69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 23. Juli 2017

Was ist der Werterepublik die Ehe wert?
Von Johannes Röser
Die Diskussion über Homosexualität beherrscht alle Kanäle. Doch weitaus gravierendere und dringlichere Probleme für Staat und Gesellschaft stehen nicht auf der Tages- und Bildungsordnung.

Den Franzosen wird nachgesagt, in Sachen sexueller Ausschweifungen ihrer Staatenlenker nicht gerade überempfindlich zu sein. Das Land der Großen Revolution von 1789, das das alte Regime des Feudalismus bahnbrechend für Europa und die Welt hinwegfegte, hat mit anderen Gewohnheiten der Fürsten und Könige jedoch nicht gebrochen: Den Obersten ist erlaubt, was dem Volk als verderbt gilt. Sie hielten und halten sich gemäß den Herrschern der Antike und des „christlichen“ Abendlands - wie der jetzt „gefeierte“ heilige Kaiser Karl der Große - ihre Frauen, Nebenfrauen, Mätressen, Gespielinnen fürs lustvolle Vergnügen. Denn Macht macht sexy. Macht will machtvoll inszeniert werden. Das gelingt seit jeher am besten dadurch, auch die sexuelle Potenz des Patriarchen unter Beweis zu stellen - und dies nicht bloß im inzwischen königlich-republikanischen Frankreich. Selbst Päpste müssen wegschauen, wenn sie die Lebemänner-Oberhäupter der „ältesten Tochter der Kirche“, die zugleich zu Ehrendomherren von Sankt Johannes im Lateran ernannt werden können, empfangen, wie zum Beispiel Sarkozy mit seiner Carla Bruni.

Auch in Rom hat in den letzten Jahrzehnten niemand länger und stabiler regiert als ein beim Volk zuerst beliebter, dann geschmähter, später wiedergeholter, schließlich davongejagter, aber immer noch von etlichen bewunderter „Bunga-Bunga“-Staatschef. Nicht wenige neue demokratische Könige oder Quasi-Könige sind wie die alten monarchischen „beziehungsoffen“, in einem katholischen Land wie Spanien nicht anders als in einem lutherischen Land wie Schweden. Kleine oder große „Herrscher“ - ob mit oder ohne Gottes Gnaden, ob in politischen Imperien oder solchen des Starkults und der kulturellen Unterhaltungskunst - können oder wollen sich nicht unbedingt dem atavistischen Erbe der Säugetierwelt entziehen. Nicht nur dem „König der Löwen“ im höchsten Rang des Rudels steht statusmäßig zu, viele Geschlechtspartnerinnen zu haben. Bei den sexuell-biologischen Mechanismen von Männchen und Weibchen, bei der beharrlichen Verbindung von Machtfragen, Statusfragen und Sexualitätsfragen scheint die Gattung Homo sapiens mehr, als ihr recht sein mag, weiterhin ins Tierreich eingebettet zu sein, wie vergleichende Verhaltensforscher und Tierfilmer eindrucksvoll veranschaulichen.

Pariser Nachtleben

In demokratischen Zeiten wurde allerdings auch das Sexualleben demokratisiert. Jetzt darf jeder und jede, was einst Vorrecht der „Höchsten“ war. Der zoologisch Gebildete mag das amüsiert beobachten, andere mögen sich darüber moralisch entrüsten. Schlussendlich bleibt es aufschlussreich, wie wenig der neue Mensch als „nackter Affe“ in geschlechtlichen, hierarchiebewegten Dingen seine befellten Artgenossen überragt - und das trotz einer jahrtausendealten Kultur-Evolution des Sexuellen, die versucht hat, die Natur-Evolution zu transformieren, zu „zähmen“, in humane Bahnen zu lenken.

Ein Produkt dieser Entwicklung ist die Erfindung der auf lebenslange Dauer angelegten Einehe. Trotz aller Turbulenzen und Schwächen hat sie sich in den allermeisten Kulturen durchgesetzt, nicht nur in der Theorie. Sie bleibt krisenanfällig, aber es gibt nichts Besseres und nichts Gleichwertiges. Sie bewährt sich trotz der menschlichen Schwächen und Triebstruktur immer noch als günstigste, angemessenste Institution für ein partnerschaftlich-verbindliches Liebesverhalten, für die Stabilität von Familien zum Wohl des Nachwuchses, für gesellschaftlich-staatlich-soziale Verantwortung in Reproduktion, Erziehung, Generationenvertrag. Ehe und Familie sorgen wie keine andere Institution für das Wohl des individuellen Gemeinschaftswesens Mensch.

