69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 30. Juli 2017

Macht und Ohnmacht der Religion
Von Johannes Röser
Jedem Anfang, auch dem religiösen, wohnt ein Zauber inne. So war es am 27. Oktober 1986, als Papst Johannes Paul II. zum großen Gebetstag der Religionen nach Assisi eingeladen hatte, an den Ort des großen Friedensheiligen Franziskus. Wie sehr dieses Geschehen damals viele Gläubige bewegte, vor allem Katholiken, die von der historischen Wende des Zweiten Vatikanischen Konzils zutiefst berührt waren, kann man in einem sehr emotionalen Beitrag des damaligen CIG-Chefredakteurs Manfred Plate nachlesen.

Er schrieb: „Ich möchte nicht meine persönliche Erschütterung über dieses Ereignis verschweigen. Es war wie in einer ähnlichen Stunde vor 24 Jahren. Damals, am 11. Oktober 1962 … die Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils … Es übertrug sich der Geist eines Aufbruchs, dessen Horizonte gar nicht abzusehen waren! Wie waren wir damals angerührt, als im Petersdom, diesem Symbol des katholischen Triumphalismus, die Vertreter der anderen christlichen Kirchen einzogen, Lutheraner, Orthodoxe, Reformierte; und dann der gute Papst Johannes, nur mit der Mitra…, ohne die anmaßende Krone des Mittelalters. Ich glaubte damals zu spüren: In diesem Geist gibt es - wieder - Hoffnung für den christlichen Glauben! So müssen wir weitermachen in die dunkle Zukunft hinein, in eine Menschheit, die sich immer tiefer in Hass und Ideologie, in Rechthaberei und Lüge, in Anmaßung, Aufrüstung, Krieg und Gewalt - und Unglauben und religiöse Gleichgültigkeit - hinein verstrickt … Das Gebet in Assisi erschien uns wie eine Steigerung der Not, die damals durch das Konzil in Rom zum ersten Mal weltweit artikuliert wurde … Machen wir uns deutlich: Zum ersten Mal in der vieltausendjährigen Religionsgeschichte der Menschheit ist es passiert, dass Vertreter praktisch aller Religionen zum Gebet zusammenkamen. Noch nie hat ein Papst, hat ein Dalai Lama, hat ein Rabbiner, ein Mullah, haben buddhistische und christliche Mönche, Metropoliten und Patriarchen, Christen aller Konfessionen, Shinto-Priester und andere Anhänger von Naturreligionen in dieser Weise am gleichen Ort und in gleicher Absicht gebetet …"

Vergleichbar mit dem Konzil?

Und nun, am 27. Oktober 2011, ein Vierteljahrhundert danach: Wieder trafen sich Vertreter der Religionen in Assisi, angeblich sogar mehr als damals, wenn auch viele mit weniger hohem Rang. Wieder beschwor man den Frieden aufgrund des Glaubens. Wieder betete man, doch strikt voneinander getrennt, nicht mehr miteinander, nebeneinander, voreinander wie einst, als man dennoch klarmachte, dass es im Respekt vor den Unterschieden kein religiös vermischtes, synkretistisches „gemeinsames" Beten war. Doch es war jetzt nicht mehr so wie damals, als Plate schrieb: „Nun gut. Aber wer von uns hätte nicht ehrlich mitbeten können, als der Häuptling der Crow-Indianer so ernst-überzeugend seine Friedenspfeife rauchte. Es war gar nicht lächerlich. Und als der Dalai Lama aus den Sutren betete, die Hindu-Priester wunderbare Texte aus den Upanishaden rezitierten und schließlich die vielen, vielen Vertreter der ‚getrennten' christlichen Kirchen sich zu dem wunderbaren Symbol des Kreises zusammenschlossen…"

Während das Fernsehen 1986 live dabei war und die ergreifenden Bilder öffentlicher Frömmigkeit den Menschen guten Willens rund um den Erdball ins Private lieferte, ging das mediale Interesse an der neuerlichen Begegnung gegen Null. Vereinzelt nur wenige Sekunden einer Filmsequenz in den Nachrichten, in den Zeitungen hierzulande überwiegend bloß knappe Meldungen. Schlagzeilen hingegen machte der Versuch, in der gigantischen europäischen Verschuldungskrise zumindest einen Minimalkonsens zu finden. Sogar unfromme Zeitgenossen mag angesichts des kollektiven Aberglaubens ans - nicht vorhandene - Geld, das mit noch mehr nicht vorhandenem Geld subventioniert wird, das seltsame Gefühl beschlichen haben, ob der religiöse Glaube an einen - unsichtbaren - Gott womöglich der letzte Hort des Realismus in dieser Welt sei. Denn diese stürzt sich in immer neue Absurditäten eines materialistisch-konsumistischen Wahns, der mit dem Weltfrieden auch den Fortschritt der Völker gefährdet.

