69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

2014: WorldView-3
Von Christoph Schulte
Der Mensch ist undurchsichtig. Bloß will das keiner wahrhaben.

Sehr viel mehr rot als gelb. So sieht die Weltkarte des aktuellen Korruptions-Index der Nichtregierungs-Organisation „Transparency International“ aus. In Rot und Orange sind jene Nationen gefärbt, in denen Bestechung, Unterschlagung und Veruntreuung besonders weit verbreitet sind. Während Länder wie der Irak, Afghanistan, Syrien, Sudan, Nordkorea und Somalia dunkelrot dargestellt und somit im höchsten Maße korrupt sind, werden Staaten in Nordamerika und Europa in helleren, gelblichen Tönen abgebildet - mit drei dunkleren, „orangefarbenen“ Ausnahmen: Spanien, Italien und Griechenland.

Zwar stehen die europäischen Schlusslichter im internationalen Vergleich noch recht annehmbar dar, doch gibt vor allem der dramatische Korruptionsanstieg in Spanien zu denken. Das Land steckt seit fünf Jahren in einer Wirtschaftskrise, die zu drastischen Sparmaßnahmen führte. „Dabei stellte sich heraus, wie sehr die engen Beziehungen zwischen Politikern und Bauunternehmern in der Vergangenheit die Immobilienblase gefördert hatten“, schrieb der „Spiegel“.

Griechenland ist nach Einschätzung von „Transparency International“ weiterhin das mit Abstand korrupteste Land der Europäischen Union. Es scheint, als bildeten schwache Wirtschaften, enorm hohe Schulden und drohender Staatszerfall den Nährboden für Ungesetzlichkeiten, Hintergehungen oder Schmiergeldzahlungen an Politiker und andere Entscheidungsträger. Dabei muss gerade den Mitgliedern der Europäischen Union an der Offenheit und Ehrlichkeit ihres Handelns gelegen sein. Artikel 11 des „Vertrags über die Europäische Union“ verpflichtet die Organe der Staatengemeinschaft zu einem „offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog mit den repräsentativen Verbänden und der Zivilgesellschaft“. Was für die Europäische Kommission, den Rat, das Straßburger Parlament, den Gerichts- und den Rechnungshof in Luxemburg gilt, kann für die Mitgliedsstaaten nicht nicht gelten.

Dem Bericht von „Transparency International“ zufolge, ist - trotz Verbesserungen in einigen Ländern - die Lage bei einer größeren Zahl von Staaten eher schlechter geworden. Es ist paradox: In einer sich immer weiter medial vernetzenden, gläsernen und durchleuchteten Welt gelten immer mehr Staatsgebilde und deren Abläufe als undurchschaubar, nicht integer, verschleiernd und verheimlichend. Womöglich ist auch der einzelne Mensch viel geheimniskrämerischer als gedacht, und das trotz individueller Blogs über das Privat- und Freizeitleben, persönlicher Facebook-Status-Anzeigen und das allen alles zeigende Foto-Album auf „Pinterest.com“. Ist die allerorten und allezeit proklamierte und geforderte Transparenz in Wirklichkeit vielleicht doch nur ein leeres Versprechen? Und woher kommt eigentlich das scheinbar unbändige Verlangen nach Durchsichtigkeit und Durchschaubarkeit?

Beim Denken zuschauen?

„Die Frage nach der Herkunft des Transparenztraums führt in die Geschichte der Philosophie, der Politik, der Architektur, der Literatur, der Technik“, schreibt der Bochumer Literaturwissenschaftler Manfred Schneider in seinem neuen Buch „Transparenztraum“ (Berlin 2013). Der westlichen Ideengeschichte verdanken wir die Ideale und Errungenschaften von Freiheit, Aufklärung, Gerechtigkeit und Rationalisierung. Neben diesen machtvollen und erfolgreichen Impulsen würden in politischen und intellektuellen Diskursen aber auch solche „Dauerträume und Wunschhartnäckigkeiten“ wie der nach Transparenz fortwirken. „Wie sonst erklären sich solche Wunderlichkeiten, dass … Anfang 1900 die Architekturavantgarde das Heil der Welt darin sah, Häuser oder gar ganze Städte aus Glas zu errichten? Oder dass ein genialer Politiker wie Leo Trotzki prophezeite, dass demnächst die Übermenschen der Sowjetunion ihr eigenes Unbewusstes unter die Kontrolle der Partei und ihres Willens bringen würden? Oder dass Neurowissenschaftler heute ankündigen, bald dem Geist beim Denken zuzuschauen?“

