69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 25. Juni 2017

Spott über das Heilige, nächster Akt
Von Johannes Röser
Eine neue Welle von Blasphemie zieht durch die westliche Welt - und daran ergötzen sich anscheinend nicht wenige.

Es war ein blasphemischer Auftritt ohnegleichen in einem christlichen Heiligtum. Dennoch haben die Westpresse und viele weitere Meinungsmacher die wegen Rowdytums und Verhöhnung des Religiösen zu Haft verurteilten Moskauer „Pussy-Riot“-Politaktivistinnen zu Heiligen der Demokratie, der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit verklärt. Inzwischen scheint jedoch vereinzelt eine aufklärerische Sicht an Boden zu gewinnen. Das Bild von den „mutigen Frauen“, die in der Christus-Erlöser-Kathedrale herumkrakeelten, herumhampelten und - neben Putin - auf übelste Weise das Christliche sowie die orthodoxe Kirchenführung beschimpften (vgl. CIG Nr. 35, S. 387), wird allmählich entmythologisiert. Der Blick weitet sich, nachdem unter anderem etliche extrem pornografische öffentliche „Inszenierungen“ dieser Leute bekannt wurden.

Moritz Gathmann berichtete in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (26. August), wochenlang hätten ausländische Journalisten und Medien im „Pussy-Riot-Rausch“ sich und der Welt das Bild gemalt: „Böser russischer Staat gegen unschuldige kleine Mädchen“. Deutsche Redaktionen hätten von ihren Moskau-Korrespondenten einen „Rundumschlag“ gefordert, damit das Thema für den Leser leicht verdaulich sei. Eine Frage sei gar nicht mehr gestellt worden: für wen man sich da eigentlich einsetze.

Die FAS weist darauf hin, dass es in Russland keine Massenproteste für die „Pussy-Riot“-Leute beziehungsweise gegen die harte Strafe gegeben habe. Nicht einmal die meisten der oppositionell gesinnten, liberalen, gut informierten Russen, die gegen Putin sind, wollten für „Pussy Riot“ auf die Straße gehen. Denn aus ihrer Sicht sind jene Frauen keine Dissidentinnen. Im Westen mögen Millionen die Petition an Putin um Aufhebung des Urteils unterschreiben, „Madonna mag für ‚Pussy Riot‘ singen, die grüne Bundestagsabgeordnete Marie-Luise Beck sogar extra zum Prozess nach Moskau kommen - Sympathie und Verständnis wecken solche Aktionen vor allem im Ausland.“ Der Ehemann der Anführerin behauptete, „Pussy Riot“ habe der russischen Protestbewegung ein Gesicht gegeben. Das aber - so das Urteil des FAS-Korrespondentenberichts - sei „Wunschdenken“. Der Protestbewegung für Demokratie und Menschenrechte habe die Affäre, der antireligiöse Auftritt der Frauen im Gegenteil sogar „zutiefst geschadet“. Zitiert wird der russische Oppositionelle Alexej Nawalny, der im Gegensatz zu vielen westlichen Liberalen die Aktion in der Kirche entschieden verurteilte und lediglich gegen die zu harte Reaktion des Staates protestierte. „Wir stehen vor einer unbestreitbaren Tatsache: dumme Hühner, die einen Akt geringfügigen Rowdytums begangen haben, um Publicity zu bekommen.“

Die „Pussy Riot“-Pornografie

Mittlerweile könnte man auch hierzulande mehr über die vulgären Umtriebe insbesondere der am meisten „verehrten“ Anführerin jener sogenannten Punkerinnen wissen. Gathmann: „Die 22 Jahre alte ehemalige Philosophiestudentin Nadjeschda Tolokonnikowa, die als Ikone der russischen Revolution, als Heldin gezeichnet wird, ist seit Jahren Mitglied der russischen Aktionskunstszene. Mit der Gruppe ‚Woina‘ (Krieg; d. Red.) veranstalteten sie, ihr Mann Pjotr Wersilow und einige andere im Frühjahr 2008 eine Gruppensex-Orgie im Moskauer Museum für Biologie. Tolokonnikowa war damals im neunten Monat schwanger - der Gruppensex machte sie und die anderen auf einen Schlag in ganz Russland bekannt.“

Im Juli 2010 - so recherchierte die FAS - habe eine Aktivistin ein Suppenhuhn aus einem Petersburger Supermarkt entwendet. „Mit einigen Männern und kleinen Kindern im Schlepptau wanderte sie im Markt umher, schließlich stopfte sie sich das Suppenhuhn so tief wie möglich in ihr Geschlechtsorgan und verließ den Laden. Die Gruppe filmte die Aktion und stellte den Clip ins Netz … Pornografie als Kunst … Im Herbst 2009 hatte ein ukrainischer Blogger Geschlechtsverkehr mit einer Frau vor dem Parlament in Kiew. Ein Nachahmer von ‚Woina‘. Die russischen Aktivisten waren mit von der Partie, sie kümmerten sich um die Organisation und um die mediale Vermarktung des Events.“

