69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 28. Mai 2017

Wege aus der Kirchenkrise
Von Wolfgang Beinert
Die christlichen Glaubensgemeinschaften werden momentan erschüttert wie noch nie in der Neuzeit. Was ist zu tun? Eine theologische Gewissenserforschung.

Wo liegen die Gründe für den desaströsen Zustand des Christentums, der Kirchen? Kritiker weisen gern auf den Problemstau hin, der jede Dynamik blockiere. Man müsse zum Beispiel in der katholischen Kirche nur den Zentralismus eindämmen, mehr Feminismus zulassen, in ethischen und moralischen Fragen liberaler urteilen, die Gesetze weniger streng auslegen und mehr Demokratie walten lassen, um eine neue Blüte der Religion heraufzuführen. So einleuchtend diese Sicht insgesamt und so berechtigt manche Vorschläge im Einzelnen auch sein mögen - diese Diagnose ist zu vordergründig. In Wirklichkeit rühren die Schwierigkeiten aus der Dualität, aus der Zweipoligkeit, die die Religion Christi zutiefst prägt. Diese Spannung kann als fruchtbare Dialektik wirken, aber auch zu einem verderblichen Dualismus ausarten, wenn das eine Prinzip das andere verdrängt, unterjocht oder als feindlich bekämpft.

Die theologische Spannung beginnt schon im Gottesbegriff. Nach christlichem Glauben ist Gott der Drei-Eine. Das Unum, die Einheit, ist gleich wesentlich, gleich bestimmend, gleich glaubenswichtig wie das Trinum, die Dreiheit. Die ganze Dogmengeschichte belegt, wie problematisch es zu jeder Epoche gewesen ist, das Moment des Einen und das Moment des Vielen in Gott zusammenzudenken und auf die Gotteswirklichkeit und damit auch auf die Glaubenswirklichkeit zu übertragen. Das Einheitsmoment birgt untergründig die Gefahr eines autoritären Absolutismus, während die Dreifaltigkeit Raum zu lassen scheint für unbegrenzte Pluralität in allen Dimensionen.

Wahre Katholizität

Innerhalb der Christologie, der Lehre von Christus, gibt es einen weiteren dualen Widerstreit. Die Rolle und Bedeutung Christi liegt zum einen darin, dass er durch seine Erlösungstat in den Strukturen der Welt, die durch Sünde und Zerfall geprägt ist, das Reich Gottes endgültig aufrichtet in seinem Namen. Das jeweils Nichtchristliche ist in dieser Perspektive das Antichristliche, das Feindliche und Auszuschließende. So wird ein Wagenburgdenken gefördert. Zum anderen liegt die grundlegende Aussage der Bibel darin, dass der Logos die Erlösung durch die Inkarnation, die „Einfleischung“ in das Irdische, Weltliche, Menschliche vollzieht, also durch die totale Solidarität mit der ganzen Schöpfungswirklichkeit.

Die Kirchenväter bejahten die universale Erlösung durch Christus. Nach ihrer Meinung forderte sie auch das Eingehen Christi in die Tiefen der Kreatürlichkeit. Quod non assumptum, non sanatum: Was der Erlöser sich nicht zu eigen gemacht hat, das ist auch nicht erlöst. Daraus ergibt sich eine grenzenlose Offenheit des Christlichen gegenüber dem Nichtchristlichen, eine wahrhaft weltumspannende Katholizität, die ihre Grenze nur im absoluten Bösen, in der nackten Sünde hat.

Eine ähnliche Spannung können wir im Schöpfungsbegriff finden: Die Welt, in der wir zu leben haben und in der sich auch das Schicksal der Kirche abspielt, ist nicht einfach nur gut. Schon im Neuen Testament erscheint ein zweifacher Begriff von kosmos. Der Evangelist Johannes verwendet an vielen Stellen das Wort „Welt“, meistens gekennzeichnet als „diese Welt“ (ho kósmos hoútos), als ein Synonym für das Widergöttliche und Antichristliche. Das Schicksal des Erlösers wird dadurch bestimmt, dass „die Welt ihn nicht erkannt hat“ (vgl 1,10). Sein Triumph besteht darin, dass er den Fürsten dieser Welt überwindet (14,30) und damit die Welt besiegt (16,33). Die Loslösung von der Welt ist daher eine grundlegende Zielsetzung des Christenlebens (vgl. 1 Joh 2,15).

Haupt ohne Glieder?

