69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Der bewegte Arbeiter
Von Jürgen Springer
Die baden-württembergische Landesausstellung in Mannheim zeigt Errungenschaften - und Abbrüche - in der Geschichte der Arbeiterbewegung und berührt zentrale Fragen sozialer Gerechtigkeit.

Trotz der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise sind in den letzten drei Jahren in den Vereinigten Staaten von Amerika rund eine halbe Million Arbeitsplätze entstanden, in einem Bereich, in dem es zuletzt nur Stellenkürzungen gab: in der industriellen Fertigung. Diese Entwicklung ist so bedeutsam, dass das New Yorker „Time“-Magazin ihr eine Titelgeschichte gewidmet hat. Das „Made in USA“ sei im Auftrieb, wecke wieder Hoffnung, vor allem durch Investitionen starker Konzerne der Lebensmittel-, Chemie- und Maschinenbau-Branche. Sie profitieren von „günstiger Energie“, Gas und Öl, die Amerika vermehrt auf eigenem Boden gewinnt. So wird das Land von Importen unabhängiger. Als weiteren Faktor sieht das „Time“-Magazin die Tatsache, dass etliche US-Unternehmen mit den mächtigen Gewerkschaften längerfristige Tarifabkommen geschlossen haben, deren gestreckte Laufzeiten rapide Lohnkostensteigerungen ausschließen.

Die neu geschaffenen Arbeitsplätze in der Industrie (manufacturing workers) verlangen außerdem eine höhere Qualifikation. Die Zahl der ungelernten Arbeiter sinkt, die der besser ausgebildeten steigt. Viele neue Industriejobs verlangen eine mindestens „zweijährige technische Zusatzqualifikation, um klassische Handwerkstätigkeiten wie Schweißen oder Fräsen zu ergänzen“. Fachleute sagen, dass schon bald eine vierjährige Zusatzausbildung vonnöten sei - das gelte auch für Jobs an vielen anderen Orten der Welt. Die neuen Arbeiter sind also besser - und somit für die Zukunft der Unternehmen noch wertvoller.

Als Beispiel wird die wachsende Hochtechnologie-Branche des dreidimensionalen „Druckens“, auf Englisch: „3-D-printing“, vorgestellt. Ein Automat stellt computergestützt hochkomplexe Maschinenbauteile her. Es handelt sich um eine Technik, die etwa metallisches oder keramisches Pulver unter Hinzufügen von flüssigem Bindemittel zu einem dreidimensionalen Werkstück Schicht für Schicht aufbaut. Eine Gießerei brauche dann keine vorgefertigten Schablonen mehr, in denen das Werkteil gegossen wird, und auch kein Lager für solche Schablonen. „Formen und Gehäuse werden ‚gedruckt‘, wozu lediglich ein Tastendruck am Computer nötig ist.“ Die Produktionszeit verkürzt sich erheblich, und die Produkte lassen sich flexibel den speziellen Wünschen des Kunden anpassen, selbst in kleiner Stückzahl.

Der in diesem Bereich führende amerikanische Konzern ExOne, der sich in den USA derzeit stark erweitert und in seinen „Shops“ jeweils zwölf solcher Maschinen einsetzt, rechnet vor: Ein sogenannter 3-D-Printer benötige je Arbeitsschicht nur einen Bediener, der bloß von einem Design-Ingenieur unterstützt wird, der wiederum für sämtliche Maschinen zuständig ist. Es ist klar, dass solche neuen Technologien gewisse frühere Arbeitsplätze ersetzen. Stirbt „der Arbeiter“, der seit mehr als zwei Jahrhunderten für handwerkliche oder sich monoton wiederholende Tätigkeiten in der Industrie bezahlt wird, allmählich aus?

Vermutlich! Das hat auch die baden-württembergischen Ausstellungsmacher in Mannheim bewogen, die Geschichte der Arbeiterbewegung neu zu bedenken. „Was schätzen Sie: Wird ihr Arbeitsplatz in fünfzig Jahren von einem Roboter übernommen worden sein?“, heißt es auf einem interaktiven Bildschirm. Das Ergebnis der Umfrage wird sofort berechnet: In unserem Fall hatten 62 Prozent der Besucher mit Nein geantwortet. Doch Einschätzungen sagen noch nichts über Realitäten aus.

