69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 13. August 2017

In der Wahrheit leben
Von Johannes Röser
Die bischöfliche Aufkündigung einer wissenschaftlichen Untersuchung über sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Geistliche hat die Öffentlichkeit erheblich irritiert.


Es war gut gemeint, aber offenbar doch nicht so sorgfältig vorbereitet und kompetent abgewogen wie notwendig: Nach dem Offenbarwerden gravierender Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Seelsorger - überwiegend in früheren Jahrzehnten - hatte das katholische Lehramt in Deutschland beschlossen, anhand von Personalakten der Bistümer die Verhältnisse überprüfen zu lassen. Man wollte Sicherheit gewinnen über das ganze schreckliche Ausmaß dieser Verbrechen, und man wollte zugleich die Öffentlichkeit aufklären, um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

Denn die katholische Kirche stand in den letzten Jahren - nicht nur, aber besonders wegen der entsprechenden kriminellen Geschehnisse - „mit dem Rücken zur Wand“. Das drückte sich zeitweise in massiv gestiegenen Austritten aus der Glaubensgemeinschaft aus. Auch wenn sich die akute Aufregung etwas gelegt hat, sind die Nachwirkungen beträchtlich. Denn der Vertrauensverlust in die Institution beschleunigte den Vertrauensverlust im Glauben. Der Missbrauchsskandal hat das Christentum im Innersten verwundet - nicht nur auf dem Gebiet der Moral, die als Doppelmoral in Erscheinung trat, sondern wesentlich in der religiösen Frage selber. Welcher Gott wird da eigentlich verkündet, wenn so viele Verkünder die Botschaft von der Liebe und Güte, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes derart pervertieren?

Nun schreckte die schlagzeilenbeherrschende Nachricht die Bevölkerung auf, dass die Bischofskonferenz die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen unter Leitung des medial präsenten Kriminologen Christian Pfeiffer beendet. Begründet wurde dies mit einem internen Vertrauensverlust zwischen den Vertragspartnern, mit Problemen beim Daten- und Opferschutz sowie mit Konflikten über die Art und Weise, wie der Forschungsbericht später - mit möglicherweise abweichenden Deutungen der Daten - veröffentlicht werden solle. Von der Bischofskonferenz wurde versichert, man werde das Projekt fortsetzen, aber erst noch eine andere wissenschaftliche Einrichtung suchen.

Verheerender Eindruck

In der Öffentlichkeit hinterließ die Botschaft den verheerenden Eindruck, die Kirchenleitung wolle unangenehme Sachverhalte zurechtrücken, verschleiern, beschönigen. Bekamen einzelne Bischöfe Angst vor der eigenen Courage? Haben sie Bedenken, dass ein Versagen hoch angesehener früherer Verantwortlicher oder von Theologen, die in Amt und Würden aufgestiegen und weiter an herausragender Position tätig sind, aufgedeckt werden könnte? Sind Akten bewusst vernichtet worden, aufgrund von Schlamperei verschwunden - oder nicht? Die rechtliche Auseinandersetzung über entsprechende Aussagen und Gegenaussagen stiftet nicht gerade Vertrauen. Die „Frankfurter Allgemeine“ schrieb zur Entwicklung: „Das ist ein Rückschlag für alle jene in der Kirche, die für rückhaltlose Aufklärung plädieren, und damit wird daraus auch ein Glaubwürdigkeitsverlust für die Kirche als Ganze. Päpstliche Aufrufe zu einer neuen Spiritualität wirken schal, weil sie nun wieder einmal als Flucht vor einer Welt gedeutet werden können, in der die Kirche mit sich selbst nicht fertig wird.“

Die „Schuld“ am Scheitern der Vereinbarungen ist nach dem bisher Bekanntgewordenen allerdings nicht bloß einer Seite zuzuschieben, wie es aufgrund der ersten Nachrichtenlage erschien. Außerdem drängt die recht gewundene und abstrakte Formulierung der „Gründe“ für den Abbruch des Unternehmens den Eindruck auf, dass noch ganz andere, vielleicht wesentlichere, bisher nicht nach außen gedrungene Fakten für die bischöfliche Entscheidung mitverantwortlich sein könnten.

