69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 13. August 2017

F oder: Martin, Eric, Iwan
Von Werner Trutwin
Der neue Roman von Daniel Kehlmann über drei Brüder, das „chaotische“ Leben und die Not mit dem Glauben erschüttert und berührt.

Daniel Kehlmann (geboren 1975) zählt längst zu den bedeutendsten Romanschriftstellern Deutschlands. Von seinen bislang erschienenen Werken sind vor allem zwei nicht schon nach der nächsten Buchmesse wieder vergessen worden: der heiter und locker geschriebene Roman „Die Vermessung der Welt“ (2005) - Auflage bislang mehr als drei Millionen allein in Deutschland - und „Ruhm“ (2009), eine Reihe von neun kunstvoll verstrickten, teils atemberaubenden Kurzgeschichten, deren Zusammenhang sich erst am Ende des Buchs herausstellt. Kein Wunder, dass der soeben veröffentlichte Roman „F“ nicht nur in der literarischen Fachwelt und in den Feuilletons, sondern auch beim Publikum auf großes Interesse stößt.

Die ersten Urteile sind aber keineswegs eindeutig. Sie reichen von „Vielleicht sein bisher bester Roman“ und begeisterter Anerkennung für Spannung und literarisch geglückte Gegenwartsbezüge bis hin zu „F wie Firlefanz“ und „langweilig“. Schon der Titel „F“ setzt darauf, dass der Leser selbst eine Deutung findet. Einige undeutliche Hinweise gibt der Text selbst, ohne sich letztlich festzulegen. „F“ könnte sich, je nachdem, wo man den Schwerpunkt des Werks sieht, auf „Fatum“ (lateinisch für „Schicksal“), „Freiheit“, „Fügung“ oder „Fragen“, aber auch auf „Familie“, „Finanzen“, „Flucht“ oder „Fälschung“ beziehen.

Der ungläubige Priester

Im Mittelpunkt steht mit drei Brüdern ein Thema, das in der europäischen Literatur von Grimms Märchen über Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“ bis hin zu Joanne K. Rowlings „Harry Potter“ häufig behandelt wird. Bei Kehlmann sind die drei Brüder klar gezeichnete Gestalten der Gegenwart, deren Lebensgeschichten Brüche, Gier, Enttäuschungen und Selbstgefährdungen aufweisen.

Die drei Männer haben denselben Vater Arthur, aber zwei Mütter. Der Älteste, Sohn der von Arthur geschiedenen ersten Frau, ist Martin. Die beiden anderen Brüder, Eric und Iwan, sind Zwillinge von Arthurs zweiter Frau. Das Leben dieser Personen wird in drei umfangreichen Kapiteln erzählt und miteinander verzahnt, bis es am Schluss zu einer Katastrophe sowie zu unerwarteten Veränderungen kommt. Auch das Familienleben heutigen Zuschnitts mit Themen wie Liebe, Triebhaftigkeit, Homoerotik, Liebesunfähigkeit, Wahrheit und Lüge, Glaube und Aberglaube, Esoterik und Hypnose, das Verhältnis von Schicksal und Freiheit sowie der Tod kehren wieder. Frauen spielen in diesem Roman nur eine untergeordnete Rolle: als Geliebte, als Ehefrau, Mutter und Tochter, deren Tun und Denken mehr oder weniger von ihrer Beziehung zu den Männern bestimmt sind.

Am Anfang steht eine kurze Szene, die für Arthur und seine drei Söhne zu einer wichtigen Erfahrung wird. Die vier besuchen die Vorstellung eines redegewandten Hypnotiseurs, wobei der Vater seinen Söhnen erklärt, er glaube nicht an derartigen Spuk. Bei den ersten Kunststückchen versichern sie sich gegenseitig, es handle sich um faule Tricks, die leicht zu durchschauen seien. Doch als Iwan unerwartet zu dem Hypnotiseur auf die Bühne gerufen wird, merkt er plötzlich, dass er ihm in allen Weisungen folgt, redet sich aber ein, alles selbst völlig frei zu entscheiden.

