69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Die Flügel des Menschen
Von Christian Heidrich
Zum neuen Gedichtband des walisischen Dichters R. S. Thomas.

Er war Waliser, Priester der anglikanischen Kirche, Poet und ein passionierter „Birdwatcher“, Vogelbeobachter. Eine Reihenfolge zu erstellen wäre müßig und ganz und gar nicht im Sinne von Ronald Stuart Thomas (1913-2000), der stets an der Peripherie nach Antworten suchte, fern von großen Wort- und Menschenansammlungen. So verbrachte Thomas sein berufliches Leben in den kleinsten walisischen Gemeinden, und die Poesie wählte er wohl, weil diese von allen Schreibkünsten die wenigsten Worte macht. Zwischen 1946 und 1995 veröffentlichte er rund dreißig Gedichtbände, die beim literarischen Publikum durchaus für Aufsehen sorgten. Bei Filmaufnahmen in Wales, so erzählt sein Biograf Byron Rogers, wollten die Hollywood-Schauspieler Richard Burton und Elizabeth Taylor den Dichter unbedingt treffen. Das arrangierte Abendessen mit dem „Landpfarrer“ wurde wegen Thomas’ Wortkargheit jedoch zum Desaster. Im Jahre 1995 wurde Thomas für den Nobelpreis vorgeschlagen. Offensichtlich brauchen große Werke keine Metropolen und keinen Literaturbetrieb, vielmehr einen wachen Geist. Das gilt auch für die Vogelbeobachtung aus dem Band „Auf das Meer schauen“:

„Ah, doch ein seltener Vogel ist
selten. Gerade dann, wenn man nicht schaut,
wenn man nicht zugegen ist,
kommt er.
Du musst Ausschau halten,
bis zur Erschöpfung,
bis deine Augen wund sind
wie die Knie der Beter.“

In diesen Versen benennt der Dichter nicht nur seine „Birdwatching“-Erfahrungen, beiläufig deutet er auch an, wie sich eine Gottsuche gestalten kann: Ausschau halten, überfordert sein, schweigen, sich gedulden, knien, es noch einmal versuchen. Wer die Gedichte von Thomas kennt, weiß, dass damit - fast - alles gesagt ist. Manche hochgesteckten Erwartungen mag dies enttäuschen. Ein „seltener Vogel“ ist nun einmal selten, und der „Birdwatcher“ weiß genauso wie der Gottsucher häufig nur von Versäumnissen und Wunden zu berichten. Hier lässt sich nichts „dingfest“ machen.

Die große Abwesenheit

Gleichwohl, der Vogel, er ist da. Wählt man einen gelehrten Begriff für diese Spannung, spricht man von der „Via negativa“, dem „verneinenden“ Weg, der in der mystischen Tradition eine zentrale Rolle spielt. Es geht um die Einsicht, dass unsere Sprache zu ungenügend ist, um Göttliches auszudrücken. Von Gott, so ein durchaus klassischer theologischer Leitsatz, können wir am ehesten aussagen, was er nicht ist. Mit „positiven“ Zuschreibungen müssen wir höchst vorsichtig sein und letztlich alles noch einmal einklammern und durchkreuzen. Auch der Poet aus Wales, keinesfalls ein Jongleur mit uneinlösbaren Schecks, ein nüchterner Erforscher des Innenlebens vielmehr, nahm Gott vor allem in seiner Verborgenheit, als „Deus absconditus“ wahr. In einem 1978 veröffentlichten Gedicht mit dem Titel „Die Abwesenheit“ heißt es:

„Es ist die große Abwesenheit,
die wie eine Gegenwart ist, die mich
zwingt, sie anzusprechen ohne Hoffnung
auf eine Antwort. Sie ist ein Zimmer, das ich betrete,
das jemand soeben verließ; die Vorhalle für die Ankunft
von einem, der noch nicht gekommen ist.“

Thomas, ein geduldig Wartender „in der Vorhalle“, hegt und bewahrt ein Geheimnis, das für manche nur noch ein Gerücht ist. Er erklärt uns die „große Abwesenheit“ nicht, er meditiert darüber, verstreut Metaphern und weist darauf hin, dass es ohne Warten und die beharrliche Anrede nicht geht. Gott bleibt auch für den redlichen Sucher ein verhüllter, ein schweigender Gott. Und sogar das Kreuz, ein paradoxes Zeichen der Liebe, ist für Thomas häufig genug „unbewohnt“. Nur manchmal gelingt es uns, eine Verbindung zum österlichen Geheimnis zu finden. Dann „rollt ein Stein“ vom Verstand, und „die alten Fragen liegen… / zusammengefaltet wie die aufeinandergelegten / Grabtücher des auferstandenen Leibes der Liebe“, wie es in „Die Antwort“ heißt. Ein solches österliches Aufleuchten ist freilich selten; im Alltag, am langen Karsamstag, müssen wir uns mit „Kargen Liturgien“ begnügen:

„Statt des Altars
die Kanzel. Statt
des Brotes der Bruch
der Sprache. Und Gott
ein Schatten seiner selbst
an einer leeren Wand.“

