69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

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Von Stephan U. Neumann
Was nicht im Internet steht, gibt es nicht. Weite Kreise der Bevölkerung leben im weltweiten Netz und sehen dieses keineswegs als eine weniger reale Welt an. Das gilt für Beziehungen, Politik, Wirtschaft - und Glauben.

Rasant war ihr Ritt auf der Erfolgswelle. Nachdem die Piratenpartei mit neun Prozent der Stimmen am 18. September 2011 ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt worden war, segelte sie in den Umfragen von einem Hoch zum nächsten. Doch nach nur eineinhalb Jahren droht nun der Untergang. Im Strudel interner Streitereien des Spitzenpersonals werden die Piraten immer weiter in die Tiefe gerissen. „War’s das jetzt schon, Piraten?“, fragte die „Frankfurter Rundschau“. Die ausgewiesenen Fachleute für Netzpolitik und Datenschutz sollten sich nach ihren Erfolgen auf einmal zu allem und jedem äußern. Überschätzt und überfordert - diese fatale Mischung ist nach Ansicht der Zeitung die Ursache für den Absturz: „Aus sympathischen Dilettanten wurden Deppen.“

Der Partei ist es jedoch gelungen, junge Menschen für Politik zu interessieren, die diese für ein von überwiegend älteren Männern beherrschtes Geschäft in verkrusteten Parteistrukturen hielten. Transparenz durch Beteiligung an Entscheidungen, nahezu gläserne, ständig erreichbare Volksvertreter - das war das Versprechen einer neuen, via Internet vermittelten Politik, die alle Möglichkeiten des Netzes nutzt, von den sozialen Netzwerken Facebook und Google+ über den Kurznachrichtendienst Twitter bis hin zum Videoportal YouTube.

Die anderen Parteien sind jedoch überzeugt, längst die „berechtigten“ Anliegen der Piratenpartei und ihrer Wähler verstanden zu haben. Deshalb sei das Original nicht mehr notwendig. Nach dem Motto: „Danke für die Anregung, den Rest kriegen wir allein hin“ wird mit einer Mischung aus Häme und mitleidigem Spott der Konkurrent verabschiedet. So wie die drei seit der Gründung der Bundesrepublik bestehenden Parteien einige Jahre nach dem Einzug der Grünen in den Bundestag meinten, wir sind alle ein bisschen grün, glauben die mittlerweile mehr oder weniger etablierten fünf Parteien in der Welt von Internet und Social Media angekommen zu sein.

Es handelt sich dabei allerdings um eine Fehleinschätzung. Denn die Piraten wollen, dass Politik in der Wirklichkeit der sozialen Netzwerke ankommt und dass umgekehrt die sogenannten Digital Natives, die Eingeborenen der digitalen Welt, Teil der Politik werden. Von Grün bis Schwarz (be)nutzen die anderen Parteien dagegen Homepage, Facebook, Twitter oder YouTube nur für ihre PR-Zwecke. Man bedient sich der neuen Möglichkeiten als Werbe-Gag.

Politik verflüssigen

Diese Sicht stammt aus Zeiten, als zwischen realer und virtueller Welt unterschieden wurde und das Internet vor allem Firmen dazu diente, in einer Einbahnstraßen-Kommunikation den User, den Nutzer, werbend zu informieren. Doch die Zeiten des „Web 1.0“, der ersten Internet-Vollversion, sind vorbei. Der Begriff „Web 2.0“ beschreibt diese grundlegende Veränderung. Er zeigt an, dass es sich um eine komplett neue, vom bisherigen unterschiedene Version des „WorldWideWeb“ (weltweiten Netzes) handelt. Ändert sich die Zahl hinter dem Punkt, handelt es sich um ein Update, also um eine Neuerung oder Weiterentwicklung innerhalb des bestehenden Programms.

Natürlich gibt es Debatten, ob der Begriff glücklich ist. Denn das Internet war von Anfang an auf Vernetzung angelegt und nie auf eine lineare Kommunikation von Absender zu Adressat, wie es bei den sonstigen Medien überwiegend üblich ist - ob Brief, Zeitung, Radio oder Fernsehen. Wortkon­struktionen wie „Prosumer“, zusammengesetzt aus Producer (Hersteller) und Consumer (Verbraucher), zeigen: Jeder und jede heftet einerseits Inhalte an seine Facebook-Pinnwand, stellt sein selbst gedrehtes Video auf YouTube und verlegt sein Buch auf Amazon selbst, während er andererseits die Inhalte und Produkte anderer nutzen, weiterverbreiten und kommentieren kann.