Viel nachhaltiger wirkt die Hypnose noch auf den skeptischen Vater. In seinem Dialog mit dem Zauberer gesteht er diesem widerwillig ein, unglücklich zu sein und als Sachbuchautor keinen Erfolg mit seinen Werken zu haben. Da erhält er von dem Hypnotiseur unerwartet den strengen Befehl, sich von heute an in allem mehr zu bemühen. Die Aufforderung zeigt Wirkung. Tatsächlich setzt sich Arthur unmittelbar nach dem Spektakel ab und sendet seiner Familie nur noch ein Telegramm, in dem er mitteilt, er sei weg. Es gehe ihm gut, aber man brauche nicht auf ihn zu warten. Er werde lange nicht wiederkommen. Die Brüder sehen daraufhin ihren Vater jahrelang nicht.

Während seiner Abwesenheit schreibt Arthur wiederum Bücher, in denen er wohlfeile Ratschläge für ein glückliches Leben gibt. Sie werden zu Bestsellern und machen seinen Namen weithin bekannt. Der Hauptteil des Romans spielt einige Jahre später, als die Brüder schon einen Beruf ausüben.

Das erste große Kapitel über Martin steht in der Tradition des ungläubigen Thomas und der wenig gläubigen Pfarrer in der Gegenwartsliteratur. Dazu gehört beispielsweise die Hauptgestalt in Dieter Wellershoffs Roman „Der Himmel ist kein Ort“ (vgl. CIG Nr. 1/2010, S. 3). Kehlmann beschreibt Martin als jemanden, der sich schon als Kind für schöne Kirchen und religiöse Bilder begeistern kann. Für Mädchen hat er nie sonderlich geschwärmt, obwohl er zwei- oder dreimal etwas verunglückte Annäherungen versucht hat und es einmal sogar unerwartet zu ersten sexuellen Kontakten mit einem dicken Mädchen kam, das ihm eigentlich gar nicht gefiel. Sie führen aber zu nichts und bestärken nur sein Desinteresse am weiblichen Geschlecht.

Viel stärker fasziniert ihn zeitlebens sein Rubikwürfel, ein Geschenk seines Vaters. Diesen Zauberwürfel, der sich mit seinen bunten Farben in den achtziger Jahren als Geschicklichkeitsspiel großer Beliebtheit erfreute, beherrscht er so gut, dass er sich die Hoffnung machte, einmal deutscher Meister zu werden, ohne freilich dieses Ziel je zu erreichen. Auch als Priester ist er häufig mit dem Würfel beschäftigt. Selbst im Beichtstuhl übt er daran seine Fingerfertigkeit und Phantasie. Hobby oder Flucht?

Die andere Vorliebe ist die Freude am Essen, die einen beachtlichen Bauchumfang zur Folge hat. Psychologen würden diese wenig geistlichen Eigenschaften als Ersatzbefriedigung oder Kompensation für mangelnde seriöse Interessen deuten, die für den geistlichen Beruf eigentlich nötig wären. Martins im Vordergrund stehende Eigenschaft ist sein Zweifel an der Wahrheit des Glaubens, den er nie beheben kann. Dabei hatte er insgesamt sechzehn Semester Theologie studiert, davon zwei an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom.

Der Autor zeichnet den ungläubigen Pfarrer keineswegs höhnisch als Heuchler und Betrüger, der typisch sei für eine verkommene Kirche, die selber nicht mehr glaubt, was sie lehrt. Vielmehr stellt er Martin als eine problematische, verunsicherte Person dar, die darauf vertraut, dass die Kraft des Sakraments, wenn er es erst einmal empfangen hat, ihm schon den Glauben schenken würde, der ihm bei der Weihe noch fehlt. Das aber stellt sich als Illusion heraus. Martin kann nicht glauben, obwohl er glauben möchte.

Gib ein Zeichen - gib kein Zeichen!

