69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Christen sind Originale
Von Axel Bernd Kunze
Das Christentum ist eine Bildungsreligion. In der Werterziehung kommt es darauf an, den Einzelnen herauszufordern.

Die Jugend ist in Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen Nächstenliebe, zur Brüderlichkeit aller Menschen und zur Friedensliebe, in der Liebe zu Volk und Heimat, zu sittlicher und politischer Verantwortlichkeit, zu beruflicher und sozialer Bewährung und zu freiheitlicher demokratischer Gesinnung zu erziehen.“ So lautet Artikel zwölf der baden-württembergischen Landesverfassung. Ähnliche Formulierungen finden sich auch in den Gesetzestexten anderer Bundesländer. Darf aber in einer pluralen Gesellschaft eine Verfassung ein Erziehungsziel wie „Ehrfurcht vor Gott“ überhaupt vorgeben? Gemeint ist - wie auch bei der religiösen Eidesformel „So wahr mir Gott helfe“ oder beim Gottesbezug des Grundgesetzes - kein persönliches Glaubensbekenntnis und auch nicht die Beschränkung auf ein christliches Gottesbild. Der Verfassungsgesetzgeber trifft an dieser Stelle vielmehr eine wichtige Wertvorentscheidung. „Es geht um die Anerkennung einer Verantwortung über die bloße Mehrheitsmeinung oder Opportunität hinaus“, erklärte der Münsteraner Kulturpolitiker Thomas Sternberg in der Zeitschrift „Engagement“. Es geht um jene letzte Grundlage, die uns überhaupt moralisch handeln lässt. Es geht um das Bekenntnis, dass wir noch einer anderen Instanz, unserem Gewissen, gegenüber verpflichtet sind. Es geht um eine Rückversicherung gegenüber totalitären Tendenzen und einer Selbstüberschätzung des Menschen.

Erziehen, nicht formen

Dabei ist eine Erziehung zur Ehrfurcht „vor Gott“ - genauso wenig wie Liebe, Freundschaft oder Vertrauen - in einzelne Kompetenzen oder Lernziele zerlegbar. Doch ohne einen „Letztbezug“ im weitesten Sinne wäre die Bildung der sittlichen Person gar nicht möglich. Zugleich schützt dieser auf Gott hin ausgerichtete Letztbezug die Erziehung vor sich selbst, vor der Anmaßung von Manipulation oder pädagogischer Selbstüberschätzung, die Menschen formen will, statt zu erziehen. Bildung und Erziehung eröffnen dem Einzelnen die Möglichkeit, nach dem Sinn seines Daseins zu fragen. Einen letzten Lebenssinn findet der Einzelne in der Bildung allein jedoch nicht. Bildung verweist jeden von uns darauf, den eigenen Lebenssinn zu suchen und jene letzte Wahrheit zu erkennen, die uns frei macht - frei von allen menschengemachten Bildungsanstrengungen, so gut und wichtig diese auch sind.

Die Kirchen zählen zu den ältesten Kulturträgern unseres Landes. Das Christentum ist von Beginn an eine „Bildungsreligion“. Schon früh haben sich kirchliche Schulen, beispielsweise Dom- oder Klosterschulen, herausgebildet. Bis heute steht hinter jeder christlichen Schule die Überzeugung, dass Bildung und Religion keine Gegensätze bilden, sondern untrennbar zusammengehören.

Der Mensch kann nicht einfach nur existieren. Er muss selbst bestimmen, wer er sein will und wie er leben will. Der Mensch muss seine Freiheit, seinen Vernunft- und Sprachgebrauch kultivieren. Er muss lernen, selbstständig zu entscheiden und zu handeln. Kurz: Er braucht Bildung und Erziehung von klein auf. Nur so wird der Mensch zu einer eigenständigen Persönlichkeit heranwachsen, eine eigene Individualität und einen eigenen Charakter ausbilden. Nur dann wird der Einzelne lernen, sich zwischen richtig oder falsch, angemessen oder unangemessen, gut oder böse zu entscheiden. Früher sprach man von „Charakterbildung“, ein passender Begriff, der heute aus der Mode gekommen ist. Was können Glaube und Religion zu einer solchen Charakterbildung beitragen?

Braucht Religion Bildung?