Wir verpflichten uns…

„Pilger der Wahrheit, Pilger des Friedens" lautete das Leitwort der Assisi-Begegnung. Während der Gebets- und Meditationsteil - jede religiöse Gruppe allein für sich - gegenüber 1986 auf einen kleinen Rest schrumpfte, vermehrten sich die Stellungnahmen der Repräsentanten. Den wortlastigen Höhepunkt bildete eine Selbstverpflichtung als eine Art Gewissenserforschung. Die mehr als 300 Delegierten der Religionen erklärten: dass Gewalt und Terrorismus dem authentischen Geist der Religionen widersprechen; dass man die Menschen zu gegenseitigem Respekt erziehen will; dass eine Kultur des Dialogs zu fördern ist; dass man das Recht jeder menschlichen Person auf ein würdiges Leben verteidigt; dass man es ablehnt, kulturelle und andere Unterschiede als unüberwindbare Mauer zu betrachten; dass man einander Irrtümer und Vorurteile der Vergangenheit und Gegenwart verzeiht; dass man sich an die Seite der Leidenden und Verlassenen stellt; dass man jene unterstützt, die vor Gewalt und dem Bösen nicht resignieren; dass man jede Initiative ermutigt, welche die Freundschaft zwischen den Völkern fördert; dass man die politisch Verantwortlichen der Nationen immer wieder auffordern will, für Gerechtigkeit und Frieden zu sorgen; dass man unermüdlich die Zusammengehörigkeit von Frieden und Gerechtigkeit ins Bewusstsein rufen möchte. In einem zwölften - eigenen - Punkt verpflichten sich Atheisten und Agnostiker, die diesmal vom Papst zusätzlich nach Assisi eingeladen worden waren, dazu, als Humanisten dafür eintreten, „dass Glaubende und Nichtglaubende in gegenseitigem Vertrauen leben und gemeinsam der Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden nachgehen können". Der Text endet mit dem Appell: „Nie wieder Gewalt! Nie wieder Krieg! Nie wieder Terrorismus! Im Namen Gottes bringe jede Religion Gerechtigkeit und Frieden, Vergebung und Leben, Liebe!"

Bereits im Vorfeld war darauf aufmerksam gemacht worden, dass das jetzige Treffen die Handschrift von Papst Benedikt XVI. trägt, der der ursprünglichen Initiative seines Vorgängers reserviert gegenüberstand. Der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück schrieb in der „Neuen Zürcher Zeitung": „Benedikt XVI. ist kein Freund des Religionspluralismus, dem er schon als Präfekt der Glaubenskongregation in der Erklärung ‚Dominus Jesus' im Jahr 2000 eine Absage erteilt hat. Auf den Spuren seines Vorgängers beschreitet er einen religionstheologischen Mittelweg: Einerseits lässt er den ‚Exklusivismus' der Traditionalisten, die das … ‚Außerhalb der Kirche kein Heil' ungeschichtlich lesen, rechts liegen, andererseits weist er die Pluralisten zurück, die dem Selbstverständnis des Christentums die Spitze abbrechen, wenn sie eine definitive Selbstoffenbarung Gottes (in Jesus Christus; d. Red.) prinzipiell ausschließen. Die Basis für die interreligiöse Begegnung … ist der Glaube, dass alle Menschen, ob bewusst oder nicht, auf eine Wahrheit zustreben, deren Fülle in Jesus Christus und seinem Geist aufleuchtet."

2000 Jahre und 200 000 Jahre

Während Johannes Paul II. nach innen hin scharf und schneidend urteilen und Theologen, die seiner Ansicht nach „abweichende" Auffassungen vertraten, maßregeln und aburteilen konnte, überwogen bei ihm nach außen hin spirituell viel Nachsicht, Großmut und Weite mit höchstem Respekt anderen Formen der Frömmigkeit gegenüber. Johannes Paul II. hatte zum Beispiel keine Hemmungen, selbst mit Fetisch-Priestern am Togosee eine gewisse innerliche Verbundenheit auszudrücken.