Gleich neben dem Bildschirm ist ein vollautomatischer einarmiger orangefarbener Roboter aufgestellt, wie man ihn aus der Automobilproduktion kennt. Er symbolisiert die Hochtechnologisierung und Digitalisierung heutiger industrieller Arbeit. Der „Einarmige“ zeichnet mit einem Lichtpunkt kunstvoll Buchstaben, die sich langsam zum Thema der Ausstellung zusammenfügen: „Durch Nacht zum Licht?“ Es ist ein Zitat der ersten Strophe eines alten Bergarbeiterlieds. Sein Verfasser, Heinrich Kämpchen, hatte es 1889 kurz nach seiner Entlassung in die Arbeitslosigkeit geschrieben. Gesungen wurde es nach der Melodie eines damals bekannten Soldatenlieds. Im Text von Kämpchen steht am Schluss des Verses allerdings ein Ausrufezeichen: „Glück auf, Kameraden, durch Nacht zum Licht!“

In der Geschichte der Arbeiter und ihrer Versuche, gerechtere Verhältnisse durch Solidarität und Kampf durchzusetzen, wechselten sich Niederlagen und Erfolge ab. In der Summe gab es wahrscheinlich mehr Nacht als Licht. Die Mannheimer Schau im Landesmuseum für Technik und Arbeit „Technoseum“ nimmt die Gründung des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“ im Mai 1863, also vor genau 150 Jahren, zum Anlass, die komplexen Abläufe und Brüche der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung in Deutschland zu erhellen. Es ist der wahrscheinlich erste derartig umfassende Versuch. Auf mehr als 800 Quadratmetern Fläche wird historisch nüchtern und zielstrebig ein spannender chronologischer Rundgang dargeboten, ohne Pathos, aber auch ohne nostalgische Verklärung.

Dazu trägt die Dramaturgie der Schau bei. Spärliche - aber dennoch nicht zu dunkle - Beleuchtung sowie schwarze Stoffbahnen vermitteln die eher raue und rohe Atmosphäre, die für die Masse der Erwerbstätigen und Armen seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts Alltag war. Formal wählten die Gestalter einen leicht labyrinthischen Rundgang, der mit Hilfe vieler verzinkter Gerüstständer gegliedert ist. Die Ausstellungsstücke - Plakate, Handschriften, Statuen, Bücher, Maschinen, Fotos etc. - werden teils in provisorischen Vitrinen präsentiert, teils mit grobem, Fertigungsatmosphäre verbreitendem Drahtgitter abgeschirmt. Die Parcourswände sind schwarz gehalten, erklärende Schrifttafeln schlaglichtartig angestrahlt. Dazwischen gibt es Hör- und Sehstationen mit Filmen, Gesängen, Liedern, Theaterstücken und manuell mit einer Kurbel zu bedienenden Zeitschleifen, auf denen der jeweilige Zeitabschnitt - insgesamt sind es sechs - als Endlosrolle aufgelistet ist.

Immer auch war die Bewegung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die in Wirklichkeit ja Arbeitgeber sind, weil sie ihre Kraft dem Unternehmen geben, eine Kulturbewegung. Sie brachte ihre eigenen Versammlungs- und Kunstformen, ihre Rituale hervor. Schattenartig sind riesige graue Zahnräder auf den Stoffwänden abgebildet. Sie erinnern an Charlie Chaplins Film „Moderne Zeiten“. Alles fügt sich, als wäre man auf einer Dauerbaustelle oder im Bauch einer gewaltigen Arbeiter-Bewegungs-Maschine, die jeden Einzelnen wie ein Rädchen im Gefüge willenlos, automatisch mitdreht und mitschleift.

Pädagogisch einprägsam vermitteln Leitobjekte die typischen Produktionsmilieus der einzelnen Zeitabschnitte: Es beginnt mit einer Handdruckpresse (1835), die den Übergang von der Hand- zur Maschinenarbeit kennzeichnet, der nicht nur das Druckgewerbe nachhaltig verändert hat. Eine Opel-Nähmaschine verkörpert die Revolutionierung des Schneiderhandwerks nach 1870. In einem angedeuteten Bergwerksstollen setzt mit dem elektrisch betriebenen Bohrhammer die umfassende Mechanisierung um die Jahrhundertwende ein. Ein alter Ford T von 1926 - das „T“ steht für den Spitznamen Tin lizzy, also „Blechliesel“ - sowie ein Spindelautomat für Webereien von 1939 stehen für die Beschleunigung der Fließbandarbeit („Fordismus“) und wirtschaftlichen Aufstieg nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft wird schließlich durch eine Callcenter-Kabine mit PC im Design der späten siebziger Jahre dargestellt. Von der Mechanik zur Elektronik. Die Nachkriegsepoche wird in zwei parallel laufenden Gängen erzählt, getrennt zwischen DDR und BRD.