Die Bibel eröffnet einen Bezugsrahmen für das christliche Leben, indem sie eine gelebte, und wie der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) es ausdrückte, „tunliche“ Moral vor Augen stellt: eine Moral, die lebbar ist, weil sie schon einmal vorgelebt wurde. Die biblischen Texte erzählen nicht einfach erbauliche Beispielgeschichten, sondern formulieren eine Zumutung: Sie erzählen, zu welchen Taten Menschen fähig sind - und erheben damit einen moralischen Anspruch. Zugleich wird gesagt, wozu Menschen fähig sein sollen: „Die Erzählungen des Alten und Neuen Testaments stellen nicht alles vor, was möglich ist. Sie wählen aus dem insgesamt Möglichen das ihnen passende Mögliche aus. Sie geben bestimmte Tunlichkeiten vor, die herausfordern - und andere Tunlichkeiten erzählen sie nicht“, so der Bonner Pädagoge Volker Ladenthin.

Wenn die christliche Identität gewahrt bleiben soll, kann der biblische Bezugsrahmen nicht durch andere Texte ersetzt werden. Würde die christliche Glaubensgemeinschaft sich auf andere Texte festlegen als jene, die als Heilige Schrift verbindlich geworden sind, würden sich auf Dauer auch die Gemeinschaft der Christen und deren Moral verändern. Die Bibel kann nicht einfach durch den „Kleinen Prinzen“ ersetzt werden. Dabei ist die Bibel nicht allein für Christen von Bedeutung, sondern weit über den Bereich der Kirchen hinaus. Viele Bereiche unseres Zusammenlebens und unserer Kultur sind durch biblische Vorstellungen und Bezüge geprägt.

Allerdings zeigt die Bibel moralisch-sittliches Handeln unter ganz bestimmten geschichtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen. Es muss daher immer wieder neu danach gefragt werden, was die Bibel uns für unser Handeln und unser Zusammenleben heute, im Privaten wie im Öffentlichen, sagen kann.

Ein auffälliges Beispiel ist das biblische Verbot, Blut zu essen. Es zählt zu jenen Speisevorschriften, die in der Apostelgeschichte ausdrücklich beibehalten wurden, im Laufe der Kirchengeschichte dann aber aufgegeben wurden. Heute essen viele Christen mit Genuss Blutwurst oder Rumpsteak.

Die Evangelische Kirche in Deutschland veröffentlichte 2013 eine Orientierungshilfe unter dem Titel „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit - Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“. Der Text löste eine heftige Diskussion darüber aus, wie „Familie“ aus kirchlicher Sicht unter den heutigen Lebensumständen angemessen verstanden und gelebt werden kann. Die Debatte machte einen Grundzug christlichen Lebens deutlich: Um die Frage, wie christliches Leben überzeugend und angemessen gestaltet werden kann, muss immer wieder neu gerungen werden. Dem Beispiel Jesu gemäß zu leben, verlangt nicht nach bloßer Nachahmung, sondern nach Nachfolge.

Worin liegt der Unterschied? Wer nachahmt, orientiert sich nicht an eigenen sittlichen Einsichten, sondern an dem, was andere vorgeben. Jesus Christus will mehr. Er ruft uns Menschen auf einen Weg der Liebe, der mehr verlangt als bloßen religiösen Gehorsam. Einen Weg, der den Einzelnen dazu herausfordert, immer wieder über sich selbst hinauszugehen, so wie Jesus es uns vorgelebt hat. Jesus selbst hat diesen Weg der Liebe und der Solidarität Gottes zu uns Menschen mit aller Konsequenz durchgehalten, bis zur äußersten geschichtlichen Situation, bis zum Verbrechertod am Kreuz. Als Menschen, die gerechtfertigt sind, aber zugleich Sünder bleiben, wie Martin Luther immer wieder betont hat, werden wir hinter diesem hohen Anspruch stets zurückbleiben. Doch dürfen wir darauf vertrauen, dass Christus uns mit seiner Gnade immer schon zuvorkommen wird.

Gebildeter Glaube

Liebe ist immer wieder von neuem schöpferisch und kreativ. Wer von uns könnte sagen, in einer Liebesbeziehung immer schon alles getan zu haben? Nachfolge bedeutet, am Vorbild Jesu Maß zu nehmen und immer wieder neu danach zu fragen, wie sein Beispiel in der heutigen Situation überzeugend und authentisch gelebt werden kann. Christliche Ethik ist lebendige Nachfolge, nicht einfach ein bestimmter Katalog moralischer Forderungen. Daher sind Christen niemals „Kopien“ oder „billige Abziehbilder“, sondern stets „Originale“: Originale, die Jesus als moralisches Vorbild begreifen, bei ihrer sittlichen Urteilsbildung an seiner Person Maß nehmen und sein Vorbild eigenständig umsetzen.