Die Ehe steht trotzdem unter Rechtfertigungsdruck wie noch nie. Mit dem Aufbruch der Frauenemanzipation, mit der berechtigten Kritik an patriarchalischen Zuständen hat sie an Plausibilität eingebüßt. Im Zuge der sexuellen Revolution, insbesondere der modernen Möglichkeiten der Empfängnisverhütung, haben sich frühere Ängste verflüchtigt, dass aus sexuellen Kontakten ungewollt Kinder gezeugt werden und damit Verpflichtungen entstehen. Sex kann heute völlig unverbindlich - wie es heißt - „ausgelebt“ werden, nicht mehr nur vom Mann, auch von der Frau. Hier liegt ein Grund für Befreiung, aber ebenso die Ursache für das Verhängnis der Beziehungslosigkeit, Vereinsamung, Neurotisierung. Alles in allem kein Problem?

Wohl doch! Ausgerechnet in Frankreich, im liebesdurstigen und liebestoleranten Paris, konnte das turbulente Liebes- und Nachtleben der Staatsspitze plötzlich zum Hauptthema werden. Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb: „Wie nie zuvor in vergleichbaren Fällen widmen sich selbst Frankreichs seriöse Medien der Affäre … Vorbei scheinen die Zeiten, da die amourösen Eskapaden französischer Präsidenten für die Journalisten tabu, ‚Privatsache des Ersten Bürgers‘ waren.“ Bereits im letzten Jahr machte sich in der französischen Bevölkerung Unmut breit gegen die Einführung einer Homo-Ehe, was als Nivellierung der einzig echten, qualitativ unvergleichlichen Ehe betrachtet wird. Weit über eine Million Citoyens, darunter liberale Intellektuelle, versammelten sich zu Protesten gegen eine Entwertung der Werte durch Mimikry. Womöglich gibt es doch gute politische Gründe dafür, das Alleinstellungsmerkmal der Ehe wieder ins Bewusstsein zu rufen, ohne einer reaktionären Ehe- und Familienideologie zu huldigen.

Toleranz durch Demontage?

Eine vergleichbare Unruhe hat die jüngsten Proteste gegen einen Bildungsplan-Arbeitsentwurf der grün-roten Landesregierung von Baden-Württemberg entfacht. Gemäß dem ministeriellen Vorhaben sollen im schulischen Unterricht fächerübergreifend alle möglichen Varianten von sexuellen Verbindungen behandelt und gewürdigt werden, damit mehr „Toleranz“ für das sexuell Andersartige und die entsprechenden Praktiken entstehe. Das angesichts der biologischen Struktur sexueller Fortpflanzung „Nichtnormale“ wird von Meinungsmehrheiten inzwischen als „normal“ behauptet, allein schon deshalb, weil es in der „Natur“ so vorkomme und genetisch bei einzelnen Personen so angelegt sei. Dieser Auffassung scheint die regierungsamtliche nun zu folgen.

Doch nicht alle Eltern betrachten den Unterrichtsplan mit den Vorstellungen, die sich dahinter verbergen und die von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen, transgender und intersexuellen Lobbygruppen propagiert werden, als wertestiftenden Beitrag. Ganz im Gegenteil: Die Kritischen, die Widerständler sehen mit der ideologischen Aufwertung und den penetranten Akzeptanzforderungen anderer Beziehungsformen logischerweise und folgerichtig zugleich eine Umwertung, Nivellierung und Abwertung der sexuell-biologischen Norm verbunden, der natürlichen Verbindung von Mann und Frau. Angezielt ist - wie die vehement fordernde Art beweist - eine Demontage der wahren Ehe, ihrer unteilbaren, alternativlosen Besonderheit.

Deutscher Michel - homophob?

