69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 13. August 2017

Blutiges Coltan
Von Jürgen Springer
Im Osten des Kongo tobt seit fast zwei Jahrzehnten ein Krieg, dem bisher mindestens fünf Millionen Menschen zum Opfer fielen. Der Abbau von wertvollen Rohstoffen spielt eine wichtige Rolle.

Als der dänische Journalist Frank Piasecki Poulsen von der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa mit einer Propellermaschine in den Nordosten des Landes fliegt, erinnert ihn der Blick über den tropischen Regenwald an riesige Brokkolifelder, die bis zum Horizont reichen. Das ist jedoch die einzige Idylle, die der Filmemacher von dem Land zeigt, das mehr als siebzig Millionen Einwohner hat und fast sieben Mal so groß ist wie die Bundesrepublik. Piasecki Poulsen holt den Zuschauer in dem gleichermaßen sehenswerten wie erschütternden Dokumentarfilm „Blood in the mobile“ („Blut im Mobiltelefon“, 2010) schnell wieder auf den Boden der Tatsachen.

Er will im Kongo Orte aufsuchen, wo die seltenen Mineralien abgebaut werden. Die daraus gewonnenen Metalle wie Tantal, Wolfram, Zinn oder Gold sind in der Elektronikproduktion unersetzlich und finanzieren angeblich den dortigen Bürgerkrieg mit: Zinn aus dem Erz Kassiterit wird beispielsweise zum Löten gebraucht. Gold wird zur Produktion von Leiterplatten verwendet. Aus Tantal, das aus dem Coltanerz gewonnen wird, entstehen Bestandteile von Kondensatoren. Durch den Smartphone-Boom der letzten Jahre - allein in Deutschland wurden zuletzt jährlich 28 Millionen Smartphones verkauft - ist vor allem Coltan immer wichtiger geworden. Im Kongo wird mehr als die Hälfte des Weltbedarfs abgebaut.

Weil ihm der finnische Weltkonzern Nokia, bis vor kurzem noch Marktführer in der Mobiltelefonbranche, trotz beharrlicher Versuche nicht Rede und Antwort stehen wollte, bricht Piasecki Poulsen in den Kongo auf, nach Bisiye, der größten Erzmine im Nordosten. Ein gefährliches Unterfangen, wie sich schnell herausstellen sollte. Entsprechend eindringlich hatte ihn der Journalistenkollege Bernard in Kinshasa gewarnt: „Sei vorsichtig! Diese Menschen sind außer Kontrolle! Es kann alles passieren. Und du wirst tief im Dschungel sein, neunzig Kilometer im Dschungel. Das ist kein Scherz!“ Die weit aufgerissenen Augen Bernards lassen im Film die Anspannung spürbar werden, welche die Erinnerung an Bisiye in ihm geweckt hat.

Was im Film - unter abenteuerlichen Umständen gedreht - zu sehen ist, gehört zu den erschreckendsten Zeugnissen über Ausbeutung und Gewalt. Mit viel Glück - und Schmiergeld - gelingt es der vierköpfigen Filmmannschaft, unbeschadet durch die zahlreichen Kontrollen der Milizen und der staatlichen Armee zu kommen. Auf einem weit ausgreifenden Hügel sieht man Dutzende von Zelten. Jedes schützt einen Stolleneingang vor Regen und Neugier. „Der ganze Berg ist durchzogen von solchen Gängen, ohne dass irgendeiner darüber nachdenkt, dass das Ganze aufgrund der Aushöhlung einmal zusammenbrechen könnte“, erklärt Piasecki Poulsen.

„No-Go-Area“ Bergbau

Die müden Gesichter der zwölf-, vielleicht vierzehnjährigen Jungen lassen die Strapazen erahnen. Der Durchschnittslohn beträgt zwischen einem und fünf Dollar am Tag. Wenn die Kinder die Erzbrocken aus den Stollen in schweren Plastiksäcken nach oben hieven und durch eine der Kontrollstellen der Milizen hindurchgehen, müssen sie „Steuern“ entrichten - hin wie auch zurück. „So also verdienen die militärischen Gruppierungen und bezahlen damit neue Waffen.“ Auf der Website des Senders „Arte“, der den Film neulich ausgestrahlt hat, heißt es, dass die Milizen jährlich etwa 75 Millionen Dollar allein durch die illegalen „Maut“-Stationen und durch den Transport der Mineralien abkassieren.

