69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 23. Juli 2017

Lob der Unvollkommenheit
Von Johannes Röser
Papst Benedikt XVI. hat zum Gedenken der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils vor fünfzig Jahren ein „Jahr des Glaubens" ausgerufen. Die Erfahrungen von gestern sollten dem Gehen ins Morgen dienen.

Bischöfe und Moraltheologen warnen häufig vor dem Bestreben der Biomedizin, menschliches Leben zu perfektionieren. Dieser Drang schaffe Zwang und lasse immer weniger Platz für das Schwache, Behinderte, Imperfekte. Im Glauben, in der Lehre, in der Dogmatik, im religiösen wie ethischen Unfehlbarkeitsverständnis der Gesamtkirche wie der besonderen Autorität des Papstes, in der Behauptung absoluter Wahrheit beharrt das Lehramt jedoch selber genau auf diesem Perfektionismusanspruch, den es im weltlichen Bereich scharf kritisiert.

Einer der gern gelesenen, sehr berührenden, im religiösen Bewusstsein jedoch am stärksten verdrängten biblischen Texte stammt von Paulus, im ersten Korintherbrief: „Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden… Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war. Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse… Jetzt erkenne ich unvollkommen…"

Im Kirchenleben dagegen tun wir oft so, als ob mit der ein für alle Mal ergangenen Offenbarung in Jesus Christus die religiöse Entwicklung - abgesehen von einigen „kosmetischen" Ergänzungen und deutlicheren Formulierungen - eigentlich abgeschlossen sei. Warum aber ist dann genau dieser bestgesicherte Glaube, der sich in den Katechismen so perfekt darstellt, in eine der größten Krisen seiner Geschichte geraten? Das genaue Studium des Katechismus, das der Papst für das von ihm ausgerufene „Jahr des Glaubens" dringend nahelegt, soll - so sein Wunsch - Mängeln und Unschärfen, die sich eingeschlichen haben, abhelfen. Die große Überlieferung sei wieder in Erinnerung zu rufen. Dem scheinen zahlreiche Restaurationsmaßnahmen dienen zu sollen.

Dass das Glaubenswissen über weite Strecken, besonders stark in der mittleren und jüngeren Generation, verdampft ist, steht außer Zweifel. Die Frage ist nur: warum? Die Gründe der bewussten Ablehnung oder auch nur schleichenden Interesselosigkeit liegen ja nicht darin, dass zu wenig gemahnt, gewarnt oder gepredigt würde, sondern darin, dass das Wesen der Botschaft selber seine Überzeugungskraft eingebüßt, seine Plausibilität verloren hat unter dem Druck neuer Seinserfahrung. Die geht zum Beispiel im Horizont atemberaubenden wissenschaftlichen Erkennens schlichtweg nicht mehr zusammen mit immer noch magisch-mythologisch besetzten Gottesvorstellungswelten - bis hin zum Kult, zur Sakramentenspendung.

Erinnern statt erneuern?

Früher war eigentlich alles besser und vollkommener. Diesen Anschein wollen die neotraditionalistischen Trends wecken. Erinnern statt erneuern, lautet die Devise. Das betrifft sogar die einst sensationellen Erneuerungsversuche des Zweiten Vatikanischen Konzils und könnte mit dem nun veranstalteten Gedenken an dieses Weltereignis von gestern zu einem Ablenkungsmanöver werden von dem, was heute ansteht. Aufbrüche von ehemals lassen sich auch historisierend toterinnern bis zur Langeweile, zur Interesselosigkeit, zum Überdruss. Für die Generation Sechzig-minus hat das Zweite Vatikanum längst nicht mehr jene emotionale und rationale Bedeutung, die es für die Generation Sechzig-plus besitzt. Die Gefahr ist also nicht gering, durch das Reden über Vergangenes das müdelaufen zu lassen, was als Herausforderung für Künftiges sinnvoll und notwendig wäre: ein neues Konzil.