Auf der anderen Seite aber ist die Welt das Werk Gottes, also von grundlegender Güte. Dasselbe Johannesevangelium, das sich so weltverachtend gibt, erkennt auch: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (3,15). Das Heilshandeln Christi kann daher auch als Schaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde beschrieben werden (vgl. Offb 21).

Das Weltverhältnis des Christen muss also kritisch abwägend sein: Er darf diese Welt als gutes Geschenk annehmen, nutzen und gestalten, aber ihr nicht verfallen. Er muss zusehen, dass er der „neuen Welt“ Raum gibt. Christliches Denken ist aber ebenso eschatologisch, auf das endgültige, endzeitliche Kommen Christi ausgerichtet. Der Maßstab für den Umgang mit der Welt ist die Unterscheidung der Geister (vgl. 1 Kor 12,10; 1 Joh 3). Das wiederum setzt eine eingängige Lehre vom Heiligen Geist (Pneumatologie) voraus.

Schließlich bleiben die unauflöslichen Spannungen in der Lehre von der Kirche (Ekklesiologie). Theologisch ist es außerordentlich schwierig, ein so komplexes Gebilde wie die Kirche zu beschreiben. Ausgehend vom Neuen Testament und an ihm orientiert haben sich zahlreiche Kirchenbegriffe Geltung verschafft, die nicht einfach austauschbar sind, sondern unterschiedliche Gesichtspunkte ausdrücken. Selbst ein einzelnes ekklesiologisches Vorstellungsmodell kann in sich mehrdeutig sein. Besonders nachdrücklich hat sich das Bildwort von der Kirche als Leib Christi eingeprägt. Paulus verwendet es ursprünglich, um die Bedeutung der unterschiedlichen Gnadengaben (Charismen) und ihre Gleichwertigkeit für die Kirche herauszuarbeiten. Wie ein Leib viele Glieder hat, die von unverzichtbarer Bedeutung für den Körper sind, so ist auch die je einzelne Gnadengabe unerlässlich für den Leib Christi. Aus dieser Vorstellung ergibt sich die Vision der Glaubensgemeinschaft als Communio, als Gemeinde grundsätzlich gleicher Subjekte.

Man kann freilich das Augenmerk nur auf das wichtigste Leibesglied richten, das Haupt, also Christus. Wenn dann jemand konkret fragt, wo und wie dieses Haupt wirkt, wird er seit dem Mittelalter auf den Papst verwiesen, dem der ursprünglich allen Priestern zukommende Titel „Stellvertreter Christi“ (vicarius Christi) exklusiv zuerkannt wird, seit 1983 auch im Kirchlichen Gesetzbuch. Der Gedanke der Communio bezieht sich aber dann nicht mehr in erster Linie auf die Gemeinde als Ganzes, sondern auf das Haupt: Communio ist dann ausschließlich hierarchisch gedacht, als Verbindung und Gemeinschaft mit dem Papst. Aus diesen als Beispiele geschilderten spannungsvollen Dualen sind in der Kirchengeschichte leider nur zu oft Dualismen, also feindliche, sich gegenseitig ausschließende Prinzipien geworden. Der eine Pol wurde einseitig zum Schaden des anderen hervorgehoben. Zeitbedingte feudalistische Strukturen bestimmten mit, wo theologisch die Akzente gesetzt wurden: die Einheit Gottes, die Einzigkeit Christi, die Negativität der Sünde, der Zentralismus im Kirchenregiment. Die heutige Kirchenkrise besteht exakt darin, dass sich unter dem Einfluss der demokratischen Gesinnung in der Gesellschaft der Gegenwart diese kirchlichen Einseitigkeiten nachteilig auswirken. Solche jeweilige Einseitigkeit, solcher Dualismus kann aber nicht mehr funktionieren. Das macht den epochalen Wandel der Vorstellungswelten aus, der sich in der Glaubensgemeinschaft vollzieht. Die Zukunft der Kirche, ihr Schicksal, hängt davon ab, wie sie damit umgeht und wie sie damit fertig wird. Nach Hellenisierung, Germanenmission und Aufklärung steht das gesamte kirchlich-christliche Leben vor einer epochebestimmenden Richtungsentscheidung.