Im medial veröffentlichten, weitgehend gleichgeschalteten Meinungsbild wurden die Kritiker sofort als „Homophobe“ und Hetzer gegen die Toleranz verunglimpft. Das betraf zuerst die Unterzeichner einer von einem Lehrer mit Zivilcourage lancierten Petition, die völlig korrekt, sachlich und argumentativ die Einwände gegen das Stuttgarter Vorhaben formuliert und innerhalb kürzester Zeit online 160000 Unterstützer fand. Vom „toleranten“, liberalen Nachrichtenmagazin „Spiegel“ wurden diese gleich diffamiert. Der Online-Beitrag einer Journalistin war betitelt: „Lehrer hetzt gegen sexuelle Toleranz“. Sogar die seriöse „Süddeutsche Zeitung“ scheute sich nicht vor der manipulatorischen Unterstellung: „Wider die Toleranz“. Wer unvoreingenommen die betreffenden Texte und den Disput zur Kenntnis nimmt, fragt sich allerdings, wer hier gegen wen hetzt: offenbar unkritische Journalistinnen und Journalisten gegen kritische Bürgerinnen und Bürger. Irritierend ist, wie uniformistisch sich hier freie Medien in einer angeblich pluralen Kultur äußern.

Kaum jemand wagte eine öffentliche Widerrede, mit Ausnahme der „Frankfurter Allgemeinen“. Dort kommentierte Jasper von Altenbockum - noch im Kontext des homosexuellen Outings eines Ex-Fußballers und der Welle von Sympathiebekundungen - ironisch-süffisant: „Mit gewohnter Eilfertigkeit setzen die üblichen Verdächtigen deutscher Gesellschaftspolitik“ zum Tanz an. „Die Schwarmintelligenten … geben im deutschen Spukschloss eine köstliche Vorstellung, an der die ganz Schlauen kritisieren, dass wir das ja nur nötig hätten, weil wir Homosexualität noch immer als etwas Besonderes, nicht als die Norm, nicht als etwas Gleichberechtigtes, sondern als Verirrung, als Tabu und unnormal empfänden. Aber auch wer nicht mittanzt, ist ein Spielverderber, den ein homophobes Virus daran hindert. Der deutsche Michel darf es sich also aussuchen, warum er ein Schwulenfeind ist. Dass er das ist, so viel ist sicher … Für die große Mehrheit der Deutschen, die mit Homosexuellen so normal umgeht wie mit Heterosexuellen, ist das ein Schlag ins Gesicht. Es ist eine Form der Diskriminierung, die sich mindestens genauso rechtfertigen sollte, wie das die Politiker oder Geistlichen oder Eltern tun müssen, denen Homophobie unterstellt wird, nur weil sie eine abweichende Meinung haben, etwa über den künftigen Schulunterricht in Baden-Württemberg. Dazu wäre die Schwulen-und-Lesben-Lobby aber nur in der Lage, wenn sie erkennen würde, dass es ein Unterschied ist, ob Toleranz verlangt wird oder ob es um die blinde Anerkennung jedweden Interesses geht, das sie als Akt der Gleichberechtigung einfordert. Nicht alles, was da gefordert wird, muss schon deshalb richtig sein, weil es um Schwule und Lesben geht. Das gilt übrigens auch für die Homoehe. Es sollte nicht so weit kommen, dass Mut dazu gehört zu sagen: ‚Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so.‘“

Allerdings wäre jenseits der obsessiven Fixierung auf Homosexualität allenthalben weitaus dringlicher zu fragen, warum die Bildungspläne die eigentliche Bildungs- und Beziehungsproblematik verkennen und ausblenden: den Verlust und die Zerstörung der gesellschaftsstiftenden, staatstragenden Ehe. Nebenthemen werden zu Hauptthemen erhoben. Doch nicht das private Zusammenleben homosexueller Freunde ist politisch virulent. Sie werden bei uns zudem nicht wie in manchen anderen Weltgegenden diskriminiert, verfolgt, verhaftet, gefoltert oder gar an Leib und Leben bedroht. Da wird ein Popanz aufgebaut. Junge Leute sind schon von der fünften Klasse an über Homosexualität derart breit von allen Seiten unterrichtet, dass die behauptete Unwissenheit reine Fiktion ist. Fast das ganze Jahr über herrscht ein immerwährender Christopher Street Day. Irgendwo ist ständig einer, und die meistens obszön inszenierten Paraden werden stets von willigen Journalisten in die Wohnungen transportiert. Dieser „Karneval“ ist nicht einmal dann vorbei, wenn das Gedenkdatum Ende Juni längst verstrichen ist.