Benedikt XVI. sieht das deutlich anders. Er rückt wieder die Differenzen energischer ins Bewusstsein. Und er kommt damit den Gefühlen vieler Menschen entgegen, die zum Beispiel angesichts des globalen Aufstrebens eines gewalttätigen Islam wieder zweifelnd fragen, ob tatsächlich alle den gleichen Gott haben und verehren - und ob es nicht doch grundlegende, unüberbrückbare Unterschiede zwischen Kulturen und Religionen gibt. Der 11. September 2001 hat eben auch geistig und geistlich manches desillusioniert, enttäuscht, zerstört, was man zuvor vielleicht optimistisch vom interreligiösen Dialog erwartete. Diese Ernüchterung war auch in Assisi zu spüren.

Allerdings löst die Skepsis nicht das theologische Grundproblem, wie universal Gott sein kann, wenn er weiterhin mehr oder weniger „stammesreligiös-provinziell" zuvorderst als „Gott für mich" und „Gott für uns" verehrt wird. Und das gegen eine lange Evolution des Homo sapiens, die so viele Religionen in der göttlichen Schöpfung entstehen „ließ", in der das Christliche mit seinem besonderen Offenbarungsanspruch nur einen Minderheiten-Teil ausmacht, der mit dem Bevölkerungswachstum relativ sogar immer schwächer wird. Sind die Religionen der anderen etwa nicht „gottgewollt"? Und was ist mit den Religionen der Gestorbenen, der Ausgestorbenen, jener frommen Menschen, die lange vor Christus lebten? Was sind schon 2000 Jahre Christentumsgeschichte gegenüber den womöglich 200000 Jahren Religions- und Menschheitsgeschichte zuvor?

Trotz aller Versuche, diese Fakten idealistisch auf eine geistige „Siegergeschichte" des Christentums hin zu deuten und mit dem je eigenen Wahrheitsanspruch zu „harmonisieren", ist eine überzeugende Lösung bisher faktisch nicht gefunden. In mystischer Vertiefung findet der einzelne Christ gewiss hin zu einer erfüllenden authentischen Spiritualität des universalen Christus, des Alpha und Omega von allem. In gewisser Hinsicht mag man aus der Binnenperspektive heraus auch ein „anonymes Christentum" für plausibel erachten. Aber welcher Christ wollte - umgekehrt - in einer vergleichbaren islamischen Mystik schon gern als „anonymer Moslem" verstanden werden? Die Spannung zwischen religiöser Ideengeschichte und religiöser Realiengeschichte bleibt. Das Bewusstsein dafür macht es selbst innigsten Christusgläubigen unmöglich, in einer unhistorischen Weise die Wahrheit des „Gott für uns" naiv zu deuten. Die universale Wahrheit ist im Plural der stets geschichtlich bedingten Wahrheiten zu buchstabieren, im Wissen um die Grenzen und Fehlbarkeit aller Sprachspiele, auch der religiösen.

Dass das öffentliche Echo auf „Assisi 2011" derart gering war, hängt mit diesen Schwierigkeiten zusammen, aber genauso mit vielen anderen Enttäuschungen über Einheitsvisionen der Menschheit, ob politischer, kultureller oder ökonomischer Natur. Dass Benedikt XVI. ausdrücklich Atheisten beziehungsweise Agnostiker nach Assisi einlud, trug dazu bei, den einst stark ergreifenden Gebetscharakter abzukühlen und die religiöse, spirituelle Besonderheit des Treffens vielleicht sogar zu verwässern. Offiziell war die Rede von einem „Tag der Reflexion, des Dialogs und des Gebets". Beten gegenüber früher also erst an dritter Stelle. So hatte „Assisi 2011" mehr den Charakter einer Kundgebung, einer rhetorischen Friedensproklamation, wie es ähnliche Events inzwischen sogar aufsehenerregender und vielfarbiger inszenieren, wenn zum Beispiel „Globalisierungsgegner" zusammenkommen.

Wie universal ist Gott?

