69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 20. August 2017

Wird China Weltmacht?
Von Jürgen Springer
Wirtschaftsfachleute gehen davon aus, dass sich das "Reich der Mitte" zu einer der führenden nationen im 21. jahrhundert entwickelt. Wie aber begegnet der Westen diesem Wandel?

Unter Fachleuten besteht kein Zweifel, dass das wirtschaftlich aufstrebende China eine immer maßgeblichere Rolle im „asiatischen Zeitalter“ spielt. Allerdings wird diese Erkenntnis außerhalb der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Eliten hierzulande noch kaum geteilt. Womöglich liege das an einem „hartnäckigen Eurozentrismus“, der die von China, Indien und Japan vorangetriebene asiatische Renaissance schlichtweg ausblendet, meinte neulich der langjährige Asien-Korrespondent Urs Schoettli in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Er bemüht das alte lateinische Sprichwort Ex oriente lux, „das Licht kommt aus dem Osten“, das von Christen der Antike auf den Erlöser Christus gedeutet wurde. Dem Spruch kommt im neuen Kontext eine ganz andere Bedeutung zu: „Nachdem über einen allzu langen Zeitraum hinweg der Transfer von Wissen, Techniken und Ideen einseitig vom Westen in den dekadenten Osten verlaufen ist, kann nun ein an sich selbst zweifelndes Europa neue Impulse aus Asien erhalten.“

Eine solche Einschätzung stößt allerdings auf Widerspruch bei Menschen- und Bürgerrechtlern, Umweltschützern, Hilfsorganisationen und anderen. Sie erinnern an Fehlentwicklungen wie Korruption, Ausbeutung der Ärmsten, Verfolgung von ethnischen wie religiösen Minderheiten, Umweltzerstörung, die in Verbindung mit urkapitalistischen Haltungen in Asien weit verbreitet sind. Zugleich jedoch mehren sich derzeit die Stimmen, die den Wandel Ostasiens als monumentalen Fortschritt anerkennen, der dem Kontinent ein neues Gesicht verleihen werde. Aus dieser Sicht wird hervorgehoben, dass Indien und China es geschafft haben, jahrhundertelange selbst- und fremdverschuldete Dekadenz zu überwinden. Millionen Menschen wurden so aus bitterster Armut befreit, auch wenn es weiterhin extrem viele Arme gibt. Millionen Haushalte rückten in den Mittelstand auf. Das allgemeine Bildungsniveau wurde angehoben, und viele Hochschulen konnten zu den besten der Welt aufschließen.

Vom Westen das Beste

Insbesondere mit China befassten sich vor 2700 Zuhörern im kanadischen Toronto vier hochrangige Persönlichkeiten bei der jüngsten sogenannten „Munk Debate“. Das unabhängige Politikforum wurde vor fünf Jahren erstmals ausgerichtet und zählt zu den bedeutendsten Dialog-Institutionen Nordamerikas. „Wird China das 21. Jahrhundert beherrschen?“ lautete die leitende Frage (das Gespräch ist dokumentiert im gleichnamigen Band, München 2012). Auf dem Podium saßen vier hochrangige Persönlichkeiten: Der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson von der Harvard-Universität sowie der Pekinger Ökonom David Daokui Li vertraten die zustimmende Meinung. Der frühere amerikanische Außenminister Henry Kissinger sowie der Journalist und Mitherausgeber des New Yorker Nachrichtenmagazins „Time“, Fareed Zakaria, sehen für China keine Weltführungsrolle, jedenfalls nicht in naher Zukunft.

Für Niall Ferguson befindet sich die Weltgemeinschaft mitten im heraufziehenden chinesischen Jahrhundert, das mit dem wirtschaftlichen „Niedergang des Westens“ einhergeht. Fast euphorisch verkündete er: China habe in den vergangenen dreißig Jahren sein Wirtschaftsvolumen nahezu verzehnfacht. „Heute meldet China pro Jahr fast so viele Patente an wie Deutschland, und in einem internationalen Mathematiktest der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit schnitten die Schüler aus der Region um Shanghai … am besten ab … Stellen Sie sich China als ein gewaltiges, technokratisches Singapur vor, in dem sich ein Ein-Parteien-Staat entwickelt, um einen ähnlichen Zusammenbruch zu verhindern, wie ihn die Sowjetunion erlebt hat.“

David Daokui Li, der die chinesische Zentralbank wissenschaftlich berät, ergänzte, dass die Umwälzungen Chinas in einem „spektakulären Kampf der Kulturen zwischen China und dem Westen“ verwurzelt seien. Diese Auseinandersetzung liege bereits 171 Jahre zurück. Damals erlegte der Vertrag von Nanking (1842) nach dem ersten Opiumkrieg China massive Zugeständnisse an die Briten auf. Diese würden von vielen Chinesen immer noch als erniedrigend empfunden. „Die Erinnerung daran wurde von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Unsere Kinder lernen diese Lektionen bis heute.“ Kritisch bemerkte der regierungsnahe Li allerdings, dass die Gründung der Kommunistischen Partei und die Kulturrevolution das Leben der Chinesen weder verbessern noch ihre Interessen fördern konnten.