Laut Einschätzung des FAS-Autors ähnelt die arrogante, rechthaberische Art der Pamphlete und Interviews jener Aktivisten dem Verhalten der deutschen Sponti-Szene in den sechziger Jahren. Nur wenige Tage nach der Gruppensex-Orgie in Moskau habe Frau Tolokonnikowa ihre Tochter Gera geboren. Weil Tolokonnikowas Eltern diesen zügellosen Lebensstil missbilligten, musste die junge Familie die Wohnung verlassen und zog dann unstet von Unterkunft zu Unterkunft, von Aktion zu Aktion. Die anderthalbjährige Tochter wurde in die Obhut der Schwiegereltern gegeben, nachdem sie sich bei einem nächtlichen Sturz von einem Computertisch schwer verletzt hatte und das Paar weiter polit-agitatorisch tätig sein wollte. Um die Erziehung kümmerten sich die jungen Eltern nicht, aber in den letzten Monaten habe Wersilow seine Tochter Gera medienwirksam eingesetzt. „Für CNN spazierte er mit ihr im Garten. Im Internet veröffentlichte er ein Foto des nun vier Jahre alten Mädchens. In der Hand hält sie ein Plakat mit der Aufschrift: „Ich gehe auf die Demo, damit meine Mutter entlassen wird … All die Suaden über den unmenschlichen russischen Staat, der die Mütter zweier kleiner Kinder ins Gefängnis stecke, erscheinen vor diesem Hintergrund zumindest fragwürdig, wenn nicht sogar heuchlerisch.“

Adam und Eva homosexuell

So wie „Pussy-Riot“ bewusst religiöse Gefühle verletzte, scheint eine neue antireligiöse, blasphemische Welle in Europa anzuschwellen. Zumindest im Westen finden die Verhöhnung und Verspottung des Christlichen vermehrt Anhänger. In Kassel zum Beispiel warb für eine Ausstellung „Caricatura - Galerie für komische Kunst“ eine Zeichnung des gekreuzigten Jesus, dem eine Stimme aus dem Himmel zuruft: „Ey… du… Ich hab deine Mutter gefickt.“ Erst nachdem ein aufrechter Bürger Strafanzeige gestellt und Kirchenvertreter protestiert hatten, wurde das Plakat zurückgezogen. Wie immer in vergleichbaren Fällen behauptete der „Künstler“, er beabsichtigte keine Religionskritik, keine Blasphemie, er habe nur einen Witz über den „Jugendslang“ machen wollen. Man stelle sich nur vor, ähnlich werde mit dem, was Muslimen oder Juden heilig ist, Schindluder getrieben…

Aus dem westschwedischen Skara kommt die Nachricht, dass dort eine Fotokünstlerin der Domgemeinde ein Altarbild zur Verfügung stellen wollte mit dem Titel „Das Paradies“. Es lehnt sich an ein Gemälde Lucas Cranachs an. Nur zeigt das „moderne“ Bild Adam und Eva mit homosexuellen Partnern unterschiedlicher Rassen. Die Schlange wird von einer christdemokratischen Politikerin und „Transgender-Aktivistin“ verkörpert. Laut Katholischer Nachrichten-Agentur habe die Vorsitzende des Gemeinderats gesagt, die Künstlerin bekomme das Bild zurück und könne „damit machen, was sie will“.

Ein „Affenkopf“-Christus

Durch das World Wide Web und die Weltpresse zogen in den letzten Tagen Abbildungen einer angeblich verunglückten Restaurierung einer Christuskopf-Wandmalerei in Spanien. Eine über achtzigjährige Hobbymalerin habe in gutem Willen ein schadhaftes Werk aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert in einer Kirche ausbessern wollen. Sie habe es allerdings primitiv übermalt - und nun erscheint darauf ein Christuskopf, der aussieht wie ein Affe. Die ganze westliche Welt ergötzte sich daran. Die Frau und der verunstaltete Christus wurden dem öffentlichen Gespött der globalen Mediennetzwerke ausgeliefert. Nur zum Lachen? Oder war es doch Teil einer subtilen Strategie, das Christliche und die Christen selber als Lachnummer auszugeben? Seht, wie dumm doch diese frommen Menschen sind - und was sie glauben!?

