69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 25. Juni 2017

Entweltlichung - oder die Trennung von Staat und Kirche
Von Clemens Klünemann
Die Debatte darüber, was Papst Benedikt XVI. mit „Entweltlichung" der Kirche gemeint hat, hält an. Es ist angebracht, einen Blick auf unseren Nachbarn Frankreich zu werfen, mit einer eigenen Tradition, „laïcité" genannt.

Immer wieder wird hierzulande heftig über das Kirchensteuersystem und das rechte Verhältnis von Staat und Kirche diskutiert. Es lassen sich leicht Berechnungen anstellen, welche Regelung der Kirche oder dem Staat oder gar beiden in finanzieller Hinsicht zuträglicher ist. Aber letztlich gehen sie am Kern vorbei und wären - da ist Papst Benedikt XVI. in seiner Freiburger Rede zweifellos recht zu geben - „bloße Taktik", welche die christliche „Wahrheit unseres Heute" verdunkelt.

Dass der Papst die Situation und Wahrheit der Kirche im Licht augustinischer Theologie sieht, ist seit seiner Doktorarbeit „Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche" hinlänglich bekannt. Sie gründet auf dem Gegensatz von irdischer und himmlischer Macht. Lässt sich aber aus dieser Tradition auch die Forderung ableiten, man müsse auf das hiesige Kirchensteuersystem verzichten? Hat Benedikt XVI. dies gemeint, als er davon sprach, dass „die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein" kann?

Wer befreit sich von wem?

In Frankreich hat die Kirche diese Last vor mehr als hundert Jahren abgegeben, wenn auch unfreiwillig. Denn seit 1790 war es das Bestreben der von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit überzeugten republikanisch gesinnten Bürger, den Staat vom Einfluss kirchlich und klerikal geprägter Politik zu befreien. Dass die katholische Kirche Frankreichs - von ihr ist hier ausschließlich die Rede - längst mit ihrem Los zurechtkommt und dieses in mancherlei Hinsicht sogar begrüßt, macht den vergleichenden Blick auf die sogenannte laïcité interessant. Sie gründet sich auf das Gesetz von 1905, das unter der strengen Trennung von Kirche und Staat einen Befreiungsakt der französischen Republik von kirchlicher Bevormundung verstand. Die päpstliche Forderung nach „Entweltlichung" hingegen versteht sich umgekehrt als Befreiung der Kirche von Verflechtungen in staatliche Aufgaben.

Erstaunlich ist, wie viele Kirchenleute Frankreichs die Trennung von Staat und Religion, wie sie heute dort gelebt wird, begrüßen. Man zieht manche Vorteile aus einer Gesetzgebung, die sich ursprünglich einmal gegen die Kirche richtete. Dominique Roy, Dompropst der Kathedrale von Troyes, das etwa auf halbem Weg zwischen Straßburg und Paris liegt, zeigt mit einem Lächeln auf die Baugerüste am Turm der gotischen Kathedrale, die renoviert wird. „Der Staat muss sämtliche Restaurierungen bezahlen, denn ihm gehört das Gotteshaus. Aber er hat kein Recht, uns, der Kirche, in irgendeiner Weise Vorschriften zu machen über das, was hier geschieht." Für Christen sei dies äußerst angenehm. Und das Verhältnis zum Staat bezeichnete Roy als „sehr gut".

Nicht ohne Stolz verweist er auf ein kleines blaues Bändchen am Anzugrevers. Auf Veranlassung des Präfekten habe er den Ordre National du Mérite verliehen bekommen, den staatlichen Verdienstorden. Er erhielt ihn nicht nur in Anerkennung der Bewahrung des kunsthistorischen kirchlichen Erbes, sondern ausdrücklich auch für seine Tätigkeit als Priester. „Was beweist mehr, dass die Zeiten des misstrauischen, ja hasserfüllten Gegeneinanders von Staat und Kirche längst vorüber sind?" Zudem sei Antiklerikalismus in der Gesellschaft inzwischen zur Randerscheinung geworden. Die strikte Trennung zwischen Staat und Kirche sei für beide ein Gewinn gewesen. Beide Institutionen begegnen sich - in klarer Abgrenzung ihrer Interessen - gleichberechtigt.