Adam - wo bist Du heute, als Arbeiter, als werktätiger Mensch? Die Totenmaske von Ferdinand Lassalle (1825-1864), dem Wortführer der frühen Arbeiterbewegung, der als Schriftsteller und Anwalt im Mai 1863 in Leipzig den „Allgemeinen deutschen Arbeiterverein“ gründete, die erste sozialdemokratische Parteiorganisation auf deutschem Boden, lächelt den Betrachter an. Was aber ist aus den Arbeitermilieus geworden, die einst die SPD zur Volkspartei machten, die nun eher wehmütig auf ihre 150-jährige Geschichte zurückblickt? Lassalle hoffte damals, „binnen Jahresfrist“ möglichst viele Mitglieder der überall verbreiteten Arbeitervereine um sich scharen zu können. Er wollte mit einer „Arbeiterarmee“ von Hunderttausenden einen neuen Machtfaktor bilden, um auf demokratische Weise den Bedrückungen der Arbeiterinnen und Arbeiter durch den blanken Kapitalismus der Industrialisierung wirksam zu begegnen.

Lassalles politischer Weg zur Einigung der Arbeiterschaft endete allerdings bereits ein Jahr später: Bei einem wegen einer Liebschaft geführten Pistolenduell im schweizerischen Kaltbad Rigi kam er ums Leben. Im „Arbeiterverein“ hatten sich bis dahin gerade einmal 4600 Mitglieder eingeschrieben - zu wenige, um der Idee deutschlandweit Gewicht zu verleihen. Dennoch war der Grund gelegt für eine sozialpolitische Bewegung, die 1869 - auf Initiative August Bebels und Wilhelm Liebknechts - in die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei mündete. Auf die politische Konstituierung folgte die Gründung von Gewerkschaften, denen zunächst vor allem Handwerker und Facharbeiter beigetreten sind.

Organisiert euch!

Wie intensiv damals über Arbeiterrechte debattiert wurde, macht eine Äußerung Bebels aus seinen Lebenserinnerungen deutlich. Er berichtet aus Leipzig, dass die Kämpfe und Gegensätze in der Bewegung die Beteiligten täglich vollständig in Anspruch nahmen. „Die Disputationen, die wir im Verein, in den Versammlungen und im Privatzirkel gepflogen hatten, setzten wir in der Nacht auf der Straße auf dem Heimweg fort. Die Streitereien wurden in der Regel so laut geführt, dass die Nachtwächter sich öfter einmischten und drohten, uns wegen öffentlicher Ruhestörung nach dem Naschmarkt (dem damaligen Polizeiamt, d. Red.) zu bringen, wenn wir uns nicht ruhig verhalten würden.“

Immerhin erhielt man nach dem Zusammenschluss zur Sozialdemokratischen Partei 1875 bei den Reichstagswahlen zwei Jahre später bereits eine halbe Million Stimmen. Darauf folgten die von Reichskanzler Otto von Bismarck mit Mitteln des Polizeistaats umgesetzten Sozialistengesetze 1878: Sozialdemokratische Vereine, Versammlungen und Schriften - und damit auch Gewerkschaften - wurden verboten. Tausende Sozialdemokraten mussten auswandern, wurden ausgewiesen oder inhaftiert. Eine Büste Bismarcks, die satirisch die Ausgrenzung und Gewalt gegen Sozialdemokraten aufs Korn nimmt, sowie etliche im Untergrund entstandene Kampfschriften der SPD geben einen Eindruck von der Reaktion des Kaiserreichs auf die noch junge Bewegung.

Doch der Drang nach mehr Eigenständigkeit und politischer Initiative ließ sich nicht aufhalten. Mit großer Sorgfalt beleuchtet die Schau die geistigen und organisatorischen Quellen der Arbeiterbewegung: so die bis ins Mittelalter zurückreichenden Handwerkszünfte, die Proteste der notleidenden Bevölkerung in Hungerkrawallen und Maschinenstürmen, die demokratischen Vorläufer im Vormärz. Eine schwarz-rot-goldene Fahne vom Hambacher Fest 1832 wird ebenso präsentiert wie die einzige noch erhaltene handschriftlich gefertigte Seite des „Kommunistischen Manifests“ von Karl Marx (1847). Der Aufruf „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ taucht häufiger auf Plakaten auf.

Das Milieu jedoch, aus dem sich einst die Arbeiterbewegung rekrutierte, hat sich gewandelt. Die Werktätigen von heute streben weder in die Gewerkschaften oder Parteien, noch lassen sie sich anders organisieren.

