69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 25. Juni 2017

Petrus und Palus - und der Papst
Von Thomas Söding
Der Nachfolger Petri muss auch das paulinische Erbe pflegen.

Peter und Paul“ wird in der katholischen Kirche an einem Tag gefeiert. Beide haben - es wird immer mal wieder bezweifelt - ihre Gräber vor den Toren Roms gefunden. Die Kirchen Sankt Peter im Vatikan und Sankt Paul vor den Mauern markieren die Orte. Weil die Lebenswege dieser beiden Apostelfürsten in der ewigen Stadt endeten, hat diese seit alter Zeit den Anspruch erhoben, die erste Stadt in der Kirche zu sein. Wegen „Peter und Paul“ kommt der Papst aus Rom. Er ist der Bischof dieser Stadt. Er steht in der Nachfolge der Apostel.

Aber hier beginnen die Probleme. Wer - ausgerechnet - in Sankt Paul vor den Mauern die langen Reihen der Papstporträts betrachtet, die Haupt- und Seitenschiffe schmücken, startet bei Petrus und endet - 264 Bilder weiter - bei Benedikt XVI. Paulus kommt in der Reihe nicht vor. Wo gehört er hin? Petrus ist zwar die Nummer eins der Bildergalerie - aber war er wirklich der erste Papst? Und Benedikt XVI.? „Du bist Petrus“, wird gesungen, wenn er die Kirche betritt. Aber ist der Papst der Nachfolger Petri? Und wenn er es ist: Was folgt daraus? Und wo bleibt dann Paulus?

Der erste Apostel …

Es wäre zu wenig, wollte der Papst sich nur auf Petrus beziehen. Man stelle sich nur einmal vor, wie die Kirche ohne Paulus aussehen würde, ohne den Apostel der Völker, den Theologen der Freiheit, den Lehrer des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung! So provinziell würde ohne Paulus auch der Petrusdienst sein. Aber kann Benedikt sich auf diesen Paulus berufen? Was muss sich dann ändern: bei ihm, seinem Amt und in der römisch-katholischen Kirche? Im christlichen Altertum hat Rom beide Apostel gerne in großer Harmonie vorgestellt. Auf dem Petersplatz stehen monumentale Statuen von Petrus und von Paulus. Aber es ist nicht ohne Risiko, Peter und Paul gemeinsam zu feiern. Denn man muss zurück an die Anfänge der Kirche und mitten hinein in die spannende Geschichte zwischen dem Fischer vom See Gennesaret, der zum Menschenfischer geworden ist, und dem pharisäischen Intellektuellen, der die Weisheit des Kreuzes erkannt hat. Petrus und Paulus hätten unterschiedlicher nicht sein können. Zwischen beiden hat es gekracht. Aber sie konnten miteinander. Die Kirche braucht beide. Sonst hätte sie sich nicht entwickelt.

Simon Petrus ist der erste der Apostel. Nach dem Johannesevangelium ist er durch seinen Bruder Andreas, den der Täufer Johannes zu Jesus gebracht hatte, in die Nachfolge geführt worden (1,35-42). Deshalb schickt der Papst Jahr für Jahr seinen Delegaten zum Ökumenischen Patriarchen nach Konstantinopel, heute Istanbul, wenn die orthodoxe Kirche das Andreasfest feiert. Nach dem Johannesevangelium war es auch nicht Petrus, sondern Maria Magdalena, die Jesus zuerst im Morgenlicht der Auferstehung gesehen hat (20,1-18). Aber nach Markus, Matthäus und Lukas ist Petrus der erste Nachfolger Jesu (Mk 1,16-20 par.; Lk 5,1-11) und auch der erste Zeuge der Auferstehung (Mk 16,6-7 parr.; Lk 24,34). Jede Liste der Zwölf Apostel führt sein Name an (Mk 3,16-18. parr.; Apg 1,13). Nur er ist „Petrus“, auf aramäisch: „Kephas“, der „Fels“ oder „Stein“. Nach dem Matthäusevangelium sagt Jesus - in der Kuppel des Petersdomes steht es in zweieinhalb Meter großen goldenen Lettern - zu Simon: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ (16,18).