Traditionell-traditionalistisch orientierte Gruppierungen beklagen, dass das Zweite Vatikanische Konzil zu einem „Superkonzil" aufgebauscht worden sei, als ob es der Weisheit letzter Schluss wäre. In gewisser Weise sind diese Einwände richtig - allerdings in eine ganz andere Richtung. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte seine Zeit. Es kam in einer wichtigen Stunde - womöglich aber für die sich schon lange vorher anbahnende große Glaubenskrise der Neuzeit damals bereits viel zu spät, so dass es allenfalls noch einige Schäden begrenzen, grundlegende Glaubenserneuerungen aber nicht wirklich voranbringen konnte. Für unsere Zeit mit völlig neuen dramatischen Entwicklungen reichen die Antworten von vor fünfzig Jahren bei weitem nicht mehr aus, selbst wenn vieles von dem, was damals gesagt und beschlossen wurde, längst nicht eingeholt ist und uns Nachgeborenen weiterhin höchsten Respekt abnötigt. Das aber heißt: Das Zweite Vatikanische Konzil sollte in der Tat nicht zu einer Art Superkonzil stilisiert werden. Es konnte nur ein Markstein sein in einer viel größeren Geschichte des christlichen Glaubens, die weitergeht, imperfekt wie alles, was vorher war und was künftig sein, aber trotzdem notwendig sein wird.

Der Kulturwissenschaftler, Theologe und Diakon Karsten Erdmann beschreibt in einem anregenden Aufsatz der Zeitschrift „Geist und Leben" (1/2012) über das „unvollendbare Christentum" ein großes Missverständnis, das anscheinend jede Generation begleitet: „Es ist bei einer realistischen Betrachtung … unberechtigt, einen früheren gleichsam ‚heilen' Zustand des Christentums zu postulieren, zu dem zurückzukehren wäre. Der Blick auf die Kirchengeschichte lehrt vielmehr, dass es einen solchen Zustand in Wahrheit nie gegeben hat. Dies gilt auch für die, die versuchen, eine angeblich intakte Urkirche gegen die von vorgeblicher Klerikalisierung entstellte Kirche späterer Zeit auszuspielen, und so eine ahistorische Wunschprojektion in Gestalt einer rückwärtsgewandten Utopie konstruieren." Wird auch das Zweite Vatikanische Konzil in diesem Sinne eigenartig paradox „reaktionär-progressiv" verklärt und festgezurrt?

Wahrheit und Wahrscheinlichkeit

In gewisser Weise scheinen die traditionalistischen Kräfte, die einzig in der Vergangenheit das Heil sehen, mit den progressistischen Kräften, die dieses ausschließlich in der Zukunft verorten, demselben Trugschluss zu erliegen. Erdmann dagegen meint, es gebe keine konkret geschichtliche Gestalt des Christentums, die endgültig sei oder endgültig sein könne. „Das Christentum ist unabschließbar." Das christliche Glaubensleben sei individuell wie kirchlich niemals vollendbar. Es bleibt „Fragment, Annäherung, Umkreisung", wenn auch unter der Hoffnung auf Vollendung. Der Wille zu ständiger Besserung, Verbesserung und Reform, der Trieb zur Vervollkommung, ist allerdings etwas anderes als der Dünkel der Vollkommenheit.

Unsere Heimat liegt im Himmel - auf Erden in Bruchstücken bereit, die wir stets neu zu einem Mosaik des größeren Ganzen zusammenzusetzen versuchen, ohne jemals damit fertigzuwerden. Oftmals müssen Teile wieder herausgenommen, umgebaut, vielleicht sogar verworfen werden. Die religiösen Bilder, die wir konstruieren, die uns eingängig erscheinen, erweisen sich allenfalls als Krücken zu Wahrheit hin, nicht als die Wahrheit selber. In engagierter und aufrechter religiöser Bescheidenheit sollten wir uns redlich um Wahrscheinlichkeit mühen, statt großspurig von der Wahrheit zu reden. Denn es sind doch stets nur menschliche Deutungen und Vermutungen über Gott und Welt, die unsere Ahnen uns durch ihr bewegendes Glaubenszeugnis vorgelegt haben und die wir unseren Nachfahren - hoffentlich mit ähnlicher Tiefe und Ergriffenheit - vorlegen.

Das Ganze erscheint im Fragment

Gemäß dem Bekenntnis des Verfassers des Johannesevangeliums, als Wort Jesu ihm in den Mund gelegt, ist Christus allein der Weg, die Wahrheit und das Leben. Nicht wir sind es. Das Wahre, in dem wir leben, uns bewegen und sind, zeigt sich von Fall zu Fall als das uns Angemessene, Plausible, Sinnvolle. Auch im Glaubensleben haben wir mit dem zu rechnen, was in den Naturwissenschaften längst gilt: dass neue Erkenntnis das bisher Gewusste, Gefühlte, Gemeinte und Gedeutete falsifiziert, widerlegt. Dann aber gibt es auch auf religiösem Feld nicht nur, wie wir manchmal allzu heroisch meinen, Kontinuitäten, sondern echte Brüche, Paradigmenwechsel, wie Hans Küng sie vielfach beschrieben hat. Auch diese Brüche sind Teil des religiösen Wahrheitsstrebens auf dem Weg mit Christus in Christus.

