69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 28. Mai 2017

Kommentar: Ukraine West-Ost
Von der CIG-Redaktion
Seit dem Balkankrieg hat es keine derart gefährliche Situation für Europa mehr gegeben wie jetzt in der Ukraine. Beobachter sehen den Kalten Krieg wiederbelebt. Hat Samuel Huntington mit seiner Voraussage eines Zusammenpralls der Zivilisationen auch an der abendländischen Nahtstelle zwischen West und Ost doch recht? Der amerikanische Politikwissenschaftler behauptete Mitte der neunziger Jahre, dass ein Kampf der Kulturen zwischen dem lateinisch-westlichen und dem orthodox-slawischen Kulturkreis bevorsteht. Mit der Aufnahme orthodoxer Länder wie Rumänien und Bulgarien in die Europäische Union schien diese Unheilsprophetie widerlegt. In der Ukraine allerdings, wo wegen des mittelalterlichen Großreichs der Kiewer Rus und der im byzantinischen Ritus erfolgten „Taufe der Rus“ 988 unter Großfürst Wladimir das „Herz“ und das Ursprungsgebiet des späteren Russland liegen, prallen die Gegensätze aufeinander.

Die alten kirchlichen Spannungen zwischen Rom und Moskau, zwischen lateinischem und byzantinischem Erbe, verschärft durch geschichtliche Konflikte um die unierte Kirche der Griechisch-Katholischen, werden in der Ukraine überlagert von einem heftigen innerorthodoxen Streit. Der Grund ist die Abspaltung einer von der Weltorthodoxie nicht anerkannten nationalen Kirche des Kiewer Patriarchats vom Moskauer Patriarchat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. In den akuten Auseinandersetzungen wirken die Kirchen daher - anders als 2008 in der Georgien-Krise um Abcha­sien und Ossetien - wie gelähmt, keineswegs als Friedensstifter oder Besänftiger.

Die Ukraine belegt, dass gewachsene kulturelle, historische und lebensgeschichtliche Identitäten lange nachwirken und in Krisen als Gegensätze manchmal recht künstlich wiederbelebt werden. Politisch sind sie nicht zu unterschätzen. Weitaus problematischer ist, dass sich keine integre Führungspersönlichkeit anbietet, die absolut frei von oligarchischen Machenschaften und Verbandelungen politische Kompetenz aufweist. Die im Westen als „Märtyrerin“ verehrte Julija Timoschenko war nicht zuletzt durch undurchsichtige Gasgeschäfte mit ihrem Clan „nach oben“ gekommen. Der Box- und Sport-PR-Weltmeister Vitali Klitschko wird hierzulande als Star verehrt, aber viele seiner Landsleute nehmen ihn nicht ernst. Die Opposition ist zersplittert. Auf dem Maidan haben sich zu viele Randale-Leute zu wichtig gemacht. Es bleibt unsicher, ob und wie das politische Kiew, das am Gängelband verschiedener korrupter ukrainischer wie russischer Oligarchen-Sippen hängt, regierungsfähig wird. Und wie lange sieht Moskau noch zu? Die russische Staatsmacht akzeptiert die Ukraine allenfalls als Brücke nach Europa, doch niemals als Bestandteil „West“europas.

CIG 9/2014


Facebook icon Auf Ihre Anregungen und Kommentare freuen wir uns auf Facebook!
Wir freuen uns, wenn Sie CHRIST IN DER GEGENWART näher kennen lernen wollen. Die nächsten vier Ausgaben können Sie gleich hier kostenlos anfordern oder bei:
Verlag Herder, Kundenservice, D-79080 Freiburg
Fax 0761/2717-222, Telefon 0761/2717-200, E-Mail kundenservice@herder.de

Mit unserem Gratis-Newsletter informieren wir Sie über Neues.


Impressum