Die historisch-kritische Exegese urteilt zwar, dass dies kein Originalwort Jesu sei, sondern eines, das man ihm nach Ostern in den Mund gelegt habe. Doch der Petrus-Name selbst geht zweifellos auf Jesus zurück. Was soll er aber im Kern anderes bedeuten, als dass Simon der Fels der Jüngerschaft ist?

… und der letzte Apostel

Petrus ist der erste Apostel - und Paulus der letzte. So schreibt er es selbst den Korinthern. Petrus/Kephas ist auch für Paulus der Erste der Zwölf (1 Kor 15,5). Er ist der einzige Apostel, mit dem er Kontakt sucht (Gal 1,17). Petrus/Kephas hat schon für den Glauben eingestanden (Apg 2-6), als Saulus/Paulus noch die Kirche verfolgt hat (Apg 8-9, Gal 1,13-15). „Ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden“, schreibt Paulus deshalb (1 Kor 15,9). Aber er schreibt auch: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“ (1 Kor 15,10), weil ihm „als Letztem von allen“ der auferweckte Christus erschienen ist, um ihn zu berufen und zu senden (1 Kor 15,8).

Wenn Petrus der erste und Paulus der letzte Apostel ist - wessen Position ist dann privilegierter? Man braucht nur an Jesu Wort, dass die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein werden (Mk 10,31 u. Ä.), zu denken, um die paulinische Dialektik zu erkennen. Auch wenn die Reihe der Apostel schon abgeschlossen war - er ist der „Apostel der Ausnahme“, wie ihn der Theologe Erik Peterson bezeichnet. Auch wenn viele schon vor ihm berufen waren - nach ihm kommt keiner mehr. Auch wenn Paulus als Apostel umstritten war - mit Berufung auf seinen Herrn Jesus Christus hat er anderen, die sich ebenfalls Apostel nannten, das Recht bestritten, wahre Apostel zu sein, wenn sie die Freiheit des Glaubens und die Wahrheit des Evangeliums verletzt haben.

Zwischen Petrus und Paulus baut sich ein Spannungsbogen auf, ohne den es die „eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ nicht gäbe. Es ist ein Bogen, unter dem für viele Platz ist. Was ist erstaunlicher? Dass einer wie Petrus oder dass einer wie Paulus Apostel Jesu Christi hat werden können? Der eine hat Jesus mitten in Galiläa, der andere hat ihn vor Damaskus kennengelernt. Der eine ist Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem gefolgt, wo er sterben sollte; der andere hat ihn von Jerusalem aus verfolgt, obwohl - oder weil - er schon gestorben war. Der eine hat sich schwergetan, hinaus ins Weite zu gehen; der andere hat sich schwergetan, wenn andere nicht so schnell unterwegs waren wie er.

Warum braucht Paulus Petrus? Weil die Kirche nicht vor Damaskus, sondern in Galiläa angefangen hat. Warum braucht Petrus Paulus? Weil die Kirche nicht nur in Jerusalem bleiben konnte, sondern bis nach Rom und ans Ende der Welt kommen musste. Die Kirche braucht die Petrusgeschichten, weil sie die Erinnerungen an Jesus braucht; sie braucht aber auch die Paulusgeschichten, weil sie die Kraft des Neuanfangs braucht und den Geist der Reform.

Und Benedikt XVI.? Sein Jesusbuch hat er - ganz persönlich - in der Perspektive des Petrus geschrieben. Er lässt sich die Pointe nicht entgehen, den ersten Band (2007), der dem öffentlichen Wirken Jesu gewidmet ist, mit dem Bekenntnis zu schließen, das Petrus in Caesarea Philippi abgelegt hat: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16) - und fügt hinzu, dass die Kirche mit allen ihren Dogmen, all ihrer Theologie, all ihren päpstlichen Enzykliken nicht mehr sagen könne als das, was Petrus damals gesagt hat.

