiten, aber die Selbstständigkeit der Ostkirchen würde auch von der Kirchengeschichte her erweisen, dass der Universalanspruch des Papstes unbegründet sei - die Ostkirchen dürften daher nicht als „schismatisch" abqualifiziert werden.

In Bedrängnis gerät Luther, als er sich verleiten lässt, einige Artikel von Jan Hus, der auf dem Konzil von Konstanz (1414-1418) als Ketzer hingerichtet wurde, als gut christlich zu bezeichnen, und in diesem Zusammenhang formuliert: „Auch Konzilien können irren." Damit sitzt er in der Falle. Eck konnte nun das Konstanzer Konzil, welches das Große Abendländische Schisma (1378-1417) beendete und wieder einen Papst wählte, als Argument gegen Luther ins Treffen führen. Es ist dies freilich - von heute aus gesehen - eine Ironie der Theologiegeschichte. Denn das Konstanzer Konzil war im Zeichen des „Konziliarismus" zusammengetreten, das heißt: Es vertrat die Auffassung von der Oberhoheit des Konzils über den Papst. Gleich im ersten Dekret „Haec sancta Synodus" erklärt sich das Konzil als von Christus selbst bevollmächtigt und ist deshalb unter konservativen katholischen Konzilshistorikern bis heute hinsichtlich seiner Verbindlichkeit umstritten.

„Von dem Papsttum zu Rom"

Das Stichwort vom Papst als dem Antichristen fällt in Leipzig anscheinend nicht. Aber öffentlich kommt Luther damit im folgenden Jahr heraus. Anfang Juni 1520 erhält er eine erneute Gegenschrift des Prierias unter dem Titel: „Über die rechtliche und unerschütterliche Wahrheit der römischen Kirche und des römischen Papstes". Luther lässt sie sofort mit eigenen Randbemerkungen drucken - und erklärt darin ausdrücklich, sich von der römischen Kirche zu lösen, weil er an der mangelnden Selbstkorrektur der Kirche von innen verzweifelt. „Babel" ist nur noch ein Ort aller Bosheit. In einem Nachwort fallen dann jene Worte, mit denen Kaiser, Könige und Fürsten aufgefordert werden, gegen Rom mit Waffengewalt vorzugehen: „Wenn wir die Diebe mit dem Galgen, die Räuber mit dem Schwert, die Häretiker mit dem Feuer strafen, warum greifen wir nicht viel mehr diese Magister des Verderbens, diese Kardinäle, diese Päpste und diese ganze Dreckansammlung des römischen Sodom, die die Kirche Gottes ohne Ende zerstört, mit allen Waffen an und waschen unsere Hände in ihrem Blut, so wie wir uns und die unsern von einem allgemeinen und für alle höchst gefährlichen Brand befreien?"

Der evangelische Kirchenhistoriker und Luther-Forscher Martin Brecht hat vor Jahren nachgewiesen, dass diese Worte höchstwahrscheinlich nicht von Luther stammen, sondern erstaunlicherweise von dem später von Luther als „leisetreterisch" beurteilten Melanchthon. Zu entschuldigen sind diese Worte gleichwohl nicht. Zudem sind Luthers beziehungsweise Melanchthons Worte blutig wahr geworden: bei der Eroberung Roms durch die Truppen des allerchristlichsten Kaisers Karl V., mit den entsprechenden Massakern und Plünderungen, dem sogenannten „Sacco di Roma" 1527. Die Soldaten skandierten an heiliger Stätte: „Luther - Papst"!

Am 15. Juni 1520 ist die Bulle „Exsurge Domine" ausgefertigt worden, in der Luther die Exkommunikation angedroht wird, falls er nicht die Sätze widerrufe, die in der beigefügten Liste mit „41 Irrtümern Martin Luthers" enthalten waren. Die Bulle wird am 24. Juli durch Anschlag an der Peterskirche und an der päpstlichen Kanzlei veröffentlicht. Johannes Eck, der an der Abfassung beteiligt war, nimmt sie mit nach Deutschland - hat aber Schwierigkeiten, sie dort zu veröffentlichen. Mit Recht, denn die Bulle ist schlicht schlampig gemacht. Zum einen hatte schon Eck beanstandet, dass in der Liste der „Irrtümer" nicht genügend unterschieden werde zwischen eindeutig häretischen und nur problematischen Sätzen. Vor allem aber fehlt die Unterschrift des Papstes und der an der Abfassung beteiligten Kardinäle. Es fehlt darum auch das päpstliche Siegel. Im Klartext: Die Bulle ist kirchenrechtlich gar nicht gültig! Als Luther die Bulle zur Kenntnis nimmt, schreibt er in deutscher und lateinischer Fassung eine Gegenschrift: „Wider die Bulle des Endchrists" beziehungsweise „Adversus execrabilem Antichristi bullam". Dass darin Klartext gesprochen wird, ist kein Wunder. Denn unter den von Rom genannten „Irrtümern" finden sich auch all jene entscheidenden Einsichten, von denen Luther gesagt hatte, durch sie sei er „ein Christ worden". Luthers Einsichten würden heute zum allergrößten Teil nicht einmal eine Diskussion, geschweige denn eine Verurteilung auslösen. Bei der berühmten, von Studenten arrangierten Bücherverbrennung vor dem Elstertor warf Luther schließlich auch die Bann-Androhungsbulle ins Feuer - keineswegs mit großer Geste, sondern ganz nebenbei, fast verstohlen, unter dem Druck der Situation, denn er wusste, was das für ihn bedeutete.