Der Bürger: Christ?

Genauer betrachtet erweist sich diese positive Sicht jedoch als Zweckoptimismus. Der immer noch vorhandene Antiklerikalismus ist zwar heute meistens weniger militant als früher. Doch seine abgemilderte Form ist vor allem eine Folge der Gleichgültigkeit vieler Franzosen. Religiöse Fragen werden oft als Privatprobleme belächelt. Statt des kämpferischen Protests gegen „die Kirche", auf den deren Vertreter intellektuell wie pastoral eingehen könnten, fehlt weiten Teilen der Bevölkerung die Bereitschaft, sich auf die religiöse Dimension überhaupt einzulassen.

Als vor kurzem ein Franzose gegen das Bistum Coutances klagte und Recht bekam, weil sein Name im kirchlichen Taufregister aufgeführt und somit das private religiöse Bekenntnis öffentlich gemacht wird, was - so der Kläger - gegen die gesetzliche laïcité verstoße, sorgte dies unter den Bischöfen für große Unruhe. Denn sollte der Klage - das Bistum hat Berufung eingelegt - endgültig stattgegeben werden, würde das womöglich bedeuten, dass in den Taufbüchern der Pfarrgemeinden alle Namen getilgt werden müssten. Der Antiklerikalismus 2011 sucht keine öffentliche Auseinandersetzung mehr, sondern gerichtliche Klärung. Für Verkündigung, Auseinandersetzung und Überzeugung ist hier kein Platz mehr.

Die Frage liegt nahe, ob dies in Deutschland so grundsätzlich anders ist. Entscheidend ist, wie Kirche und religiöse Fragen im öffentlichen Leben eines Landes vorkommen. Wird die Kirche als seriöser und kompetent-kritischer Dialogpartner anerkannt? Oder ist sie eher Vertreterin von staatlich wenig relevanten Interessen? Am wichtigsten jedoch ist, ob das Interesse der Bürger an Religion in Widerspruch steht zu deren Identität als Bürger eines Landes.

Gleich der erste Artikel der französischen Verfassung bezeichnet die Republik als „unteilbar" und „laizistisch": „La France est une République indivisible, laïque." Das birgt ein Konfliktfeld, das mit demjenigen des preußischen Kulturkampfes nach 1871 vergleichbar ist. Ist es aber der Sendung des Volkes Gottes wirklich dienlich, wenn sich die deutsche Kirche aus den Verflechtungen zwischen Staat und Kirche zurückzieht? Denn es besteht doch die Gefahr, dass die Sendung in aufreibenden Grabenkämpfen oder aber aufgrund von schleichender Vergleichgültigung verdunkelt würde. Solche Auseinandersetzungen würden auf genau jenen Feldern stattfinden, auf denen die französische Kirche seit Jahrzehnten dem Konflikt mit dem Staat nicht aus dem Weg geht: im Bereich von Erziehung und Bildung sowie im Bereich der persönlichen Freiheit, wo Christen in kritischer Distanz zu dem stehen, was staatlicherseits als zur „öffentlichen Ordnung" gehörig erklärt wird.

Genau dies ist das Unterscheidungsmerkmal, nach dem der erste von insgesamt 43 Artikeln des Gesetzes vom 9. Dezember 1905 die Trennung von Kirche und französischem Staat festlegt: „Die Republik garantiert die Gewissensfreiheit. Sie garantiert die freie Ausübung kultischer Handlungen mit der einzigen … Einschränkung, dass dies nicht der öffentlichen Ordnung zuwiderlaufen darf."

Piusbrüder und „Front national"

Um die öffentliche Ordnung ging es auch im Sommer 2010, als viele katholische Bischöfe Frankreichs offen gegen die Abschiebung von Angehörigen des Roma-Volks protestierten. Politiker warfen der Kirche daraufhin vor, religiöse Motive, wie etwa Barmherzigkeit, für wichtiger zu erachten als die öffentliche Ordnung.

