69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 20. August 2017

Brief an einen Seelsorger
Der Düsseldorfer Geistliche Wilhelm Terboven erhielt den Brief eines engagierten Katholiken zu Kernproblemen des Glaubens. Wir dokumentieren die kritischen Anfragen zur Diskussion.

Wilhelm Terboven: In Ihrem offenen, klaren, unsere Lage ehrlich analysierenden Artikel über die neue Glaubens-Enzyklika des Papstes (vgl. CIG Nr. 28, S. 315) benennen Sie vor allem im Schlussteil unter dem Zwischentitel „Auch die Getauften fragen“ wichtige Herausforderungen, die kirchlich bisher kaum hinreichend zur Kenntnis genommen werden. Zu diesem Themenkomplex erreichte mich als Seelsorger folgender Brief, der die ganze Problematik sehr ausführlich schildert, aus der Mitte des Glaubens:

„Ich würde bei den Grundfragen gern weiter ausgreifen, zum Beispiel: War Jesus wirklich Gottes Sohn? Oder war er ‚nur‘ so außergewöhnlich, dass er nach altem Verständnis (etwa wie im Gilgamesch-Epos) nur von einem Gott und einer Jungfrau hatte gezeugt werden können? Wir haben uns Gott als geistige Kraft vorgestellt, ‚Gott in der Welt und die Welt in Gott‘. Immanuel Kant sagt, weder die Existenz Gottes noch seine Nichtexistenz lassen sich beweisen. Doch gibt es gute Gründe, die Existenz Gottes zu denken.

Die heute allgemein anerkannte Theorie der Astrophysik geht davon aus, dass mit dem Urknall vor knapp vierzehn Milliarden Jahren Raum und Zeit und Materie = Energie entstanden sind. Heute weiß jedes Schulkind, dass der Himmel über uns kein blaues Gewölbe ist, sondern dass hunderte von Milliarden Galaxien mit ebenso vielen Sonnensystemen durch die Raumzeit treiben.

Auf der Suche nach Information über den Stand der Weltraumforschung bin ich im Internet auf eine Vortragsreihe von Harald Lesch gestoßen. Er sagt, für Astrophysiker ist der Himmel beziehungsweise der Weltraum das Laboratorium: Was wir machen, ist reine Inventur. Wir schauen, was ist. Wir fragen nicht, warum etwas ist. Das Bild, das wir bisher von der Welt gewonnen haben, lässt uns erkennen, dass eine überragende Intelligenz am Werke ist. Man erkennt es an jedem Tier, an jeder Pflanze, an uns Menschen und vor allem an unserer Heimat, dem Kosmos. Man kann sagen, dass eine Intelligenz am Werk ist, die offensichtlich nicht an so etwas wie ein Gehirn gebunden ist, also eine Intelligenz ohne Gehirn. Sie handelt rein rational ohne Gefühle. Sie lässt Leben werden und lässt es durch Naturgesetze vernichten.

Wir beobachten, dass im Weltall ständig Galaxien und Sterne explodieren. Man weiß heute ungefähr, wann unser Zentralgestirn ausgebrannt sein wird. Dann wird unsere Sonne zu einer Supernova explodieren, und damit werden auch ihre Planeten ausgelöscht. Wo wird dann Gott sein? Wo wird dann Jesus sein und wo die Heiligen? Dennoch kommen wir nicht um die Frage herum, warum es ein Lebewesen gibt, das sehr viel mehr kann, als es zum reinen Überleben können müsste. Diese menschliche Fähigkeit weist über die rein materielle Existenz hinaus. Das Lebewesen glaubt an Gott. Aber nicht an die Lehre der ‚heiligen katholischen Kirche‘.

Vorerst jedoch dehnt sich unser Kosmos noch aus. Und die Evolution auf unserem Heimatplaneten geht weiter. Vielleicht ist mit uns Menschen ja noch gar nicht ihr Höhepunkt erreicht, und wir sind eventuell die Neandertaler von morgen, sterben also aus.

Aus meiner Sicht deuten sich zwei Möglichkeiten an. Erstens: Die christliche Religion hat unrecht mit ihrer Lehre. Unsere menschliche Sehnsucht nach einem schützenden Vatergott entspringt der Urangst aller lebenden Geschöpfe, die dem Gesetz des Fressen und Gefressenwerden unterworfen sind. Die biologische Evolution hat uns absichtslos als Kinder des Weltalls hervorgebracht, wie vor uns die anderen Lebensformen auf diesem Planeten, die kamen und wieder verschwanden. Alle unsere Gebete und Glaubensvorstellungen gehen buchstäblich ins Leere. Sie haben keine Entsprechung in einem Jenseits. Alle unsere alten Menschheitsfragen - Wo ist der Sinn? Warum lässt Gott das zu? Wer sind wir? Woher kommen wir? Wo gehen wir hin? - sind gegenstandslos. Es gibt keine Antworten. Die Materie selbst organisiert sich zu immer komplexeren Lebensformen; sicherlich in ferner Zeit auch über uns hinaus.

Zweitens: Die christliche Religion hat recht. Dann werden Naturwissenschaft, Vernunft und Religion keine Gegensätze mehr sein dürfen. Denn beide arbeiten ja an dem gleichen Ziel. Aber dann müssen die Gottesverwalter, die Dogmenschreiber zu Suchenden werden. Dann hätte der unerträgliche Spagat zwischen Vernunft und Glauben im Alltagsleben der Pfarreien endlich ein Ende. Wenn man sich von einer unvernünftigen Position ohne Blamage verabschiedet, tritt Glaubwürdigkeit an die Stelle von kopfschüttelndem Sich-Abwenden.

Vor diesem Hintergrund müssen wir nach neuen Antworten suchen und dürfen uns keine Denkverbote auferlegen. Sicher scheint mir, dass uns unsere christliche Religion eine kostbare Lebenshilfe sein kann und dass sie - gut gelebt - die Menschheit veredeln kann. Doch daran muss Kirche, müssen wir alle noch arbeiten. Kirche hat, als sie noch große staatliche Macht besaß, schrecklich gewütet… Schatten dieser Vergangenheit sind noch heute zu spüren. Sie drücken sich in einem gewissen Urmisstrauen aus. Und die Skandale in der ‚heiligen katholischen Kirche‘ gehen ja weiter.

Der Theologe und Jesuit Karl Rahner ermahnte die Priester, sich nicht als Verwalter von Wissen über Gott vor die Gemeinde zu stellen, sondern sich mit den Suchenden auf dieselbe Stufe zu stellen. Stattdessen werden Messen gefeiert, werden alte unglaubwürdige Texte vorgelesen, wird Gott verwaltet. Es werden Glanz und Eitelkeit zur Schau gestellt in Rom, in Bischofspalästen und an Altären. Fragen wird ausgewichen, weil man keine Antworten weiß? Ich möchte heute kein Seelsorger sein. Weil die Fragen, die an mich gestellt würden, ja auch die eigenen sein würden. Und trotzdem müsste ich so tun, als ob… Ein schlimmer Spagat.

Es wird dann lieber ein durchaus fröhliches, betriebsames Pfarrleben praktiziert mit Eucharistiefeiern, mit Wallfahrten, Prozessionen, mit Reisen, Pfarrfesten, Basaren und so weiter. In diesem heimeligen Milieu lässt sich ohne ‚Tiefgang‘ gut katholisch sein. Man macht mit und fühlt sich unter alten Freunden und Bekannten und in Pastoren-Nähe gut aufgehoben.“

(Name und Anschrift des Verfassers sind der Redaktion bekannt.)

CIG 36/2013


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