Erst mit der als „Reform“ und „Öffnung“ beschriebenen Hinwendung zum Kapitalismus unter Staatspräsident Deng Xiaoping (1904-1997) begannen größere Veränderungen, die sich im Volk auswirkten. „Reform bedeutet eine allmähliche Verbesserung unserer politischen und wirtschaftlichen Institutionen. Öffnung bedeutet, vom Westen das Beste zu lernen.“ Ziel sei es, die „große Zivilisation“ Chinas zu erneuern - nach dem Vorbild der Tang-Dynastie (618-907). Sie gilt als Blütezeit, in der die Städte wuchsen, Politik und Religion durch Offenheit gekennzeichnet waren, Kunst und Wissenschaft höchstes Niveau erreichten. Nach Ansicht von David Daokui Li sind die nötigen Veränderungen jedoch erst zur Hälfte erreicht.

Berge versetzt, ins Loch gefallen

Dieser optimistischen Perspektive wollte sich Fareed Zakaria nicht anschließen. In China sei bisher nicht erkennbar, wie die politische Führung vor allem mit den Erwartungen der neuen Mittelschicht und mit den Andersdenkenden umgehen will. Dies sei aber für eine internationale Führungsrolle unabdingbar. Außerdem müsse die Geschichte geopolitisch keineswegs so friedlich verlaufen, wie von Li angedeutet. „Ich bin in Indien aufgewachsen und kann Ihnen sagen, dass es Asien (als solches) nicht gibt. Es gibt China, Japan und Indien. Diese Länder mögen einander nicht besonders. Wenn China mächtiger wird, werden wir heftige Reaktionen in Indien, Japan, Indonesien, Vietnam und Südkorea erleben. Das zeichnet sich bereits ab. China wächst nicht in einem luftleeren Raum. Es wächst auf einem Kontinent, auf dem es viele, viele Konkurrenten hat.“

Diese Position unterstrich auch Henry Kissinger, der 2012 mit seinem Buch „China: Zwischen Tradition und Herausforderung“ weltweit große Beachtung gefunden hatte. Inmitten des Kalten Kriegs war der damalige US-Außenminister an der Begründung des Ost-West-Dialogs mit Peking beteiligt. Bisher sei es jedoch nicht gelungen, den aufstrebenden Staat China in ein längst bestehendes internationales - demokratisches - System einzubinden. Ob die Weltgemeinschaft diese schwierige Balance endlich finden wird, ist laut Henry Kissinger offen.

Auch innenpolitisch dreht sich vieles darum, die eigene Mitte im Reich der Mitte zu finden. Das „Süddeutsche Zeitung Magazin“ befasste sich aus einer spannenden Perspektive mit konkreten Lebensgeschichten in Peking. Nach einer ersten Zeit in Peking hatte der Korrespondent Kai Strittmatter aus einer anderen Weltgegend berichtet. Sieben Jahre später kehrte der Journalist nach Peking zurück. Erstaunt musste er feststellen: Im relativ kurzen Zeitraum seiner Abwesenheit haben sich seine chinesischen Bekannten und Freunde materiell bessergestellt. Sieben Jahre Aufstieg. Doch was sie heute über ihre seelische Verfassung preisgeben, ist alles andere als gut.

Zum Beispiel sagte die PR-Managerin Catherine Du: „Keiner hier fühlt sich sicher. Keiner. Der Wandel ging zu schnell. Ihr in Deutschland, ihr lebt. Wir hier? Wir laufen um unser Leben.“ Es gebe keine Garantien, keine Gerichte, keine Politiker, die sich verpflichtet fühlten, keine echte Rechtssicherheit. Die Menschen, die Strittmatter befragt hat, stimmen darin überein, dass das gesellschaftliche Klima kälter geworden ist. Diesem Land drohe der Kompass der Menschlichkeit verloren zu gehen, meint einer.

Der liberale Autor Murong Xuecon veröffentlichte deshalb im Sommer einen mutigen leidenschaftlichen Aufruf „für ein sanfteres China“. Der einzige Vorteil, den die Bürger Chinas haben, bestehe darin, dass Theorie und Realität leicht auseinanderzuhalten sind. „Theoretisch haben wir ein paar Rechte, in der Praxis existieren sie nicht. Theoretisch sind unsere Einkommen gestiegen, aber wenn du zum Markt kommst, siehst du, dass du dir nicht einmal das Fleisch leisten kannst… Theoretisch haben wir ein paar Berge versetzt, in Wirklichkeit sind wir einfach in ein Loch gefallen.“

