69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 13. August 2017

Liturgie im Leben: Vergeben
Von Holger Zaborowski
„Entschuldigen“ bedeutet: von Schuld lossprechen. Das Wort wird oft missverständlich verwendet. Sich beispielsweise für eine kleine Störung, eine Nachlässigkeit oder mangelnde Aufmerksamkeit zu entschuldigen, ist unmöglich. Denn Entschuldigung muss ja gewährt werden, und zwar von einem anderen. Die Redewendung vom „sich entschuldigen“ geht aber davon aus, dass man selbst und ohne einen anderen seiner Schuld ledig wird. Was Ent-schuldigung eigentlich bedeutet, bleibt im alltäglichen Sprechen häufig verborgen - oder wird verdrängt.

Die Bitte, von Schuld freigesprochen zu werden, ist radikal. Ebenso radikal ist es, zu vergeben. Wenn um Vergebung gebeten wird, bleibt die Eigenart der Ent-schuldigung gewahrt. Wer diese Bitte äußert, ist sich meist einer Schuld bewusst. Selten wird einfach und schnell vergeben. Manche Schuld bedarf der Auseinandersetzung, der intensiven Bewältigung. In anderen Fällen hofft man auf die Zeit - nicht, dass Schuld vergessen wird, sondern, dass neu und anders über sie gedacht wird. Manchmal ist es jedoch gar nicht möglich, zu vergeben; so schwer wiegt, was geschehen ist. Es ist unverzeihlich. Dann ist es nicht - oder noch nicht - möglich, einen neuen Anfang zu setzen. Denn genau dies geschieht beim Vergeben: Was geschehen ist, wird anerkannt als Vergangenes. Es soll nicht länger einen Schatten über Gegenwart und Zukunft werfen. Ein Neuanfang ist jedoch nur möglich, wenn, wer schuldig wurde, Reue zeigt und um Entschuldigung bittet, aus freien Stücken. Niemand kann dazu gezwungen werden. Vergebung ist gleichermaßen ein Akt der Freiheit. Ohne Freiheit gibt es keine Versöhnung.

Wenn Menschen sich nicht immer auch versöhnen würden, wenn es nicht die Hoffnung gäbe, dass Gott Schuld vergibt, bestünde die Geschichte aus einem einzigen unentwirrbaren Zusammenhang von Schuld. Dann herrschte Unheil ohne Ende. Daher ist die Bitte um Vergebung - wie etwa im Vaterunser - eine zutiefst menschliche und notwendige Bitte. Nicht nur, weil alle Menschen immer wieder schuldig werden, sondern auch, weil sich menschlich allein dort leben lässt, wo Versöhnung in die Zukunft blicken lässt.

Holger Zaborowski, Dr. Dr. phil., Professor für Geschichte der Philosophie und philosophische Ethik an der Pallottinerhochschule in Vallendar.

CIG 15/2013


Facebook icon Auf Ihre Anregungen und Kommentare freuen wir uns auf Facebook!
Wir freuen uns, wenn Sie CHRIST IN DER GEGENWART näher kennen lernen wollen. Die nächsten vier Ausgaben können Sie gleich hier kostenlos anfordern oder bei:
Verlag Herder, Kundenservice, D-79080 Freiburg
Fax 0761/2717-222, Telefon 0761/2717-200, E-Mail kundenservice@herder.de

Mit unserem Gratis-Newsletter informieren wir Sie über Neues.


Impressum