69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 30. April 2017

Am Anfang war die Liebe
Von Volker Gerhardt
Die Göttlichkeit der Liebe: bei Pla­ton und im Johannesevangelium.

Der Erste, der den Zusammenhang zwischen dem Göttlichen und der Liebe herausgestellt hat, ist der Philosoph Platon (427-348 v. Chr.). Bei ihm ist der Eros - in dem sich jeder selbst im anderen suchen und finden kann - das gleichermaßen physische, psychische und intellektuelle Verlangen, über sich selbst hinauszuwachsen, um das „Schöne, Wahre, Gute“ - und in ihm letztlich das Ganze - wenigstens zu schauen und in dieser Schau mit dem Göttlichen vereint zu sein.

Doch bei Platon ist nur eine Philosophie daraus geworden, wenn auch die größte, schönste, umfassendste und existenziell eindringlichste, die bis heute überliefert ist. Eine Religion der Liebe ist erst etwa vierhundert Jahre nach ihm durch den Hebräer Jesus daraus geworden, von dem wir nicht wissen, ob er unter platonischem Einfluss stand. Man kann aber nicht umhin, die Spuren Platons in seiner Botschaft zu suchen. Im Johannesevangelium scheinen sie offensichtlich zu sein.

Bei diesem Evangelium handelt es sich um einen ganz auf die Lehre des Nazareners konzentrierten Text, dessen Anfang durch die Übersetzungsproben aus Goethes „Faust“ volkstümlich geworden ist. Wie übersetzt man jenes En arche en ho lógos, mit dem der Text beginnt (Joh 1,1): „Im Anfang war das Wort“? War es nicht eher der „Geist“? Oder gar die vom Wortsinn am wenigsten passende „Kraft“, für die sich Faust schließlich in seiner ungestümen Gelehrsamkeit entscheidet?

Außerhalb der Gelehrtenstube aber dringt eine andere Übersetzung vor, die durch den Verlauf des Dramas zwar immer wieder fragwürdig wird, letztlich aber im irdischen wie im himmlischen Ausgang der Handlung bestätigt wird: Sie mag zwar dem logos, der „Wort“, „Sprache“, „Geist“ oder „Vernunft“ bedeuten kann, nicht wörtlich entsprechen, kommt ihm aber in dem, was der logos im besten Sinn seiner Äußerung bewirkt, am stärksten entgegen. Geht man vom Kontext des Johannesevangeliums, also von seiner wiederholt ausgesprochenen „frohen Botschaft“ aus, hat man gute Gründe, das En arche en ho lógos mit „Am Anfang war die Liebe“ zu übersetzen - und dies auch deshalb, weil sie immer wieder den in Jesus selbst zum Ausdruck kommenden und von ihm selbst verkündeten „neuen Anfang“ macht.

Die zentrale Botschaft des Messias findet sich in dem einzigen „Gebot“, das er aufstellt und das alle anderen Gebote, einschließlich jener zehn, mit denen Mose vom Sinai herabgestiegen ist, unter eine völlig neue menschheitliche Bedingung stellt. Es lautet:

„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt (agapate), wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander liebhabt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Joh 13,34.35).

Dieses Gebot der Gebote wird mehrfach variiert: „Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten“ (14,15). „Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt“ (14,21). Oder in der Umkehrung: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen“ (14,23). Und wenig später, als Jesus das Gleichnis vom Weinstock erzählt, in dem es um Fruchtbarkeit und Vermehrung geht, wird das Liebesgebot gleich zweimal erneuert (15,12.17).

Dabei geht es zum einen darum, dass man die Liebe dadurch beweist, dass man sein Leben für einen befreundeten anderen hingibt und dass man wie in der geschlechtlichen Liebe „Frucht bringt“ und wie im sozialen Dienst am Nächsten dafür Sorge trägt, dass man „Frucht bleibt“ , also auch weiterhin für den Fortbestand eines das Liebesgebot befolgenden Lebens sorgt (15,16). Gott selbst gibt und opfert seinen Sohn für die Rettung des Lebens der Welt. Das begründet er wie ein Mensch, dem es um den Fortbestand seines Lebenswerkes geht, durch die Hingabe an das Geliebte, das er nur seinem geliebten Nächsten anvertrauen möchte: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden …“ (3,16).