Zahlen für die erste Reihe

In dieses „Loch“ gehört auch der brutale Bestechungskrieg in den Bildungseinrichtungen, von dem die „International Herald Tribune“ berichtete. Um das Vorankommen der Sprösslinge zu fördern, gibt es an Schulen und Universitäten, die stets zum Aushängeschild kommunistischer „Kultur“ gehörten, einen regelrechten Kampf um Noten und Auszeichnungen. Professoren und Lehrer, ja sogar Erzieherinnen in Kindertagesstätten würden bestochen, damit Söhne und Töchter eine gute Ausgangsposition fürs berufliche Leben erhalten. So werden Gebühren für die Zulassung an einer bestimmten Schule mit höheren Standards und besserem Milieu erhoben, was offiziell verboten ist. Teilnehmer von Schulkursen kommunistischer Jugendgruppen - eigentlich kostenlos, aber begehrt, um seine Beziehungen zur KP zu pflegen, die über die Studienplatzvergabe entscheidet - müssten „bezahlen“. Sogar Plätze in der ersten Reihe des Klassenzimmers, gleich neben der Tafel, oder ein Posten als Klassensprecher fallen unter solche Gebühren„pflicht“.

Dahinter steckt auch, wie der Historiker Wu Si, Herausgeber einer Parteizeitschrift, erklärt hat, das von ihm so benannte „System der verborgenen Regeln“. Qian guize ist geradezu zu einer stehenden Redewendung in China geworden. Gemeint ist, dass hinter den gültigen Gesetzen und Normen immer noch eine zweite Ebene existiert, was jedem Chinesen seit Kindesbeinen bekannt ist. Deshalb werde Bestechung weniger als individuelles (Fehl-)Verhalten gesehen denn als ein Sich-Fügen in eine Konvention. Diese war ebenso bekannt wie das normative Regelwerk des offiziellen Rechts. Es handele sich um eine Art Bewusstseinsspaltung, erläuterte die FAZ, die der Historiker erst ins allgemeine Bewusstsein gehoben habe.

Aber nicht alle akzeptieren diese klammheimliche Doppelmoral zwischen Regel und Realität. Gefragt, was man gegen die geistige Wüste, gegen den moralischen Kollaps der Gesellschaft heute tun könne, bekam Kai Strittmatter verschiedene Antworten: Man könne sich eine glückliche Frau oder einen glücklichen Mann suchen oder eine gute Flasche Rotwein, eine Schale knusprigen Hühnchens genießen. Ein Musiker riet, schlichtweg menschlich zu bleiben. Das Denken und Fühlen nicht aufgeben, meinte ein Maler. Manche wenden sich auch der Religion zu, wie zum Beispiel eine ehemalige Fernseh-Drehbuchautorin. „Diese Gesellschaft hat keinen Weg und kein Ziel. Die Regierung hat den Menschen die Religion genommen und den Kommunismus geschenkt.“ Jetzt sei der Kommunismus tot, und die Leute haben keine Hoffnung. „Also musst du ihnen den Glauben bringen.“ Die Frau hat sich taufen lassen, verteilt heimlich Bibeln in Bauerndörfern - und spricht respektvoll von den Christen, die „ihr Leben für andere geben“.

Bei der „Munk Debate“ war es der Ökonom David Daokui Li, der auf Chinas geistige Grundlagen des Fortschritts aufmerksam machte, ohne allerdings die derzeitigen innenpolitischen Probleme näher zu erwähnen. Gemäß dem Konfuzianismus strebe man nach einer harmonischen Welt. Dies sei etwas ganz anderes als das westliche zweipolige Denken, das Beziehungen in Gewinner und Verlierer aufteilt. Vielleicht könne China die Menschheit später einmal ein alternatives Gesellschaftskonzept lehren, das größeres Gewicht auf das Wohl und die Stabilität der Zivilgesellschaft legt und weniger auf individuelle Freiheit schaut.

Blühende Wirtschaft - Kältetod

Wie sehr diese Sichtweise Chinesen selbst in eine Zerreißprobe im Alltag führt, zeigte im November der tragische Tod von fünf auf der Straße lebenden Kindern in der Provinz Guizhou. Sie hatten Zuflucht vor der bitteren Kälte in einem großen Müllbehälter gesucht. Um sich zu wärmen, zündeten sie das darin befindliche Papier an und starben durch die hochgiftigen Dämpfe, die vom verbrannten Papier im Feuer aufstiegen.

Wie ein anonym bleibender katholischer Priester in „UCANews“ berichtete, hätten die Behörden dort keinerlei Bedauern gezeigt. Stattdessen brachten sie Schilder auf den Müllhalden an, auf denen zu lesen stand: „Kein Zutritt für Menschen und Tiere. Zuwiderhandeln liegt in Ihrer eigenen Verantwortung.“ Der Geistliche kommentierte das Geschehen so: Tod und Leiden der Kinder gehen zulasten des Staates, der es nicht schafft, die frierende Bevölkerung vor dem Kältetod zu schützen. „Die wirtschaftliche Entwicklung Chinas in den letzten Jahrzehnten hat die Welt in Erstaunen versetzt. Aber die Gewinne haben den Großteil der Bevölkerung noch nicht erreicht.“ Unterdessen vermehren sich die Millionäre und Milliardäre in zwei Nationen am rasantesten: in Russland und - China.

CIG 4/2013


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