69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 25. Juni 2017

Da kommen wir her
Von Michael Schrom
Große Verzauberungskunst und ewige Fragen: Der Film „Die andere Heimat“ von Edgar Reitz.

Gehen oder bleiben? Nicht nur die jungen Leute in dem fiktiven Hunsrück-Dorf Schabbach stellen sich 1842 diese Frage. Die Fron ist hart, die Ernte miserabel, die Kindersterblichkeit hoch. Im Tal locken zwielichtige Agenten mit allerlei Versprechen zur Auswanderung nach Brasilien. Dort werden Kolonialisten gesucht. Warum nicht fortgehen für immer - in die Freiheit, in die Wärme, in das Gelobte Land? „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, knurrt ein alter Bauer, aber unterschreiben will er nicht. Jakob Simon (Jan Dieter Schneider) dagegen, ein feingeistiger Bücherliebhaber und Träumer, der von seinem Vater, dem Dorfschmied, als Faulpelz ausgeschimpft wird, kann sich nichts Schöneres vorstellen, als in die Fremde zu gehen. Doch nicht er, der aus Missionschroniken alles über das Leben der Indianer weiß und ihre Sprachen und Gebräuche studiert, wird auswandern, sondern sein älterer, pragmatischer Bruder Gustav, der ihm noch dazu seine große Liebe ausspannt.

Der eigenen Familie zuschauen

Damit ist der Erzählrahmen abgesteckt, in dem der Regisseur Edgar Reitz seine ungemein poetische und bildgewaltige Meditation über Heimat, Sehnsucht und Schicksal entfaltet. Trotz ihrer Länge von viereinhalb Stunden wirkt sie erstaunlich kurz. Und trotz der relativen Handlungsarmut und der dezenten Inszenierung brennen sich die Bilder ein. Mehr noch: Sie wecken Heimatgefühle. Es ist „als habe man der eigenen Familie beim Aufwachsen zugeschaut“ - so beschreibt FAZ-Autor Freddy Langer sein Filmerlebnis. Wie ist so etwas möglich?

Zum einen konzentriert Reitz seinen Blick auf die Grundbedingungen des Zusammenlebens, die sich auch über die Epochen hinweg nicht ändern. Er beleuchtet die Ursymbole des Lebens in einer Art magischem Realismus: der Vater, die Mutter, das Haus, der Acker, das Brot, die Sprache, die Jugend, das Fernweh, die Liebe, die Trauer, das Alter, der Tod … Das immer gleiche Spiel von Werden und Vergehen sieht in einem Dorf 1842 freilich anders aus als etwa 1915 oder 1950. Trotzdem bleibt Heimat der Ort, an dem man sich reibt und an dem man hängt. Bleiben oder gehen? Diese Frage scheint falsch gestellt. Denn selbst derjenige, der weggeht, trägt immer noch das Bild des Vaterhauses in sich - so wie im Evangelium der „verlorene Sohn“.

Über diesen Grundton, der verstärkt wird durch leinwandfüllende Himmelsbilder und Landschaftsaufnahmen, legt Reitz ein Netz von Ereignissen, die geeignet sind, das immer gleiche Dorfleben, aber auch die Seelenlage der Menschen nachhaltig zu verändern. Er hat eine große Begabung, weltgeschichtliche Ereignisse symbolisch in dem kleinen Hunsrück-Ort zu spiegeln, wo sie freilich nur als kleine Ausläufer einer großen Welle oder als feine Haarrisse im Netz von Überzeugung und Tradition wahrgenommen werden. In dieser Heimat-Episode ist es der Bau einer ersten Dampfmaschine, die - technisch noch unausgereift und lebensgefährlich fauchend - das Ende des Handwerks und letztlich auch der Schmiede einleiten wird. Oder die Ideen der Französischen Revolution von Gleichheit und Freiheit, die von den empörten Bauern spontan aufgegriffen werden, nachdem der Baron ihnen verbietet, auf der Kirmes ihren eigenen Wein zu trinken, und auf seinem Privileg beharrt, dass nur sein Wein verkauft werden darf.

In solchen Szenen erinnert der Regisseur unaufdringlich daran, dass nichts selbstverständlich ist: Vieles, was für uns heute Allgemeingut ist, wurde von unseren Vorfahren unter erheblichen Risiken oder mit großem Mut zur Innovation erstritten. Das gilt auch für geistige Entwicklungen. Was für ein Drama im evangelischen Schabbach, als Lena, die Schwester Jakobs, einen katholischen Winzer heiratet. Die beiden werden vom Hof gejagt. Nur die Mutter bricht eine Lanze für die Liebesheirat.

Interessant wäre es, genauer zu wissen, was Reitz über die Rolle der Religion in dieser Zeit denkt. Doch die Bilder bleiben diesbezüglich ausgesprochen zurückhaltend. Angesichts der Bedeutung von Religion zu jener Zeit ist dieser Aspekt unterbelichtet. Die Simons sind über den Sonntagskirchgang hinaus nicht sonderlich fromm, und der Pfarrer spielt im Dorf nur eine Nebenrolle. Er segnet die Auswanderer, tauft die Kinder, verheiratet die jungen Paare. Dass Selbstmörder ohne geistliches Geleit heimlich außerhalb des Friedhofs bestattet werden, muss nicht extra erklärt werden, weil es damals eine Selbstverständlichkeit war. Die Predigten sind mutmachende Durchhalteparolen: Nach sieben mageren Jahren müssten nun die sieben fetten anbrechen. Doch so recht mag das keiner glauben. Allerdings gibt es auch keinen Widerspruch. Nur nach der Beerdigung von Gustavs kleiner Tochter, die in einem strengen Winter an Diphterie stirbt, bricht sich auch religiöse Verzweiflung Bahn. Um ihren Plan von der Ausreise kundzutun, wagen Gustav und Jettchen sogar den Frevel, den Pfarrer während des Gottesdienstes zu unterbrechen. Die Vertröstung auf das Paradies sei kein Trost mehr, denn aus dieser irdischen Hölle könne man entfliehen.

Vergänglich und doch beständig

Glaube an die Zukunft, Flucht aus der Gegenwart, Rückkehr zu den Wurzeln, alles eingebettet in den ständigen Kampf, ein Leben in Würde zu führen - immer wieder streift Reitz in seinen Heimat-Filmen diese Themen, ja nach Epoche mit unterschiedlichen Akzenten. Es ist ein großes, einmaliges Erzählkunstwerk, in dem jeder Film eigenständig für sich besteht, es aber zahlreiche Querverbindungen gibt, über Generationengrenzen hinweg. Durch diesen langen Atem wird auch die poetische Hoffnung, ja sogar die gläubige Überzeugung genährt, dass nicht alles verloren ist, was frühere Generationen wertgeschätzt haben, wofür sie gekämpft und gestritten haben. Dass es vielleicht sogar ein Fest der Lebenden und der Toten geben wird, irgendwann - so wie dies in einer Traumsequenz aus der ersten Staffel einmal vorsichtig angedeutet wird. Auch das gehört zur Heimat dazu. msc

CIG 42/2013


Facebook icon Auf Ihre Anregungen und Kommentare freuen wir uns auf Facebook!
Wir freuen uns, wenn Sie CHRIST IN DER GEGENWART näher kennen lernen wollen. Die nächsten vier Ausgaben können Sie gleich hier kostenlos anfordern oder bei:
Verlag Herder, Kundenservice, D-79080 Freiburg
Fax 0761/2717-222, Telefon 0761/2717-200, E-Mail kundenservice@herder.de

Mit unserem Gratis-Newsletter informieren wir Sie über Neues.


Impressum