Johannes XXIII. statt antimodern

Die eigentliche Ursache der misslichen Situation ist die tiefe Ungleichzeitigkeit des Kircheseins. Die Moderne wurde zum Horrorwort für alle wirklichen und angeblichen Verfallssymptome, die man mit rigidem antimodernistischem Vorgehen zu bekämpfen versuchte und versucht. Für den Soziologen Franz-Xaver Kaufmann ist der Hauptgrund für den kirchlichen Einflussverlust die „Veränderung im Verhältnis von kulturellen, organisatorischen und lebensweltlichen Aspekten dessen, was bis dahin ohne Mühe bald als ‚Christentum', bald als ‚Religion', bald als ‚Kirche' bezeichnet wurde. Seit den siebziger Jahren entwickelt sich der Sinn dieser drei Aspekte zunehmend auseinander.“

Man kann auch sagen: Schuld ist der Mangel an geschichtlichem Denken bei vielen kirchlichen Entscheidungsträgern. Das Heute wird nicht als heutige Stunde der Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit verstanden, die wie alle anderen Stunden der Kirchengeschichte unter Gottes Schutz steht, sondern als eine Epoche des radikalen, umfassenden und unumkehrbaren Verfalls. Bezeichnenderweise haben die mit großem Wohlwollen von der Kirchenleitung betrachteten traditionalistischen Randgruppen genau diese apokalyptische Sicht. Das Grundgefühl ihrer Lebens- und Glaubenseinstellung ist die flottierende Angst vor der Gegenwart, die wiederum zum Nährboden eines schleichenden oder offenen Fundamentalismus wird. Manchmal ist es dann nicht mehr weit bis zur Sympathie mit politisch rechten Gruppen. Sucht man hingegen ein Kennwort für frühere Generationen, die die Begegnung mit ihrer Welt nicht gescheut haben, dann fällt einem das Stichwort „Renaissance“ ein. Mit der Erinnerung an die Anfänge und nicht mit düsteren Untergangs- und Endzeitgedanken wollte man die Krisen in den Griff bekommen. Erneuerung aus dem Geist der ursprünglichen Offenbarung war das Ziel. Die Kirche sollte neu geboren werden und in der neuen Lage die unverändert lebendige Kraft Gottes erweisen.

Auch in der Kirche der Neuzeit gab es solche dynamischen Aufbrüche. In genialer Erleuchtung wollte Johannes XXIII. die verhängnisvolle Zeitverschiebung zwischen Welt und Kirche durch ein Konzil aufheben, dessen Programm als Aggiornamento, als Hinführung der Kirche ins Heute, ausgerufen wurde. Der Beginn dieses Weltereignisses war exakt vor einem halben Jahrhundert. Die Bilanz fällt allerdings gemischt aus. Gewiss machte sich das Konzil viele Erkenntnisse aus dem Denken der Aufklärung zu eigen: Die Grundeinstellung zu Fortschritt, Wissenschaft, Demokratie, Eigenständigkeit der irdischen Wirklichkeiten wurde positiv. Theologische Erkenntnisse fanden Heimatrecht in Gestalt der Anerkennung der Menschenrechte, einschließlich der Religions- und Gewissensfreiheit. Das Verhältnis zum Judentum wurde auf eine neue Grundlage gestellt. Auch Anliegen der Reformation nahm das Konzil auf. Als Beispiele seien erwähnt: der Vorrang der Heiligen Schrift, die Volkssprache in der Liturgie, die Reform der Volksfrömmigkeit. Der durch das Erste Vatikanische Konzil übertriebene päpstliche Zentralismus bekam ein Gegengewicht durch die Aufwertung des Bischofsamtes und die Betonung der Ortskirche.

Fünfzig Jahre ungelöst

Von fundamentaler Bedeutung war das tief seelsorgliche und geschichtliche Denken der Versammlung, das in allen Dokumenten spürbar ist. Es kam treffend in der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ über die Kirche in der Welt von heute zur Sprache, wo es im Schlusswort heißt: „Was diese Heilige Synode aus dem Schatz der kirchlichen Lehre vorlegt, will allen Menschen unserer Zeit helfen, ob sie an Gott glauben oder ihn nicht ausdrücklich anerkennen, klarer ihre Berufung unter jeder Hinsicht zu erkennen, die Welt mehr entsprechend der hohen Würde des Menschen zu gestalten, eine weltweite und tiefer begründete Brüderlichkeit zu erstreben und aus dem Antrieb der Liebe in hochherzigem, gemeinsamem Bemühen den dringenden Erfordernissen unserer Zeit gerecht zu werden. Mit Rücksicht auf die unabsehbare Differenzierung der Verhältnisse und der Kulturen in der Welt hat diese konziliare Erklärung in vielen Teilen mit Bedacht einen ganz allgemeinen Charakter; ja, obwohl sie eine Lehre vorträgt, die in der Kirche schon anerkannt ist, wird sie noch zu vervollkommnen und zu ergänzen sein, da oft von Dingen die Rede ist, die einer ständigen Entwicklung unterworfen sind.“