Wie aus einer anderen Welt wirken die Ausstellungsstücke der Arbeitervereine alter Schule, die an alte Zunfttraditionen der Handwerker anknüpften, obwohl sie sich politisch sozialistischen Ideen zugewandt hatten. Etliche sogenannte Willkommpokale sind ausgestellt. Neue Mitglieder wurden beim ritualisierten Umtrunk mit einem Schluck Wein begrüßt. Ein bemerkenswertes Schwarz-Weiß-Foto von 1904 zeigt Textilarbeiterinnen aus dem sächsischen Crimmitschau, die einen geregelten „Zehn-Stunden-Tag“ forderten. Die Arbeiterbewegung ging Hand in Hand mit der Emanzipationsbewegung der Frauen. Organisierte Männer wie Frauen aber schöpften ihren Optimismus aus der Gewissheit, mit dem Fortschritt im Bunde zu sein, den Kapitalismus der Ausbeutung zurückdrängen zu können und den bürgerlichen Klassenstaat in einer Demokratie zu überwinden.

Christliche Initiativen

Christen standen diesem Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit ebenfalls nicht gleichgültig gegenüber. Sie hatten sich in eigenen „christlich-sozialen“ Vereinen organisiert, waren inspiriert etwa von Gedanken des badischen Sozialpolitikers Franz Joseph Buß (1803-1878) oder des Mainzer Bischofs Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1779-1832). Gemäß den Gesellenvereinen Adolph Kolpings wurden katholische Arbeitervereine gegründet. Im Ruhrgebiet waren es ebensolche Knappenvereine, die sich als kirchliche Antwort auf die Liberalisierung des Bergbaus entwickelten. Das „Lexikon für Theologie und Kirche“ gibt für 1870 „etwa 200000 Mitglieder“ in christlich-sozialen Vereinen an.

In der Mannheimer Ausstellung, die diese Vorgeschichte der katholischen Soziallehre leider weitgehend unerwähnt lässt, wird insbesondere an die erste Sozialenzyklika „Rerum novarum“ („Der Geist der Neuerung“) von Papst Leo XIII. 1891 erinnert. Im Katalog zur Ausstellung betont der Hamburger Historiker Franz Jungbluth, dass weitgehend in Vergessenheit geraten sei, dass die Sozialistengesetze auch die vielen christlich-sozialen Vereine getroffen hatten, was faktisch ihrer Auflösung gleichkam. Denn sie suchten nicht wie manche sozialdemokratischen Vereine ihren Weg in der Tarnung oder im Untergrund.

Papst Leo XIII. verurteilte zwar jede Spielart des Sozialismus, bekräftigte aber auch, dass Unternehmen und Politik sich angesichts der Industrialisierung deutlich stärker für das Wohl der Armen und die Absicherung von Arbeitern einsetzen müssten. „Da das Recht auf Privatbesitz nämlich nicht durch ein Gesetz der Menschen, sondern von Natur aus verliehen wurde, kann es die öffentliche Autorität nicht abschaffen, sondern lediglich seinen Gebrauch regeln und mit dem Gemeinwohl in Einklang bringen.“ Der Papst empfahl den Arbeitern, sich auf dem Boden der kirchlichen Lehre für dieses Ziel einzusetzen. Katholische Arbeitervereine wurden wieder- oder neu gegründet. In der Ausstellung befindet sich ein aus Holz gefertigtes Vereinswappen des Stuttgarter Katholischen Gesellenvereins, das der damals sehr angesehene Maler und Beuroner Mönch Desiderius Lenz, ein Mitbegründer der Beuroner Kunstschule, gestaltet hat. Das gewählte Motiv: Jesus wird von Joseph, dem Zimmermann, ins Handwerk eingewiesen.

Dass bis zum Ende der Weimarer Republik die christlich-soziale Bewegung im Sinne der kirchlichen Soziallehre lebendig war und aktiv in die Gestaltung der Sozial- und Arbeiterschutzgesetzgebung eingriff, wird in der Ausstellung ebenso unterschlagen wie das Engagement entsprechender kirchlicher Gruppierungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Jugendverbände wie die Christliche Arbeiterjugend, aber auch Kolpingbewegung, katholische oder evangelische Arbeitnehmervereinigungen engagierten sich gemeinsam mit säkularen Bewegungen für eine sozial gerechtere Ordnung. Nicht zuletzt die Erfahrung des Nationalsozialismus und der Zusammenbruch des Dritten Reiches ermutigten viele Christen, sich für eine starke, demokratisch geprägte Zivilgesellschaft einzusetzen.