Die ersten Opfer: Kinder

Dagegen hat die Gesellschaft ein ganz anderes, gefährlich beschleunigtes Problem: den Abbruch ehelicher Stabilität, an die vierzig Prozent Scheidungen, mit oft schlimmsten psychischen und sozialen Folgen für die Kinder. Diese sind die ersten Opfer der Beziehungskatastrophen. Sie müssen seelisch neurotisiert, emotional destabilisiert, konsumistisch terrorisiert ausbaden, was ihnen versagt bleibt: dauerhafte Nähe und Geborgenheit. Die bösen Folgen werden obendrein häufig noch „vererbt“ an die Folge-Generationen. Darum aber rankt sich eine der größten Tabuzonen dieser Republik, die doch eine Bildungsrepublik sein will.

Für Bildungspläne wäre daher an die oberste Stelle sozialer Kompetenz eine fächerübergreifende Aufklärung, Bewusstseinsbildung, Erziehung und Ermutigung junger Leute auf Ehe hin zu setzen, nicht nur in den Fächern Religion oder Ethik, sondern ebenfalls in Gesellschaftslehre, Biologie, Philosophie, Deutsch (Literatur). Für diese Wertebildung besteht in der Werterepublik Deutschland höchster Bedarf, jedoch gibt es dafür - abgesehen von Einsprengseln beim Religionsunterricht - keinen Lehrplan. Wie viel ist dieser Kultur, diesem Staat die Ehe, von der letzten Endes aller Wohlergehen im Ganzen - auch die existenzielle Sinnbildung - abhängt, wert? Bildungspolitisch offenbar: gar nichts. Hier hätte eine grün-rote Landesregierung entgegen dem Versagen schwarz-sonstiger Koalitionen einmal ein deutliches, aufsehenerregendes, wahrhaft innovatives Zeichen setzen können. Gewiss: Solche Aufklärung würde Anstoß erregen, weil sie zur Gewissenserforschung der vielen - auch zerstörten - elterlichen Beziehungen einladen würde. Unterbleibt das Notwendige wieder einmal aus Angst vor den Wählerinnen und Wählern?

LSBTTI statt „klassisch“
An unkritischer Anbiederung wie Unterwürfigkeit in diesem Zusammenhang nicht mehr zu überbieten ist ein an den Stuttgarter Kultusminister Andreas Stoch gerichteter Brief des Freiburger Diözesanrats, seines Vorstands, unterzeichnet von der Vorsitzenden. Die Ergebenheitsbekundung fällt den Kirchenleitungen - katholischen wie evangelischen - geradezu in den Rücken, nachdem sie den Bildungsplan kritisiert hatten. In nacheilendem Gehorsam gegenüber dem medialen Meinungsbild heißt es von den „Laienvertretern“: Man danke dem Minister und der Landesregierung „für das Engagement für Respekt und Toleranz als Grundlage eines wertbasierten Unterrichts“. Man nehme „häufig“ wahr, „wie Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Identität diffamiert und diskriminiert werden. Wir sehen es als die Aufgabe gerade von Christinnen und Christen an, uns für die gleiche Würde aller Menschen einzusetzen … Es ist sehr bedauerlich, wenn Ihre Initiative als ideologische Indoktrination diskreditiert wird und sich dabei ein erschreckendes Ausmaß an Homophobie und Hass zeigt, der direkt gegen Menschen nicht-heterosexueller Orientierung und Identität gerichtet ist. Christentum darf nicht als Begründung für solche menschenverachtende Haltungen missbraucht werden. Wir sind überzeugt, dass Sie und die Landesregierung mit dem Einsatz für Respekt und Toleranz im Bildungsplan auf dem richtigen Weg sind, die in der Landesverfassung genannten hohen Ziele zu verwirklichen, die ‚Jugend … im Geiste der christlichen Nächstenliebe, zur Brüderlichkeit aller Menschen …, zu sittlicher und politischer Verantwortlichkeit, zu … sozialer Bewährung und zu freiheitlicher demokratischer Gesinnung zu erziehen.‘ Dafür wünschen wir Ihnen viel Erfolg und sichern Ihnen unsere Unterstützung zu.“