Die Einbindung der Liebe in die Generationenkette lässt keinen Zweifel daran, dass Jesus hier vom „Leben“ spricht, als dessen „Brot“ er sich bezeichnet (6,35). Dass damit die Perspektive auf ein „ewiges Leben“ verbunden ist, heißt für den „Sohn Gottes“, also für den, an dem sich die lebendige Fruchtbarkeit des „Vaters“ zeigt, keineswegs, dass auf den natürlichen Prozess des Lebens verzichtet werden muss. Das natürliche Leben muss „wachsen“. Im alltäglichen Leben kommt es darauf an, dass „Braut und Bräutigam“ zusammenfinden. Nur der todgeweihte Christus muss im Interesse des Lebens auf eine Braut verzichten. Umso entschiedener kann er sich als den „Freund“ des Bräutigams bezeichnen, der „sich sehr über die Stimme des Bräutigams“ freut (3,29), mit der dieser sein Ja-Wort gibt.

Noch deutlicher ist die Gleichnisrede vom Weizenkorn, das, wenn es „nicht in die Erde fällt und erstirbt, allein (!) bleibt …; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“ (12,24). Erst wenn man diesen natürlichen Lebensgrund des Evangeliums anerkennt, versteht man, was in dieser Botschaft tatsächlich verheißen wird. Es sind der „Geist“ (3,5; 4,24), die „Wahrheit“ (4,24; 8,32; 18,38), die „Freiheit“ (8,31f), der „Friede“ (20,19) und das „Licht“ (3,19; 8,12; 9,5; 12,36), das hier gelegentlich auch „öffentlich“ genannt wird (7,4.10: „Niemand tut doch etwas im Verborgenen und will doch öffentlich etwas gelten. Willst du das, so offenbare dich vor der Welt“). Sogar die Wendung „frei und offen“ kommt vor (18,20).

Das alles sind essenzielle Bedingungen der Fruchtbarkeit - des Leibes wie des Geistes, und sie zeigen an, wie das produktive, das fruchttragende Leben gewahrt werden kann. Der kreatürliche Lebenshintergrund kann schließlich auch verständlich machen, warum es Jesus noch vom Kreuz herunter wichtig ist, seiner leiblichen Mutter seinen Lieblingsjünger als ihren „Sohn“ anzuempfehlen und dem Jünger diese Frau als seine „Mutter“.

Erst wenn wir sehen, wie die auf Geist und Wahrheit, auf Licht und Öffentlichkeit, auf Freiheit und Friede abzielende theologische Botschaft der Rede von einer Liebe, die immer auch leiblich und fruchtbar gedacht wird, nicht widerspricht, ja wenn man zeigen kann, dass allererst die Körper, Seele und Geist umfassende Liebe der Menschen untereinander in der Lage ist, den ganzen Umfang des Evangeliums, einschließlich der Natur Gottes, zu fassen, dann versteht man vielleicht auch, wie es in dieser Lehre zu der die Juden bis heute provozierenden Rede von Vater und Sohn kommen kann, von denen Jesus zu allem Überfluss auch noch sagen kann, dass sie „eins“ sind (10,30; 14,9) und im „Heiligen Geist“ gemeinsam wirken.

So schlicht und einfach die Reden und Gleichnisse des Neuen Testaments klingen und so nahe uns sein neues Gebot der Liebe auch geht: Es ist gerade in dieser
intimen menschlichen Nähe die subtilste theologische Konstruktion, die je ersonnen wurde. Doch sie wäre, trotz ihrer un­geheuer geistvoll mit dem menschlichen Dasein verbundenen und ihm zugleich unendlich über­legenen Konstruktion, gänzlich unglaubwürdig, wenn nicht ein Mensch für sie gelebt hätte und gestorben wäre.

Volker Gerhardt, Dr. phil., ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin. Der Beitrag war Teil eines Vortrags in der Berliner Katholischen Akademie.

CIG 13/2013


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