„Dann wollen wir dem Papst auch die Füße küssen"

Nach den grundsätzlichen Klärungen des Jahres 1520 - erst recht nach der damit verbundenen politischen Klärung der Fronten durch die Exkommunikation im Januar 1521, dem Reichstag zu Worms im April und dem Wormser Edikt, das die Reichsacht aussprach und Luther für vogelfrei erklärte - tat sich in der Folgezeit vonseiten Luthers in Sachen Papsttum nichts Neues, was die sachlich-theologische Seite betraf. Bei sich bietender Gelegenheit wurde die Kritik wiederholt. Auffällig ist aber eine Bemerkung aus dem Jahre 1531 in der großen Vorlesung über den Galaterbrief. Dort sagt Luther wörtlich: „Wenn wir das erlangen, dass allein Gott aus der reinen Gnade durch Christus rechtfertigt, dann wollen wir den Papst nicht nur auf den Händen tragen, sondern ihm auch die Füße küssen." Manche Lutherforscher wollen diesen Satz zwar nicht allzu hoch bewerten. Sie vermuten, dass Luther nur theoretisch, nicht mehr faktisch mit der Zustimmung des Papstes gerechnet habe. Ich aber ziehe es vor, auch hier noch Luther beim Wort zu nehmen.

„Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet"

Melanchthon hatte noch 1536 in seinem Traktat über die Macht des Papstes, der als Anhang den Schmalkaldischen Artikeln beigefügt wurde, erklärt, einem Papsttum zustimmen zu wollen, das sich allein aus menschlichem Recht erkläre. Luther hat dem widersprochen. Er hat sich nun auch von einem Papsttum rein menschlichen Rechts nichts mehr zum Wohle der Kirche versprochen.

Den letzten - traurigen - Höhepunkt bildet dann die letzte Schrift gegen den Papst mit der vielzitierten Überschrift „Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet" (1545). In der Substanz bietet die Schrift keine neuen Argumente - außer dem Protest dagegen, dass der Papst, wie Luther weiß, das kommende Konzil zu manipulieren versuchte, um eine Verurteilung der Anhänger der Reformation zu gewährleisten. Im Übrigen urteilen auch Lutherforscher, dass die Schrift des alten, müde gewordenen Luther argumentativ und literarisch nicht seine stärkste sei. Wie immer man sich katholische Möglichkeiten einer Rehabilitation Luthers zum Jahr 2017 ausdenken möge: Man wird nicht erwarten dürfen, dass solche wie auch schon frühere unentschuldbare Äußerungen gegen das Papsttum in einen solchen Akt durch die römisch-katholische Kirche einbezogen werden könnten.

Welches ökumenische Potenzial hat Luthers damalige Papstkritik (einschließlich der Antichrist-These) in die heutige Diskussion um das Papsttum einzubringen? Was könnte, was sollte geschehen? Dazu folgende zehn Vorschläge.

Erstens: Der Papst muss verbindlich erklären, dass er im Fall einer neuen Kirchengemeinschaft in keiner Weise eine Jurisdiktion über die sich zusammenschließenden Kirchen beansprucht, dass er nicht mehr an „Primat" für sinnvoll, möglich und nötig hält, als dies im ersten Jahrtausend der Fall war. Also ein Ehrenprimat, Primus inter pares. Eine neue Kirchengemeinschaft wird demnach keine Zustimmung zum Unfehlbarkeitsdogma des Ersten Vatikanischen Konzils erfordern. Dieses wird vielmehr noch einmal ganz neu auf die Tagesordnung kommen.

Zweitens: Der Papst kann und sollte auf ihm geschichtlich zugewachsene Rechte verzichten, wenn sie geeignet sind, das Vertrauen der anderen Kirchen zu gefährden, dass ihre legitimen Eigenarten in der Kirche Roms gut aufgehoben sind. Dies steht in Parallele zur Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils, die Kirche solle auf wohlerworbene Rechte gegenüber dem Staat verzichten, wenn diese geeignet sind, die Lauterkeit ihres Zeugnisses ins Zwielicht zu bringen (Pastoralkonstition, Artikel 76, 6. Abschnitt).