Kinderarbeiter erzählen, dass sie mit­unter etliche Tage im Stollen bleiben. Sie graben mit ihren bloßen Händen oder einfachsten Werkzeugen nach den Mineraladern. Billige Pritschen sowie Säcke auf dem Boden der Minengänge sind ihre Heimstatt. Hinzu kommt die große Hitze untertage. Weil die Stollen extrem unwegsam sind, lohnt es sich für die Kinder nicht, regelmäßig an die Erdoberfläche zurückzukehren. Nicht gerechnet die ständige Gefahr, verschüttet zu werden: Es gibt keine Warnsysteme, keine Belüftung, keinen Arbeitsschutz - moderne Sklaverei.

Allein in Bisiye leben 20000 Personen. Wie viele insgesamt von diesem auf Illegalität aufgebauten und mit mafiösen Strukturen durchzogenen Wirtschaftszweig abhängig sind, weiß niemand genau. Die Regierung profitiert selbst von einzelnen Minen. Der Uno gilt die kongolesische Bergbauregion überwiegend als „No-Go-Area“, also als schwarzer Flecken der Unregierbarkeit, in den selbst die Uno-Blauhelme keinen Fuß setzen.

Seit 1999 ist im Kongo die weltweit größte UN-Mission mit rund 21000 Soldaten aus fünfzig Ländern stationiert. Ihr Ziel lautet, wie der neue deutsche Leiter, der Diplomat Martin Kobler, der „Tageszeitung“ (19.9.) erklärt hat: Schutz der Zivilbevölkerung. Zusätzlich wurde vor einem halben Jahr im Auftrag des Uno-Sicherheitsrats eine Eingreifbrigade installiert. Sie darf auch mit Gewalt vorgehen. Deren Hauptkontingent wird aus Tansania und Süd­afrika gestellt.

Milizen inspizieren die Uno

Anfang September rückte diese Brigade gegen die vom Nachbarland Ruanda unterstützte Rebellengruppe M23 vor, die die Millionenstadt Goma mit Raketen beschoss. Die Rebellen wurden daraufhin von den Blauhelmen zurückgedrängt. Für Martin Kobler ist jeder Kontakt mit den verschiedenen bewaffneten Gruppen eine Herausforderung: „Die Frage ist nicht, wie groß die Brigade ist, sondern wie sie mit der Armee (des Landes, d. Red.) zusammenarbeitet. Dass ein UN-Helikopter landet und ein Milizenkommandeur kommt und den Hubschrauber inspizieren will, das darf es nicht geben!“ Allerdings mehren sich auch im Sicherheitsrat die Stimmen gegen die jüngste Entwicklung, Blauhelme mit Kampfaufträgen zu versehen. Die Uno werde auf diese Art, obwohl friedenserhaltend, unversehens zu einer Kampfpartei - und damit unglaubwürdig.

Der Amerikaner Jason Stearns, der für die Vereinten Nationen 2008 die Ursachen des Kongo-Konflikts, der Vorläufer seit der Kolonialzeit hat, untersuchte, vergleicht die Lage in der Zeitschrift „Elektronikpraxis“ (23.9.) mit den russischen Puppen, den Matr­joschkas: „Es gibt Konflikte innerhalb von Konflikten innerhalb von Konflikten.“ So entspricht der Kampf um die Mineralien lediglich einer solchen Figur. Stearns: „Auf der einen Seite geht es um lokale Streitigkeiten, darum, wer das Land kontrolliert. Der Konflikt steht auch in engem Zusammenhang mit der Stammeszugehörigkeit … Sie ist das politische Prinzip, das sich hier durch alles andere zieht. Eine Ebene höher geht es um nationale Player, die um Macht und Einfluss kämpfen. Und schließlich geht es um einen regionalen Konflikt zwischen einzelnen Ländern, insbesondere zwischen dem Kongo und Ruanda, obwohl Länder wie Burundi und Uganda in der Vergangenheit auch eine Rolle gespielt haben.“ Zu dieser schwer zu durchschauenden Lage gehört auch die Tatsache, dass viele Menschen, die 1994 vor dem Völkermord in Ruanda flohen, darunter vermutlich viele Täter, jetzt im Ostkongo leben oder als Milizionäre am dortigen Krieg teilnehmen.