Das Konzil wusste, dass die Gefahr der Ungleichzeitigkeit oder, positiv formuliert, die Notwendigkeit des Aggiornamento ständig in der ganzen Weltzeit gegeben ist. Aber leider wurden die Konzilsväter nicht ermächtigt, alle schon damals drängenden Fragen wenigstens zu diskutieren. Diese Fragen sind identisch mit den Problemen, die heute - immer noch - zu den Dringlichkeitsfragen erster Ordnung zählen: zum Beispiel die Zölibatsverpflichtung des lateinischen Klerus, der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, die Haltung zur Sexualität und zur Geburtenregelung im Besonderen, die Art der Bischofsernennungen und die Kurienreform. Doch die Tabuisierung hat nichts gebracht. Die Fragen sind nicht beantwortet, sondern verschärft worden. Inzwischen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der konziliare Aufbruch behutsam und bedachtsam ungeschehen gemacht werden soll. Das aber würde dazu führen, dass die Kirchenkrise ein lebensbedrohliches Ausmaß erreicht.

Die Macht braucht Geist

Was kann man tun? Was muss die Kirche anders machen - wobei wir unter Kirche nicht „Rom“ verstehen können, sondern den ganzen Leib Christi, das ungeteilte Volk Gottes, uns selber einbeschlossen?
Hier kann kein umfassendes Reformprogramm erstellt werden. Es sind nur wenige theologische Linien ausziehen.

Erstens: Die Bibel kennt eine große freiheitliche Tradition, nach der der Vater der Gott des Exodus, der Sohn der Erlöser, der Geist das Heilsgut ist. Daraus hat das Christentum den Personenbegriff ausgebildet, der seinerseits Grundlage der Menschenrechte ist. In dieser Freiheitstradition muss weitergedacht werden. Für die Kirche ergibt sich daraus die Notwendigkeit der restlosen Solidarität mit der Menschheit.
Zweitens: Die Lehre vom Heiligen Geist (Pneumatologie) muss vertieft werden. Nach dem Johannesevangelium steht die Kirche nie als Wahrheitsbesitzerin auf dem Markt der Welt, sondern ist Schülerin des Heiligen Geistes, der sie unablässig in die Wahrheit einführt (16,13). Das bringt die Pflicht mit sich, die Paulus anmahnt: „Löscht den Geist nicht aus! Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles und behaltet das Gute! Meidet das Böse in jeder Gestalt!“ (1 Thess 5,19-21). Das Zweite Vatikanische Konzil sprach in diesem Sinn von den „Zeichen der Zeit“, die „im Licht des Evangeliums zu deuten“ seien (vgl. Lk 12,56).
Drittens: Die eschatologische Gestalt des Christentums, seine Ausrichtung auf die ewige Vollendung, muss ernst genommen werden. Zu den Urtraditionen der christlichen Religion gehört die Lehre von der Wiederkunft des Herrn Jesus Christus (Parusie). Im Glaubensbekenntnis beten und bekennen wir, dass er kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten. Das nehmen wir allerdings kaum ernst. Wir verschieben die Wiederkunft auf einen Zeitpunkt in grauer Ferne. Aber vollzieht sie sich nicht ständig - im Tod des Individuums, im Untergang der Generationen mit ihren Kulturen? So ist alles, was auf uns zukommt - das Neue -, bereits Ereignis der Wiederkunft: Wer sich grundsätzlich gegen die Zeit wehrt, wehrt sich schon gegen das Eschaton, das kommende Heil. Er verpasst den „Bräutigam“ wie in der biblischen Erzählung die unglücklichen Mädchen. Eschatologie ist, so lehrt diese Geschichte (Mt 25,1-13), Gegenwart.