Immer wieder macht Martin neue Versuche, den Glauben zu finden. Schon als Student sagt er sich. „Und doch war ich zuversichtlich, dass der Glaube sich einstellen würde. So viele kluge Leute glaubten doch. Man musste nur mehr lesen, mehr Messen besuchen und mehr beten. Man musste üben. Sobald ich an Gott glauben würde, würde sich alles ordnen, dann würde mein Leben nachträglich zu einem Schicksal werden. Dann würde alles Fügung gewesen sein.“ Einmal versucht er, in einer Kapelle durch Beten den Glauben zu erzwingen, aber ohne Erfolg: „Ich blicke auf, und da bist du nicht, ich sehe mich um, und du bist nicht da, ich sehe dich nicht, ich höre dich nicht. Ein kleines Zeichen nur. Kein anderer bräuchte es zu sehen. Ich würde kein Aufheben davon machen, niemand würde es erfahren. Oder besser noch, gib kein Zeichen, lass mich einfach glauben. Das würde genügen. Wer braucht Zeichen? Lass mich glauben, dann geschieht alles, ohne dass etwas geschieht. Ich wartete und blickte ins flackernde Kerzenlicht. War etwas geschehen? Vielleicht glaubte ich schon, ohne es zu wissen. Musste man wissen, dass man glaubte? Ich horchte in mich. Aber nichts hatte sich geändert.“

Ein andermal sinniert er an einem Freitag während der Eucharistiefeier: „Und jetzt das Bekenntnis des Glaubens. Ich räuspere mich und trage vor, was ich gern glauben würde: Gott der Allmächtige, Jesus sein Sohn…“ Und etwas später: „Die Eucharistie. Der Ministrant gießt Wasser über meine Finger, die Orgel stimmt ihren Hochgesang an, ich hebe das Gefäß mit den Hostien. Der Moment hat Pathos und Kraft. Fast könnte man denken, diese Menschen glauben tatsächlich, eine Oblatenscheibe werde zum Körper eines gekreuzigten Mannes. Aber natürlich tun sie es nicht. Man kann das nicht glauben, man müsste geistesgestört sein. Aber man kann glauben, dass der Priester es glaubt, der wiederum glaubt, seine Gemeinde glaube es; man kann es mechanisch wiederholen, und man kann sich verbieten, darüber nachzudenken … Es wäre so leicht, den Vorgang zum symbolischen Akt zu erklären, aber genau das ist Häresie. Man muss es glauben. So ist es vorgeschrieben. Man kann es nicht glauben. Man muss, man kann nicht.“

Seine Zweifel sind zutiefst darin begründet, dass der Glaube von ihm etwas verlangt, das mit seiner Erfahrung nicht vereinbar ist. Er findet keine verständliche Erklärung für seinen Glauben. Seine Erfahrung wird ihm nicht zur Stütze des Glaubens. Gelegentlich tröstet er sich selbst und Leute, die ihn um eine Antwort in Glaubensfragen bitten, mit dem Hinweis, der Glaube sei letztlich ein Geheimnis. Darum gebe es keine rational befriedigenden Antworten.

Da klingt es auf den ersten Blick vielleicht zynisch, was ihm ein Studienkollege sagt, als er ihn ratlos nach dem Glauben fragt. Dieser hat in der kirchlichen Hierarchie in Rom schon erste Schritte auf der geistlichen Karriereleiter gemacht: „Und was heißt schon ‚glauben‘? Der Begriff ist logisch verschwommen, Martin. Wenn du dir eines Satzes sicher bist, dann weißt du ihn doch. Wenn Du meinst, dass etwas sein könnte, aber gleichzeitig weißt, es ist vielleicht nicht so, dann nennst du das Glaube. Es ist eine Spekulation über Wahrscheinlichkeit. Glauben heißt annehmen, dass es so wahrscheinlich ist, obwohl es auch nicht so sein könnte. Nichtglauben heißt annehmen, dass es wahrscheinlich nicht so ist, auch wenn es durchaus so sein könnte. Ist der Unterschied wirklich so groß? Das ist sehr vage, das sind Abstufungen. Wichtig ist, dass wir unsere Arbeit machen.“ Aber vielleicht ist das die Situation vieler Glaubenden heute - zwischen den Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten eine Entscheidung, einen Sprung zu wagen. Ob diese Wahrnehmung des römischen Theologen weiterhilft, ist offen. Manche werden seine Antwort als Geschwätz empfinden - andere aber als wahrhaftig.