Drittens: Der Papst muss - gegebenenfalls unter klarem Widerruf früherer Aussagen - eindeutig anerkennen, dass die Kirchen aus der Reformation „Kirchen im eigentlichen Sinne" sind - mit einer bischöflichen Verfassung, ob sie nun so heißt oder nicht. Dies ergibt sich klar aus der dogmatischen Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils „Lumen gentium" (Artikel 15), wonach die Glieder der getrennten Kirchen durch und in ihren Kirchen das Heil erlangen, also auch durch deren legitime Amtsträger - eine deutliche, wenn auch indirekte Anerkennung der evangelischen Ämter. Nur so ist auch die Forderung des Konzils erfüllbar, dass der ökumenische Dialog „auf Augenhöhe" geführt werden kann.

Viertens: Der Papst sollte zusammen mit den anderen Kirchen eine Zwischenbilanz der in den letzten Jahrzehnten erreichten ökumenischen Verständigungen fördern (eine sogenannte „In-via-Erklärung"), damit eine nachfolgende Generation ökumenischer Theologinnen und Theologen nicht meint, wieder bei Adam und Eva beginnen zu müssen. Die römisch-katholische Kirche ist in der Tat erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil offiziell in den ökumenischen Dialog eingetreten. Erst dadurch sind überhaupt jene nationalen und internationalen ökumenischen Gremien möglich und notwendig geworden, die seitdem eine große Zahl ökumenischer Dokumente erarbeitet und viele alte Missverständnisse überwunden haben. Dadurch haben beide Seiten viel voneinander gelernt. Das muss vor dem Vergessen bewahrt werden.

Fünftens: Der Papst muss anerkennen, dass die Kirchen, die sich zur Gemeinschaft zusammenschließen, nicht alle Formen typisch katholischer Frömmigkeitspraxis übernehmen müssen. In Anknüpfung an das Stichwort von der „Hierarchie der Wahrheiten", die gemäß dem Zweiten Vatikanum im ökumenischen Dialog zu beachten ist, müssen zum Beispiel die evangelischen Kirchen nicht die katholische Praxis der Heiligen- und besonders der Marienverehrung übernehmen. Sie müssten nur anerkennen - und gegebenenfalls auch kritisch darauf bestehen -, dass die Frömmigkeitspraxis nicht dem Zeugnis des Neuen Testaments von der alleinigen Mittlerschaft Christi widerspricht.

Sechstens: Der Papst sollte sich entschließen, grundlegend die apostolische Gültigkeit des Amtes in der evangelischen Kirche zu bejahen, insofern die Kirche im Sinne der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" von 1999 in der apostolischen Lehre und im apostolischen Glauben geblieben ist. Der Papst sollte also ausdrücklich darauf verzichten, die Gültigkeit der apostolischen Nachfolge im Amt mit dem nicht durchzuhaltenden Argument zu bestreiten, die apostolische Sukzession sei „abgerissen".

Siebtens: Der Papst sollte die gegenseitige Zulassung zur Kommunion aussprechen - das ist noch nicht dasselbe wie Herrenmahlsgemeinschaft von Kirche zu Kirche! - und in dieser Frage die Rücksicht auf die Orthodoxie zurückstellen. Denn diese kirchenpolitische Rücksicht darf nicht den Vorrang haben vor der konkreten Seelsorge an den konfessionsverschiedenen Ehen und Familien. Außerdem haben die orthodoxen Kirchen ja ihrerseits auch die römisch-katholischen Christen bis heute nicht zur Kommunion zugelassen.

Achtens: Der Papst sollte sich öffentlich von anti-ökumenischen Positionen und anti-ökumenischer Kritik in der katholischen Kirche und Theologie distanzieren, die hinter den gemeinsam erarbeiteten ökumenischen Dokumenten zurückbleiben. Das heißt, er sollte deutlich machen, dass solche Positionen in Wirklichkeit nur Privatmeinungen sind. Dies gilt nicht zuletzt auch gegenüber Bischöfen, die in dieser Hinsicht nicht auf der Höhe der gesamtkirchlichen Meinungsbildung sind.

Neuntens: Der Papst soll zum ökumenischen Dialog und zum geistlichen Erfahrungsaustausch auf Gemeindeebene ausdrücklich ermutigen. Denn wenn dort an der sogenannten Basis nicht die Erfahrung von wirklicher Gemeinschaft des Glaubens gemacht wird, werden alle ökumenischen Taten auf der amtlichen Ebene keine Wurzeln schlagen können.

Zehntens: Kein weiterer „Ablass" mehr! Das, was dazu in den päpstlichen Dokumenten zum Jahr 2000 gesagt wurde, lässt vom „Ablass" nur eine leere Worthülse übrig, die das nicht mehr ausdrücken kann, was gemeint ist: würdige Früchte der Buße zu bringen. Eine solche ausdrückliche Erklärung des Papstes wäre zudem der unerlässliche erste Schritt zu einer Rehabilitation Luthers, ohne die das Jahr 2017 kein ökumenisches Ereignis werden kann.

Otto Hermann Pesch, Dr. theol., war als katholischer Theologe Professor für systematische Theologie und Kontroverstheologie im Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Hamburg.

CIG 39/2011


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