Gelingen wird dies nur, wenn Glaube und Bildung zusammengehören. Ein Glaube, der auf Bildung verzichtet, wäre bloße Bindung an Konvention, Überlieferung, höhere Mächte. Zwar lernt jeder Mensch die ersten ethischen Regeln von klein auf durch Nachahmung. Doch darf der Mensch in seiner moralischen Entwicklung nicht dabei stehenbleiben. In der Werterziehung wird es darauf ankommen, den Einzelnen herauszufordern, über die eigenen Entscheidungen nachzudenken, sie zu reflektieren und so die Fähigkeit zur eigenständigen sittlichen Urteilsbildung zunehmend weiter zu entwickeln. Nur dann wird der Einzelne auch in neuen, noch vollkommen unbekannten Situationen sittlich verantwortlich entscheiden können.

Aus christlicher Sicht glauben wir, dass der Mensch von Gott dazu geschaffen worden ist, seine Freiheit, seine Vernunft und seinen Sprachgebrauch zunehmend zu kultivieren und zu verfeinern. Dies alles ist ein Bildungs-, Erziehungs- und Entwicklungsprozess. Eltern und Erzieher haben hier eine wichtige Aufgabe. Sie können nicht entscheiden, wie die Kinder und Jugendlichen, die ihnen anvertraut sind, später leben, denken und handeln werden. Aber sie beeinflussen den späteren Weg der Kinder und Jugendlichen durch das, was sie ihnen durch ihr eigenes Vorbild und durch ihre erzieherische Praxis mit auf den Lebensweg geben - oder eben auch nicht.

Dies gilt auch in religiöser Hinsicht. Religiöse Sprachfähigkeit muss sich entwickeln und muss pädagogisch gefördert werden. Sich der Frage nach Gott und nach dem Sinn unserer Existenz zu stellen, wird nur demjenigen gelingen, der der Aufgabe und der Anstrengung der Bildung nicht ausweicht. Religion bedarf der Bildung.

Braucht Bildung Religion?

In einer pluralen Gesellschaft stehen verschiedene religiöse Bekenntnisse nebeneinander. Der Einzelne ist herausgefordert, eine persönliche Entscheidung zu treffen. Wo Lebensverhältnisse unübersichtlich, brüchig oder riskant werden, stellen sich religiöse Fragen neu. Wer angesichts der vorhandenen Vielfalt an Lebenskonzepten, Wertorientierungen und Sinnangeboten nicht gelernt hat, sich zu entscheiden, über den wird von anderen entschieden. Zugleich bedarf das gemeinsame Zusammenleben sinnstiftender Lebensdeutungen, der Verpflichtung auf bestimmte soziale Tugenden und Rahmenbedingungen. Bürgersinn und öffentliche Moral stehen nicht einfach als Ressource zur Verfügung. Wir können nicht darüber hinwegsehen, dass Staat und Gesellschaft auch unter der Bedingung gesellschaftlicher Pluralität weiterhin religiös beeinflusst werden.

Religiöse Bildung ist in erster Linie vom Einzelnen her zu denken. Von Persönlichkeitsbildung kann dann gesprochen werden, wenn der Einzelne in der Lage ist, sich selbst und die Welt mit Bezug auf religiöse Sprachformen wahrzunehmen und zu beurteilen. Religiöse Lernprozesse gehören notwendig zum allgemeinen Bildungsauftrag dazu, unabhängig davon, ob der Einzelne selbst gläubig ist oder nicht. Die Befähigung, über Religion zu reflektieren, bleibt für jeden wichtig. Sonst könnte ein Erziehungskonzept wie das der Reformpädagogin Maria Montessori (1870-1952), das in starkem Maße von religiösen Bezügen lebt, nicht mehr verstanden werden. Sonst könnte nicht über die kirchlichen Anfänge institutionalisierter Kleinkindererziehung oder im Kunstunterricht über Bilder mit christlichem Bezug gesprochen werden.