Die große Chance für mehr Transparenz wurde jedenfalls verspielt, urteilte die „Süddeutsche Zeitung“: Ob solch eine Gelegenheit wiederkommt, sei zweifelhaft. „Sie ist vertan, nicht, weil es hier die bösen Bischöfe und dort den guten Pfeiffer gibt. Es traf aber der Anspruch des Instituts, möglichst unabhängig und frei von Auflagen zu arbeiten, auf das Sicherheitsbedürfnis der Bischöfe… Aus dem Mut der Verzweiflung im Skandaljahr 2010 ist ein misstrauisch-ängstlicher Blick geworden, der sich letztlich wieder ans Spiegelbild des Selbst heftete.“ Das in Kirchenfragen stets betont kritische Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ beschrieb die Lage ebenfalls differenziert: „Vermutlich hatten persönliche Animositäten längst zu viel Gewicht gewonnen.“ Zwischen wachsender Ängstlichkeit bei einigen Bischöfen und einem unübersehbaren Selbstdarstellungs- und Geltungsdrang des führend beteiligten Wissenschaftlers schaukelte sich das Misstrauen hoch.

Im Wissenschaftszirkus

Die linksliberale „Frankfurter Rundschau“ bemerkte: „Jeder, der Pfeiffer kennt, weiß, was die Bischöfe auch hätten wissen können: dass sie sich auf einen prätentiösen, zu Zuspitzung und Polarisierung neigenden Artisten im Wissenschaftszirkus einlassen würden, dem im Zweifel mehr an der eigenen Reputation gelegen sein dürfte als am Befinden seiner Auftraggeber und an den Empfindlichkeiten des Sujets. Es ist bezeichnend, dass bei Pfeiffer im Streit über das Design der Studie nicht das geringste Unbehagen erkennbar ist beim Gedanken, potenzielle Missbrauchsopfer ohne Schutzvorkehrungen mit der ‚Aktenlage‘ zu konfrontieren. Solche Überlegungen freilich gehen am Ende weniger zu Pfeiffers Lasten, als dass erneut die strukturellen Mängel der Kirche im Umgang mit dem Missbrauchsskandal hervortreten, für die der Begriff ‚Systemversagen‘ umso angebrachter erscheint, je vehementer ihn die kirchlichen Verantwortlichen bestreiten und wegdiskutieren wollen.“

Wann kommt der Großvergleich?

Mit dem Scherbenhaufen bleibt die Frage, was man mit solch einer Studie überhaupt bezwecken wollte, insbesondere mit ihrer späteren Präsentation in der Öffentlichkeit. Erhoffte man sich davon eine Reinigungskraft, etwa in dem Sinne, dass es in der Kirche nicht schlimmer sei als in der sonstigen Gesellschaft, ja dass der Berufsstand der katholischen Kleriker entgegen allen Vorwürfen und Vorurteilen insgesamt sexuell-moralisch doch weitaus gefestigter sei als andere Berufsgruppen oder gar die Allgemeinheit? Oder wollte man damit einfach nur zeigen: Seht her, wir sind zur Offenheit bereit?