Dieses Eingeständnis der anhaltenden Unschärfe und Unzulänglichkeit in der je eigenen religiösen Erfahrung gehört mit „zum Echtesten, was christliche Spiritualität überhaupt zu erreichen vermag", sagt Erdmann. Das glaubende Individuum wird dabei immer auch mit dem eigenen Unglauben konfrontiert. Nur durch das Fremde, Andere Gottes kann „der Weg zur Transzendenz Gottes offen gehalten werden". Niemand weiß heute, was und wie er in einigen Jahren glauben wird. Niemand weiß, wie die Kirche in zehn, zwanzig, fünfzig Jahren oder gar in einem Jahrtausend oder zwei Jahrtausenden aussehen, ja ob sie in heutiger Art überhaupt noch bestehen wird nach so vielen Umbrüchen und Niedergängen der Religionsgeschichte. Auch die Kirche ist in dieser Hinsicht ein weltlich Ding, dem Gang der vielfältigen Geistesgeschichte unterworfen, in der Religionen kommen und gehen. Keine der heute existierenden Glaubensweisen ist älter als zwei- bis dreitausend Jahre. Auch das sollte kirchlichem Triumphalismus und Traditionalismus eine Lehre sein. Um ihrem Auftrag treu zu bleiben, Christus und die Hoffnung auf Auferstehung zu verkündigen, muss die Kirche hinter diesen Christus zurücktreten, der in unserem Verständnis die Ikone des unsichtbaren Gottes ist - und als Ikone selber Mysterium, den Deutungen und Erfahrungen der Menschen und der Geschichte ausgesetzt.

Die Glaubensgemeinschaft lebt in Paradoxien, die nie aufzulösen sind. Sie gebären das Fragmentarische des Glaubens, ohne das es jedoch kein wahres, glaubwürdiges Glauben gibt. Dazu gehört - so Karsten Erdmann - „dass die Kirche nicht in Rastern wie ‚progressiv' oder ‚konservativ' zu fassen sein kann. Denn einerseits ist sie die konservativste ‚Organisation', die überhaupt vorstellbar ist - sie soll die ergangene Offenbarung Gottes in der Gestalt Jesu in ihrer ganzen Fülle durch die Zeit tragen; keinesfalls nur im Sinne einer lehrhaft-didaktischen Vermittlung, sondern im Sinne sakramentaler Aktualität und ganzheitlicher Zeugenschaft. Und zugleich - und dadurch bedingt - ist sie im Kern nicht nur die ideologiekritischste, sondern geradezu subversivste Einrichtung, die in der Geschichte überhaupt zu finden sein dürfte, denn die Kirche darf alles sich unter den Paradigmen des Kulturellen, Politischen usw. Ereignende nur sub specie aeternitatis (unter dem Blickwinkel der Ewigkeit; d. Red.) sehen, was heißt: in aller Vorläufigkeit und Bedingtheit." Glauben geschieht weniger als Akt denn als laufender Prozess, in einem „Fließgleichgewicht".

Nicht selten lassen sich die Schwierigkeiten gar nicht auflösen. „Lösen" - so Erdmann - sei dann im günstigen Fall immer nur ein Wahrnehmen, Deuten, Umkreisen, Aushalten. Aber genau das ist Glauben: „Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben." Das Ganze erscheint im Fragment.

Der Papst ist kein Weltpfarrer

Deshalb muss die Glaubensgemeinschaft mit ihrer amtlichen Autorität immer wieder Entscheidungsprozesse - und nicht nur Gesprächsprozesse - in Gang setzen. Dabei sollte man nicht falscher Harmoniesucht verfallen und purer Beschwichtigung huldigen. Die großen Konzilien wie die vielen Synoden der Kirchengeschichte gab es gerade nicht, weil so viel Friede, Freude, Sonnenschein herrschte, sondern weil sich Unzufriedenheit und Unruhe mehrten, weil Dissonanzen, heftiger Streit und unterschiedliche Ansichten nach Verständigung und Reform verlangten, was immer mit Trennungen und Abspaltungen einherging. Das wird in Zukunft nicht anders sein. Aber Streiten ist gut und notwendig. Ohne Streiten gibt es keinen Erkenntnisgewinn. Nicht Ruhe ist die erste Bürgerpflicht des Christen, sondern Unruhe, Bewegung, Spannung, wie das Christusereignis höchste Unruhe, Bewegung, Spannung verursachte und verursacht. Im Bewusstsein des Unvollkommenen wächst das Neue aus Bekanntem wie Unbekanntem.

