69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 24. September 2017

Theologie ohne Theologen?
Von Stephan U. Neumann
Innerhalb von nur fünfzehn Jahren hat sich die Zahl der katholischen Theologiestudentinnen und -studenten, die ein sogenanntes Vollstudium absolvieren, halbiert. Strebten 1995 noch 4443 Studierende ein kirchliches Examen an, um Priester zu werden, oder ein Diplom, um später als Pastoralreferent zu arbeiten oder um eine wissenschaftliche Karriere zu beginnen, waren es 2010 an den zwanzig staatlichen und kirchlichen Fakultäten Deutschlands nur noch 2174. Der Frankfurter Sozialethiker Bernhard Emunds und die Theologin Silke Lechtenböhmer haben in einer Studie „Zur Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses in der katholischen Theologie" auf einen dramatischen Nachwuchsmangel in diesem Fach hingewiesen. Dabei ist die Theologie bislang sehr gut in der Hochschullandschaft vertreten, und das Verhältnis von Professoren zu Studierenden mutet im Vergleich zu anderen Disziplinen geradezu paradiesisch an.

Betroffen sind mittlerweile alle Ebenen des wissenschaftlichen Betriebs. So ist die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter an den elf katholisch-theologischen Fakultäten an staatlichen Universitäten in den vergangenen dreißig Jahren um ein Drittel eingebrochen. Da die Stellen des sogenannten akademischen Mittelbaus allein in den letzten fünf Jahren um vierzehn Prozent verringert wurden, handelt es sich der Studie zufolge, die vom Theologischen Fakultätentag und von der Bischofskonferenz in Auftrag gegeben wurde, um einen beschleunigten „längerfristigen Trend, den man als einschneidenden Substanzverlust beschreiben muss". Innerhalb von nur fünf Jahren ist die Zahl der jährlichen Promotionen um ein Viertel zurückgegangen. Zwischen 2000 und 2006 wurden pro Jahr noch durchschnittlich 118 Doktortitel vergeben, wie die von Emunds zum Vergleich herangezogene Studie des Münsteraner Sozialwissenschaftlers Karl Gabriel von 2007 belegt. Zwischen Januar 2006 und Juni 2011 wurden aber nicht einmal mehr neunzig Doktorarbeiten pro Jahr vorgelegt. „Geht dieser Substanzverlust ungebremst weiter, droht die Zahl der Promotionen in der katholischen Theologie auf das Niveau der siebziger Jahre zu fallen, als sie bei 60 bis 65 Promotionen pro Jahr lag", erläutert die Studie, die den deutschen Bischöfen bei ihrer Frühjahrsvollversammlung in Regensburg zur Diskussion vorlag. Der dramatische Schwund bedeutet auch, dass die Theologie insgesamt beträchtlich an Bedeutung und wissenschaftlichem Ansehen verliert.

Schule statt Kirche

In den gleichen Zeiträumen hat sich zudem die Zahl der Habilitationen, die im Allgemeinen die Voraussetzung für eine akademische Lehrtätigkeit sind, deutlich verringert - um ein Fünftel auf durchschnittlich etwa achtzehn pro Jahr. Bis Ende 2015 werden zum Beispiel im Fach Moraltheologie auf sieben frei werdende Lehrstühle allenfalls acht Habilitierte als Bewerber infrage kommen. Ein ähnlicher Engpass droht dem Fach Alte Kirchengeschichte nach dem Jahr 2015.

Im Gegensatz dazu ist die Anzahl der Lehramtsstudierenden um ein Fünftel in den vergangenen fünfzehn Jahren gestiegen. Waren es 1995 noch 12705, hatten 2010 sogar 15328 junge Frauen und Männer das Ziel, nach dem Studienabschluss Religion in der Schule zu unterrichten. Dass in Passau und Bamberg seit 2007 der Fakultätsstatus ruht und die ehemaligen Fakultäten nun mit deutlich weniger Professoren zu den insgesamt 34 seminarartigen Lehrerausbildungsstätten gehören, erscheint angesichts der Zahlen nur folgerichtig. Das gilt auch für die Einstellung des Vollstudiums an der Philosophisch-Theologischen Hochschule des Salesianer-Ordens in Benediktbeuern mit dem Ende des Sommersemesters 2013.