Als der Theologe aus Rom umgekehrt Martin fragt, was er glaube, kann dieser nur lakonisch antworten: „Ich glaube, dass wir bald essen sollten.“ Nicht von ungefähr steht dieser Satz am Ende des Romanteils, der von Martin handelt. Am Ende des ganzen Romans findet sich ein Satz, der alles erschüttert: „Seitdem er einmal begriffen hatte, dass der Glaube nicht mehr zu ihm finden würde, fühlte er sich frei.“

In den nächsten Kapiteln geht es um Martins Zwillingsbrüder Eric und Iwan, in deren Biografien Martin immer wieder eingebunden ist. Eric, ein leichtsinniger Typ, ist mit einer nicht unsympathischen Frau verheiratet und hat eine junge Tochter, die eine typische pubertäre Phase durchläuft. Er gehört zur heutigen Finanzwelt und ist Anlageberater geworden, der sich ein großes Vermögen erworben hat. Viel Zeit vertut er mit seinen zahlreichen erotischen Eskapaden. Immer ist er atemlos, immer auf der Jagd von einem Geschäft und Liebesabenteuer zu einem anderen Kunden oder zu einer anderen Geliebten.

Das hat zur Folge, dass alle, die mit ihm zu tun haben, unzufrieden sind und sich vernachlässigt fühlen. Sein Beruf verlangt von ihm einen aufwendigen Lebensstil. Er besitzt nicht nur ein teures Auto mit Chauffeur, unzählige Maßanzüge, weiße Hemden, Krawatten und Socken, sondern hat sich für sein Arbeitszimmer „einen echten Klee“ gekauft, der bei seiner Klientel den Eindruck von solidem Reichtum erwecken soll. Dabei hält er selbst nicht viel von Paul Klees Gekritzel und versteht auch nicht, warum das Bild so teuer gewesen ist, vertraut aber auf seine Wirkung.

Verzockt

Zunächst hat er geschäftlich Erfolg. Doch dann verzockt er sich mit windigen Anleihen. Die Zinsen seiner Kunden kann er jetzt nur noch bedienen, indem er die Einnahmen aus neuen Verkäufen zur Zinszahlung benutzt, damit aber gleichzeitig seine Schulden vergrößert. Immer hat er die Sorge, man werde seine Misserfolge durchschauen. Aber manchmal denkt er an den Satz, den sein Zwillingsbruder Iwan ihm einmal gesagt hat: „Du denkst, die Leute durchschauen dich. Aber keiner durchschaut irgendwen. Man kann in Menschen nicht lesen.“ Als einer seiner Großkunden dringend sein Geld zurückfordert, kann er ihn eine Weile mit unverständlichem Fachchinesisch vertrösten, weiß aber, dass dies sein baldiges Ende bedeutet. Voller Angst nimmt er unzählige Tabletten, denkt an Flucht durch Auswanderung nach Argentinien oder sogar an Suizid. Aber bald wird er sich und sein Leben grundlegend ändern.

Iwan, im Unterschied zu seinem Bruder homoerotisch veranlagt, lebt im heutigen Kunstbetrieb und kennt Museumspraktiken, Auktionspreise, Sammlungen und Trends der modernen Malerei. Er selbst wollte Maler werden, muss aber erkennen, dass sein Talent dazu nicht reicht. Da lernt er Heinrich Eulenböck, einen älteren Maler, kennen, der nicht nur zu seinem Lebenspartner wird, sondern auch mit Landschaften, Bauernhöfen, Meeresszenen Bilder malt, mit denen Iwan etwas anfangen kann - mit Bildthemen also, die eigentlich in der Moderne verfemt sind. Er versteht es mit seinem elitären Kunstjargon, diesen biederen volkstümlichen Stil als raffinierte Ironie des Künstlers gegenüber der Moderne darzustellen und sie somit zu überbieten, so dass Eulenböck plötzlich zu einem gefragten und fast unerschwinglich teuren Maler wird. Seine Erfolgsserie erweitert Iwan noch, als er selbst Bilder malt und mit dem Namen Eulenböck signiert. Fälschung oder Begabung?