Nach 1945 ist das Bild der Arbeiterbewegung in der Ausstellung nahezu ausschließlich das der Gewerkschaftsbewegung. Erinnert wird an die Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbunds im Westen und des dem Staatssozialismus sowjetischer Prägung untergeordneten Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes im Osten. Die vierzig Jahre bis zur Wiedervereinigung sind allerdings eher holzschnittartig wiedergegeben. Der Haftbefehl gegen Erich Honecker auf grauem Papier steht am Ende der Geschichte der DDR genauso wie eine Kleinplastik pazifistischer DDR-Bürger aus dem Umfeld des evangelischen Pfarrers Rainer Eppelmann „Schwerter zu Pflugscharen“ oder ein schreibmaschinengeschriebenes Dokument aus der Leipziger Lukasgemeinde: „Forum für Kirche und Menschenrechte“.

Gewerkschaften kämpften im Westen für Arbeitszeitverkürzung: „Samstags gehört Vati mir“, lautete ein Plakat der IG Metall. Aber man mischte sich auch friedenspolitisch ein, zum Beispiel gegen den Nato-Doppelbeschluss, zur Nachrüstung mit atomaren Mittelstreckenraketen gegen die entsprechend stationierten Waffen im Osten.

Heute sinken die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften rapide, insbesondere in der jüngeren, politisch distanzierteren Generation. Immerhin sind noch sechs Millionen Arbeitnehmer im Deutschen Gewerkschaftsbund organisiert. Alternative Protestbewegungen wie die Globalisierungskritiker von „Attac“ oder der finanzsystemkritischen „Occupy“-Bewegung haben wiederum Zulauf. Hunderttausende junger Leute demonstrieren in Spanien, Portugal, Griechenland oder anderswo gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit, die auch deshalb skandalös ist, weil viele aus der jungen Generation hochgebildet, sehr gut ausgebildet und dennoch ohne Job sind. Die Gesellschaft braucht sie nicht, will sie nicht?

Quo vadis, Gewerkschaft?

Diese Entwicklungen sind auch eine Folge des Abbaus der sozialen Netze, der Auflösung der Flächentarifverträge und vermehrter Zeitverträge, der Verlagerung einfacher Produktion in „Billiglohnländer“. Doch auch dort begehren die Arbeiter inzwischen auf, nehmen Ausbeutung und gesundheitsgefährdende Arbeitsplätze nicht mehr widerspruchslos hin. So haben beispielsweise die Arbeiter des chinesischen Konzerns Foxconn, der amerikanische Computerfirmen mit günstigen Bauteilen beliefert, erstmals für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen gestreikt.

„Wird es 2063, also in fünfzig Jahren, noch Gewerkschaften geben?“ Diese ebenfalls an die Ausstellungsbesucher gerichtete Frage bejaht noch jeder Zweite. Unter jungen Leuten lässt sich manche Entpolitisierung und Entsolidarisierung - auch von deren Arbeitswelt - beobachten. Doch das Bewusstsein für Recht und Gerechtigkeit der Schaffenden schwindet nicht. Für den Historiker Horst Steffens, der die Mannheimer Ausstellung maßgeblich vorbereitet hat, kann der historisch wichtige „Blick von unten“ auf die arbeitenden Menschen und ihren Alltag auch wieder Bewusstsein für heute wecken - in nun ganz anderen Arbeitsverhältnissen. „Die (soziale) Situation, die wir heute in Deutschland, Europa und weltweit sehen, wird dazu führen, dass Gewerkschaften wieder stärker werden. Die Arbeitsverhältnisse sind unsicherer geworden und Gewerkschaften umso notwendiger“, sagt Steffens voraus.

Das Auf und Ab, das Ab und Auf der Arbeiterbewegung wird sich fortsetzen, solange Menschen arbeiten. Denn die Arbeit nimmt ihnen selbst bei bestem Fortschritt niemand ab, kein Computer, kein Roboter, keine virtuelle Fabrik. Der arbeitende Mensch wird auch morgen noch der Mensch sein, der nach Sinn und Gerechtigkeit in seinem Schaffen sucht.

Die Ausstellung „Durch Nacht zum Licht?“ ist bis zum 25. August im „Technoseum“ Mannheim zu sehen; geöffnet täglich von 9 bis 17 Uhr; mit umfangreichem Begleitprogramm (www.technoseum.de). Der gleichnamige Begleitband, hg. vom „Technoseum“, hat 450 Seiten und kostet 20 Euro.

CIG 18/2013


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