Auf der Computermesse „Cebit“ stand in diesem Jahr die „Shareconomy“, die „teilende Wirtschaft“, im Mittelpunkt. So wie beim bereits seit längerem bekannten Carsharing, dem gemeinsamen Nutzen eines Autos, wird im Internet zum Beispiel die eigene Wohnung als Ferienunterkunft weltweit angeboten. Menschen teilen selbstverständlich ihr Wissen etwa auf der Online-Enzyklopädie „Wikipedia“ oder in speziellen Foren. Firmen tauschen sich über Erfahrungen und Neuentwicklungen aus und leihen sich gegenseitig Kräne oder Bagger.

Mittels geteilten Wissens und eines direkten, für alle transparenten Austauschs von Informationen Politik zu erneuern, das will das Konzept der „Liquid Democracy“, der „flüssigen Demokratie“. „Jeder beteiligt sich genau da selbst, wo er etwas beitragen will und kann. In anderen Gebieten kann er seine Stimme einem Menschen oder einer Gruppe übertragen, er kann sie an jemanden delegieren, dem er vertraut“, erklärt auf „Zeit Online“ Andreas Nitsche, ein Programmierer von „LiquidFeedback“ (flüssige Rückmeldung). Diese Software will Parteien oder Initiativen ermöglichen, diese Diskussions-, Abstimmungs- und Stimmübertragungsprozesse im Internet zu verwirklichen. Das - noch nicht erreichte - Ziel ist eine Mischung aus repräsentativer Demokratie, die zu Verfestigungen und einer Herrschaft von Parteien neigt, und direkter Demokratie, die den Einzelnen überfordert, weil er weder alles überblickt noch Fachmann in jedem Bereich ist.

Durch den „Shitstorm“

Die konkrete Umsetzung der Idee erscheint angesichts endloser chaotischer Debatten mit verbalen Entgleisungen auf Parteitagen der Piraten wenig attraktiv. Zudem - so der Eindruck - droht jenen, die eine nicht genehme Meinung vertreten, der Untergang in einem „Shitstorm“, einem Sturm der Entrüstung, bei dem innerhalb kürzester Zeit Webseiten, Twitteraccounts oder persönliche Auftritte in sozialen Netzwerken mit unzähligen Kommentare und teils wüsten Beschimpfungen überflutet und manchmal lahmgelegt werden. Selbst Piraten fragen, ob die Ansprüche des transparenten Politikers und der Beteiligung aller durchzuhalten sind. „Ob im Internet, im Zug oder am Infostand. Für jeden Gedanken, den ich äußere, wate ich durch einen zähen Sumpf aus Beschimpfungen und Unterstellungen“, schrieb neulich Marina Weisband in der „Frankfurter Allgemeinen“. Bis sie sich vor einem Jahr zurückzog, gehörte sie als eine der wenigen Frauen dem Bundesvorstand der Piratenpartei an. Ernüchtert stellt sie fest: „Der offene Politiker hat keine Chance, er wird fertiggemacht. Wenn es ihm nicht scheißegal ist, was ihr von ihm haltet, wird er fertiggemacht. Von euch.“

Marina Weisbands - keineswegs nur auf das weltweite Netz beschränkte - Vision einer „Gesellschaft, in der es kein ‚Scheißegal-Gen‘ braucht, um Politik zu machen“, teilt auch „LiquidFeedback“-Entwickler Andreas Nitsche. Die politische Beteiligung der Bürger setzte eine diskriminierungsfreie Gesellschaft voraus, „in der es keine existenziellen Ängste auslöst, wenn man zu seiner Meinung steht und seine Position vertritt, in der es keine Abhängigkeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gibt“, so Nitsche gegenüber „Zeit Online“. Und weil die Menschen wissen wollen, mit wem sie diskutieren oder an wen sie ihre Stimme delegieren, müsse der richtige Name, der Klarname, genannt werden. Wer vertraut schon jemandem, der unter einem Decknamen agiert?

Was geschieht mit meinen Daten?

Spätestens hier schrillen bei vielen die Alarmglocken. Als oberstes Gebot für jede Bewegung im Internet gilt häufig noch, die eigene Privatsphäre möglichst durch Verschleierung und wohldosierte Preisgabe eigener Daten zu schützen. Denn die Verknüpfung und klare Zuordnung von Informationen zu einer Person gelten als die Währung im Internet, hinter der die großen Konzerne wie Google, Facebook, Apple und Amazon her sind. Mit den Usern, den poten­ziellen Konsumenten anderer Waren, lässt sich nämlich viel Geld verdienen. Der frühere, konventionelle Adresshandel für Werbezwecke wirkt da wie ein Dinosaurier. Datenschützer und Juristen betonen daher das „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“, wonach der Einzelne festlegt, wie seine persönlichen Daten verwendet und wo sie gespeichert werden dürfen.