Benedikt XVI. hielt eine Ansprache, in der er an 1989 erinnerte, als die Mauer zwischen West- und Osteuropa fiel, drei Jahre nach dem ersten Assisi-Treffen. Der tiefste Grund für das Ost-West-Ereignis sei ein geistiger gewesen: „Hinter der materiellen Macht standen keine religiösen Überzeugungen mehr. Der Wille zur Freiheit war schließlich stärker." Dennoch gab der Papst dieser Beobachtung gleich seine tiefe persönliche Freiheitsskepsis mit auf den Weg: „Die Welt der Freiheit hat sich weithin als orientierungslos erwiesen, und sie wird von nicht wenigen auch als Freiheit zur Gewalt missverstanden." Benedikt XVI. blieb seiner Tradition treu, tiefen Pessimismus im Hinblick auf menschliche Selbstbestimmung durchscheinen zu lassen: „Das Nein zu Gott hat Grausamkeiten und eine Maßlosigkeit der Gewalt hervorgebracht, die erst möglich wurde, weil der Mensch keinen Maßstab und keinen Richter mehr über sich kennt, sondern nur noch sich selbst zum Maßstab nimmt." Im selben Atemzug beklagte er eine „Verwahrlosung des Menschen", die „Anbetung des Mammon, die Anbetung von Besitz und Macht". Das „Verlangen nach Glück" brachte er in Zusammenhang mit der „hemmungslosen unmenschlichen Begierde, wie sie in der Herrschaft der Droge mit ihren verschiedenen Gestalten erscheint". Die Abwesenheit von Gott führe „zum Verfall des Menschen und der Menschlichkeit".

Aufhorchen ließ allerdings, dass der Papst ausdrücklich auf das Versagen in der eigenen Religion verwies: „Als Christ möchte ich an dieser Stelle sagen: Ja, auch im Namen des christlichen Glaubens ist in der Geschichte Gewalt ausgeübt worden. Wir bekennen es voller Scham. Aber es ist vollkommen klar, dass dies ein Missbrauch des christlichen Glaubens war, der seinem wahren Wesen offenkundig entgegensteht."

Wie viel Macht hat die Religion, den Men­schen zu bessern? Und wie groß ist ihre Ohnmacht? Offenkundig haben zig Jahrtausende Religionsgeschichte es bisher nicht vermocht, das Bewusstsein derart zu verändern, dass dem stets durch politische Interessen angeregten und ausgeführten Gewaltwahn nachhaltig Grenzen gezogen würden. Auch Johannes Paul II. zum Beispiel war trotz allen diplomatischen Bemühens letzten Endes hilflos, George W. Bush junior von seinem Wahn zu Interventionen in Afghanistan und Irak abzuhalten, deren produziertes Chaos nun vor aller Augen liegt. Und was bewirken die gutwilligen islamischen Führer, die wohlmeinend ständig auf ihren Lippen bekunden, dass Islam Friede bedeute, während in ihren eigenen Reihen viele Gelehrte und Geistliche sich Hetzparolen gegen die „Ungläubigen" zu eigen machen und diese sogar produzieren und propagieren? Religion ist eben doch nicht einfachhin Moral.

Schlussendlich war es allerdings sehr berührend, wie feinfühlig sich Papst Benedikt XVI. in seiner Rede jenen Menschen - und Delegierten des Friedenstreffens - zuwendete, „denen zwar das Geschenk des Glaubenkönnens nicht gegeben ist, die aber Ausschau halten nach der Wahrheit, die auf der Suche sind nach Gott". Der Papst ließ seine große Sympathie für sie erkennen. „Solche Menschen behaupten nicht einfach: ‚Es ist kein Gott.' Sie leiden unter seiner Abwesenheit und sind inwendig, indem sie das Wahre und das Gute suchen, auf dem Weg zu ihm hin. Sie sind ‚Pilger der Wahrheit, Pilger des Friedens'. Sie stellen Fragen an die eine und an die andere Seite. Sie nehmen den kämpferischen Atheisten ihre falsche Gewissheit, mit der sie vorgeben zu wissen, dass kein Gott ist, und rufen sie auf, statt Kämpfer Suchende zu werden, die die Hoffnung nicht aufgeben, dass es die Wahrheit gibt und dass wir auf sie hin leben können und müssen. Sie rufen aber auch die Menschen in den Religionen an, Gott nicht als ihr Besitztum anzusehen, das ihnen gehört, so dass sie sich damit zur Gewalt über andere legitimiert fühlen. Sie suchen nach der Wahrheit, nach dem wirklichen Gott, dessen Bild in den Religionen, wie sie nicht selten gelebt werden, vielfach überdeckt ist. Dass sie Gott nicht finden können, liegt auch an den Gläubigen mit ihrem verkleinerten oder auch verfälschten Gottesbild. So ist ihr Ringen und Fragen auch ein Anruf an die Glaubenden, ihren Glauben zu reinigen, damit Gott, der wirkliche Gott, zugänglich werde. Deshalb habe ich bewusst Vertreter dieser dritten Gruppe zu unserem Treffen nach Assisi eingeladen, das nicht einfach Vertreter religiöser Institutionen versammelt. Es geht vielmehr um die Zusammengehörigkeit im Unterwegssein zur Wahrheit."


CIG 45/2011


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