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch von Freiburg, deutete in einer Pressekonferenz an, dass er mit weiteren Umwandlungen von Voll-Fakultäten in auch personell verschlankte Institute zur Lehrerausbildung rechnet. Die Bischöfe seien sich jedoch einig, dass sie „eine starke, eine fachlich gute und eine gesprächsfähige Theologie" wollen. Offen bleibt, „woher die kommen soll, wenn die Kirche nicht als Ort des freien Wortes und Gedankens erkennbar ist", merkte die „Süddeutsche Zeitung" kritisch an, die sich als eine der wenigen überregionalen Medien überhaupt in zumindest wenigen Zeilen zum befürchteten Niedergang der Theologie äußerte. Ansonsten ist die Theologie im öffentlichen Meinungsbild und allgemeinen Interesse so gut wie überhaupt kein Thema mehr - ganz anders als etwa in der Zeit des Konzils, der Würzburger Synode, der Debatten über die Entmythologisierung und die Jesusforschung oder die Befreiungstheologie.

Sogar die kirchen- und betont lehramtsnahe Katholische Nachrichten-Agentur sieht „im Land des Professoren-Papstes" die Theologie dahinwelken. Und das nur eine Generation nachdem mit Karl Rahner, Hans Küng, Johann Baptist Metz, Walter Kasper, Karl Lehmann und eben auch Joseph Ratzinger klangvolle Namen „der Theologie ‚made in Germany' internationale Geltung verschafft" hätten. Unerwähnt bleibt, dass in dieser Reihe großer Theologen mit Karl Rahner einer steht, dem zeitweise die Lehrerlaubnis entzogen wurde, und mit Hans Küng jener bedeutende Theologe, der zwar international großes Ansehen genießt, aber dauerhaft mit einem amtlichen Lehrverbot belegt wurde. Theologen, die das offene Gespräch mit anderen Wissenschaften und der Öffentlichkeit suchen und die religiöse Frage produktiv wie kritisch im Horizont von Aufklärung und Entmythologisierung bedenken, haben ohnehin einen schweren Stand. Bei zu viel Mut und Wahrhaftigkeit müssen sie mit dem vatikanischen Einschreiten rechnen. Die Liste der Namen und Verbote ist lang.

Frauen und die „Priesterquote"

Eine Theologie, die voller Rücksichtnahme und vorauseilendem Gehorsam wissenschaftlich gehemmt und kaum noch kreativ, innovativ ist, wird jedoch an aka­demischer wie gesellschaftlich-kultureller Bedeutung verlieren. Die Halbierung beim theologischen Vollstudium ist bereits ein erstes Signal dafür. Gerade die kritischen, wissenschaftlich und gesellschaftlich aufgeschlossenen Studierenden wenden sich vermehrt ab. Nicht selten erleben die Studierenden, dass nur die „alten" Professoren kritisch Stellung beziehen, wenn sie „Karrierepläne" etwa in Bezug auf das Bischofsamt aufgegeben haben. Journalisten stellen ebenso wie Verlage fest, dass Nachwuchswissenschaftler nicht durch allzu offene und kritische Beiträge eine mögliche Professur aufs Spiel setzen wollen.

Ein deutliches Signal für den Zustand im innerkirchlichen Disput besonders über die Rolle der Frau ist auch, dass das Interesse der Frauen an einer wissenschaftlichen Qualifikation in der katholischen Theologie deutlich erlahmt. Die Zahl ihrer Promotions- und Habilitationsprojekte ist stark rückläufig, wie die Studie zeigt. Wer auch nur aus der Entfernung Berufungsverfahren in den vergangenen Jahren beobachtet hat, wird sich kaum darüber wundern, dass Frauen der katholischen Theologie den Rücken kehren. So ziehen sich gerade bei ihnen die „Nihil obstat-Verfahren", bei denen der zuständige Bischof und der Vatikan prüfen, ob einer Berufung „nichts entgegensteht", häufig endlos hin. Und so wie diplomierten Theologinnen das geistliche Amt verwehrt ist, kommen sie wegen der „Priesterquote" bei Professorenstellen kaum zum Zug. Obwohl eine genaue Festlegung in kirchlichen Dokumenten fehlt, gilt es als ungeschriebenes Gesetz, dass die Professorenschaft mindestens zur Hälfte aus Priestern bestehen soll. Um diesen Anteil zu wahren, haben die Bischöfe einige Anstrengungen unternommen. 2011 waren zwei Prozent aller aktiven Priester promoviert oder habilitiert, 2006 waren es nur 1,6 Prozent.