Doch das kann der Einzelne gar nicht leisten. Er will es meist auch gar nicht, weil er seine Identität entwickelt und lebt, indem er einen Teil davon preisgibt, ohne dass er vor aller Welt entblößt sein will. Auf diese Ambivalenz weist der Münsteraner Jurist Christoph Gieseler in dem Sammelband „Personen im Web 2.0“ (Göttingen 2012) hin: Nutzer sozialer Netzwerke „möchten nicht über ihre Daten bestimmen, nicht ihre Privatheit aufgeben, sie möchten schlichtweg kommunizieren, ihre Persönlichkeit entfalten, Meinungen äußern“. Weil der Einzelne seine Identität nur im Austausch, in der Auseinandersetzung mit anderen, mit der Gesellschaft entwickeln und verwirklichen kann, darf er nicht mit dem Verweis auf mögliche Gefahren sozusagen gut gemeint davor bewahrt werden, sich zu offenbaren. Anstatt die Menschen im Netz, wo jede Kommunikation und Handlung immer schon „verdatet“ ist, gegen die Datenpreisgabe zu schützen, braucht es Gieseler zufolge einen Schutz der Datenpreisgabe.

Mit diesem Perspektivwechsel ist weder die Gefahr gebannt, dass verfügbare Informationen über Personen kommerziell oder kriminell (aus)genutzt werden, noch bedeutet es, dass jede Selbstentblößung gutzuheißen ist. Dem Grundsatz zufolge muss dann aber nicht der Einzelne begründen, dass er sich etwa in Sozialen Netzwerken selbst entfaltet, sondern derjenige, der diese Daten vor allem in anderen Zusammenhängen speichern, nutzen oder mit anderen Informationen verknüpfen will. Das schützt den Einzelnen nicht davor, dass seine öffentlichen Handlungen auch Reaktionen bei anderen auslösen. Das ist meistens gerade gewollt. Wie auf der Straße muss man sich aber überlegen, was man tut oder sagt und vor allem wie laut und öffentlich.

Überhaupt ist ein Hauptmissverständnis, dass zwischen dem Internet und der „normalen“ Welt unterschieden wird. Das als „virtuell“ bezeichnete Netz ist aber nicht weniger wirklich als die reale Welt. Umgangsformen oder Gefahren unterscheiden sich im Internet, in älteren Medien oder der direkten zwischenmenschlichen Kommunikation kaum. So fragt der Berliner Piraten-Abgeordnete Christoph Lauer bei seiner Ankündigung, nicht mehr den Kurznachrichtendienst Twitter zu nutzen, ganz allgemein in der FAZ: „In was für ein Menschen- und Gesellschaftsbild lasse ich mich durch die Nutzung von Twitter eigentlich pressen? Ist es ein Wert, unbedarft jeden Gedanken, der vermeintlich in 140 Zeichen passt, in die Welt zu blasen? Soll jeder immer alles kommentieren? Möchten wir eine Diskussions- und Aufmerksamkeitskultur des Rauschens, das nur durch besonders laute und plakative Themen unterbrochen wird? War das nicht lange Zeit die Kritik an den klassischen Medien?“

So wie die Piraten den politischen Raum für diejenigen geöffnet haben, die die Welt vorwiegend über das weltweite Netz wahrnehmen, und so wie Unternehmen längst den Weg in die sozialen Netzwerke gefunden haben, weil sich ihre Kunden dort aufhalten, stellt die Social-Media-Managerin im Kommunikationsbüro der Katholischen Kirche in Oberösterreich, Andrea Mayer-Edoloeyi, auch für die Kirchen fest: „Etwas, das nicht im Internet zu finden ist, ‚gibt es nicht‘.“ Glaubensgemeinschaften, die das WorldWideWeb meiden, erreichen ganze Milieus nicht. Damit verfehlen sie im christlichen Fall ihren Auftrag, allen Völkern und allen Menschen die frohe Botschaft von Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi zu bringen (vgl. Mt 28,19f). Sie weigern sich auch, „jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15), weil bereits das Fragen durch die fehlenden Präsenz im Internet verhindert wird. Denn „selbst bei Angeboten, die eine Auszeit von der ständigen Medienpräsenz vorschlagen, wird man/frau auf die Kommunikation dieser Angebote innerhalb des Mediums nicht verzichten können, um überhaupt wahrgenommen zu werden“, so Andrea Mayer-Edoloeyi in „Personen im Web 2.0“.

