69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Der Dialog der Priester
Von Stephan U. Neumann
Fast zweihundert Geistliche des Freiburger Erzbistums haben sich für einen neuen Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen ausgesprochen.

In unseren Gemeinden gehen wieder­verheiratete Geschiedene mit unserem Einverständnis zur Kommunion und empfangen das Bußsakrament und die Krankensalbung. Sie sind tätig als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Pfarrgemeinderat, in der Katechese und in anderen Diensten." So beschreibt eine Gruppe von Geistlichen im Erzbistum Freiburg ihre Realität, die tägliche Praxis. In einem Aufruf zum Thema „Wiederverheiratet Geschiedene", der inzwischen von 183 Priestern und Diakonen (Stand 13. Juni) unterzeichnet wurde, wird die Kirchenleitung gebeten, Lösungen zu finden, die dem sakramentalen Verständnis des Christseins und damit der Sehnsucht der Betroffenen gerecht werden. Auch wenn die Seelsorger oft gegen geltende kirchenrechtliche Vorschriften verstoßen, ließen sie sich in ihrem pastoralen Handeln von der Barmherzigkeit leiten.

Die Erfahrung, dass wiederverheiratete Geschiedene trotz des offiziellen Ausschlusses von den Sakramenten nach einem Gespräch mit dem Pfarrer zur Kommunion gehen, ist seit Jahrzehnten gängige Praxis. Die Freiburger Priester und Diakone wollen jedoch erkennbar Stellung beziehen und nicht länger den Spagat zwischen offizieller Lehre und tatsächlichem Leben vor Ort aushalten. Der Aufruf greift eines der „drängenden Themen, die keinen Aufschub mehr dulden" auf, heißt es. Bereits im Theologen-Memorandum „Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch" wurde es unter anderen Reformanliegen genannt. 302 Priester und Diakone - mehr als ein Viertel der im Erzbistum Freiburg Tätigen - hatten 2011 das Memorandum unterstützt.

Mit der Initiative „Kirche 2012: Den notwendigen Aufbruch wagen" sollen theologisch begründete und seelsorglich ausgerichtete Stellungnahmen zu den einzelnen Anliegen veröffentlicht werden. Als Erstes wurde die Lage der wiederverheiratet Geschiedenen ausgewählt, weil Erzbischof Robert Zollitsch von Freiburg als Vorsitzender der Bischofskonferenz mehrfach öffentlich erklärt hatte, dass man in dieser Frage weiterkommen und sich stärker von der Barmherzigkeit leiten lassen müsse. Zudem hatten die Würzburger Synode 1975 sowie die Bischöfe der Oberrheinischen Kirchenprovinz 1993 dies in einem gemeinsamen Hirtenbrief als drängendes Problem bezeichnet. Oskar Saier von Freiburg, Walter Kasper von Rottenburg-Stuttgart und Karl Lehmann von Mainz wurden damals von Kardinal Joseph Ratzinger mit dem Hinweis auf das Kirchenrecht schroff zurechtgewiesen.

Auch Robert Zollitsch fand mit seinem Vorstoß nicht überall kollegiale Zustimmung. Von den eigenen Geistlichen sieht er sich nun bedrängt und so von zwei Seiten unter Druck gesetzt. In einem Brief bat Generalvikar Fridolin Keck im Namen von Zollitsch daher die Geistlichen, den Aufruf nicht zu unterzeichnen beziehungsweise die Unterschrift zurückzuziehen. Denn die Unterzeichner setzten sich undifferenziert über das geltende Kirchenrecht hinweg. Der Vorgang sei für den Dialogprozess nicht hilfreich, und der Text vereinfache das Problem. Dabei lässt gerade der generelle Ausschluss von den Sakramenten den individuellen Blick auf die Hintergründe gescheiterter Beziehungen aus.

Wer die Unterschriftenliste durchgeht, stößt auf sehr viele Priester und Diakone „i. R.", die also bereits aus dem aktiven Dienst ausgeschieden sind. Bei allen Dialog- und Reforminitiativen von Priestern, die sich mit der verpflichtenden Ehelosigkeit von Priestern im lateinischen Teil der katholischen Kirche, dem Frauenpriestertum oder dem Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen befassen, fällt auf, dass die Konzilsgeneration Reformen dringend anmahnt. Die Jüngeren scheinen mit dem aktuellen Kurs der Kirchenleitung weniger Probleme zu haben oder die Art des Vorgehens mit plakativ wirkenden Memoranden als nicht förderlich anzusehen. „Richtig ist, dass Zölibat und Frauenpriestertum für die jüngeren Priesterjahrgänge in der Regel kein Thema sind", meint Dekan Joachim Bayer, der Sprecher der „Pfarrer-Initiative" im Bistum Würzburg. Bei jüngeren Priestern sei tendenziell eine eher traditionelle Haltung erkennbar. Das Zweite Vatikanische Konzil oder die Würzburger Synode seien für sie weit weg, sagte er dem Würzburger „Katholischen Sonntagsblatt".

Auch die etwa zwei Dutzend Priester der Gruppe „Passauer Priester im Dialog" wollen ergebnisoffene Diskussionen über die seit Jahrzehnten vorgetragenen Themen. Hatten sich bisher vor allem Laien - zum Beispiel beim Kirchenvolksbegehren - zusammengeschlossen, um Reformen voranzubringen, sind es nun weltweit Priester, bei denen die Unzufriedenheit über einen Kurs der Kirchenführung gewachsen ist, der die Vielen abstößt, die den Glauben in einer modernen Welt zu leben versuchen. Neben der österreichischen „Pfarrer-Initiative", die mit ihrem „Aufruf zum Ungehorsam" weit über die Landesgrenzen hinaus wahrgenommen wurde, haben sich beispielsweise auch in Irland 800 Priester zusammengeschlossen. Mit einer liberalen Reform-Agenda setzen sie sich für eine Synode der irischen Ortskirche ein und kritisieren unter anderem die neue englische Übersetzung des Römischen Messbuchs als lebens- und wirklichkeitsfremd.

Dem immer wieder - vor allem von der römischen Kurie - vorgebrachten Hinweis, es handle sich allein um europäische Sonderfragen, ist soeben erst Bischof Erwin Kräutler energisch entgegengetreten. In seiner Diözese Xingu in Brasilien gebe es für 900 Gemeinden auf einem viereinhalb Mal so großen Gebiet wie Österreich gerade einmal dreißig Priester. Die Laien trügen Verantwortung und feierten Wortgottesdienst, weil sie sich nur drei bis vier Mal im Jahr zur Eucharistie um den Altar versammeln könnten, wenn ein Priester vorbeikommt. „Da stellt sich die Frage, ob diese Menschen nicht ein Recht auf die sonntägliche Messfeier haben. Ich sage: Ja, sie haben ein Recht. Da muss sich die Kirche im Geist des Konzils etwas einfallen lassen."

Viele heute ältere Geistliche, die als junge Seelsorger im Geist des Konzils auf mutige Entscheidungen ihrer Bischöfe gemeinsam mit dem Papst gehofft hatten, sind inzwischen schwer enttäuscht. Das „Aufbegehren" ist nicht einfach billige Gehorsamsverweigerung, sondern Ausdruck einer tiefgläubigen Sorge um das Seelenheil der Menschen. Diese nachdenklichen Seelsorger sehen, dass über die Reizthemen hinaus der christliche Glaube dringend fürs Heute, für unsere Zeit weiterentwickelt werden muss. Der Dialog der Priester will dieser Herausforderung dienen. sun

CIG 25/2012


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