In seinen Ursprüngen sei der Transparenztraum der Wunsch nach einer Welt ohne Lüge gewesen, nach einer Kommunikation ohne Täuschung. Die Sprache aber lässt diesen Traum unerfüllt, eben weil sie Lüge und Ausrede kennt. Da also nicht Menschenworte es vermögen, die Dinge durchsichtig zu machen, verlagerte sich im Laufe der Zeit der Wunsch nach Durchschaubarkeit auf vermeintlich glaubwürdige Institutionen wie den Staat, die Kirche oder die Wissenschaft. „Sie sollten für die Wahrheit sorgen. Aber längst wissen wir, und wir werden täglich mehr davon überzeugt, dass diese Institutionen im großen Lügenspiel mitmachen.“ Die Ergebnisse des Korruptionsindex 2013 bestätigen Manfred Schneiders Behauptung: Transparenz ist kein endgültig erreichbarer Zustand, sondern kann immer nur in Aussicht gestellt werden.

In einem Gespräch mit dem deutsch-polnischen Essayisten und Leiter des Europäischen Solidarnosc-Zentrums in Danzig Basil Kerski erklärte der Publizist Sebastian Kleinschmidt 1999, dass er die Zeit von Mauerfall und deutscher Wiedervereinigung wie eine blitzartige Erhellung, eine kurze Aufklärung, empfunden habe. „Man sieht in großer Klarheit, was man nie zuvor gesehen hat.“ Es habe damals ein „Hochgefühl von Transparenz und Vitalität“, einen „Schwung des großen Aufbruchs, mental wie politisch“ gegeben. Ähnliches beobachtet Manfred Schneider, der den Beginn des inflationären Gebrauchs des Begriffs „Transparenz“ in der Wendezeit festmacht. Seit etwa zwanzig Jahren gehe von diesem Wort ein einzigartiges Versprechen aus. „Es scheint sich zwischen seinen Buchstaben ein dichtes messianisches Potenzial angesammelt zu haben, als ob es, einmal und immer wieder ausgesprochen, bereits das vollbrächte, was es sagt, als ob das Wort selbst bereits Mauern, Türen, Schlösser, Siegel und Geheimdienstsicherheiten sprengte. An dem Wort hängt immer noch etwas von den himmlisch-spirituellen Privilegien, die Götter und Engel von der Erdenschwere trennen.“

Beobachter von oben

Am 9. November 1989 fand auf der Berliner Mauer und unter dem offenen Schlagbaum des Grenzübergangs „Bornholmer Straße“ die wohl geschichtsträchtigste Party aller Zeiten statt. Das wiedervereinte deutsche Volk feierte friedlich das Ende der Opazität, der Undurchlässigkeit, und den Beginn von Freiheit. 2014 jährt sich dieses Weltereignis zum 25. Mal.

Bereits der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) erkannte im Feiern des Festes ein Transparenzereignis. Doch seine Vorstellung von der völligen Durchleuchtung endete im gewalttätigen Transparenzterrorismus der radikalen Jakobiner während der Französischen Revolution. Als die politische Linke, die Anhänger von Maximilien de Robespierre (1758-1794), drei Jahre nach dem Sturm auf die Bastille die Macht ergriffen, „wollten sie die neue Gesellschaft unter das Regime der Offenheit, Wahrheit und Truglosigkeit bringen … Staat, Bürger, Parteien, Parlament sollten ihre Unaufrichtigkeit ablegen und sich nach Rousseaus Vorbild selbst durchsichtig machen.“ Die von den Jakobinern verlangte Transparenz jedoch war nur durch Gewalt zu erreichen. „Der Terror ist ein Bruder des Idealismus und des Perfektionismus“, schreibt der Germanist Schneider. Der Wille zur Transparenz war zum „fanatischen Reinheitstrieb“, zum Wahn geworden.

