69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 30. Juli 2017

Kommentar: Klimawandel
Von der CIG-Redaktion
Papst Franziskus kommt bei den Menschen gut an. Das glaubensmüde Europa erscheint religiös neu entflammt. Medien, die sonst beißenden Spott über eine ewiggestrige katholische Kirche gießen, erheben Franziskus zum Sinnstifter. Reform-Initiativen, mit denen das Adjektiv „papstkritisch“ unlösbar verbunden war, sehen in ihm ihren Verbündeten, den sie als Speerspitze der Bewegung gegen die Kirchenleitung vor Ort richten. Wenn der Papst im alten Fiat Flüchtlinge besucht, Priester und Bischöfe zum Verzicht auf Luxus aufruft und den vatikanischen Gemächern das Zimmer im Gästehaus Santa Marta vorzieht, weil er nicht in den vatikanischen Filz hineingezogen werden will, lebt er das Ideal einer armen Kirche für die Armen. Wenn er sich dafür ausspricht, auch diejenigen ernsthaft anzunehmen, die nicht allen moralischen Kriterien entsprechen, wird in ihm eine barmherzige Kirche sichtbar.

Seine theologischen Überzeugungen sind jedoch keineswegs immer mehrheitsfähig. Tratsch hat der Papst zuletzt als „Sprache des Teufels“ bezeichnet, vor dem der Vatikan zu schützen sei. Das personifizierte Böse, das Gottes gutes Schöpfungswerk in Unordnung gebracht hat und bringt, ist aber in der modernen Theologie ebenso entmythologisiert wie ein Teufel, der Gläubige und vor allem Kinder in Angst und Schrecken versetzt. Auch Franziskus I. nutzt seine absolutistische Entscheidungsmacht, etwa als er den Rücktritt des Freiburger Erzbischofs Robert Zollitsch annahm und ihn bis zur Ernennung eines neuen Bischofs zum Administrator bestellte. Damit nahm er dem Domkapitel das Recht, einen Bistumsverwalter selbst zu wählen, und setzte die Statuten der Bischofskonferenz außer Kraft, nach denen nur ein amtierender Diözesanbischof ihr vorsitzen darf. Darauf hat der Freiburger Kirchenrechtler Georg Bier in der „Badischen Zeitung“ hingewiesen. Gemäß dem Jurisdiktionsprimat darf der Papst das als freier Souverän tun. Doch Bier fragt zu Recht: „Ob ihm der Beifall auch erhalten bleibt, wenn künftige Entscheidungen weniger populär ausfallen?“

So wie Franziskus andere als andere annimmt, wird auch sein Anderssein toleriert. Es öffnet sich eine Tür echter Vielfalt, welche die Bischöfe bereits durchschreiten. Mit Zollitschs Vorschlag, sich vor der Wahl seines Nachfolgers zum Konferenzvorsitzenden umfassend zu beraten, wird die von Franziskus mehrfach angemahnte größere Eigenständigkeit der Bischofskonferenzen Wirklichkeit. Wie schon beim Dialogprozess sollen im Gespräch Herausforderungen und die notwendigen Fähigkeiten eines Kandidaten debattiert und festgelegt werden. Wir erleben nicht einfach einen Wetterumschwung, der morgen wieder verflogen ist, sondern einen Klimawandel, der die Kirche und ihre Wahrnehmung radikal verändert.

CIG 40/2013


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