Der Nachwuchsmangel betrifft aber nicht nur die Wissenschaft. Auch in der Seelsorge wird es immer schwieriger, Stellen mit geeigneten Bewerbern zu besetzen. Galt bislang die zurückhaltende Einstellung von Pastoralreferenten in einigen Bistümern als Grund für sinkende Studierendenzahlen, so ist beispielsweise im Erzbistum Freiburg zu beobachten, dass immer weniger Frauen und Männer sich überhaupt zu Pastoralreferenten ausbilden lassen wollen. Bislang hieß es, man habe pro Jahr zehn plus x Ausbildungsplätze. In den letzten Jahren starteten aber nur etwa sieben Pastoralassistenten.

Der Freiburger Weihbischof Paul Wehrle will „Spiegel Online" zufolge „ein waches Auge auf Lehramtsstudenten werfen, um geeignete Kandidaten zu motivieren, weiterzumachen". Zur Pastoralreferenten-Ausbildung sind in Freiburg allerdings auch Lehramtsstudenten zugelassen. Und wer sein Studium mit einem Staatsexamen abschließt, das für den Unterricht am Gymnasium berechtigt, kann auch heute schon promovieren. Dass trotzdem Ausbildungsplätze frei sind und immer weniger eine wissenschaftliche Karriere anstreben, deutet darauf hin, dass weitere Faktoren eine abschreckende Rolle spielen.

Die zunehmende Zahl von Studierenden, die Religionslehrer werden wollen, belegt schließlich, dass es nach wie vor junge Menschen gibt, die öffentlich ihren Glauben bekennen wollen. Wo sie dies wie im Fall des konfessionellen, also bekennenden Religionsunterrichts relativ frei und vor allem selbstverantwortet tun können, mangelt es nicht an Bereitschaft. Die Aussicht, zwar akademisch einem Priester gleichwertig ausgebildet zu sein, aber ohne wirkliche Aufstiegsmöglichkeiten von den Freiräumen abhängig zu sein, die der letztverantwortliche Pfarrer gewährt, ist für junge, in einer demokratisch-aufgeklärten Gesellschaft groß gewordene Frauen und Männer nicht mehr sonderlich anziehend.

Für den Nachwuchs an den Universitäten ist ohnehin in allen Fachbereichen die Lage nicht besonders rosig. „Deutsche Nachwuchswissenschaftler haben schlechte Aussichten auf einen langfristigen Job in der Forschung. Ihre Karriere können sie kaum planen, Familie und Privatleben kommen unter die Räder. Wer kann, flüchtet ins Ausland oder in die Wirtschaft", fasste „Spiegel Online" die Tendenz zusammen. Für Theologinnen, aber auch Theologen, die keine Priester sind, kommen die genannten hierarchisch-dogmatischen Problemfelder noch erschwerend hinzu.

Um junge, kritische, geistreiche Frauen und Männer für Theologie und Kirche wieder zu begeistern, ist vor allem die Wissenschaftsfreiheit faktisch zu achten - und nicht nur als Lippenbekenntnis zu behaupten. Es geht dabei keineswegs - wie manchmal polemisch behauptet wird - um eine demokratische Verhandlung wesentlicher Glaubenssätze. Neue Methoden und Erkenntnisse, der Austausch mit anderen Wissenschaften führen zu einem tieferen Verstehen des Gottesglaubens, der immer schon gesellschaftlichen und geschichtlichen Wandlungen unterworfen war und der stirbt, wenn man sich den Wahrheiten neuer Zeiten verschließt. Dass der Mensch sich - im deutschsprachigen Raum mit einer bemerkenswerten Konsequenz - wissenschaftlich mit Gott, Glauben und Welt auseinandersetzt, gehört zur göttlichen Berufung menschlicher Existenz. Diese von Gott gewährte Freiheit sollte die Neugier gerade fördern - und die Kirche dieselbe nicht lähmen.


CIG 11/2012


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