Ruanda, das verdächtigt wird, bestimmte Kongo-Milizen finanziell und mit Waffen zu unterstützen, profitiert von den Rohstoffen des Kongo, wie die „Neue Zürcher Zeitung“ feststellt (4.9.). Diese werden nach Ruanda, das eigene Minen hat, eingeschmuggelt. Das Land habe in den vergangenen Jahren „ganz offen weit mehr Rohstoffe exportiert, als die Produktionskapazität des Landes hergibt“. Die jüngste ruandische Statistik spricht von 250 Tonnen eigenabgebautem Coltan. „Unter ruandischem Herkunftssiegel werden jedoch mehr als tausend Tonnen exportiert.“

Nach der Unabhängigkeit von Belgien 1960 begann im Zaire genannten Nationalstaat eine jahrzehntelange Krise mit immer wiederkehrenden Gräueltaten. 1997 wurde nach erbitterten Kämpfen der korrupte, das Land ausbeutende Diktator Mobutu Sese Seko vertrieben und von Laurent Kabila abgelöst, der sich in seinem Befreiungskampf auf Tausende von Kindersoldaten gestützt hatte. Er führte das Land jedoch gleich in den nächsten Bürgerkrieg und verbot jegliche Opposition. Zugleich sagte er sich von den Unterstützernachbarn Uganda und Ruanda los, was neue Aggressionen auslöste.

Beobachter sprachen vom „ersten afrikanischen Weltkrieg“, mit mehr als drei Millionen Toten allein bis 2002. Die Regierung von Laurent Kabila wurde im Regionalkonflikt von Angola, Namibia, Tschad und Simbabwe unterstützt. Als 2001 der Sohn des mittlerweile ermordeten Laurent Kabila, Joseph Kabila, die Macht übernahm, keimte wieder einmal Hoffnung auf. Doch zu groß waren die politischen Verwerfungen, zu stark das Begehren internationaler Konzerne und vieler verschiedener Milizen. Hinzu kommen die Armut der Bevölkerung, die hohe Analphabetenrate und die Perspektivlosigkeit unter den jungen Leuten. Der Staat existiert in manchen Regionen gar nicht.

Korruption, Gewalt und „unentwirrbares politisch-rechtliches Chaos“ bestimmen die Region der Großen Seen, erklärte der kongolesische Wirtschaftswissenschaftler Emmanuel Musongora Syasaka in der Broschüre „Demokratische Republik Kongo: Eine Bilanz der Gewalt“ (2012, hg. von „Missio“). Es gibt Dutzende sogenannter unabhängiger Milizen, deren Namen und Herkunft für Ausländer nur schwer nachzuvollziehen sind, darunter Maï-Maï, Interahamwe, M23 oder die Lords Resistance Army von Joseph Kony.

Vertreiben für den Profit

Diese Rebellen - aber auch manche staatlichen Armeeteile, die sich für unabhängig erklärt haben - vergewaltigen Frauen und Kinder, vertreiben die Leute aus den Dörfern, um die Bergbaugegenden von Einwohnern zu „säubern“.

Die ökonomische Gleichung ist einfach: Je weniger Personen am Bergbau verdienen, desto mehr bleibt für die Milizen und die Zwischenhändler übrig. Für ein Kilo Coltanerz bezahlten die Schmelzbetriebe laut Frank Piasecki Poulsen vor drei Jahren rund 900 Dollar. Und der Preis steigt…

Allerdings wäre es falsch, einfach die Minen zu schließen, wie die kirchliche Sozialarbeiterin Thérèse Mema Mpenza zu bedenken gibt, die in den Pfarreien in der Nordostregion Vergewaltigungsopfern beisteht. Bei einem Pressegespräch von „Missio“ berichtete die mutige Frau, dass die Existenz vieler kongolesischer Familien von dem Wenigen abhänge, das die Arbeit in den Minen erbringt. Sonst gibt es nichts - allenfalls eine Existenz als Söldner. Die 31-jährige Katholikin Mema Mpenza, Mutter von drei Kindern, spricht sich für eine Verstaatlichung der Minen und für ein Offenlegen der Händlerketten aus.