2008 hat Benedikt ein Paulusjahr ausgerufen, das ein überraschend starkes Echo gefunden hat. Er hat durch eine ganze Serie von Ansprachen die Figur und die Botschaft des Apostels vor Augen gestellt („Die Botschaft des Paulus“, 2009). Es kam der Verdacht auf, die katholische Kirche wolle ihre Deutungshoheit auch über Paulus errichten. Aber in Wahrheit ging es darum, Sankt Paul vor den Mauern Roms ein wenig aufzuwerten und jene Katholiken, die mit Paulus nie so ganz warm geworden sind, näher an die paulinische Theologie der Gnade heranzuführen.

Der Zugang zu Petrus ist paulinisch: Auf das Wort kommt es an. Das Bekenntnis ist entscheidend. Ohne den Glauben ist die Kirche nur Fassade. Das ist ökumenisch von größter Bedeutung. Der Zugang des Papstes zu Paulus ist hingegen petrinisch: Paulus erhebt seine Stimme mitten in der Kirche. Das ist ökumenisch ebenfalls von größter Bedeutung. Aber war Paulus nicht auch der Außenseiter? Der Revolutionär? Der Anwalt der Letzten, die zu Ersten werden sollen? Der Papst aus Rom muss sich auch diesem Anspruch stellen.

Der starke Glaube - und der schwache

Petrus und Paulus sind Männer des Glaubens. Nach der Apostelgeschichte war es Petrus, der, als es kritisch wurde, eine Lanze für Paulus und die Heidenmission gebrochen hat, indem er an seine eigenen Erfahrungen anknüpft und die befreiende Kraft des Glaubens betont: „Gott hat längst die Entscheidung für euch gefällt: Die Heiden sollten durch meinen Mund das Wort des Evangeliums hören und glauben. Gott, der die Herzen kennt, ist Zeuge; denn er hat ihnen denselben Geist gegeben wie uns. Er hat keinen Unterschied zwischen uns und ihnen gemacht, weil es der Glaube ist, der ihre Herzen reinigt“ (15,7-9). Paulus seinerseits erinnert die Korinther mit dem Urbekenntnis zu Jesu Tod und Auferweckung im Eingedenken an die Erscheinung des Auferstandenen vor Kephas und den Zwölfen: „Ich erinnere euch an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe und das ihr angenommen habt. In ihm steht ihr fest und werdet gerettet, wenn ihr an dem Wort festhaltet, das euch verkündet wurde. Oder seid ihr etwa umsonst zum Glauben gekommen?“ (1 Kor 15,1-2). Im selben Brief mahnt er die Gemeinde: „Steht fest im Glauben“ (1 Kor 16,13).

Im Ersten Petrusbrief liest man: „Euer Glaube soll sich bewähren!“ (1,7). Die Übereinstimmung ist groß. Zwar ist es Mehrheitsmeinung, dass der Erste Petrusbrief nicht vom Apostel persönlich, sondern allenfalls indirekt geschrieben worden ist. Auch wird damit gerechnet, dass Lukas seinen Petrus in einem paulinischen Sinn reden lässt. Aber dass der Glaube zählt und dass er möglichst stark sein muss, haben Petrus wie Paulus propagiert. Das Petrus­amt steht im Dienst des Glaubens der Kirche. Es ist nicht nur ein Petrus-, sondern auch ein Paulusdienst, weil der Völkerapostel wie kein anderer das Was und das Wie des Glaubens, sein Woher und Wozu reflektiert hat.

Allerdings sind beide, Petrus wie Paulus, im Glauben nicht nur stark, sondern auch ausgesprochen schwach gewesen. Beide haben ihre dunklen Punkte. Der eine, Paulus, war aus Fanatismus zum Christenverfolger geworden, bevor er der Gewalt abgeschworen hat (Gal 1,13-16). Der andere, Petrus, hat dreimal Nein zu Jesus gesagt, als es darauf angekommen wäre, sich zu ihm zu bekennen: in der Stunde der Not (Mk 14,66-72 parr.; Joh 18,12.25-27). Schon dass er sich unmittelbar nach seinem Messiasbekenntnis Jesus in den Weg stellen will, als er merkt, dass dieser den Kreuzweg gehen will (Mk 8,31-32 parr.), zeigt sein tiefes Glaubensproblem: Er kann Gott und das Leid nur als Gegensätze ansehen. Er will, dass Christus ein Gewinner und kein Verlierer ist. Er akzeptiert nur eine Christologie der Stärke, nicht aber der Schwäche. Das ist die Kehrseite des paulinischen Glaubensproblems vor Damaskus: Er sieht im Gekreuzigten nur den Verfluchten (Dtn 21,23), erst nach seiner Bekehrung kann er in ihm den Gesegneten erkennen, der dadurch Segen spendet, dass er den Fluch der Sünde auf sich nimmt (Gal 3,13-14).