Nicht nur bei der sexuellen Thematik, sondern bezogen auf eine humanistische Gesamtbildung ist der Bildungsplan-Entwurf - in der schulischen Notenskala ausgedrückt - mangelhaft bis ungenügend. Besonders gravierend, dass ein grundlegendes Leitprinzip nicht vorkommt: Sinnbildung, existenzielle Bildung, religiöse Bildung, der Erwerb geistig-geistlicher Kompetenz als Ur-Befähigung zur Entwicklung des ganzen eigenen Lebens. Glauben? Nichts! Schulische Förderung der Achtung des Christentums, des Respekts vor religiösen Haltungen, der substanziellen Beschäftigung mit der religiö­sen Frage und mit den Religionen als bedeutendes Bildungsziel? Fehlanzeige! Als „Leitprinzipien“ werden einzig aufgeführt: „Berufliche Orientierung“, „Bildung für nachhaltige Ent­wicklung“ (Ökologie), „Medienbildung“ „Prävention und Gesundheitsförderung“, „Verbraucherbildung“. Bei jedem Punkt wird abschließend - ob es passt oder nicht - geradezu mit Penetranz eingehämmert, die sexuelle Vielfalt zu berücksichtigen und kennenzulernen. Dabei ist unterschiedslos alles in einen Topf geworfen. So lauten die Forderungen zur nachhaltigen Entwicklung: „Zusätzlich zu berücksichtigen unter dem Gesichtspunkt der Akzeptanz sexueller Vielfalt: Schülerinnen und Schüler kennen die verschiedenen Formen des Zusammenlebens von/mit LSBTTI-Menschen und reflektieren die Begegnungen in einer sich wandelnden, globalisierten Welt: klassische Familien, Regenbogenfamilien, Single, Paarbeziehungen, Patchworkfamilien, Ein-Eltern-Familien, Großfamilien, Wahlfamilien ohne verwandtschaftliche Bande; schwule, lesbische, transgender und soweit bekannt intersexueller Kultur (Musik, Bildende Kunst, Literatur, Filmschaffen, Theater und neue Medien) und Begegnungsstätten (soziale Netzwerke, Vereine, politische Gruppen, Parteien)“. „Klassische“ Familien! Schon die Sprache - das Attribut - verrät, dass die normalen Familien hier als etwas von gestern betrachtet werden. Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften werden übrigens total ausgeblendet!

Beim Punkt „Medienbildung“ heißt es: „Zusätzlich zu berücksichtigen unter dem Gesichtspunkt der Akzeptanz sexueller Vielfalt…: Schülerinnen und Schüler informieren sich in digitalen Medien über Lebenssituationen von LSBTTI-Menschen und setzen sich mit Menschenrechten und Diskriminierungen auseinander…“ Ganz am Schluss des 32-seitigen Textes, der im Internet dokumentiert ist, wird die Leserin, der Leser aufgeklärt, was LSBTTI bedeutet und welcher Lobby-Propaganda-Verband offenkundig die eigentliche Bezugsgruppe und Autorität hinter diesem verheerenden, werterelativierenden Bildungsplan-Entwurf für die Gesamtgesellschaft ist: LSBTTI „umfasst die Gruppe von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen transgender und intersexuellen Menschen“.

„Weltlich Ding“ - „politisch Ding“

Immerhin bemerkte der Berliner „Tagesspiegel“ vorsichtig kritisch: „Warum muss Homosexualität akzeptiert werden, nicht aber Polygamie (sofern sie im gegenseitigen Einverständnis geschieht)? Polyamoristen etwa propagieren ‚offene, liebevolle, stabile sexuelle Beziehungen von mehr als zwei erwachsenen Menschen‘. Was spricht dagegen? Auch das Inzestverbot lässt sich ohne Rückgriff auf tradierte Normen nur schwer begründen. Da es selbstverständlich sein sollte, dass auch behinderte Menschen ein uneingeschränktes Recht auf Sexualität haben, verbietet sich der Hinweis auf ein höheres Risiko von Erbkrankheiten … Sexuel­le Vielfalt akzeptieren: Klingt gut. Wer genauer hinsieht, denkt noch mal darüber nach.“

