69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 23. April 2017

Freya Klier zum 17. Juni 1953
Von Michael Schrom
Mit ihrem Dokumentarfilm „Wir wollen freie Menschen sein“ (Sonntag, 16. Juni, 22.55 Uhr auf RTL) will die 1950 in Dresden geborene Filmemacherin und Autorin Freya Klier den mutigen, aber vergessenen Freiheitskämpfer des 17. Juni 1953 ein Gesicht geben. Was lernte die in den achtziger Jahren aus der DDR ausgewiesene Bürgerrechtlerin als Schülerin über den Aufstand in der DDR? Das wollte CIG-Redakteur Michael Schrom von Freya Klier wissen.

CIG: Wann und wo haben Sie zum ersten Mal von den Ereignissen des 17. Juni gehört?
Freya Klier: In der Schule. In unseren Schulbüchern lernten wir, dass es einen faschistischen Putsch gab, in dem, angeleitet von amerikanischen und westdeutschen Agenten, eine ehemalige KZ-Aufseherin befreit wurde. Die Legende von der befreiten KZ-Aufseherin wurde propagandistisch total ausgeschlachtet. Das war nicht nur eine Verkürzung und Verfälschung der Tatsachen, sondern eine extreme Form der Gehirnwäsche, die - aus der Perspektive der SED - äußerst erfolgreich war. Denn unsere Generation war die erste, die in einer perfekten Propagandamaschinerie aufwuchs und die DDR idealistisch verteidigte. Selbst später, in der Oppositionsbewegung der achtziger Jahre, war unser Vorbild der Aufstand von Prag 1968, aber nicht vom 17. Juni 1953.

CIG: Privat wurde nicht darüber gesprochen?
Freya Klier: Mein Vater erzählte uns, um was es eigentlich ging und dass alle, die dabei waren, ein starkes Freiheitsgefühl verspürten, das aber sofort brutal abgewürgt wurde. Daraufhin habe ich meinem Vater mehr geglaubt. Doch das war eine Ausnahme. In den fünfziger Jahren wurden zwischen Eltern und Kindern kaum politische Themen angesprochen. Zum einen war die Gesprächskultur zwischen den Generationen noch nicht so entwickelt wie heute, zum anderen brauchten die Eltern ihre ganze Kraft, um den harten Arbeitsalltag zu bewältigen. Im Osten kam noch die Angst hinzu, dass sich ein Kind in der Schule melden könnte: ‚Mein Papa hat gesagt, das war alles ganz anders.‘ Wenn so etwas passierte, hatte das fatale Folgen.

CIG: Der 17. Juni gilt heute als der am besten erforschte Aufstand in der Geschichte Deutschlands. Was hat Sie bewogen, noch einen neuen Dokumentarfilm darüber zu drehen?
Freya Klier: Zum einen wollte ich Abbitte leisten und jene Generation ehren, die damals mit ungeheurem Mut auf die Straße gegangen ist. Sie sind ja nie gewürdigt worden. Ich wollte Zeitzeugen ein Gesicht geben, bevor es zu spät ist. Zum anderen denke ich, dass es wichtig ist, den nachwachsenden Generationen, die gar nicht mehr wissen können, wie es sich anfühlt, in einer Diktatur zu leben, immer wieder neu davon zu erzählen. Der 17. Juni 1953 ist ein wichtiges Datum in der deutschen Geschichte, und wichtige Ereignisse müssen in bestimmten Abständen immer wieder neu ins Bewusstsein gerufen werden.

CIG: Was hat Sie bei den Recherchen am meisten überrascht?
Freya Klier: Dass in der öffentlichen Meinung immer noch weit verbreitet das Bild existiert, es habe sich beim 17. Juni lediglich um einen Arbeiteraufstand in Ostberlin gehandelt. Deshalb habe ich mich auch entschieden, die Ereignisse in einer Provinzstadt, in Leipzig, nachzuzeichnen.

CIG: Wie erklären Sie sich, dass der 17. Juni als Gedenktag in dem Moment abgeschafft wurde, als die Forderungen der Arbeiter - freie Wahlen, Rechtssicherheit, Wiedervereinigung - erreicht wurden?
Freya Klier: Ich gehörte zu der kleinen Minderheit, die damals vehement gefordert hat, den 17. Juni für den Tag der deutschen Einheit auszuwählen. Aber wir konnten uns nicht durchsetzen. Das hat sicher auch damit zu tun, dass das Geschichtsbild der 68er prägend war, die, in einer gewissen Bewunderung für den Sozialismus, die Diktatur der DDR verharmlosten. Vor allem in den achtziger Jahren gab es eine Generation von Intellektuellen und Politikern, die die DDR gar nicht so schlecht fanden oder sich realpolitisch damit abgefunden hatten. Sie bestimmten die öffentliche Meinung. Wer laut für die Wiedervereinigung eintrat oder Jahr für Jahr an die Maueropfer erinnerte, galt als Ewig-Gestriger und Kalter Krieger. Denken Sie nur daran, wie die Grünen und große Teile der SPD nach dem Mauerfall gegen eine mögliche Wiedervereinigung polemisierten. Man konnte das sinnfällig an dem großen Kreuz in Berlin-Kreuzberg erleben, das dort unmittelbar nach dem Aufstand errichtet wurde und an die Opfer des 17. Juni erinnern sollte. Bis in die siebziger Jahre wurde das Mahnmal gepflegt, danach geriet es in Vergessenheit, und schließlich wurde es sogar mit der Parole „Nazis!“ beschmiert.

CIG: Hat sich im kirchlichen Milieu der DDR eine andere Erinnerung an den 17. Juni gehalten?
Freya Klier: Die Kirche der DDR war diesbezüglich keine Ausnahme. Der 17. Juni war ein Thema, das nur auf eine Generation begrenzt blieb. Die, die damals dabei waren, trugen es in ihrem Herzen oder sprachen untereinander darüber. Aber sie konnten ihre Erfahrungen nicht an die nächste Generation weitergeben. In gewisser Weise gibt es da eine Parallele zum Thema der Vertreibung. Auch das wurde lange Zeit tabuisiert.

CIG: Sehen Sie innere Verbindungslinien vom gescheiterten Aufstand 1953 zur friedlichen Revolution von 1989?
Freya Klier: Keine direkten. Aber in dem Maße, in dem in der Sowjetunion mehr Freiheit möglich wurde und die Russen sich entschlossen, im Herbst 1989 in der DDR nicht mehr einzugreifen, war das Schicksal der Diktatur besiegelt. Die weltpolitische Situation hat am Ende den Ausschlag gegeben. Das schmälert weder den Mut noch die Verdienste all jener, die sich unter Gefahr für Leib und Leben gegen die Diktatur auflehnten - 1953 und 1989.

CIG 22/2013


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