Der Wettbewerb um Überzeugung und Einsicht verlangt ebenso eine stets sich erneuernde Theologie. In allen Fragen braucht es irgendwann allerdings Entscheidungen, selbst wenn sie noch so provisorisch ausfallen mögen und faktisch niemals unfehlbar sind. Der Mut, das religiös Fragmentarische anzuerkennen, fordert besonders die lehramtliche Autorität und deren Machtausübung heraus. Ein Papst zum Beispiel ist nicht dazu da, eine Art Weltpfarrer zu sein, der möglichst viele Massengottesdienste vor den Augen der Welt halten soll. Er ist insbesondere dazu da, Einheit in Vielfalt zu fördern, Beratungen zu moderieren, vor allem Entscheidungen voranzubringen, die dem Reformpotenzial und dem Ausmaß an Reformnotwendigkeit wirklich gerecht werden, und dazu einen breiten Konsens im Sinn der Glaubenden zu suchen. Auch diese Entscheidungen werden und können nie jedem gefallen. Sie werden unvollkommen bleiben. Aber das ist Kirchengeschichte.

Wider die Unglückspropheten

Vor allem sollen Kirchenführer als Hirten des Gottesvolkes dieses ins Morgen führen und nicht ängstlich alles beim Alten, im Gestern lassen. Manchmal drängt sich der Eindruck auf, dass die Christenheit momentan weniger an überzogener Führungsstärke als an Führungsschwäche leidet. Konzilien können und sollen helfen, verlorene oder aus Ängstlichkeit verdrängte Führungskompetenz wiederzuerlangen. Papst Johannes XXIII. gab dafür selber ein herausragendes Beispiel, als er am 11. Oktober 1962 das Zweite Vatikanische Konzil eröffnete mit einer aufsehenerregenden, Mut machenden, energisch nach vorn weisenden Rede, wie man eine solche seitdem aus diesem höchsten Amt kaum mehr vernommen hat:

„Um eure Freude vollkommener zu machen, die in dieser feierlichen Stunde unser Herz erfüllt, wollen wir hier berichten, unter welch glücklichen Umständen diese ökumenische Synode ihren Anfang nahm.

In der täglichen Ausübung unseres apostolischen Hirtenamtes geschieht es oft, dass bisweilen Stimmen solcher Personen unser Ohr betrüben, die zwar von religiösem Eifer brennen, aber nicht genügend Sinn für die rechte Beurteilung der Dinge noch ein kluges Urteil walten lassen. Sie meinen nämlich, in den heutigen Verhältnissen der menschlichen Gesellschaft nur Untergang und Unheil zu erkennen. Sie reden unablässig davon, dass unsere Zeit im Vergleich zur Vergangenheit dauernd zum Schlechteren abgeglitten sei. Sie benehmen sich so, als hätten sie nichts aus der Geschichte gelernt, die eine Lehrmeisterin des Lebens ist, und als sei in den Zeiten früherer Konzilien, was die christliche Lehre, die Sitten und die Freiheit der Kirche betrifft, alles sauber und gerecht zugegangen.

Wir aber sind völlig anderer Meinung als diese Unglückspropheten, die immer das Unheil voraussagen, als ob die Welt vor dem Untergang stünde. In der gegenwärtigen Entwicklung der menschlichen Ereignisse, durch welche die Menschheit in eine neue Ordnung einzutreten scheint, muss man viel eher einen verborgenen Plan der göttlichen Vorsehung anerkennen. Dieser verfolgt mit dem Ablauf der Zeiten, durch die Werke der Menschen und meistens über ihre Erwartungen hinaus sein eigenes Ziel, und alles, auch die entgegengesetzten menschlichen Interessen, lenkt er weise zum Heil der Kirche." Das könnte Wort für Wort genauso über einem neuen, dringend notwendigen Konzil stehen.

CIG 5/2012


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