Doch außer- wie innerkirchlich hat eine erschreckende Blindheit Einzug gehalten, scheinen Mehrheiten in einem Verblendungszusammenhang gefangen. Sogar einem Bildungsministerium ist die kritische Unterscheidungsgabe abhanden gekommen. Dabei merken zumindest Minderheiten kritischer Bürgerinnen und Bürger - darunter auch Nichtchristen und zahlreich die Muslime -, in welche falsche Richtung diese Gesellschaft in zentralen geistigen Fragen galoppiert, einer unterschwellig manipulierenden Meinungsbildung anscheinend widerstandslos ausgesetzt. Im Kontrast dazu wird nachdenklichen Leuten immer deutlicher, dass die im Haushalt der geistigen und seelischen Ökologie minimierte Ehe mit ihrer generationenübergreifenden Verpflichtung und Verantwortung alles andere als nur Privatsache ist. Das „weltlich Ding“ erweist sich, je mehr es nivelliert und missachtet wird, paradoxerweise als ein eminent „politisch Ding“ für humane Sinnstiftung und Wertebildung.

Solidarität und Toleranz geht in erster Linie von treuer ehelicher Partnerschaft aus, von einer entsprechenden Erziehung der Söhne und Töchter durch Vater und Mutter, die diese Aufgabe gemeinsam wahrnehmen und ernstnehmen, in guten wie in schlechten Tagen. Die Eltern sind die ersten Lehrer und Vorbilder ihrer Kinder und damit die Ur-Vorbilder für Geisteskultur. Diese Erst-Verantwortung lässt sich nicht delegieren, nicht auf andere Instanzen abwälzen, auch nicht auf die Schule. Aber die Schule soll in subsidiärer Verantwortung die Erziehungsberechtigten und zur Erziehung Verpflichteten - die Eltern - in ihrer großen Aufgabe und Leistung ­unterstützen. Ehe und Familie gegen die modische Diffusion und Verflachung aufzuwerten, junge Leute in schwierigen Ehezeiten zur Ehe zu ermutigen, gehört zu den vornehmsten Aufgaben des Staatswesens heute. Sein Verfassungsauftrag zum besonderen Schutz von Ehe und Familie ist nicht etwas bloß rückwärtsgewandt verteidigend Statisches, sondern etwas zukunftsorientiert progressiv Dynamisches, zum eigenen Schutz. Die Politik steht in der Pflicht. Wann gehen ihr die Augen auf, wann wird sie wach, wann erkennt sie es?

Stellen wir uns nur einmal vor, im Bildungsplan-Entwurf würde zum Beispiel unter dem Punkt „Berufliche Orientierung“ formuliert: „Zusätzlich zu berücksichtigen unter dem Gesichtspunkt der Förderung von Ehe und Familie: Schülerinnen und Schüler setzen sich mit der eigenen Sehnsucht nach stabilen, treuen partnerschaft­lichen Beziehungen und den heutigen Schwierigkeiten, diese zu leben, auseinander, mit dem Ziel, in der Berufsfindung auch Fragen der Familiengründung zu bedenken …“ Oder bei „nachhaltiger Entwicklung“: „Schülerinnen und Schüler kennen treue eheliche Beziehungen und reflektieren deren Bedeutung für Staat und Gesellschaft in einer mobilen, globalen Welt.“ Oder bei „Medienbildung“: „Schülerinnen und Schüler nehmen die Dauer-Präsentation kaputter Ehe- und Familienverhältnisse in Fernsehen, Film und sonstigen Medien als Verletzung der Menschenrechte wahr und erkennen, dass der Einsatz für ein gelingendes Ehe- und Familienleben auch in digitalen Medien ein wesentlicher Bestandteil von Zivilcourage in einer pluralen Gesellschaft ist.“ Solche Bildungsplan-Vorschläge sind vermutlich unvorstellbar. Ein Aufschrei kollektiver - medialer - Entrüstung ginge durch das Land. Unvorstellbar? Denken wir nochmal darüber nach.

CIG 4/2014


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