Mutige Frauen der Kirche

Der katholische Bischof François-Xavier Maroy Rusengo von Bukavu prangert offen Vergewaltigung, Mord und illegalen Bergbau an. Priester und Ordensleute aus seinem Bistum wurden deshalb von den Profiteuren dieses „Systems“ bedroht, verschleppt, verschiedentlich sogar umgebracht. Die Kirche hat in den Pfarreien Traumazentren für Vergewaltigungsopfer eingerichtet. Dort wird ärztliche und psychologische Hilfe angeboten. Den Frauen, die häufig nicht zu den Angehörigen zurückkehren können, weil diese die Vergewaltigung als Schande für die Familie empfinden, wird eine Ausbildung ermöglicht. Viele schöpfen dort nach den traumatischen Erlebnissen wieder Mut, berichtete Thérèse Mema Mpenza, die in Bukavu bisher 600 Frauen helfen konnte. Die engagierte Sozialarbeiterin gehört zu einer Gruppe christlicher Helfer, die mit dem Panzi-Krankenhaus zusammenarbeiten. Der Leiter der Gynäkologie dort, Denis Mukwege, hat soeben den alternativen Nobelpreis erhalten. Auch die Ordensfrau Angélique Namaika, die vor kurzem mit dem Nansen-Preis der Uno-Flüchtlingsorganisation geehrt wurde, widmet sich mit großem Einsatz im Norden Kongos, in Dungu, Frauen, die vergewaltigt wurden.

Emmanuel Musongora Syasaka stellt fest, dass leider manche Stammestraditionen die Praxis sexueller Erniedrigung begünstigen. „Als Anhaltspunkt ließen sich hier bei einigen Ethnien Zwangsehen anführen, bei denen die Ehepartner nicht frei wählen können … Die Eltern bestimmen die Ehegatten ihrer Kinder unter sich. Die Beschneidung von Mädchen und Penis-Dehnung bei Jungen gehören als Praktiken ebenso zu manchen Bräuchen.“ Sexuelle Verstümmelung sei durch etliche Stammestraditionen der Region gedeckt.

Thérèse Mema Mpenza wünscht, dass hiesige Verbraucher ihre Mobiltelefonhersteller fragen, ob bei der Produktion „blutiges Coltan“ verwendet wird. Die Konsumenten sollten darauf drängen, dass die Zwischenhändlerkette im Internet offengelegt wird: „Eure Handys haben etwas mit unserem Krieg zu tun.“ Um das Anliegen in eine breitere Öffentlichkeit zu bringen, hat „Missio“ eine Online-Unterschriftenaktion gestartet, an der bisher mehr als 10000 Personen teilgenommen haben (www.missio-hilft.de/handy).

Um die politische Verantwortung der Firmen einzufordern, regte die Tübinger Politikerin und ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin an, sich auch in Europa an einem Gesetz zu orientieren, das seit 2010 in Amerika in Kraft ist: Es verpflichtet im Gefolge der Finanzkrise alle einheimischen Elektronikfirmen, die an Börsen notiert sind, sicherzustellen, dass sie keine Rohstoffe verwenden, die den Kongokonflikt finanzieren. „Dieses Gesetz deckt allerdings nicht, dass Kinder in Minen ausgebeutet werden. Deshalb möchten wir EU-weit darauf drängen, dass es bald zu einer Regelung kommt, die auch die Sicherheit der Minenarbeiter und humane Mindestanforderungen bei den Arbeitsbedingungen zum Ziel hat.“

Zwar sind die Herstellerkonzerne gern bereit, über Umweltschutzmaßnahmen Aus­kunft zu geben. Aber angeblich ist es zu schwierig, nachzuweisen, dass keine Mineralien von Rebellen gekauft wurden, und die Zwischenhändler offenzulegen. Auch Frank Piasecki Poulsen wurde bei Nokia vor laufender Kamera vertröstet. Als er der Gesprächspartnerin des Konzerns sagte, er habe wenigstens gehofft, dass die Firma ihre Ohnmacht angesichts des Problems zugeben würde, zumal das alles seit gut zehn Jahren bekannt ist, erhielt er schroff zur Antwort: „Wir haben gar nichts zuzugeben.“

Der Dokumentarfilm „Blood in the mobile“ kann bezogen werden bei: www.neuevisionen.de. Die DVD enthält drei Fassungen, zwei kurze auf Deutsch und eine längere auf Englisch; 15,99 €.

CIG 41/2013


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