69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 13. August 2017

Das neue "Gotteslob" kommt - vielleicht später
Von Stephan U. Neumann
Aus dem lange erwarteten neuen „Gotteslob“ soll am ersten Advent gesungen werden. Den Gottesdienst im Freiburger Münster zu diesem feierlichen Anlass wird das ZDF übertragen. Die Frage ist nur: mit neuem „Gotteslob“ oder ohne?

Fast vierzig Jahre ist das erste gemeinsame Gesang- und Gebetbuch für die Bistümer in Deutschland, Österreich, Bozen-Brixen, Luxemburg und Lüttich im Gebrauch. Und zwölf Jahre lang wurden in verschiedenen Kommissionen und Ausschüssen Lieder, Gebete und erklärende Texte ausgewählt. Pünktlich zum neuen Kirchenjahr, dem ersten Advent, sollte in den Gemeinden jetzt das neue „Gotteslob“ erschallen. „Allerdings wird sich die Auslieferung eines Teils der bestellten Gotteslob-Ausgaben bis in das nächste Jahr erstrecken“, heißt es in einer äußerst knapp gehaltenen Pressemitteilung der deutschen Bischofskonferenz.

Ohne Umschweife stellt das Bistum Regensburg auf seiner Internetseite fest, dass das verwendete Papier als zu durchsichtig empfunden wird. Die Schrift auf der Rückseite scheine störend durch. Bischof Rudolf Voderholzer ist über die mindere Qualität und die dadurch verursachte Verzögerung verärgert, will sich die Vorfreude aber nicht trüben lassen. Der „Bayerische Rundfunk“ meldet, dass 1,2 Millionen Exemplare, also ein Drittel der gesamten Auflage, „schlichtweg unbrauchbar“ seien. Der Schaden belaufe sich auf vier Millionen Euro. Betroffen seien die Ausgaben München-Freising, Regensburg, Bamberg, Augsburg, Freiburg, Köln, Limburg, Paderborn und Bozen-Brixen. Darüber hinaus haben die Bistümer Speyer und Trier erklärt, sie hätten die Annahme von 85 000 beziehungsweise 170 000 Stück verweigert. Zudem könnte Eichstätt betroffen sein. Alle anderen Bistümer haben wohl ihre Ausgaben auf „gutem“ Papier erhalten, so dass die Bücher am ersten Advent in den Gemeinden ausliegen können.

Der Gottesdienst zur offiziellen Einführung - den auch das ZDF überträgt - findet jedoch im Bistum des Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch von Freiburg, statt. Während sich die Verantwortlichen noch zuversichtlich geben, dass im Freiburger Münster auch aus dem bistumseigenen neuen „Gotteslob“ gesungen wird, geht der BR davon aus, dass der erste Advent als Einführungstermin für die betroffenen Bistümer wackelt, sollten die als qualitativ ungenügend befundenen Exemplare eingestampft werden. Die Gelassenheit des Pressesprechers des Bistums München-Freising, Bernhard Kellner, scheint dies zu bestätigen: Für sein Bistum spiele es keine Rolle, ob das Gesangbuch zum ersten Advent oder erst an Ostern vorliege. Schließlich habe man zehn Jahre darauf gewartet.

Die Suche nach den Ursachen und dem Schuldigen hat natürlich längst begonnen und wird derzeit - so lässt sich allerdings nur vermuten - wohl juristisch geführt. „Beide Seiten sind derzeit bemüht, die offenen Fragen in konstruktiven Gesprächen zu klären“, heißt die offizielle, verschleiernde Formulierung vonseiten der Bischofskonferenz. Auch die beharrliche Weigerung, jegliche Nachfrage zu Details zu beantworten, deutet darauf hin, dass die Gespräche nicht mehr ohne juristischen Beistand geführt werden.

Die beauftragte Druckerei C. H. Beck in Nördlingen hat bestätigt, dass Papier von zwei verschiedenen Herstellern bedruckt wurde. Ob die Kirche beide Papiersorten abgesegnet hat und diese exakt dieselben Abmessungen haben, wie die Druckerei gegenüber der „Mainpost“ betont, dürfte derzeit geprüft werden.

Bislang hat jedes Bistum das Gebet- und Gesangbuch mit seinem eigenen Diözesanteil in Eigenregie gedruckt und vertrieben - oder einen Verlag damit beauftragt. An diesem Verfahren wird sich ab der zweiten Auflage auch beim neuen „Gotteslob“ nichts ändern. Die erste Ausgabe musste aber für alle Bistümer zentral gedruckt werden. Der Einheits-Gedanke des Einheits-Gesangbuchs wurde im Vergleich zum Vorgänger - vor 1975 gab es eine große regionale Vielfalt von Kirchenliederbüchern - noch ein bisschen weiter getrieben. Es sollte auch ein einheitliches Erscheinungsbild garantiert werden: gleiche Einbandgestaltung, gleiches Format gleiches Papier… Das mit dem Papier scheint nun am schieren Volumen des Druckauftrags erst einmal gescheitert zu sein. Die gleiche Einbandgestaltung konnte zwar bei der Kirchenausgabe durchgesetzt werden, ein Blick ins Internet verrät aber, dass die sonstigen Ausgaben etwa in Farbe, Form, mit oder ohne Symbol und Zahl der Bändchen weiterhin deutlich variieren.

Ein zweiter Grund, über den in der Kirche nicht gern geredet wird, der aber naheliegt, ist die Wirtschaftlichkeit einer zentralen Ausschreibung. Je höher die Auflage, desto geringer sind die Kosten pro Exem­plar. Zudem lassen sich bessere Bedingungen aushandeln. Wer im Einzelnen davon profitiert, lässt sich nicht sagen. Die Kirche(n) treten sonst jedoch gern als Kritiker einer auf Profit ausgerichteten Wirtschaft auf. Da drängt sich die Frage auf: Wurde vor allem auf den Preis geschaut und das auf Kosten der Qualität?

Zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe lässt sich seriös nicht sagen, wann die Gemeindemitglieder das „Buch vorfinden, das viele neue Chancen eröffnet“, wie der Freiburger Leiter des Amts für Kirchenmusik, Meinrad Walter, in der „Herder Korrespondenz“ urteilt. Es ist vor allem die Vielfalt vom Gregorianischen Choral über mittelalterliche Lieder und deutsche, evangelische Choräle bis zum mehrstimmigen Taizé-Gesang und zum Neuen Geistlichen Lied, die in verschiedenen Beiträgen bereits mehrfach gelobt wurde. Für Meinrad Walter verlangt die größere Bandbreite auch verschiedene Arten der Aufführung. Zahlreiche Lieder sind auf eine gute Orgelbegleitung angewiesen, die mehrstimmigen erklingen erst in der chorischen Besetzung in ihrer ganzen Fülle, und die neueren Lieder verlangen nach einer Band- oder Klavier-/Keyboard-Begleitung, was die Aufnahme der Akkord-Angaben, der Gitarrengriffe auch deutlich und möglich macht.

Doch aufgrund der Zentralisierung und Vereinheitlichung bei der Produktion richtet sich jetzt die gespannte Erwartung nicht allein auf das Buch, sondern auch noch auf seinen Auslieferungstermin.


CIG 33/2013


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