Die strenge Trennung von Kirche und Staat gewährleistet offenbar keinesfalls ein gleichberechtigtes Verhältnis beider Institutionen - vor allem dann nicht, wenn fraglich wird, welchen Gesetzen eher Folge zu leisten ist: denen des Staates oder den religiösen Geboten. Schwerer noch wiegt, wenn die praktizierte Trennung von Staat und Religion einhergeht mit dem Verlust kirchlicher Einflussnahme auf die Politik. Beim Parteinehmen der Bischöfe gegen die Roma-Abschiebung und für die Menschenwürde war es ihnen jedenfalls hoch anzurechnen, diesen Konflikt mit der bürgerlichen Regierung weder verschleiert noch vermieden zu haben. Zuletzt sprach sich der Pariser Kardinal Vingt-Trois gegenüber dem Ministerpräsidenten dafür aus, dass bei aller Sorge staatlicher Autoritäten um die Wahrung der laïcité Glaubende dadurch keine Nachteile erfahren dürften. Es bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen dies auf die Praxis der laïcité haben wird. Zum gesellschaftlichen Prüfstein könnte womöglich werden, dass sich die französische Bischofskonferenz zu den in diesem Jahr anstehenden Präsidentschaftswahlen mit einer eigenen Erklärung geäußert hat, die dreizehn „Elemente der Unterscheidung" benennt. Es handelt sich um Hinweise für die Gläubigen in einer „Zeit des Wandels und der Krise".

Diese besondere Gemengelage Frankreichs ist ohne den entsprechenden komplexen historischen Hintergrund nicht zu verstehen. Dazu tragen in unserem Nachbarland auch die sich lautstark einmischenden fundamentalistischen Anhänger des 1991 gestorbenen Erzbischofs Marcel Lefebvre bei, die aus ihrer Bewunderung vormoderner Regierungsformen und deren Restauration keinen Hehl machen. Lefebvre unterstützte den Präsidentschaftskandidaten der rechtspopulistischen Partei „Front National". Wenn der Theologe Joseph Ratzinger der „Entweltlichung" der Kirche das Wort redete, wollte er sich womöglich auch von manchen katholischen Kreisen absetzen, die eine fatale Nähe zu totalitärem Denken zeigen und deshalb - im augustinischen Sinn - an der korrumpierten, also verdorbenen Welt korrumpierend Anteil haben.

Die Forderungen Benedikts XVI. an die Gläubigen, innerlich mehr Abstand zum Staat zu wahren, ist gesättigt von historischer Erfahrung. Wenn der Papst indes im Zeitalter demokratischer Staaten aus diesem Grund zu einer größeren Trennung von Kirche und Staat auffordert, liegt der Verdacht nahe, dass aus Sicht des Vatikans der weltliche Staat aus sich heraus verdorben sei - und damit unwürdig und unfähig, Partner der auf das Heil der Menschen ausgerichteten Kirche zu sein.

Laizität ist nicht Laizismus

Es gehört zur Ironie der Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte, dass sich in den Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Staat und Kirche die Positionen geradezu umgekehrt haben. So hielt der sozialistische Politiker Jean Jaurès (1859-1914), einer der engagiertesten Verfechter der laïcité, 1904 eine flammende Rede auf die strenge Trennung von Religion und Politik. Er versuchte zu zeigen, dass es der Kirche an Verständnis für die Freiheit fehle und daher ihr Einfluss auf das öffentliche Leben und insbesondere das Unterrichtswesen umgehend zu beenden sei. Heute wiederum fordert der Papst, den Glauben aus den fürsorglichen Umarmungen des säkularen Staats zu befreien. Allein darin liege die Chance zur Vertiefung des Glaubens und zur Erneuerung christlicher Identität in einer säkularen Welt.

Wenn nun nach über hundert Jahren laïcité Kirchenvertreter die dadurch entstandene Situation loben, scheint dieses Modell dem Papst recht zu geben. Bischof Marc Stenger von Troyes betonte zum Beispiel bereits 2006, dass die Laizität für die französische Kirche wie für die französische Gesellschaft ein Gewinn sei. Denn sie garantiere die Glaubens- und Gewissensfreiheit, derer eine Gesellschaft bedarf, die sich „Dialogfähigkeit, wechselseitigen Respekt, Bemühung zur Freundschaft und Solidarität" auf ihre Fahnen geschrieben hat. Allerdings fügte Stenger hinzu, dass man deutlich zwischen laïcité und laïcisme unterscheiden müsse: Bezeichnet laïcité die notwendige Unabhängigkeit des Staats gegenüber jedweder Religion und umgekehrt die Freiheit der Religionen von staatlicher Bevormundung, so wird mit laïcisme eine bisweilen aggressive Ideologie benannt, die sich durch Antiklerikalismus und die Verunglimpfung religiösen Denkens auszeichnet.