Paulus hat seine Glaubensprobleme in seinen Briefen intensiv aufgearbeitet. Es wäre ihm auch nicht möglich gewesen, sie zu verdrängen, weil seine Gegner ihn immer wieder mit der Nase darauf gestoßen haben. Er hat aber auch einen Zugang gefunden, seine Probleme zu lösen. Dieser Zugang ist der, den Jesus Christus selbst ihm eröffnet hat: der Zugang des Glaubens. Am auferstandenen Gekreuzigten hat Paulus erkannt: „Gekreuzigt aus Schwäche, lebt er aus Gottes Kraft“ (2 Kor 13,4). Deshalb erkennt er als Prinzip der Gnade: „Kraft wird in Schwäche vollendet“ (2 Kor 12,9). Und sagt von sich selbst: „Wenn ich schwach bin, bin ich stark“ (2 Kor 12,10). Ob er sich selbst immer daran gehalten hat, ist eine andere Frage. Aber die Stärke der Kreuzestheologie ist gerade die Schwäche, die Gott für die Menschen hat: Er liebt sie. Das macht die Sendung Jesu aus. Das prägt auch die Sendung des Apostels. Paulus hat erkannt, dass ein starker Glaube schwach sein muss und ein schwacher Glaube stark ist. Ein besseres Mittel gegen Fundamentalismus gibt es nicht.

Im Ersten Petrusbrief liest man hingegen von der Verleugnung Christi rein gar nichts. Das macht das Schreiben nicht stärker, sondern schwächer. Im Unterschied dazu haben die Evangelien das Versagen des Petrus im Gedächtnis behalten. Auch Paulus scheint davon zu wissen: „Was immer mit ihnen früher war“, schreibt er in vielsagendem Schweigen mit Blick auf Petrus, Jakobus und Johannes, „kümmert mich nicht“ (Gal 2,6). Aber Paulus weiß auch, dass Gottes Gnade größer ist als die Schuld der Menschen. Deshalb hat das Nein des Petrus zu Jesus nicht das Nein Jesu zu ihm ausgelöst, sondern ein neues Ja. Nach einer Sondertradition im Lukasevangelium hat Jesus vor der Ansage, dass er ihn verleugnen werde, bevor der Hahn kräht, Petrus auf den Kopf zugesagt: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat euch wie Weizen zu sieben begehrt. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Wenn du dich dann aber bekehrt haben wirst, stärke deine Brüder“ (22,31-32).

Nur diesen letzten Satz findet man im Petersdom auf dem langen Schriftband mit Petrustexten, das ein Stockwerk unter der Kuppel durch den gesamten Innenraum läuft. Um an den Hahnenschrei erinnert zu werden, muss man aus der Kirche heraus zur Jubiläumspforte für das Heilige Jahr, die Johannes Paul II. hat errichten lassen. Aber was ist der Petrusdienst wert ohne die Erinnerung an die Verleugnung Jesu durch Petrus? Joseph Ratzinger hat, als er noch nicht Papst war, das Problem erkannt und so zu lösen versucht, „dass das Papsttum durch eine nicht aus ihm selbst stammende Kraft Fundament der Kirche bleibt und dass zugleich einzelne Päpste aus dem Eigenen ihres Menschseins heraus immer wieder zum Skandalon werden, weil sie Christus vorangehen, nicht nachfolgen wollen“, schreibt er in dem Buch „Zur Gemeinschaft berufen“ (1991). Von diesem Schatten des Petrus und des Papsttums ist in Rom viel zu wenig die Rede. Von der Schwäche des Petrus und des Petrusdienstes zu reden, würde aber nicht nur den Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen, sondern auch ein starkes Zeichen des Glaubens setzen.