Nachdem sich alle köstlich amüsiert hatten und der Bildvergleich sogar in der „Frankfurter Allgemeinen“ zu sehen war, kam nun in derselben Zeitung eine kritische Abrechnung im Feuilleton mit der Medienmeute und der wie von selbst gleichgeschalteten, sich geradezu automatisch vervielfältigenden Einheitsberichterstattung. Paul Ingendaay schreibt: „Mit einer Mischung aus Schadenfreude und gutmütigem Spott gaben soziale Netzwerke wie Facebook die Geschichte weiter, und kurz darauf sprangen die ersten ausländischen Medien auf. Dass die BBC, ‚Le Monde‘ oder die ‚New York Times‘ auf ihren Internetseiten über den Fall berichteten, wirkte als Verstärkereffekt umgehend auf Spanien zurück, peitschte die Netzwerke hoch und zwang die spanischen Zeitungen, Radio- und Fernsehsender, Reporter nach Aragonien zu entsenden. Die kleine Ortschaft Borja und das außerhalb auf einem Hügel liegende Gotteshaus avancierten zur Sommerstory des Jahres.“

Die Spötter fürchten jetzt allerdings, dass das verunstaltete Werk eines Malers aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in seiner ursprünglichen Fassung wiederhergestellt wird. Sie sammeln im World Wide Web bereits Unterschriften dafür, dass der „Ecce Homo“, der Schmerzensmann, der „Ecce mono“ bleibt. Das spanische Wort „mono“ bedeutet „Affe“. Also: „Seht den Affen“ - Christus, so die unterschwellige neue „frohe“ Botschaft.

Das erinnert haargenau an eine Karikatur, die aus dem frühen zweiten Jahrhundert stammen soll und in die Mauern einer römischen Kadettenanstalt eingeritzt war: Christus am Kreuz ist mit einem Eselskopf dargestellt, daneben eine menschliche Figur, darunter in ungelenken Buchstaben die Inschrift: „Alexamenos sebete theon“ - „Alexamenos betet Gott an“. Manche meinen, es handele sich um die älteste bekannte Kreuzesdarstellung mit Bezug auf Christus und um die erste bildhaft publizierte Verhöhnung des Christentums.

Paulus wusste offenbar bereits sehr genau, was dem Christusglauben blüht, wie die Umwelt die Verkündigung des Gekreuzigten auf lange Zeit beurteilen wird: als „empörendes Ärgernis“, „für Heiden eine Torheit“. Daran hat sich im Neuheidentum des 21. Jahrhunderts nichts geändert. Paulus behält weiter recht.

Das Gespött über die verunglückte spanische Christusbild-Renovierung manifestiert sich bereits auf bedruckten T-Shirts. Ingendaay deutet den Ausbruch jener blasphemischen Hysterie so: Es gehe bei dem ganzen Aufruhr um ein Ringen „des alten katholischen Spanien mit der säkularen Spaßgesellschaft, die keine Tabus mehr gelten lässt“. Es handele sich um weitaus mehr als nur eine „Karnevalisierung“ des Lebens. In gewisser Weise sei eine „Art von Frömmigkeit gegen eine andere ausgetauscht“ worden. „Die frühere galt dem ‚Ecce homo‘, einer gemalten Christusdarstellung, gerechtfertigt durch ihre Funktion im Kirchenraum. Die neue, von den sozialen Netzwerken heraustrompetete Frömmigkeit gilt dem Scherz, der peinlichen Lachnummer, der Banalisierung und Blasphemie.“

„Wir amüsieren uns zu Tode“

Auf die Aussage der alten Frau, die das Bild übermalt hatte, habe die Welt gar nicht mehr hören wollen. Cecilia Giménez - so ihr Name - sagte, dass sie mit dem Bild doch „noch gar nicht fertig“ gewesen sei, als die Öffentlichkeit darauf aufmerksam wurde. Sie habe erst mit grobem Pinsel vorgearbeitet - „Aber so machen wir Maler das immer“. Dann habe sie alles unterbrochen, um erst einmal Urlaub zu machen.

In der spanischen Zeitung „El Pais“ veröffentlichte der Soziologe Vicente Verdú eine heftige Kritik an der Gedankenlosigkeit, Ahnungslosigkeit, Leichtgläubigkeit, ja Dummheit der Internetgemeinde und der entsprechenden Veröffentlichungsprotagonisten. Der Schriftsteller Lorenzo Silva nannte in „El Mundo“ die Anhänger des „Affenbildes“ Heuchler, weil ihnen „die Kunst genauso egal sei wie die Religion“. Die alte Dame sei wohl bewusst missverstanden und als Amüsierobjekt benutzt worden, auch um über die Religion herzuziehen.

Ingendaays Schlussfolgerung lautet: „Aber es ist zu spät. Das Internet vergisst nichts, entschuldigt sich nicht und löscht keine Spuren. Das Bild des Äffchens ist unwiderruflich in der Welt. Längst zirkulieren Dutzende von Parodien der unfreiwilligen Parodie, und jeder hat die Möglichkeit, den Kopf seiner Wahl in die Vorlage hineinzukopieren. Mit dem ‚Ecce mono‘ hat eine neue Ikonographie begonnen.“

„Wir amüsieren uns zu Tode“, sagte der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman (1831-2003) pessimistisch über das Medienzeitalter. Hat er womöglich recht?

CIG 36/2012


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