Was damit gemeint ist, wurde kürzlich durch die schrille Polemik der Parteiführerin des „Front National", Marine Le Pen, deutlich. Nachdem sich etliche tausend Muslime wochenlang zum Freitagsgebet in Großstädten vor ihren Moscheen versammelt hatten, weil die Fülle der Gläubigen keinen Platz in den islamischen Sakralbauten fand und die Muslime damit auch für Moschee-Neuerrichtungen demonstrierten (CIG Nr. 39/2011, S. 426), verglich Le Pen diese Masse gläubiger Muslime mit den deutschen Besatzern in den vierziger Jahren. Sie forderte im Sinn des laïcisme ein Verbot jedweder öffentlichen religiösen Handlungen. Ein eindrücklicheres Beispiel für die Instrumentalisierung der laïcité kann es kaum geben.

Das Vorgehen ist kein Einzelfall und beschränkt sich nicht nur auf rechtsradikale Propaganda. Manche Vertreter der politischen Linken, wie neulich die Publizistin und Feministin Elisabeth Badinter, machen die laïcité zu einer Art Zivilreligion. Zu deren „Dogmen" gehört es, zum Beispiel Musliminnen das Tragen von Burka und Kopftuch zu verbieten und dies auf den ersten Blick in einer modernen Perspektive: So wie der Mönch, der durch sein Gehorsamsgelübde freiwillig seine Freiheit aufgab, den Revolutionären von 1789 verdächtig war, sind es heute vielen Westeuropäern die Frauen im Islam, die ihr Angesicht unter einer Burka verbergen oder sich mit einem Kopftuch verschleiern.

Bei solcher Argumentation bleibt ein zentraler Wert der Aufklärung auf der Strecke: die Toleranz gegenüber dem Anderen. Das ursprüngliche Anliegen des Laizitätsgesetzes wird so ins Widersinnige verdreht. Umso notwendiger erscheint eine heute gültige Neudefinition des Verhältnisses von Staat und Kirche. Die laïcité sollte wieder positiv als Begriff der Freiheit verstanden werden. Sowohl Vertreter der französischen Geistlichkeit als auch Intellektuelle, die der Religion eher distanziert gegenüberstehen, bemühen sich mittlerweile um diesen Wandel im Verständnis. Gemeinsam ist ihnen die Überzeugung, dass die Trennung von Staat und Kirche weder als ein Übel für die Glaubensgemeinschaft noch als Triumph des Gemeinwesens anzusehen ist.

Die Philosophin Catherine Kintzler aus Lille betont in ihrer Studie „Qu'est-ce que la laïcité?" (Was ist die laïcité?, 2007, nicht auf Deutsch), dass laïcité weniger das Ergebnis eines aus einer konkreten historischen Situation heraus entstandenen Gesetzes sei als vielmehr die praktische Umsetzung des von der Aufklärung ererbten Toleranzprinzips. Gleichzeitig wissen jedoch die französischen Verfechter der laïcité auch, dass angesichts einer wachsenden Zahl von Muslimen die Trennung von Politik und Religion notwendiger denn je ist. Die katholische Kirche - nicht nur in Frankreich - kann keine Nähe zum Staat fordern, ohne sich dafür einzusetzen, dass diese auch anderen Religionsgemeinschaften gewährt wird.

Somit ist die laïcité in der Tat ein gesellschaftlicher Kompromiss, der mehr darstellt als den kleinsten gemeinsamen Nenner. Zugleich jedoch sind die französischen Katholiken peinlich bemüht, die visibilité der Kirche, also ihre öffentliche Sichtbarkeit, von dem Verdacht frei zu halten, man wolle die vernarbten Wunden des Kulturkampfes von 1905 wieder aufreißen.