Diese Verse stammen aus dem neuen, zweisprachigen Band „In zierlichen Schlingen“ von Thomas, den der Verleger, Übersetzer und Lyriker Kevin Perryman verantwortet hat. Es ist bereits die sechste Gedichtsammlung des Priesterpoeten in dem exquisiten, manche Kostbarkeit hütenden Babel Verlag. Durch die chronologische Abfolge erkennt der Leser die Hartnäckigkeit, mit der sich Thomas den großen Fragen unserer Existenz gestellt hat, ihnen eine überraschende, unsentimentale Pointe abzuringen wusste. Das gilt auch für unsere Gottsuche. In religiös kargen Zeiten verträgt sie keinen liturgischen Pomp, umso mehr darf sie offen sein für ungewöhnliche Weitungen. Thomas, dem der evangelische Theologe Johann Hinrich Claussen eine „Orni-Theologie“ zuschreibt, eine Verbindung aus Vogelsuche und Gebet, blickt dabei gern auf die Migranten am Himmel, die „Zugvögel“:

„Es genügt, dass uns Flügel gegeben wurden
und eine Nadel im Kopf,
um anzusprechen auf seinen rauen Norden.
Es gibt Zeiten selbst am Pol,
da auch er innehält in seinem Rückzug,
damit es dort hell ist die ganze Nacht.“

Unseren Blick nach oben zu lenken, ist ein kühner Versuch. Es geht um die Zugvögel und ihre langen Reisen, um den Wind und die Polarnächte - vielleicht aber auch um unsere „Flügel“ und unsere „Nadel im Kopf“. Und vielleicht gar um den Unaussprechlichen selbst, der sich zurückzieht und doch alles erhellt. Wofür unsere Flügel taugen, an welchem Pol es „hell ist die ganze Nacht“, das herauszufinden ist nicht einfach. So leichtsinnig und so zielsicher wie die himmlischen Migranten sind wir nicht. Anmut und Höhe liegen uns nicht in den Genen. Was uns aber auszeichnet, ist die Vielfalt unserer Reisemittel.

Das große Entschlüsseln

Die Sprache zuvörderst, mit der wir die Welt deuten und überschreiten, die Technik, die uns „nach oben“ zu bringen vermag, die Fähigkeit zu staunen, sich mit dem Vordergründigen nicht zu begnügen. Sprache, Technik, Staunen - das sind auch für Thomas komplexe, unausschöpfliche Marken unserer Existenz, gleichsam unsere Flügel. Nicht selten verknüpft er diese Eigenschaften, so in „Anrufen“ und „Nummern“, zwei Gedichten, die das Telefon als ein Symbol unserer nie endenden Suche sehen. „Wir dürfen damit / jeden anrufen außer Gott“, heißt es so schlicht wie bedrückend. Thomas erzählt von der „Versuchung“, auch hier zu experimentieren, nach einer entsprechenden Zahlenkombination zu suchen. Ein „göttliches Fauchen“, gar ein „Gott am Apparat“ wird wohl für immer ein zweifelhafter Traum bleiben. Doch kann auch bei diesem häufig grimmig wirkenden Poeten die Phantasie siegen. In „Nummern“ möchte er mittels Tonband eine göttliche Botschaft auffangen, um sie künftigen Generationen zum Dechiffrieren, zum Entschlüsseln zu überlassen:

„Stell dir das Ereignis vor, wenn -
bei einer Umkehrung der Speisung
der Fünftausend - aus all dem
eingespeisten Material
der Rechner seine zwei
Töne liefert, schlüpfrig
wie Fische, und die Liebe sich einfindet
wie ein unmittelbar bevorstehendes
Wunder: der halbe Laib,
der besser ist als gar kein Brot.“

Welch ein phantastisches Stück Theologie, ein verwirrendes Spiel mit scheinbar Bekanntem. Das finale Ereignis, auf welchen elektronischen Wunderwerken auch immer erzeugt, die Liebe? Eine letzte - oder schon wieder erste - Erinnerung an den Rabbi aus Nazaret, an unseren Hunger, der so einfach wie unmöglich zu stillen ist?

Der Leser der Gedichte von R.S. Thomas muss mit überraschenden Wendungen rechnen, deren funkelnde Logik er sofort oder erst bei geduldiger Meditation begreift. Immer wieder, wenn es um Weihnachten geht oder um die keiner „Erwachsenenlist“ zugängliche Welt der Kinder, schafft es Thomas, mit knappen Strichen seine Leser zu bezaubern. So auch in dem 1972 veröffentlichten zweistrophigen „Madam“:

„Und wenn du sie fragst,
hat sie keinen Namen;
aber ihre Augen sagen,
Wasser ist kalt.

Sie ist drei Jahre alt
Und bereit zu küssen;
aber ihre Lippen sagen,
Äpfel sind sauer.“

Das Gedicht braucht keine „Interpretation“. Jeder war ein Kind und kann Geschichten aus einer Welt erzählen, in der das Spiel und nicht das „analytische Auge“ herrscht. Ronald Stuart Thomas kann auch an Leichtsinniges erinnern, und wenn er so häufig mit Gott und der Welt hadert, dann deshalb, weil er Ihm und uns mehr zutraut. „Und doch sah er auf und lächelte, als er vorbeiging“, heißt es am Ende eines Gedichtes, das von wunden Füßen und einer zerfurchten Stirn spricht.

Literatur:
R. S. Thomas: „In zierlichen Schlingen“. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Deutsch von Kevin Perryman (Babel Verlag, Fuchstal 2013, 79 S., 24 €)
R. S. Thomas: „Das himmelreimende Kind“. Deutsch von Kevin Perryman (Babel Verlag, Fuchstal 2013, 75 S., 29 €). Dem soeben erschienenen Band ist eine Audio-CD beigefügt.
Byron Rogers: „The Man who went into the West. The Life of R. S. Thomas“ (Aurum Press, London 2007, 326 S., ca. 10,90 €)

Christian Heidrich, Dr. theol., ist Gymnasiallehrer und Publizist, er lebt bei Heidelberg.



CIG 3/2014


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