Johannes Paul II. war nicht in dem Moment stark, als er den südamerikanischen Befreiungstheologen die Leviten las, sondern als er, ein gebrechlicher Pilger, in die Klagemauer am Tempel von Jerusalem einen Gebetszettel gesteckt hat, dessen Inhalt eigentlich nur ihn und Gott etwas hätte angehen sollen. Benedikt XVI. hat in Deutschland keine Gelegenheit zu ähnlich spektakulären Gesten. Aber in Auschwitz hat er den Klageruf der leidenden Gerechten ins Schweigen Gottes hinein verklingen lassen, in Yad Vashem hat er Kaddisch gesprochen, das Totengebet der Juden. Je demütiger er auftritt, desto überzeugender kann er reden. Denn das Leitwort des Papsttums hat Paulus geprägt: „Wir verkünden nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns selbst aber als eure Diener um Jesu willen“ (2 Kor 4,5).

Die große Kirche - und die kleine

Auf dem Papier ist die Sache klar: Die katholische Kirche ist die große Kirche, die orthodoxen und die evangelischen Kirchen sind kleine Kirchen. Aber Papier ist geduldig. Wenn der letzte Apostel wichtiger als der erste sein kann und der schwache Glaube der starke ist: Was ist dann eine große und was eine kleine Kirche? An Petrus und Paulus kann man Maß nehmen. Beide sind Männer der Kirche. Paulus hätte die Kirche nie zusammenhalten können. Aber er hat sie vorangetrieben. Petrus hatte nie die Energie wie Paulus. Aber er ist der Hirte, der die Herde Christi weiden soll (Joh 21,15-17) - wenngleich ein Hirte, der selbst in die Irre gegangen war und erst von Jesus wieder auf den rechten Weg gebracht werden musste. Beide, Petrus und Paulus, haben zusammengestanden, als es beim Apostelkonzil ernst wurde. Jakobus, Petrus und Johannes, die „Säulen“ der Urkirche, erkennen Paulus als gleichberechtigten Apostel an - „da sie die Gnade erkannten, die mir gegeben war“, schreibt Paulus (Gal 2,8-9). Es kommt zum Handschlag, der die Gemeinschaft der Apostel und dadurch die Einheit der Kirche besiegelt.

Aber beide sind auch in Streit geraten. In Antiochia, seiner zwischenzeitlichen Heimatgemeinde (Apg 13-14), wirft Paulus Petrus vor, ein Heuchler zu sein, weil er zwar - theoretisch - wisse, dass nur der Glaube rechtfertigt, aus Angst aber - praktisch - die Heidenchristen zwinge, jüdisch zu leben (Gal 2,11-16). Es geht um die Tischgemeinschaft und damit auch um die Eucharistiegemeinschaft der Frühen Kirche. Petrus hat sie, als er nach Antiochia kam, zuerst übernommen, aber dann - nach einer Intervention des Jakobus - verlassen.

Dass Apostel überhaupt miteinander streiten können, ist eine Vorstellung, die den Theologen der Alten Kirche so schwerfiel, dass sie an ein Scheingefecht gedacht haben, von Petrus und Paulus zu Trainingszwecken inszeniert, um der Kirche zu zeigen, dass auch Petrus etwas lernen könne. Erst Augustinus hat Klartext geredet. Paulus hatte Recht, Petrus musste klein beigeben.

Der antiochenische Konflikt ist ein Lehrstück bis heute. Nach dem Galaterbrief des Paulus hängt die Einheit der Kirche, die in der Einheit der Eucharistie begründet ist, an zwei Angelpunkten: an der Anerkennung der apostolischen Sendung und an der gemeinsamen Überzeugung von der Rechtfertigung „nicht durch Werke des Gesetzes, sondern durch den Glauben an Jesus Christus“ (Gal 2,16).