Viertens: Wir müssen neu über das dienende Wesensmerkmal von Kirche nachdenken, ohne die grundsätzliche hierarchische Gestalt und Struktur der Kirche Christi in Abrede zu stellen. Diese Struktur darf aber nicht als Selbstzweck oder gar als vollständige Beschreibung von Kirche angesehen werden, sondern nur als ein Moment neben anderen, das die Grundgestalt der Glaubensgemeinschaft sichtbar macht. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Kirche sehr glücklich als sakramental beschrieben, als „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“. In keinem Augenblick ist die Kirche Ziel, in jedem aber Mittel. Dies hat enorme Folgen: Wer sich als Ziel versteht, muss Machtpolitik treiben und einmal errungene Macht mit Klauen und Zähnen verteidigen. Wer dient, kann einschließlich seiner selbst alles verschenken.

Fünftens: Die kirchliche Struktur muss dezentralisiert werden. Zu den größten Problemen des Denkens und Herrschens - nicht nur in der Kirche, sondern in der Menschheit überhaupt - gehört das Verhältnis von Einheit und Vielfalt. Beides muss in Gleichgewicht und Balance gehalten werden. Einheit als Gleichförmigkeit wäre nicht nur ein Missverständnis des Christentums, sondern - wie das Gegenteil der zerfallenden Vielheit - seine Zerstörung. „Einheit muss gefunden werden, indem Menschen die Vielgestalt und Unterschiedlichkeit ihres Seins untereinander bejahen und tiefer kennenlernen. Die so gefundene Einheit lebt aus der wechselseitigen Anerkennung als ihrem verbindenden Prinzip“, schreibt der Essener Theologe Ralf Miggelbrink.

Für die Verfassungsverhältnisse der Kirche bedeutet diese Einsicht eine Dezentralisierung, eine Stärkung der regionalen Bischofskonferenzen, Mitbestimmung der Betroffenen, Gestaltungsspielraum der Ortskirchen. Das Jahrhundert der ökumenischen Bewegung hat zum Beispiel einsichtig gemacht, dass die Einheit der Kirche Christi nicht durch die Betonung einer oberflächlich-formalen Einheit, sondern einzig durch Gestaltwerdung der Katholizität im Sinne einer universalen Ganzheitlichkeit zustande kommen kann.

Sechstens: Wer sich mit der Botschaft des Christentums tiefer befasst hat, wird sie faszinierend, lebensförderlich, horizonterweiternd finden. Das ist eine Erfahrung, die viele Christinnen und Christen machen. Leider ist es aber auch wahr, dass zum Beispiel die Art der Verkündigung des Evangeliums Christi in vielen Fällen diese Erfahrung erschwert und verhindert. Kirchenamtliche Kundgaben mit römischen wie deutschen Verfassern bedienen sich nicht selten einer abgehobenen, unverständlichen Sprache. Selbst die Predigt- und Katechetensprache setzt in wachsendem Maß Fachbegriffe und Wendungen voraus, die nicht mehr verstanden werden. Wenn - was leider zu selten geschieht - überhaupt argumentiert und nicht bloß behauptet wird, erscheinen die Begründungen oft als nicht nachvollziehbar. Das Verschwinden der christlichen Kultur lässt Lücken. Alle Verantwortlichen müssen sich daher ernste Gedanken darüber machen, wie in Wort und Tat Christentum heute und hier vernunftgemäß vermittelt wird.

Tradition meint: Weg

Bei alledem sollte man sich stets bewusst sein, dass die genannten Themen in einer deutlichen Rangordnung zueinander stehen. Zweifellos besitzen kirchliche Verfassungsfragen angesichts der Krise einen hohen Rang in der heutigen Binnendiskussion. In der Gesamtthematik des christlichen Glaubens stehen diese Fragen jedoch weit unten in der Rangliste. Kirche ist Mittel zum Zweck. Man kann daher auch nicht erwarten, dass es sehr anziehend wirkt, wenn die Kirche in der Verkündigung ständig um ihre eigenen Sorgen kreist.

Kirche ist die Gemeinschaft der Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu. Sie weist den Weg, indem sie von sich weg weist. Die Kirche fällt nicht alle paar Generationen vom Himmel, sondern sie zieht nach dem Gesetz weiter, nach dem sie einmal angetreten ist. Das ist Tradition. Bleibt sie stehen, verfällt sie dem Traditionalismus. Leicht gräbt sie sich ein - das ist Fundamentalismus. Der Traditionalismus aber führt, das sehen wir immer deutlicher, zum gigantischen Traditionsabbruch. Daraus folgt: Nur wenn die Kirche weiter auf dem Weg durch die Zeit geht, begegnet sie den Menschen und in ihnen ihrem Herrn und Erlöser Jesus Christus.

CIG 21/2012


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