Gotteserfahrung Internet

Stellt Kirche die Glaubenskommunikation auf die Einstellung und die Ästhetik der postmodernen Milieus um und lässt sie sich auf die Kommunikationskultur in den sozialen Netzwerken ein, können - davon ist Andrea Mayer-Edoloeyi überzeugt - auch „Digital Natives“ erreicht werden, und gleichzeitig deren Lebenswelten die Kirche durchdringen. Für diese doppelte Bewegung gibt es Beispiele: der hohe Stellenwert von Beziehungen, die das Netz weltweit ermöglicht, die dem christlichen Menschenbild entsprechende und in sozialen Netzwerken als existenziell empfundene Freiheit, das Leben selbst zu gestalten, die Entdeckung der Fastenzeit als Auszeit von der allgegenwärtigen intensiven Mediennutzung, Klosteraufenthalt oder andere Outdoor-Angebote weit weg von Internet und Handy, die aber dort gefunden werden müssen.

Doch die Kommunikation in sozialen Netzwerken gilt als weniger verbindlich, weniger wirklich als das direkte Gespräch mit Freunden und Bekannten. Gefühle könnten besser verborgen werden. Man könne sich dem anderen unbemerkt entziehen. Es sei schwer zu entscheiden, was echt und was nur vorgetäuscht ist. Der Gebrauch von Emoticons, den lächelnden, zwinkernden, traurigen oder erstaunten Gesichtern (Smileys), beweist, dass der Kommunikation per E-Mail im Chat oder auf Facebook etwas fehlt. Die evangelische Theologin Christina Costanza weist in „Personen im Web 2.0“ darauf hin, dass die Kritiker computervermittelten Sprechens „die totale Transparenz des einen für den anderen“ zum Ideal zwischenmenschlicher Kommunikation erheben. Doch für Costanza achten sich nicht die Menschen, die sich gegenseitig vermeintlich „ihr Innerstes enthüllen“, in herausragender Art und Weise, sondern diejenigen, welche die Gleichzeitigkeit von „Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, … Nähe und Distanz - Anwesenheit und Abwesenheit“ des Gegenübers annehmen. Denn der andere ist „gerade darin Subjekt, dass er in der Kommunikation, also in der Mitteilung, immer auch unzugänglich bleibt“.
Diese Erfahrung von Nähe und Distanz gilt auch für die Gottesbeziehung. „Gott wird auch als Person als der menschlichen Vernunft entzogen und als ungegenständlich begriffen. Gott … ist nach Martin Luther gerade in seiner Abwesenheit erfahrbar, und er ist nach Karl Barth der sich in der Offenbarung zugleich verhüllende Gott. Die Nichtgegenständlichkeit und die Verborgenheit des personal verstandenen Gottes ist dem protestantischen Prinzip zufolge geradezu ein Kriterium für die Gotteserfahrung.“ Damit wird die computervermittelte Kommunikation „eine von vielen ‚kleinen Transzendenzen‘ …, die den lebensweltlichen Alltag auf die eine große Transzendenz hin durchsichtig werden lassen“.

Wir befinden uns am Beginn einer neuen Inkulturation. Der Glaube muss in eine neue (Jugend-)Kultur übersetzt werden. Und so wie die Inkulturationsprozesse der vergangenen zweitausend Jahre nicht nur die Menschen und Völker verändert haben, die sich von der christlichen Botschaft (neu) betreffen ließen, sondern auch immer die Kirche und den einzelnen Gläubigen, so werden sich auch die Kirchen im Netz weiterentwickeln. Die auf Gegenseitigkeit und Beteiligung angelegte Kommunikation des weltweiten Netzes könnte Dia­logprozesse, Synoden oder ein Konzil ganz anders Wirklichkeit werden lassen. Technisch sind die Möglichkeiten da, nicht mehr nur zu den Menschen zu sprechen, sondern über die Grenze von Klerikern und Laien hinweg weltweit sich miteinander über Glauben heute auszustauschen.

Das Internet und seine Kommunikationsformen haben das Wirtschaften nachhaltig verändert. Die Piratenpartei ist nur der sichtbarste Ausdruck, wie sehr sich Politik und Demokratie derzeit in und mit den sozialen Netzwerken wandeln. Und auch das Christsein wird im weltweiten Netz - wirklich und nicht nur virtuell - neu angeregt, belebt, durchgewirbelt.

CIG 15/2013


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