Die antireligiösen jungen Frauen

Was den Glanz der laïcité als gesellschaftliche Übereinkunft jedoch verblassen lässt, ist ihr Preis: Denn der Kontakt der Kirche zu den Intellektuellen ist - abgesehen von wenigen Ausnahmen wie dem Pariser „Collège des Bernardins", einer Art katholischer Akademie, oder einigen der „Instituts Catholiques" in den Großstädten, also den kirchlichen theologischen Hochschulen - zurückgegangen. Unübersehbar ist auch, dass Religion entweder als Privatsache angesehen wird oder als gefährliches Potenzial der Intoleranz, das durch den säkularen Staat entschärft werden müsse. So ergab eine Umfrage in Frankreich, dass die große Mehrheit insbesondere jüngerer Frauen die Schriftreligionen Judentum, Christentum und Islam vor allem als Institutionen der Unterdrückung ansehen. Je jünger die Frauen waren und je höher ihr Bildungsgrad, desto häufiger waren sie dieser Ansicht. Bestätigt wurde dies durch eine Studie des angesehenen Politologen Olivier Roy, die in unserem Nachbarland für großes Aufsehen gesorgt hat.

Das französische Modell der laïcité ist freilich nicht einfachhin auf Deutschland übertragbar. Zu unterschiedlich sind die geschichtlichen Entwicklungen. Außerdem gehört es wesentlich zur deutschen Situation, dass evangelische Christen und Katholiken in einer gewissen Konkurrenz stehen, die sich letztendlich als gegenseitige Bereicherung auswirkt. Geprägt ist das deutsche Staat-Kirche-Verhältnis auch durch theologische Fakultäten an den Hochschulen, durch Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Christliche Lehrer und Hochschulprofessoren verstehen sich dabei nicht als verlängerter Arm des örtlichen Bischofs oder des päpstlichen Lehramts und können so zum gleichberechtigten Dialogpartner der Politik werden.

Ein vollständiger Rückzug aus der politischen Welt hierzulande würde bedeuten, dass die Kirche diese Aufgabe abgibt. Religiös bedeutsame Fragestellungen würden aus den Entscheidungsgremien verschwinden, in denen über Zukunftsfragen der Menschen wie beispielsweise Sterbehilfe oder Präimplantationsdiagnostik debattiert und um Lösungen gerungen wird.

Der französische Intellektuelle Alfred Grosser, der als Kind mit seinen jüdischen Eltern Deutschland verlassen musste, formuliert in seinen Kommentaren für die katholische Tageszeitung „La Croix" immer wieder ironisch die Frage, was denn den Unterschied zwischen einem deutschen und einem französischen Bischof ausmache. Grossers Antwort: „Der Deutsche spricht von Armut, der Franzose ist arm." Allerdings greift diese Sichtweise möglicherweise zu kurz. So sehr materielle Armut der Glaubwürdigkeit der kirchlichen Botschaft dienen kann, so wenig verhindert sie die Schmälerung der Religion auf eine reine Privatangelegenheit. Benedikt XVI. betonte in seiner Freiburger Rede auch, dass es ihm gerade nicht um den Rückzug der Kirche aus der Öffentlichkeit geht. Zugleich zeigt der Blick auf Frankreich, dass genau dieser Rückzug womöglich die Folge der angemahnten „Entweltlichung" der Kirche wäre.

Eine derart auf sich zurückgeworfene, „entweltlichte" Kirche würde hierzulande öffentlich dann vor allem als „Hüterin der reinen Lehre" wahrgenommen und stünde in der Gefahr, sich auch selbst so zu verstehen. Dieses Selbstverständnis wäre allerdings nicht mehr biblisch und würde die Grundidee des Christentums durchkreuzen: Das Wort wird Fleisch, es kommt in die Welt und wirkt in ihr, nicht in erhabener Entfernung von ihr. Eine stattdessen von der Kirche gesuchte und zur Schau gestellte Distanz zum demokratischen Staat würde sie der Möglichkeiten berauben, zum Heilszeichen in einer säkularen Welt zu werden. Statt eines neuen Aufbruchs bedeutete diese „Entweltlichung" einen Rückfall in die Wagenburgmentalität des Kulturkampfes.


CIG 3/2012


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