Gelingende religiöse Bildungsprozesse bleiben auf zwei Voraussetzungen angewiesen: Zum einen werden sich ein Verständnis für religiöse Phänomene und ein mündiges, gereiftes Urteil im Hinblick auf religiöse Fragen nur dann entwickeln, wenn Religion nicht allein auf ihre kulturelle oder politische Seite reduziert wird. Wer religiös sprachfähig werden will, muss auch mit gelebter Religion, mit religiösen Überzeugungen und Gewissheiten in Kontakt kommen. Zum anderen wird sich ein Verständnis für das Fremde nur vom Standpunkt des Eigenen her entwickeln können. Der Berliner Pädagoge Dietrich Benner erkennt hier eine Parallele zum Spracherwerb: So wie Kinder erst im Ausgang von einer Muttersprache andere Fremdsprachen erlernen können, werden fremde Religionen erst verständlich, wenn der Einzelne sich einen eigenen Standpunkt erarbeitet hat. Dies muss nicht in jedem Fall die eigene Religion sein, da ein bestimmtes konfessionelles Bekenntnis pädagogisch nicht allgemein vorausgesetzt werden kann. Religiöse Erziehung wird aber einen Schwerpunkt setzen müssen, in der Regel bei jener Religion, die kulturell vorherrscht und die Lebenswelt am stärksten prägt. Wer versteht, was „Adventskranz“ und „Weihnachtsbaum“ bedeuten oder was Eier mit Ostern zu tun haben, wird auch andere Traditionen vergleichen, einordnen und verstehen können, beispielsweise das muslimische Zucker- oder Opferfest.

Eine zwar religionsfreundliche, aber letztlich plural-indifferente, religiös diffuse Lernumwelt wird die religiöse Identitätsbildung eher erschweren als erleichtern. Irritationen sind dabei nicht ausgeschlossen. Toleranz gegenüber fremden Überzeugungen wird aber leichter fallen, wenn religiö­se Fragen erzieherisch von Bedeutung sind. Eine vermeintlich neutrale Werterziehung in Kindergarten und Schule, die religiöse Fragen von vornherein ausklammert, ist gerade nicht neutral, sondern einseitig. Keine Werterziehung wird ohne Rückgriff auf letzte Grundüberzeugungen die verwirrende Vielzahl an Werten in eine stimmige Ordnung bringen können.

Religiös mündige Bürger

Spätestens bei tragischen Ereignissen, Unglücks- oder Todesfällen wird deutlich, dass unser gemeinsames Zusammenleben auf Religion nicht verzichten will und kann. Religion und Politik brauchen einander, soll sich nicht jeweils eine Seite absolut setzen - was in der Geschichte noch nie gut ausgegangen ist. Wir tun gut daran, beides im Blick zu behalten: Kinder sollen in die Gemeinschaft und in die Gesellschaft hineinwachsen, in der sie später einmal Verantwortung übernehmen sollen. Bereits im Kindergarten wird vieles an Wissen und Kompetenzen, an Verantwortung und Orientierung grundgelegt. Kinder sollen aber auch in religiöser Hinsicht mündig werden, damit sie lernen, sich mit Sinnfragen auseinanderzusetzen und eine Vorstellung von gelingendem Leben zu entwickeln.

Die pädagogische Beziehung zwischen Erzieher und Kind ist ein Vertrauensverhältnis. Das Kind ist dem Erwachsenen anvertraut und soll durch sein Tun immer mehr lernen, sich selbst zu vertrauen. Auch hier gilt der einfache Satz Maria Montessoris: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Dies alles mag weit weg sein von der sogenannten großen Politik. Politisch folgenlos bleibt es nicht. Denn Ehrfurcht vor Gott, Nächstenliebe, Brüderlichkeit und Verantwortlichkeit, wovon die Landesverfassungen sprechen, bedürfen einer entscheidenden Quelle der Motivation: der Liebe und des Vertrauens. Ohne Charakterbildung, ohne umfassende Persönlichkeitsbildung, zu der die Auseinandersetzung mit religiösen Fragen unverzichtbar dazugehört, werden Liebe und Vertrauen nicht geweckt werden können.

Dr. Axel Bernd Kunze ist Privatdozent und stellvertretender Leiter einer Fachschule für Sozialpädagogik, lehrt Erziehungswissenschaft in Bonn sowie Pädagogik und Soziale Arbeit in München, Freiburg und Ludwigsburg.

CIG 11/2014


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