Zuletzt gerät er auf der Straße in eine Prügelei, bei der drei schwarz gekleidete Halbwüchsige einen anderen jungen Mann brutal zu Boden stoßen und auf ihm herumtrampeln. Als Iwan dazwischentritt und zur Besinnung mahnt, zieht einer ein Messer und sticht auf ihn ein. Blutend kann er noch in sein Atelier wanken, hat aber nur noch unkontrollierte Halluzinationen. Ab da gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihm, so dass man nicht weiß, ob er tot ist oder noch lebt oder eventuell ausgewandert ist. Nach vier Jahren wird er amtlich für tot erklärt.

Sein Bruder Eric erbt die ganze Sammlung der Eulenböck’schen Bilder. Er kann sie gut gebrauchen, um seine Schulden abzutragen, die bei seiner Insolvenz entstanden sind. Damals verlor er alles, was er hatte: seine teure Kleidung, sein Haus und sein Auto. Seine Frau ließ sich von ihm scheiden. Seine Tochter ging immer mehr eigene Wege. Er selbst war gezwungen, ins Pfarrhaus zu seinem Bruder Martin zu ziehen. Da wird offenkundig, dass Eric sich total geändert hat. Er hatte zwar sein Vermögen verloren, aber einen neuen Glauben gefunden, der merkwürdige Züge aufweist. Die Lehman-Finanzpleite, die weltweit viele Banken in den Bankrott riss, sieht er allen Ernstes als Gottesgeschenk und Wunder an. Sie sei nur geschehen, um seinen Klienten seine Pleite plausibel zu machen.

Mit seinem Bruder Martin aber gerät er damit in heftigen Konflikt. Während der Finanzfachmann Eric an die Kraft des Gebets und an Wunder im Alltag glaubt, wirft Martin ihm Fundamentalismus und Aberglauben vor. Ab da trennen sich die Wege beider Brüder wieder.

Daniel Kehlmann ist mit „F“ ein aktueller Roman gelungen, der uns einen Spiegel vorhält, in dem wir Grundzüge heutigen Lebens erkennen können. Mit den drei Brüdern geht es um drei zentrale Bereiche der Gegenwart, die in eine tiefgreifende Krise geraten sind: die Religion, die Finanzwelt mit der gewaltigen Zockerei der Banken und den riesigen Verlusten der kleinen Anleger, und der moderne Kunstmarkt, der floriert und den Eindruck erweckt, große Kunst sei das, was sehr viel kostet.

Kinder unserer Zeit

Als Kinder unserer Zeit finden die drei Brüder nicht mehr zum Glauben, jagen dem Geld nach und manipulieren den Kunstmarkt. Manche Situationen werden in den Roman eingearbeitet, die sich in den letzten Jahren ereignet haben: die Finanzkrise und ihre Folgen, der Bilderfälschungsskandal, die Brutalitäten von Jugendlichen in U-Bahnstationen und so weiter. Besonders interessant ist der ungläubige Pfarrer, der in seiner Person elementare religiöse Fragen und Zweifel von heute verkörpert. Sie betreffen die Existenz Gottes, die Schöpfung, das Bittgebet, die Eucharistie und die Wunder, ohne dass hier jemand glaubwürdige Antworten zu geben weiß. Die vielen anderen religiösen Figuren des Romans - alltägliche Kirchgänger, gebildete Zeitgenossen und studierte Theologen - werden als eher komisch ironisiert. So, wie sie da vorkommen, sind sie es auch.

Das alles ist spannend, manchmal glänzend geschrieben, so dass selbst Radio Vatikan das Buch empfohlen hat. Dass der Autor viele Fragen offenlässt, wie er selbst in einem Interview gesagt hat, ist ihm bei der Komplexität der dargestellten Themen nicht zu verdenken. So ist ein lesenswertes und sprachlich beeindruckendes Buch entstanden. Der große Roman unserer Zeit ist Daniel Kehlmann jetzt erst recht zuzutrauen.

Daniel Kehlmann: „F“ (Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2013, 380 S., 22,95 €)

Werner Trutwin, Dr. theol. h. c., Studiendirektor, Verfasser von Lehrbüchern für den Religionsunterricht und Mitglied des Gesprächskreises „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

CIG 47/2013


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