Heute, über zweihundert Jahre später, sei das Transparenz-Hirngespinst zum Medienwahn geworden, der Aufstieg zeitgleich mit der rasanten Entwicklung der digitalen Medien verlaufen. „Jetzt ist Transparenz der unsichtbare Star und prominente Sozius aller drahtlosen Weltkontakte, die wir über Rechner, Mobiltelefone, Tabletcomputer, TV-Geräte oder auch neuerdings über Spionage-Medien wie das NSA-Werkzeug ‚Boundless Informant‘ herstellen. Die Flügel, die uns die Wunschmaschine Google verleiht, tragen uns blitzartig in alle Winkel der informierten Welt, den Kosmos selbst eingeschlossen.“ Längst hat sich der alte Menschheitstraum, die Welt vom All aus beobachten zu können, realisiert. Das Aussetzen von Forschungsfahrzeugen auf dem Mond - wie es vor wenigen Wochen China mit dem Vehikel „Jadehase“ nach den USA und Russland erstmals geschafft hat - ist ein reines Statussymbol. Wirklich bedeutsam sind die streng geheimen Gemeindienst-Satelliten. Doch auch die, so Schneider, würden Staaten und Armeen mehr und mehr privaten Unternehmen überlassen. Die cleveren Firmen stellten Transparenzfanatikern damit ein regelrechtes Service-Paket aus Information, Sicherheit, Kartografie, Katastrophenmanagement und vielem mehr zur Verfügung. „Der vorletzte Schritt, der zur perfekten Orbitalisierung der Selbstbeobachtung führen wird, ist vollzogen. Der letzte Schritt wird die Real-Time-Sicht auf uns selbst sein.“

Im Jahr 2014 wird die Firma „Digitalglobe“, die hauptsächlich für Google Erdoberflächenbilder erstellt, den Satelliten „WorldView-3“ in die kosmische Umlaufbahn bringen. Auf der Internetseite von „Digitalglobe“ ist aufgelistet, was der Blicktrabant technisch alles kann. Entscheidender ist jedoch, dass „WorldView-3“ kommerziell ist und den Betreibern vor allem eines bringt: Geld. Mit dem Himmel und den „Beobachtern von oben“ lässt sich gut verdienen. Der Himmel ist längst zum kommerziellen Raum geworden. Mit dem „Gottesblick“ in Echtzeit lassen sich Länder und private Besitztümer besser kontrollieren, Kampfdrohnen zielgerichteter einsetzen, Häuser, Inseln, Yachten erfolgreicher verkaufen, Verkehrs- und Menschenströme genauer lenken. Offen ist, welche Rolle der Mensch in Zukunft einnehmen und wie er sich fühlen wird. Die Vorstellung, dass Gott uns jederzeit „beobachtet“, mochte man noch ertragen, wenngleich auch dieses Bild problematisch war und viel Unheil angerichtet hat. Dass der Nachbar und auch jeder Unbekannte am anderen Ende der Welt uns immer und überall „durchschauen“, ist grausam vorzustellen. Die Beobachtungs-Weltmaschine als Gottesersatz?

Muss mit diesen Aussichten zu Jahresbeginn allen angst und bange werden? Ganz und gar nicht. Denn erstens, so meldete kurz vor Weihnachten der „Deutschlandfunk“, stehen die Chancen gut, dass Spanien es Irland gleichtut und den Euro-Rettungsschirm - und damit Rezession, wirtschaftliche Stagnation und Korruptionsgefahr - demnächst verlässt. Zweitens bleibt für Manfred Schneider der Transparenztraum das Unmögliche: „Der Traum, der Menschen und Menschendinge durchsichtig macht, kann nur als Literatur, Kino, Theorie, Philosophie, Programm, Entwurf bestehen.“ Auch „WorldView-3“ wird das ganze Reale aus Moment, Gefühl, Idee, Dasein und Sosein nie zeigen können. Auch Super-Blicksatelliten sind lediglich der Versuch, die Wirklichkeit zu besitzen - es bleibt eine „Wirklichkeit“ in Bildern, Symbolen, Zahlen, Videos.

Woraus bestehen die Welt und der Mensch wirklich? Wir wissen es nicht. „Das ist der Fluch des Auszugs aus der Natur. Es gibt keinen Weg zurück ins Paradies der Unmittelbarkeit“, meint Schneider. „Wenn die Hirnforscher behaupten, das Denken, Fühlen, Wissen unmittelbar auslesen zu können, indem sie die Bewegungen von Atomen in Nervenzellen in Bilder umrechnen, dann kündigen sie das Unmögliche an; wenn WikiLeaks-Gründer Julian Assange sagt, dass unsere Gesellschaften ‚mit dem Internet verschmolzen sind‘, dann behauptet er das Unmögliche. Die Verwechslung von Realem und Symbolischem, von Natur und Kultur, ist Ideologie.“ Es ist auch ein Trost: Letztlich gelangt kein Mensch ans Ziel der perfekten Durchsicht. Die Welt, das All, Gott und der Mensch selbst bleiben dem Menschen bei aller Sichtbarkeit undurchsichtig.


CIG 1/2014


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