Das Projekt hatte bereits von der Anlage her schwere methodische Mängel. Denn wenn man wirklich aussagekräftige Vergleiche hätte ziehen wollen, bräuchte es eine einheitliche Großuntersuchung quer durch alle Berufsfelder, in denen Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Den Aufschrei bei Datenschützern, Gewerkschaftern, Standesvertretern, ja in der breiten Bevölkerung kann man sich allerdings ausmalen, wenn es hieße, alle Schulen, Musikschulen, Sportverbände, Kindergärten, Kindertagesstätten, Behinderteneinrichtungen usw. müssten die Personalakten ihrer Beschäftigten an ein Institut zur Überprüfung aushändigen, wenn auch mit „Anonymisierung“. Und ebenso müssten natürlich die Personalakten der Geistlichkeit aller anderen Kirchen - insbesondere der evangelischen Kirche - überprüft werden, um den nach wie vor in den Köpfen herumspukenden klammheimlichen Verdacht empirisch-wissenschaftlich zu entkräften (oder zu bestätigen), dass sexueller Missbrauch unter zölibatär lebenden Männern häufiger vorkomme als unter anderen. Aber selbst mit einer derart breit angelegten berufsständischen Vergleichsuntersuchung hätte man noch keine genaue Erkenntnis gewonnen darüber, wie sehr sexueller Kindesmissbrauch in der Gesamtgesellschaft verbreitet ist. Denn angeblich findet der schlimmste Missbrauch ja im Familien-, Verwandten- und Bekanntenkreis statt. Dazu aber gibt es bislang nur Dunkelziffern, Schätzungen, Hochrechnungen, Spekulationen aufgrund bekanntgewordener und angezeigter Fälle. Die Faktenlage ist aber nicht statistisch zuverlässig, nahezu lückenlos erfasst.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger erklärte im Deutschlandfunk, die Entscheidung der Bischöfe erwecke den Eindruck, als wollten Kirchenvertreter doch nicht alles unabhängig aufklären lassen. Allerdings stelle man sich die Reaktionen ausgerechnet von Parteigenossinnen und Parteigenossen der Liberalen vor, wenn ohne erhärteten Anfangsverdacht im Einzelfall grundsätzlich alle Pädagogen und Lehrer in Deutschland unter Generalverdacht gestellt würden, wie es zuletzt mit den katholischen Priestern geschah - und wenn ohne akribisch absolut sichere Klärung des Datenschutzes Personalakten an eine Forschungsstelle „freigegeben“ würden. Wo haben Kultusministerien und Sozialministerien der Länder wie des Bundes einen der Bischofskonferenz vergleichbaren Mut, sich an einer solchen einheitlichen Studie zu beteiligen und dafür dieselben energischen Dienstanweisungen den einzelnen Behörden zu erteilen? Nach vielen Datenskandalen und Datenpannen in neuerer Zeit ist man aus gutem Grund skeptisch. Ohne einen großflächigen echten Vergleich aber hat die von der Bischofskonferenz beabsichtigte Studie keinen ernsthaften Aussagewert über die gesellschaftlichen Verhältnisse in diesem Bereich. Sie hängt völlig in der Luft.

„Weltlich Ding“

Das ist das Problem: In der Bedrängnis, unter dem Druck zu einem raschen, medial geforderten Befreiungsschlag, hatten die bischöflichen Auftraggeber offenkundig nur sehr mangelhaft ihr Aufklärungsprojekt geplant, das sich im Nachhinein als wenig aufklärend erweist. Da in der Kirche von ihrem religiösen Anspruch nicht sein darf, was ist, kann nur eine radikale Gewissenserforschung Umkehr bewirken. Dazu gehört mehr Bescheidenheit, die öffentlich bekundete Selbsteinsicht, dass die Kirche in vielem eben selber auch nur ein „weltlich Ding“ ist - bei aller Sehnsucht nach Heiligkeit. So manche kirchliche Selbstherrlichkeit und lehramtliche Besserwisserei, möglicherweise sogar Arroganz, an der selbst die Getreuesten der Glaubensgemeinschaft leiden, wären endlich abzulegen. Auch als Glaubende in der Hoffnung auf einen erlösenden, befreienden Gott sind und bleiben wir Sünder, oft schwerster Art. Diese zweifellos „gefährliche“ Einsicht erst macht radikal deutlich, warum wir Gott zu unserer Erlösung „brauchen“, statt ihn zu missbrauchen. Die frommen Lügen sind der schlimmste Missbrauch von Menschen wie von Gott. Auch die Kirche - im Lehramt wie im Volk - muss jeden Tag neu lernen, in der Wahrheit zu leben.


CIG 3/2013


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