1999 ist in Augsburg - nach einigem Hin und Her - die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ unterzeichnet worden. Joseph Ratzinger hatte daran einen nicht geringen Anteil. Das Ergebnis: Es gibt zwar unterschiedliche katholische und evangelische Stile, die Rechtfertigungslehre zu gewichten und zu aktualisieren. Aber die theologischen Gemeinsamkeiten sind so groß, dass die Unterschiede ausgehalten werden können. Die Rechtfertigungslehre trennt Katholiken und Protestanten nicht mehr, sondern verbindet sie.

Wenn das so ist, stellt sich die Kirchenfrage, die in Augsburg noch ausgeklammert worden war. Nach der Logik des Paulus muss es in der theologischen Ökumene nun um die Apostolizität der Kirche gehen: also um den Dienst der Apostel und ihrer Nachfolger, die in der Kirche Jesus Christus verkünden. Die Nachfolger der Apostel können nicht Dinge sein, auch das Buch der Bibel nicht, sondern müssen Menschen des Glaubens, des Geistes und der Kirche sein. Dass nicht die ganze Last auf den schmalen Schultern der Bischöfe liegen kann, sondern alle Gläubigen gefragt sind, werden selbst hartgesottene Katholiken zugeben. Dass umgekehrt ohne das lebendige Bischofsamt die Kirche nicht apostolisch sein kann, haben die jüngsten Konsensdokumente auch von evangelischer Seite aus festgeschrieben. Auf internationaler Ebene sei die Schrift „Die Apostolizität der Kirche“ von 2008 genannt, auf nationaler Ebene die Studie „Das kirchliche Amt in apostolischer Nachfolge“ (2008). Das ist eine Basis, um in Sachen Kirchen- und Eucharistiegemeinschaft weiterzukommen.

Die Orthodoxie wird von der katholischen Kirche im Vollsinn als Kirche anerkannt, auch wenn sie den Petrusprimat Roms nicht anerkennt. Es hieße, mit zweierlei Maß zu messen, wollte man von den Evangelischen mehr als von den Orthodoxen verlangen. Aber mit Orthodoxen wie Protestanten muss man darüber sprechen, ob es nicht eines Petrusdienstes um der Einheit der Kirche willen bedarf. Wie der dann aussehen kann, ist freilich nochmals eine andere und höchst spannende Frage.

Damals, in Antiochia, hat es eine Versöhnung gegeben, in der die Einheit der Kirche gewachsen ist, weil Paulus seinen Petrus gefunden hat und Petrus seinen Paulus. Aber später, in Wittenberg und Worms und Rom und Trient? Martin Luther war ein Paulus, der keinen Petrus gefunden hat. Vielleicht hat er am Ende auch keinen mehr gesucht. Auf jeden Fall waren die Päpste jener Zeit nicht Petrus genug, um das Paulinische im Lutherischen zu erkennen.

Und heute? Wenn der Papst nach Deutschland kommt, nimmt er sich Zeit für die Begegnung mit der evangelischen Kirche. Mit seiner theologischen Kompetenz steht Benedikt XVI. dafür ein, dass es nicht bei einer Ökumene des guten Willens bleibt, der freundlichen Worte und schönen Zeichen, sondern zu einer Ökumene des Glaubens kommt, der Wahrheit und der Freiheit. Das ist das paulinische Erbe, das ihn verpflichtet. Ohne das Feuer des Paulus wird es schwer sein, die Fackel des Evangeliums in Deutschland wieder zum Leuchten zu bringen.

Der Papst muss aber auch Petrus sein: nicht nur der starke Kritiker, der zwischen wahr und falsch in Sachen Theologie und Kirche unterscheidet, sondern auch der Erste, der sich öffentlich kritisieren lässt und dadurch eine Lehre erteilt, dass er eine Lehre annimmt, und die Hand ausstreckt, wenn er die Gnade Gottes erkannt hat, die bei denen wirksam ist, die gleichfalls getauft sind und im Abendmahl Eucharistie feiern. Nur dann kann die Kirche wieder groß werden, weil sie nur dann erkennt, wie klein sie ist.

Thomas Söding, Dr. theol., ist Professor für Neues Testament in Bochum.

CIG 39/2011


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